Der Zugang zum blühenden Paradies ist einfach: Man muss nur den Anweisungen auf dem Schild in der Ladentür folgen. Also schickt man eine SMS mit dem Inhalt „Blomster“ – dem dänischen Wort für Blumen – an eine Telefonnummer. Schon schnappt das Schloss auf und gibt den Eintritt frei. Und dann steht man ganz allein in diesem Pflanzengeschäft im Kopenhagener Viertel Østerbro. Noch nicht einmal Verkaufspersonal ist anwesend.
Dafür gibt es blaue Keramiktöpfe, zu schiefen Türmen hochgestapelt. Und Holzkisten, Weidenkörbe, Tongefäße, aus denen es grün rankt und ragt. An jedem Stämmchen oder Bouquet baumelt ein handgeschriebenes Preisschild, gezahlt wird mit dem mobilen Zahlungssystem Mobilepay übers Handy. Einkaufen, mit Vertrauensvorschuss? „Naturligt!“, würde man als Däne da vielleicht sagen.
Immer wieder Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt gilt international als vorbildlich: ein Stadtverkehr, der Radfahrer bevorzugt, gereinigte Hafenbecken zum Schwimmen, prämierte Restaurants der New Nordic Cuisine an allen Ecken.
Und dann haben die Dänen eben auch noch dieses Vertrauen ins Vertrauen. Für sich als Reiseland wirbt Dänemark mit dem Spruch „Welcome to the Land of Trust“.
Auf Dänisch heißt Vertrauen „tillid“. Wie das Buch von Gert Tinggaard Svendsen, auf Englisch als „Trust“ erschienen. Der Professor für Politikwissenschaften der Universität von Aarhus ist in seiner Heimat ein oft zitierter Mann, etwa mit: „Kontrolle ist gut, aber Vertrauen ist billiger.“ Er beruft sich in seinen Schriften auf ein eigenes Rechercheprojekt, kombiniert mit Antworten aus dem World Values Survey, einer internationalen Umfrage zu menschlichen Werten. Laut dieser Umfragen, so Svendsen, vertrauen mehr als drei von vier Dänen (78 Prozent) grundsätzlich ihren Mitmenschen.
Und katapultieren sich damit weltweit auf Platz eins der verglichenen Länder. Svendsen nennt dieses Sozialvertrauen „das Gold Dänemarks“.
Da legt Ronni Abergel doch gleich noch eins drauf. Der 50-Jährige ist Geschäftsführer und Mitgründer von The Human Library und organisiert seit dem Jahr 2000 Dialoge, um Stereotype aufzubrechen. Und entspricht damit kurioserweise selbst einem, nämlich dem des kreativen, zugewandten Dänen. Man findet Abergel in einem kleinen Holzhaus im multikulturell geprägten Viertel Nørrebro im Norden der Stadt. „Unjudge someone“ – also etwa: „Werde deine Vorurteile los“ – steht in großen Lettern am Eingang des kleinen Gartens. Lichterketten über Gras und Kies, eine Schaukel bietet Platz für zwei. Hier kann man sich in den wärmeren Monaten ein „Human Book“ ausleihen, ein Buch in Menschengestalt. Man trifft sich also mit einer Person mit einer vorab gewählten Besonderheit – und darf diese eine halbe Stunde lang alles fragen, was man möchte. Das Gegenüber kann dabei zum Beispiel ein ehemaliger Drogensüchtiger sein, Autist oder Geflüchteter.
Auch vor seiner Heimat mache die Trumpisierung dieser Welt nicht halt, befürchtet Abergel. Selbst wenn politische Umfragen hier noch immer bessere Zahlen vorwiesen als anderswo: „Aber verärgerte weiße Männer und weiße Frauen, die sich von so viel Progressivität verletzt fühlen, gibt es auch hier“, meint der Däne. Um gesellschaftlicher Spaltung entgegenzuwirken, organisiere er diese Dialoge: „Nach jedem Gespräch habe ich weniger Angst“, erklärt er.
Seine Menneskebiblioteket ist ein Exportschlager, in mehr als 80 Ländern ist das Prinzip schon ausprobiert worden, meist bei Festivals. „Aber das hier“, er klopft stolz auf ein Tischchen in seinem Tiny House, „ist die einzige Human Library mit festem Sitz.“ Für Abergel liegt der Nutzen solcher Ideen auf der Hand: „Wenn diese Angst in das Fremde durch Vertrauen ersetzt wird, das ist doch ganz klar eine Verbesserung meiner Lebensqualität – ob ich jetzt aus Bangladesch bin oder aus Südafrika.“
Oder eben aus Østerbro, einem wohlhabenden Stadtteil Kopenhagens. Hier, an einem der Boulevards mit gut erhaltenen Altbauten und minimalistisch designten Delikatessenläden, befindet sich – direkt neben dem eingangs besuchten Blumenladen – seit vergangenem Sommer die kleine Bäckerei Sinne Gas. Betreiber Martin Vogelius hat sie nach einem in Jütland beliebten Spruch benannt: „Es heißt ‚Schalt mal runter‘.“ Unter dem Tresen baumelt ein mit Edding beschriftetes Pappschild: „Velkommen til DK’s hyggeligste Selvbetjening“ – willkommen in Dänemarks gemütlichstem Selbstbedienungsladen. Darüber liegen Greifzange, braune Papiertüten, Semmeln und Hefekuchen zum Mitnehmen. Dahinter ein Tablettwagen mit noch ungebackenen Broten, durch die Gitter sieht man den 34-Jährigen und seine Freundin in langen Schürzen, wie sie Kardamomzöpfe flechten.
