Noch bevor die Psychotherapeutin das Erstgespräch mit einem allgemein gehaltenen „Was führt Sie zu mir?“ einleiten kann, antwortet die junge Patientin: „Ich habe ADHS!“ Wovon Mediziner schon lange ein Lied singen, hält nun Einzug auch in psychotherapeutische Praxen. Ein größer werdender Teil der Patientenschaft bringt dank Dr. Google und Tiktok, Instagram und Co. seine Diagnose bereits zur ersten Sprechstunde mit und reichert das Gespräch mit Fachvokabular wie Autist oder Bindungsstörung an.
Therapeutinnen schätzen diese Entwicklung unterschiedlich ein. Endlich werde ohne Tabus über psychische Krankheiten gesprochen, sagen die einen. Der Diagnose-Hype führe dazu, dass wir Normales pathologisieren, sagen die anderen. Beide Standpunkte verdienen Beachtung: Der Wunsch nach psychischen Diagnosen ist ernst zu nehmen und zugleich kritisch zu hinterfragen.
Menschen suchen permanent nach Erklärungen, um die Welt zu begreifen und sich selbst und andere zu verstehen. Warum fällt es ihm so schwer, zuzuhören? Wie konnte ich schon wieder einen Termin vergessen? Solche Dinge gehen uns täglich durch den Kopf. Psychologische Inhalte in sozialen Medien, Persönlichkeitstests oder Podcasts, die Erklärungen für das Denken, Fühlen und Handeln liefern, sind daher oft ein willkommenes Aha-Erlebnis: Es ist ADHS! Nach all den Fragezeichen im Kopf helfen die vier Buchstaben nachzuvollziehen, warum zu Hause das Chaos regiert, der Schlüssel verloren gegangen und eine Unterhaltung zur hitzigen Diskussion hochgekocht ist. Es fällt leichter, sich selbst zu verstehen, sobald man das eigene Verhalten mit einem griffigen Wort zusammenfassen kann.
Eine psychische Diagnose kann unheimlich entlastend wirken
Zudem kann eine Diagnose das Gefühl von Zugehörigkeit stärken. Die Community versteht sich, muntert auf und gibt oft kreative Ideen, die durch Krisen geholfen haben. Betroffene fühlen sich dadurch weniger allein oder „irgendwie anders“ als früher. Eine psychische Diagnose kann unheimlich entlasten. Dank Diagnose findet man sich selbst nicht mehr nur anstrengend, verpeilt oder gar dumm, sondern man leidet unter einer anerkannten und behandelbaren Erkrankung. Soziale Medien und Lebensratgeber tragen dazu bei, dass viele bereits vor dem ersten Besuch bei der Psychiaterin wissen, dass an der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Krankheiten die Neurobiologie einen Anteil trägt – sodass niemand einfach nur „selbst schuld“ ist.
Durch das offene Sprechen über die Tiefen der eigenen Psyche haben viele etwas Wichtiges verstanden: Jede Person trägt ihr Päckchen. Wird dieses zu schwer, lässt es sich mithilfe einer Therapie öffnen und neu sortieren, um Ballast abzuwerfen. Darum geht es eigentlich: um den Mut, sich ehrlicher kennen und verstehen zu lernen.
Paradoxerweise kann eine psychische Diagnose diese Selbstreflexion aber auch gerade verhindern. Der Trend zur Psycho-Diagnose birgt die Gefahr, keine Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und andere in Schubladen einzuordnen. Die Grenze zwischen dem Verständnis für das individuelle So-Sein und einer vorgeschobenen Entschuldigung à la „Sorry, das ist mein ADHS“ ist oft fließend. Besonders Selbstdiagnosen, die nicht psychotherapeutisch behandelt oder zumindest fachkundig verifiziert werden, bergen das Risiko, in einer „So bin ich eben. Das musst du akzeptieren“-Haltung zu verharren.
