Als Ronald Hecht seine Kinder nicht mehr lieben konnte, wusste er, dass er wirklich krank ist. Der 37-jährige Familienvater aus Hamburg hatte schon eine Weile mit depressiven Verstimmungen zu kämpfen, litt unter Schlafstörungen und grübelte viel. Aber dann wachte er eines Morgens im März 2021 auf und weinte nur noch. „Da war nur noch Leere. Wie ein schwarzes Loch mitten in mir drin“, erzählt der Programmierer, dessen Name für diesen Artikel geändert wurde. Gefühle waren da keine mehr. Nicht mal mehr für seine Kinder.
Das war der ultimative Warnschuss. Hecht telefonierte Psychotherapiepraxen in seiner Nähe durch – ohne Erfolg. Aber er bekam einen Hinweis: Wenn er keine Psychotherapie bekomme, könnte ihm womöglich Sport helfen. So holte er seine alten Joggingschuhe aus dem Keller und begann zu laufen. Jeden Tag. Tatsächlich wirkte das: Seine Arbeit flößte ihm bald nicht mehr so viel Angst ein. Er begann, wieder zu fühlen. Nach und nach verscheuchte das Laufen das schwarze Loch in ihm.
In jeder Klinik, die etwas auf sich hält, gibt es für Patienten mit Depressionen auch Sportangebote. Denn die heilende Kraft der Bewegung ist lange bekannt. „Sport hat einen günstigen Einfluss auf viele psychische Symptome, er verbessert die Stimmung, den Antrieb, mindert die Angst“, sagt Peter Falkai, der Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Universität München. Dabei habe die Sporttherapie eine „Effektstärke von 0,3 bis 0,5“, sagt der Psychiater. „Die Sporttherapie ist somit vergleichbar mit der kognitiven Verhaltenstherapie und mit Antidepressiva.“
Tai-Chi, Fahrradfahren, Schwimmen: „Wichtig ist es, die großen Muskelgruppen zu bewegen.“
Fast hätte die Sporttherapie jüngst sogar einen Ritterschlag bekommen: Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der darüber entscheidet, welche Behandlungen von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden, kündigte im Herbst 2023 an, die Sporttherapie in den Katalog der Kassenleistungen bei Depression zu übernehmen und sie somit der Verhaltenstherapie gleichzustellen. Doch im März 2024 ruderte der G-BA zurück: Es gebe noch Forschungsbedarf zur Wirksamkeit der Sporttherapie im Vergleich zur Psychotherapie, teilte er mit – und legte das Projekt erst einmal auf Eis.
Andreas Heißel kann das nur bedingt nachvollziehen: „Die Evidenz für Sport bei Depression ist durch zahlreiche Metaanalysen belegt“, sagt er. Der Senior Research Fellow am Institut für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Universität Potsdam beschäftigt sich seit Jahren mit dem Nutzen der Bewegung für die Psyche. Gemeinsam mit dem Sozial- und Präventivmediziner Michael Rapp hat er ein Programm namens „Step“ entwickelt, das Patientinnen und Patienten mit Depression helfen soll. Die Forscher haben ihr Programm auch schon in einer randomisierten Studie mit Psychotherapie verglichen, die Ergebnisse sollen in Kürze publiziert werden.
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Berührungen senken den Blutdruck, lösen Ängste und machen schneller gesund. Also alle mal anfassen? Die Berührungsforschung zeigt jedoch: Auf die Details kommt es an.
Den Daten zufolge ist die Sporttherapie im Behandlungszeitraum von vier Monaten der Psychotherapie gleichwertig – sie kann Patienten also genauso gut gegen ihre depressiven Symptome helfen. Diese positiven Daten beeindruckten auch den G-BA. Sechs Monate später konnte man allerdings nicht mehr zweifelsfrei sagen, dass die Sporttherapie der Psychotherapie „nicht unterlegen“ ist. Aber genau das hatten die Forscher als ihr Studienziel formuliert.
Möglich, dass dieses etwas enttäuschende Ergebnis die Folge einer Verzerrung ist. Denn von jenen Patienten, die im Rahmen der Studie eine Psychotherapie bekommen hatten, nahmen nach der viermonatigen Behandlung fast 80 Prozent aus freien Stücken weiter an Psychotherapiesitzungen teil. In der Sporttherapiegruppe gingen nach Ende der Studie hingegen nur 20 Prozent zu einem Psychotherapeuten. Die Sporttherapie wurde nicht weiter angeboten. „Wenn mehr Leute aus der Sporttherapiegruppe hinterher Psychotherapie gemacht hätten, dann wäre die Nicht-Unterlegenheit auch sechs Monate später wahrscheinlich vollumfänglich gewährleistet gewesen“, so Heißel.
