Berufswelt

So viel arbeiten die Deutschen wirklich

Vier-Tage-Woche, Personalnot und keine Lust auf Arbeit? Forscher liefern jetzt neue Erkenntnisse, die so manches Klischee widerlegen.

16. April 2024 - 5 Min. Lesezeit

Massive Streiks für kürzere Arbeitswochen, Fachkräftemangel, Generation Z: Die Nation diskutiert gerade viel darüber, wie viel Zeit für den Job aufgewandt wird. Während Millionen Beschäftigte beruflich kürzertreten wollen, drängen Unternehmen auf Mehrarbeit. Nun legen Wissenschaftler passend zur Diskussion eine große Arbeitszeitbilanz vor – und zeigen auch, was sich gegen eine Knappheit an Mitarbeitern tun lässt.

Zugausfälle durch die Lokführer hielten die Republik monatelang in Atem. Sie streikten für eine 35-Stunden-Woche – und setzten sie am Ende durch. Auch andere Gewerkschaften trommeln für kürzere Arbeitszeiten. Laut Umfragen wollen bis zu 80 Prozent der Beschäftigten eine Vier-Tage-Woche, um ihre berufliche Belastung zu reduzieren, mehr Zeit mit der Familie oder für andere Aktivitäten zu haben.

Doch manche Unternehmer lehnen kürzere Arbeitszeiten wegen einer immer stärker erwarteten Personalknappheit pauschal ab. Die Bundesbürger seien im europäischen Vergleich ohnehin relativ wenige Stunden berufstätig. Wirtschaftsfunktionäre appellieren besonders an die ab 1980 geborenen Generationen Y und Z. Sie fordern die 42-Stunden-Woche und auch mal ganz allgemein „mehr Bock auf Arbeit“. Die CDU und neuerdings die FDP wollen Überstunden steuerfrei stellen, um mehr statt weniger berufliche Arbeit anzuregen.

Arbeiten die Deutschen denn nun langfristig gesehen insgesamt viel oder wenig? Für die Antwort muss man etwas ausholen.

Auf den ersten Blick wird es weniger. Beschäftigte sind im Schnitt beruflich zweieinhalb Stunden kürzer tätig als bei der Wiedervereinigung 1991.

Statt 39 sind es heute nur 36,5 Stunden die Woche, so eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Sie beruht auf der regelmäßigen Befragung von 15 000 Haushalten (SOEP), die ihre Arbeitszeit inklusive Überstunden angeben.

Auffällig ist, dass Männer gerade seit ein paar Jahren beruflich kürzertreten.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Gewerkschaften haben zuletzt vor allem in männerdominierten Industriebranchen Tarifverträge vereinbart, durch die Beschäftigte etwa zwischen Freizeit und Lohnerhöhung wählen können. Männer üben inzwischen mehr Teilzeit- und Minijobs aus. Und sie leisten etwas mehr Care-Arbeit als früher, kümmern sich also mehr um Haushalt und Kinder. Auch weil Frauen häufiger berufstätig sind.

Nur 36,5 statt 39 Stunden pro Woche – kann sich Deutschland das im internationalen Wettbewerb überhaupt erlauben? Sollten Beschäftigten also weitere Verkürzungen der Arbeitszeit unbedingt verweigert werden? Die Zahlen suggerieren, in der Bundesrepublik werde vielleicht zu wenig gearbeitet. Doch ökonomisch kommt es vor allem darauf an, wie viel Wirtschaftsleistung entsteht. Und da zeigt sich: Arbeitnehmer sind heute im Schnitt 25 Prozent produktiver als vor 30 Jahren. Sie erwirtschaften mehr als früher, auch wenn sie weniger Zeit in der Fabrik oder im Büro verbringen.

Außerdem: Auch wenn man die Produktivität ignoriert und nur die Arbeitsstunden betrachtet, wird insgesamt nicht weniger geschuftet, sondern so viel wie noch nie in der Bundesrepublik. Vergangenes Jahr leisteten die Beschäftigen  55 Milliarden Arbeitsstunden – neuer Rekord. „Die Daten liefern gute Nachrichten“, sagt DIW-Forscher Mattis Beckmannshagen. „Es kann keine Rede davon sein, dass die Bürger nicht mehr arbeiten wollen.“

Der 2023er-Rekord ist kein Zufall, sondern passt zum Aufwärtstrend seit Mitte der Nullerjahre. Seitdem hat sich die Arbeitslosigkeit etwa durch Exporterfolge und politische Reformen wie die effektivere Vermittlung von Jobsuchenden halbiert. Zum Arbeitsrekord trägt entscheidend bei, dass heute weit mehr Frauen beruflich tätig sind – 73 Prozent im Vergleich zu nur 57 Prozent zur Wiedervereinigung. Deutschland bewegt sich weg vom traditionellen Einverdienermodell zur Doppeljobbeziehung. Und wenn Frauen deutlich mehr berufstätig sind, bekommen die Unternehmen insgesamt mehr Arbeitsstunden, auch wenn pro Beschäftigtem etwas kürzer gearbeitet wird. Kürzere Arbeitszeiten lassen sich also nicht pauschal verdammen.

