Deutschland kippt nach rechts

So weit rechts wie noch nie seit der Wiedervereinigung.

Exklusive Auswertungen der SZ zeigen aktuell zwar eine leichte Trendwende.

Doch am rechten Rand wird die AfD immer stärker. Gerät die Demokratie aus dem Gleichgewicht?

28. Mai 2024 - 6 Min. Lesezeit

In Deutschland stehen richtungsweisende Wahlen an. Wahlen, aus denen die Parteien rechts der Mitte aller Voraussicht nach gestärkt hervorgehen dürften. Vor allem die hohen Umfragewerte der teilweise rechtsextremistischen AfD drohen, das über Jahrzehnte stabile politische Gleichgewicht in Deutschland auszuhebeln.

Bei der Wahl des Europaparlaments am 9. Juni könnte die AfD auf Platz zwei landen, bei den Landtagswahlen im September in Thüringen, Sachsen und Brandenburg sogar in allen drei Bundesländern erstmals auf Landesebene zur stärksten Partei werden. Wenn die Umfragen sich nun wirklich in Wahlergebnissen manifestieren, dann kippt Deutschland nach rechts. So weit rechts wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Was verändert sich gerade im politischen System in Deutschland?

Der Rechtsruck in den vergangenen Jahren ist nicht nur ein Gefühl, sondern lässt sich mit Zahlen belegen. Die Süddeutsche Zeitung hat Politikwissenschaftler befragt, wie links oder rechts die deutschen Parteien sind. Ihre Antworten zeigen, wie das ideologische Klima in Deutschland kippt.

Die Parteien in Deutschland setzen verschiedene Schwerpunkte. Sie werben für Klimaschutz oder Steuersenkungen, setzen sich für Gleichberechtigung oder eine verschärfte Migrationspolitik ein. Experten können daraus ableiten, wie links oder rechts eine Partei ist.

Kurz nach der Wiedervereinigung 1990 ist die Parteienlandschaft überschaubar: die Grünen und die SPD eher links, die FDP in der Mitte, die Union etwas rechts.

Die Volksparteien SPD und CDU/CSU können bei der ersten Bundestagswahl im wiedervereinigten Deutschland die meisten Stimmen auf sich vereinen. Sie bringen das größte Gewicht auf die Waage.

Aus den Wahlergebnissen der wichtigsten Parteien ergibt sich die Zusammensetzung des Bundestags. Er spiegelt wider, wie rechts oder links die Bevölkerung gewählt hat. 1990 sind die Kräfteverhältnisse ausgeglichen. Die Waage der Demokratie ist austariert.

Der Mainzer Politikwissenschaftler Kai Arzheimer bezeichnet das von der Bevölkerung gewählte Parteienspektrum als „ideologisches Klima“. Man kann sich dieses Klima als Ballon vorstellen. Er schwebt dort, wo sich nach der Wahl das Kräftegleichgewicht einstellt. 1990 ist das die Mitte.

Aus der Bundestagswahl 1994 gehen die linken Parteien wie die PDS (heute Linke) gestärkt hervor. Dadurch neigt sich die Waage nach links.

1998 gewinnt Gerhard Schröders SPD die Bundestagswahl und geht für zwei Amtszeiten eine Koalition mit den Grünen ein. Die Waage kippt trotzdem nicht weiter nach links, da sich die SPD unter Schröder weiter in die Mitte bewegt.

Die Bundestagswahl 2005 kann die Union mit ihrer Spitzenkandidatin Angela Merkel knapp für sich entscheiden. Die Waage der Demokratie neigt sich zwar nach links, weil die PDS mit fast neun Prozent erstarkt. Mit Union und SPD bildet sich eine Koalition in der Mitte …

… und 2009 mit Union und FDP eine Koalition rechts der Mitte. Die Volksparteien werden allmählich schwächer.

Unter Merkel rückt die Union weiter in die Mitte, bei der Bundestagswahl 2013 kann sie ein letztes Mal ein Ergebnis über 40 Prozent erzielen.

Allerdings eröffnet sich so auch ein Raum für eine neue Partei am rechten Rand: Die AfD scheitert nur knapp an der Fünf-Prozent-Hürde.

Bei der Bundestagswahl 2017 kippt die Waage unter dem Einfluss der intensiv geführten Migrationsdebatte erstmals nach rechts. Die Volksparteien in der Mitte verlieren massiv, während die AfD ihr Gewicht auf fast 13 Prozent erhöht und noch weiter nach rechts rückt.