Meistens arbeite er allerdings allein, erklärt Vogelius sein Selbstbedienungskonzept. Da könne er eben nicht an einer Kasse stehen. Die Kunden bezahlen mit ihrem Handy oder lassen Bargeld in einer Dose: „Ich habe noch nie eine größere Summe vermisst, allerhöchstens geht’s hier um Centbeträge.“ Sich zu vertrauen sei ja für beide ein gleich gutes Gefühl, sagt er: „Für mich und für den Kunden.“ Vertrauen wäre früher etwas ganz Selbstverständliches gewesen, fügt der junge Bäcker noch an: „Manche Menschen haben das über diese ganze Online-Betrugsmaschinerie wohl vergessen. Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln.“
Ähnlich argumentiert auch Oke Carstensen. Der 32-Jährige ist der zweite Mann bei Green Kayak, einer nicht staatlichen Umweltorganisation mit eigener Kajak-Flotte und einer prima Idee: Über eine App kann man sich während der wärmeren Monate kostenlos kippstabile Zweierkajaks ausleihen und darf damit zwei Stunden lang durch die Kanäle und Hafenbecken Kopenhagens paddeln.
Zwei Voraussetzungen gibt es: Erstens muss unterwegs mit einer Greifzange Müll aus dem Wasser gefischt, zweitens die Aktion auf den sozialen Medien geteilt werden. „Es gibt überall schwarze Schafe, die sich sagen: ‚Hier gibt’s was umsonst, das nutze ich aus‘“, wägt Carstensen ab: „Aber der Anteil bei Green Kayak ist wirklich sehr gering.“
2017 begann das Start-up mit einem einzigen Kajak. Inzwischen gibt es 73 Kajaks europaweit, dazu noch eines in Tokio. Bereits mehr als 104 Tonnen Müll wurden aus dem Meer gefischt, die Waage zur abschließenden Dokumentation nach der Fahrt liefern die Gründer immer mit an die Stationen. „Es geht uns gar nicht nur um den Müll“, betont der junge Change Manager, „sondern auch darum, ein Augenöffner zu sein: Man bewirkt etwas mit seiner Handlung.“ Überhaupt sei Green Kayak nicht nur gut für die Umwelt: „Es ist auch Sport und macht Spaß. Man entwickelt fast so etwas wie einen Jagdinstinkt und schaut fokussiert nach dem Plastik im Wasser.“ Er lacht. „Dadurch ist man automatisch raus aus dem Alltagstrott.“
Auch Lennart Lajboschitz ist sich sicher, dass es soziale Interaktion braucht, um eine solide Gemeinschaft aufzubauen. Der 64-jährige Gründer der inzwischen verkauften Geschenkartikelkette Flying Tiger Copenhagen nutzt seine Zeit, um mit seiner Familie Projekte zu stemmen, die dem ohnehin ausgeprägten Gemeinschaftssinn der Dänen noch mehr Boden geben sollen. In einem Klinker-Kirchenbau haben die Lajboschitz das Café Absalon eröffnet, in dem wöchentlich an die 70 Aktivitäten stattfinden, um Einwohner (und gerne auch Touristen) bei Bingo, Tischtennis oder Pflanzentauschmärkten einander näherzubringen. Auch ihr Hotel Hornbækhus im nördlichen Seeland funktioniert nach diesem Prinzip: „Samfundssind“ heißt dieses Gemeinschaftsgefühl auf Dänisch.
Ende des Jahres 2020 wurde der Begriff in Dänemark zum Wort des Jahres gewählt, galt es doch als Schlüsselfaktor im Umgang mit der Pandemie. Im selben Jahr eröffnete Lajboschitz mit seiner Familie das Hotel Kanalhuset am lauschigen Kanal von Christianshavn. Die ockerfarbene Fassade, rhythmisiert von weißen Pilastern und Sprossenfenstern, gehörte einst der königlichen Marine, heute finden im großen Speisesaal täglich um 19 Uhr gemeinschaftliche Abendessen an langen Tafeln statt, zu denen man sich auch als Nichthotelgast einbuchen kann. Die Küchencrew präsentiert zu Beginn des Abends das Menü, Baba Ganoush mit karamellisierten Zwiebeln, Fischsuppe mit viel Gemüse und überbackenem Käsebrot mit Aioli.