„Kein Bock auf Arbeit“? Das passt auch nicht als Diagnose für die jüngeren Generationen Y und Z, zeigen die DIW-Daten. „Zwischen den Generationen sind keine großen Unterschiede bei den Arbeitszeiten zu erkennen“, berichtet Forscher Beckmannshagen. 35- bis 44-jährige Frauen etwa sind pro Woche sogar ein bisschen länger berufstätig, als es die Boomerinnen einst in diesem Alter waren.

Es gehen viel mehr Beschäftigte in Rente, als nachkommen

Müssen sich die Unternehmen demnach keine Sorgen um einen zunehmenden Personalmangel machen? Doch. Denn mit den geburtenstarken Jahrgängen gehen in der nächsten Zeit Millionen Beschäftigte mehr in Rente, als Berufsanfänger nachkommen. Fachkräftenot droht in Zukunft ein weit größeres Problem zu werden als heute.

Die Studiendaten zeigen auch, welche Potenziale sich heben lassen, um einem Personalmangel zu begegnen. Und zwar zusätzlich zu der von vielen Ökonomen geforderten Ausweitung der Migration, die in der Bundesrepublik seit Langem kontrovers diskutiert wird. Auch im Inland gibt es Potenzial für Mehrarbeit: Zahlreiche Beschäftigte würden gern mindestens vier Stunden die Woche länger berufstätig sein als sie es sind. Noch höher als bei Männern ist der Anteil bei den Frauen: Rund 30 Prozent der weiblichen Hilfskräfte und 20 Prozent weiblicher Fachkräfte möchten ihre Stunden aufstocken. „Jede zweite Beschäftigte arbeitet Teilzeit, obwohl einige gern mehr arbeiten würden“, sagt DIW-Forscherin Annika Sperling. „Ihr Potenzial für den Arbeitsmarkt bleibt teilweise ungenutzt.“

Damit sie länger berufstätig sein können, bräuchten gerade Mütter mehr Unterstützung. Dazu wäre ein Ausbau der Kinderbetreuung wichtig. Die Hälfte aller Eltern wünschen sich schon für unter Dreijährige einen Kitaplatz, doch nur jedes dritte Kind hat eine solche Betreuung.

Helfen würde auch mehr Gleichberechtigung. So machen Mütter laut den DIW-Daten zwar fünf Stunden die Woche weniger Haushalt als zur Jahrtausendwende. Offenbar nehmen ihnen Reinigungspersonal, Staubsaugerroboter oder Essenslieferdienste einiges ab.

 Doch mit 14 Stunden die Woche sind sie immer noch mehr als doppelt so viel beschäftigt wie die Väter, die ebenso wie kinderlose Männer nur langsam aufholen.

Auch bei der Kinderbetreuung klafft noch immer eine Lücke von 20 Stunden pro Woche – so viel mehr sind die Mütter im Einsatz. 

Damit Frauen beruflich länger tätig sein könnten, müssten sich Männer mehr um Haushalt und Kinder kümmern.

Auch politische Reformen würden dazu beitragen, dass vor allem Frauen länger berufstätig sind. So möchten fast 40 Prozent der Minijobberinnen gern länger arbeiten, doch dies lohnt sich oft kaum, weil dann deutlich mehr Steuern und Sozialabgaben anfallen. Minijobs stark einzuschränken, könnte also zu beruflicher Mehrarbeit anregen. Genauso wie eine Reform des steuerlichen Ehegattensplittings, dass bisher Anreize setzt, nicht berufstätig zu sein: Je weniger die Ehepartnerin arbeiten geht, desto größer ist der Steuervorteil.

Kita-Ausbau, Gleichberechtigung, politische Reformen: Es gibt einiges, was die Berufspotenziale von Frauen heben könnte. Einen aktuellen Vorschlag von CDU und FDP sieht DIW-Forscher Beckmannshagen dagegen kritisch: Überstunden steuerfrei zu stellen. In Frankreich etwa steigerte dieser Schritt das Arbeitsvolumen nicht. Und wenn es wegen des Steuervorteils die Männer sind, die mehr Überstunden machen, weil sie häufig besser verdienen als ihre Frauen, würde die ungleiche Rollenverteilung zementiert: „Die Care-Arbeit im Haushalt bleibt natürlich, und die wird dann leider mehrheitlich von Frauen erledigt.“

Text: Alexander Hagelüken; Infografik: Luisa Benita Danzer; Digitales Design: Luisa Benita Danzer; Redaktion: Silvia Liebrich; Schlussredaktion: Florian Kaindl

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