2021 endet die Ära Merkel mit dem schlechtesten Wahlergebnis der Union bei einer Bundestagswahl.

Die SPD gewinnt die Wahl, die Grünen sind so stark wie nie, die AfD verliert im Vergleich zur Vorwahl Stimmanteile.

Das Parteiengewicht ist nun gleichmäßiger verteilt als nach der Wiedervereinigung. Die Waage der Demokratie ist erneut im Gleichgewicht.

Nach der Bundestagswahl gibt es nur noch Umfragen. Die Wahlabsichten der Bevölkerung spiegeln weiterhin das ideologische Klima wider.

Bis Anfang 2024 kippt die Waage weit nach rechts. Russland beginnt einen Invasionskrieg in der Ukraine, ein Krisenbegriff folgt auf den nächsten: Energie, Klima, Inflation, Migration.

Das ideologische Klima ist so weit rechts wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Die AfD befindet sich im Umfragehoch, die CDU rückt weiter nach rechts und die SPD in die Mitte.

Wäre am Sonntag Bundestagswahl, würde die Waage trotzdem so weit nach rechts kippen wie noch nie.

Das ideologische Klima sagt dabei wenig darüber aus, wie sich die Wählenden selbst verorten. Gerade die Anhänger rechter Parteien sehen sich selbst viel weiter in der Mitte, als Experten die Parteien einstufen.

Setzt man die Parteien dort auf die Waage, wo sich ihre Wählerschaft selbst sieht, würde diese deutlich nach links kippen. Ideologisches Klima und Selbsteinschätzung liegen also mitunter sehr weit voneinander entfernt.

Auf den ersten Blick liegt in dieser großen Kluft zwischen der Positionierung von Parteien durch Expertinnen und Experten und der Selbsteinschätzung der Wählenden ein Widerspruch. Eigentlich zeigt sich hier aber eine Schwäche des Links-Rechts-Spektrums: Menschen treffen ihre Wahlentscheidung nicht nach links und rechts, sondern nach Themen, die für sie eine besondere Rolle spielen.

„Die grundlegenden persönlichen Einstellungen ändern sich wenig“, sagt Kai Arzheimer. „Aber die Bedeutung von Themen verschiebt sich. Das Potenzial von Parteien wie der AfD hängt davon ab, welches Gewicht einzelne Themen in der aktuellen Debatte haben.“ Eine besondere Bedeutung habe die Migrationsdebatte, erklärt der Politikwissenschaftler Christian Stecker von der TU Darmstadt. „Einstellungen zur Migration sind sehr stabil, durch die Flüchtlingskrise wurden ablehnende Haltungen aber so aktiviert, dass manche Leute nun eher die AfD wählen als die CDU.“

Das neu gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) zielt auch auf migrationskritische Wählergruppen ab, indem es konservative Werte mit wirtschaftspolitisch linken Positionen zu vereinen versucht. Philipp Thomeczek, Politikwissenschaftler an der Uni Potsdam, weist darauf hin, dass mit dem BSW die Links-Rechts-Skala an ihre Grenzen gerät: „Wenn wir allgemein von links sprechen, meinen wir eher ökonomische Themen. Wenn wir von rechts sprechen, eher kulturelle Themen.“ Beim BSW komme dabei in der hier erstmals durchgeführten Expertenbefragung eine Mittelposition heraus, da sich die Partei in diesem einfachen Spektrum nicht mehr einordnen ließe.

Die Waage der Demokratie auszutarieren, wird mit der bunteren Parteienlandschaft schwieriger. Das ideologische Klima wird nicht mehr durch zwei große Volksparteien bestimmt. Vielmehr müssen sich nun häufiger kleinere Parteien mit teils konträren Positionen einigen. Dass es noch einen stärkeren Rechtsruck als Anfang 2024 geben könnte, befürchten die Experten nicht – solange sich die politische und ökonomische Großwetterlage nicht entscheidend verschlechtere.

Wollen Sie wissen, wie Ihre eigenen Positionen mit denen der Parteien übereinstimmen? Hier können Sie den wissenschaftlichen Test von Philipp Thomeczek (Uni Potsdam), Christian Stecker (TU Darmstadt) und Constantin Wurthmann (Universität Erlangen-Nürnberg) machen. Wenn Sie alle Fragen bis zum Schluss beantworten, unterstützen Sie damit auch die Forschung und die künftige Berichterstattung der SZ zu diesem Thema.