Tatsächlich gibt es auch über die Step-Studie hinaus zahlreiche Belege für den Nutzen der Sporttherapie. Sie kann demnach auch gegen Angststörungen, Psychosen und Schlafstörungen gut helfen, solange diese Erkrankungen leicht bis mittelschwer sind. Häufig wird die Sporttherapie in Studien als zusätzliches Angebot zur Psychotherapie oder Pharmakotherapie mit Medikamenten untersucht. „Es gibt aber auch einige wenige Studien, in denen die Sporttherapie allein einen vergleichbaren Effekt hat wie Psychopharmaka oder Psychotherapie“, sagt der Münchner Psychiater Falkai. „Wir sagen Patienten deshalb: Wenn Sie es schaffen, sich täglich 15 Minuten extra zu bewegen, ist das prima. 30 Minuten wären noch besser.“
Ähnlich verfährt Rainer Rupprecht, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie an der Universität Regensburg, mit seinen Patienten: „Schwer depressive Patienten kommen ja oft kaum aus dem Bett“, sagt er. „Sie zu einer Sport- oder Bewegungstherapie zu motivieren, ist schwierig. Da kann man froh sein, wenn sie mal eine Runde gehen.“ Aber bei leichteren Depressionen helfe schon ein kleines Extra an Bewegung.
Dabei ist es fast egal, welche Art Aktivität man wählt. In einer großen Metaanalyse unter Einschluss von 218 Studien identifizierten australische Wissenschaftler kürzlich gute Wirkungen für Ausdauersport wie Laufen und Walken, aber auch für Krafttraining und Yoga. „Wichtig ist es, die großen Muskelgruppen zu bewegen, das funktioniert auch mit Tai-Chi, Fahrradfahren und Schwimmen“, sagt Peter Falkai. Am allerbesten schnitt in der australischen Metaanalyse Tanzen ab, denn dieses hat über die Bewegung hinaus noch den wichtigen sozialen Faktor.
„Mir war klar, dass ich etwas tun muss, und es hat mir jedes Mal so gutgetan.“
Man muss bei all dem keine Höchstleistungen erbringen. „In unseren Programmen sind viele Leute dabei, die in ihrem Leben nie was mit Sport zu tun hatten“, sagt Andreas Heißel. „Aber sie merken dann schnell, dass das Training auf ihrer persönlichen Stufe ihnen total guttut.“ Denn beim Bewältigen von Depression kommt es in der Regel vor allem darauf an, etwas in seinem Leben zu verändern. Diese Veränderung ist für die Sportmuffel besonders groß. Körperliche Voraussetzungen müsse man nicht erfüllen, sagt Heißel: „Jeder, der es zur Turnhalle schafft, der ist auch grundsätzlich geeignet.“
Aus seiner Sicht hat die Sporttherapie einen wichtigen Vorteil: „Wir kommen damit an Menschen heran, die sich nicht aktiv auf eine Psychotherapie einlassen würden – auf den Sport aber schon.“ Das betreffe vorwiegend Männer ab 40 Jahren.
Weshalb die Sporttherapie wirkt, dafür gibt es verschiedene neurobiologische Erklärungen. Zum Beispiel schütten Muskeln, die in Bewegung kommen, Nervenwachstumsfaktoren aus, sogenannte Myokine. So vergrößert sich das Volumen des Hippocampus – einer Hirnstruktur, die für die Verarbeitung von Emotionen wie Wut, Angst und Freude zuständig ist. Psychosoziale Effekte kommen hinzu: Die Selbstwirksamkeitserwartung – der für die psychische Gesundheit so wichtige Glaube, dass man etwas bewegen kann – ist bei Depression erniedrigt. Durch Sport kann sie wieder wachsen.
Allerdings spricht nicht jeder Mensch auf eine Sporttherapie an. Nur etwa jeder Zweite profitiere davon, sagt Rainer Rupprecht. Seiner Erfahrung zufolge hängt es auch von der persönlichen genetischen Ausstattung eines Menschen ab, wie sehr ihm die Bewegung nützt. Denn die Gene haben einen Einfluss darauf, wie gut Nervenzellen im Gehirn zusammenarbeiten.
Über all das wusste Ronald Hecht nichts. Er hat einfach gespürt, dass ihm der Sport guttut. Auch hat er seine Runden durch den Hamburger Stadtpark ganz allein gedreht. Eigentlich ist die Bewegung am heilsamsten, wenn sie in einer Gruppe stattfindet, möglichst angeleitet durch Sporttherapeuten. Denn die sind mehr als nur Fitnesstrainer, sie sind psychologisch geschult. Doch bei Hecht funktionierte es auch so. „Mir war klar, dass ich etwas tun muss, und es hat mir jedes Mal so gutgetan“, sagt er. „Da brauchte ich keine weitere Motivation.“