Einen Schritt weiter in die Richtung gefährlichen Halbwissens geht es, wenn die Laien-Diagnose nicht einem selbst, sondern anderen Menschen gestellt wird. Wer den eigenen Chef einen Narzissten nennt, kann seinen Unmut zwar prägnant benennen, liefert aber nur eine oberflächliche Erklärung für dessen Verhalten. Ein solches Urteil bewertet ihn in seiner gesamten Person. Es berücksichtigt nicht, dass sich Menschen mit der gleichen Diagnose oft vollkommen unterschiedlich verhalten. Und selbst wenn der Vorgesetzte in ein typisches Raster passt, weil er oft rücksichtslos reagiert und wenig kritikfähig ist, so sagt ein solches Verhalten nicht nur etwas über seine Persönlichkeit aus, sondern auch über seine Tagesverfassung oder die Umstände einer Situation. Kategorisierungen in Form von Diagnosen werden der Komplexität des Menschseins niemals vollkommen gerecht.
Psychische Diagnosen und Einteilungen in Persönlichkeitsmerkmale sind ein zwischenzeitliches Hilfsmittel – nicht mehr und nicht weniger. Viele Psychotherapeutinnen erleben das während ihrer Ausbildung. Zu Beginn der Berufspraxis ist ihre Unsicherheit im Umgang mit den Problemen und Eigenheiten von Menschen oft groß. Durch das Einordnen in Kategorien und Diagnosen wie zwanghaft oder emotional-instabil lassen sich Verhaltensweisen besser einschätzen und vorhersagen. Die dazu passenden Therapieansätze und -manuale geben Sicherheit und Orientierung.
Vermutlich klickt sich der Rest der Bevölkerung aus ähnlicher Motivation durch Psychotests und ähnliche Online-Inhalte. Doch eine Einteilung in impulsiv, ängstlich oder depressiv kann – nicht nur bei Therapeutinnen – langfristig dazu führen, in einer kategorisierenden Denkweise haftenzubleiben und alle Menschen mit dem gleichen Störungsbild auf die gleiche Weise zu behandeln. Unterschiedliche Therapeuten, das merkt man im kollegialen Austausch, haben trotz wissenschaftlicher Standards und Diagnosekriterien verschiedene Konzepte von ADHS im Kopf.
Diagnosen dienen nicht als Stempel, sondern als Wegweiser
Auch bei Patienten zeigt die interessierte Nachfrage, was diese eigentlich unter einem „Narzissten“ verstehen, dass Ansichten stark auseinandergehen können und jeder jeweils andere menschliche Eigenheiten als mehr oder weniger störend empfindet.
Diagnosen helfen eben nur dann, wenn sie nicht wie ein Stempel benutzt werden, sondern wie ein Wegweiser. Zu Beginn der Reise zeigen sie, in welche Richtung der Weg gehen kann. Doch dann nimmt jede Therapie ihren individuellen Lauf. Ja, allgemein hilft es vielen depressiven Menschen, sich häufiger mit anderen zu verabreden, während viele Patienten, die unter ADHS leiden, eher darauf achten sollten, weniger Termine zu vereinbaren, um zur Ruhe zu kommen. Doch was ist mit Menschen, die beide Diagnosen gleichzeitig haben: Brauchen die nun mehr oder weniger Sozialkontakte? Die Realität ist um ein Vielfaches komplexer!
Jeder Mensch kann nur selbst herausfinden, inwiefern er durch seine Lebensgeschichte geprägt ist, in welchen Situationen er wütend wird, wofür er sich schämt oder schuldig fühlt, was ihm bei Traurigkeit oder Angst hilft, wie er mit Konflikten oder Stress umgeht und welche Werte und Ziele er verfolgt. Nicht eine Diagnose, sondern der tiefergehende Blick auf störende Verhaltensmuster oder Denkweisen hilft zu erkennen, was man an sich verändern, akzeptieren oder sogar schätzen lernen möchte.
Elisabeth Rose ist Entwicklungspsychologin sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und ist derzeit in einer Erziehungsberatungsstelle in Nürnberg tätig.