Text: Sören Müller-Hansen, Oliver Schnuck; Infografik, Animation, Teaserbild: Lisa Hingerl; Digitales Design: Isabel Kronenberger, Lisa Hingerl; Redaktion: Gökalp Babayiğit, Sabrina Ebitsch, Elisa von Grafenstein, Markus C. Schulte von Drach; Schlussredaktion: Ursula Bortot

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.

Für Sie ausgewählt

SZ-Serie "Monarchien in der Krise"
Die Zukunft europäischer Königshäuser
Zu teuer, zu viel Macht: Europas Königshäuser müssen sich immer lauter werdender Kritik stellen. Wie lange können sich die Monarchien noch halten?
Serie „Notartermin“
"Ich dachte, dass ich mein ganzes Leben in einer Mietwohnung leben werde“
Denise, 58, träumte nie von einem Eigenheim. Doch ihre Mutter überzeugte sie, vor gut 25 Jahren ein Doppelhaus in Berlin zu bauen. Inzwischen sind die Kinder erwachsen, die Gasheizung überholt. Wie wird ein Haus zukunftsfähig? 
Wohnen im Erzgebirge
Oase am Hang
Rosenbüsche, Insektenweiden und viele Ruheplätzchen: Gabriela und Tino Schlenz renovierten ein historisches Anwesen im Erzgebirge und verwandelten es in ein blühendes Gartenreich. Ein Besuch.
Popkultur
Als Marilyn Manson das Southside ins Chaos stürzte
Bei der Erstauflage des Festivals vor 25 Jahren erleben 25 000 Fans zwei ausgelassene Tage mit Bands wie „Massive Attack“, „Blur“ oder „Placebo“. Doch der letzte Auftritt provoziert einen Bühnensturm.
Serie „Notartermin“
„Im ehemaligen Haushaltsraum braue ich mein eigenes Bier“
Da ein Haus in ihrer Heimat unbezahlbar ist, zogen Julian, 30, und seine Frau ins östliche Oberbayern. In ihrem neuen Haus haben sie viel Platz für sich und ihre Hobbys – erlebten aber auch eine unangenehme Überraschung.
Wohnen im Industriegebiet
Loft mit Shabby Chic
Der Designer und Deko-Liebhaber Eric Jacqueton hat eine öde Gewerbehalle bei Frankfurt am Main in eine luftige Wohnwelt voller Vintage-Schätze verwandelt. Ein Besuch.
Mietmarkt in München
„Was passiert, wenn wir bis dahin keine Wohnung finden?“
Familien, Studierende, Zugezogene: Sie brauchen dringend eine Wohnung, finden aber keine passende und bezahlbare. Wie Menschen die Suche in München erleben – und was sie Wochen später zu berichten haben.
Medizin
Auf die paar Kilos kommt es nicht an
Studien zeigen, dass leichtes Übergewicht gesünder ist als das sogenannte Normalgewicht. Warum wollen sich trotzdem so viele Menschen schlank hungern – und ab welchen Ausschlägen auf der Waage steigt das Gesundheitsrisiko?
Gut getestet
So macht Putzen fast schon Spaß
Wenn schon wischen, dann wenigstens mit Equipment, das die Arbeit so leicht wie möglich macht und noch dazu den Rücken schont. Doch ersparen einem Schleudern im Wassereimer wirklich das Auswringen der Bezüge per Hand? Eine Hauswirtschaftsexpertin hat neun Wischsysteme ausprobiert. Mit dem Testsieger hätte sie selbst nicht gerechnet.
Wohnen
Wenn der Traum vom Dorfleben platzt
Viele junge Städter zieht es aufs Land. Nicht alle fühlen sich dort wohl. Von zweien, die ihre Entscheidung schnell bereut haben.
Test
Welche Kartoffelpuffer schmecken am besten?
Sie sollen außen knusprig und innen fluffig sein. Nicht immer hat man Zeit zum Selbermachen. Wie gut sind Reibekuchen aus dem Supermarkt? Neun Produkte im Test.
Arbeitswelt
„Ich erwarte, dass mein Chef sich bei mir bedankt“
Zwölf Angehörige der Gen Z erzählen, welche Erwartungen sie an ihre Arbeitgeber haben und wann sie sofort kündigen würden.