Das junge Personal stimmt seine Gäste darauf ein, sich die Schüsseln hin- und herzureichen, um gleich mit den Umsitzenden ins Gespräch zu kommen. So plaudert man also mit der Ärztin aus Wiesbaden rechter Hand, die den Abend mit einer dänischen Freundin besucht. Oder auch mit den Franzosen aus Avignon zur Linken. Schnell geht es um das hyggelige Dänemark. Und um all die Puppenhaus-Assoziationen, die man dem Land gegenüber gerne entwickelt. „Natürlich ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt“, gibt die Ärztin zu bedenken. Und doch will man gerade im restlos gefüllten Speisesaal des Kanalhuset-Hotels so gerne das Gegenteil glauben.
„Kopenhagen ist eine Stadt, in der man sich sehr sicher fühlen kann“, resümiert Lennart Lajboschitz. Das habe sicherlich mit der vergleichsweise überschaubaren Größe zu tun. Dennoch sei es auch in seiner Stadt weiterhin wichtig, Werte vorzuleben: „Wenn man jemandem Großzügigkeit entgegenbringt, könnte ihn genau das ermuntern, sich zu engagieren, kreativ zu werden, etwas zum Wandel beizutragen.“ Ob bei gemeinschaftlichen Essen in einer fremden Stadt, normsprengenden Gesprächen in der Menneskebiblioteket oder einer Kajak-Tour mit Greifzange im Kopenhagener Hafenbecken. Es komme letztlich doch immer auf das vertrauensvolle Miteinander an, schließt Lajboschitz: „Dinge können nur entstehen, wenn es die Gelegenheit dazu gibt.“
Essen
Bis 2008 wurde in Carlsberg Bier gebraut, dann zog die gleichnamige Brauerei nach Jütland. Seither entstehen in dem Stadtviertel glänzende Wohntürme mit Cafés und Restaurants in den Erdgeschossen. Dazu gehört die Pizzeria Surt eines ehemaligen Schiffskapitäns. Giuseppe Oliva kredenzt nicht nur fantastische Pizza, sondern auch sein eigenes Bier – der Sizilianer verwendet zum Bierbrauen den gleichen Hefeteig wie für seine Pizza. Skål!
Auch ein so bekanntes Restaurant wie das Noma musste sich zur Pandemiezeit etwas Neues überlegen. Und präsentierte Burger. Weil das so gut ankam, entstand 2021 das Popl (übersetzt sich volksnah wie populär) als eigener Noma-Ableger. Hier wird der Salat aus filetierter Blutorange und Radicchio mit Dashi bepinselt. Für den veganen Burger wird der sehr knusprige Patty aus Quinoa-Tempeh eben mit veganer Butter angebraten. Schmeckt schlicht grandios.
Wenn man sonntagmorgens verschlafene Dänen beobachten möchte, die geduldig auf ihre Platzzuordnung warten, dann ist man im kleinen, gemütlichen Café Mad og Kaffe richtig: Von den Kopenhagenern zum besten Brunch der Stadt gewählt, bietet die Karte etwa Bio-Spiegeleier auf frischem Lauch, Zitrus-Salat mit Sauerampferzucker oder hausgemachten Frischkäse mit getrockneten Tomaten. Gegenüber liegt zudem die Klinkerkirche, in der Lennart Lajboschitz’ Folkehuset Absalon zu Tischtennisspiel und Frühstück lädt. Wem’s im Mad og Kaffe zu lange dauert, der hat’s also nicht weit zur nächsten Kaffeetheke.
Übernachten
Jeder Winkel im Hotel Kanalhuset von Lennart Lajboschitz taugt zum Lieblingsort. Das schmucke Gebäude am Kanal von Christianshavn gehörte einst der Königlichen Marine, inzwischen ist es mit ausgesucht hübschem Mobiliar aus den Dreißigern bis Sechzigern bestückt. Zu den gemeinschaftlichen Abendessen an langen Tafeln täglich um 19 Uhr (auf Wunsch auch vegetarisch) kann man sich über die Hotel-Website einbuchen. Pro Person kostet das – ungewöhnlich günstig für dänische Verhältnisse – umgerechnet nur wenig mehr als 20 Euro. DZ ab 120 Euro, Apartment ab 255 Euro pro Nacht.
Mobiliar in Pudertönen, Sukkulenten in riesigen Steinguttöpfen, gemusterte Teppich- und Tapeten-Motivik in wildem Mix – und alles hygge. Das Hotel Grand Joanne ist was fürs Auge – und sehr zentral gelegen, direkt an der Kopenhagener Haupteinkaufsstraße, der Vesterbrogade. DZ mit Frühstück ab 215 Euro.
Inmitten der modernen Architektur von Nordhavn befindet sich in einem schönen alten Ziegelbau das Audo House. Unter dem Label sammeln sich dänische Designmarken, täglich wechselt das Interieur ein bisschen, denn Audo House ist Showroom, Restaurant, Co-Working-Space und Hotel in einem. DZ ab 380 Euro, frühstücken kann man im schicken Café (nicht im Preis inbegriffen).
Hinweis der Redaktion
Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.