Russlands Armee befindet sich seit Monaten in der Offensive. Die Verluste sind hoch, die Fortschritte bislang überschaubar. Und das, obwohl die Ukrainer lange unter substanziellem Munitionsmangel gelitten haben. Jetzt, da wieder regelmäßig Kisten mit Granaten und Raketen in den ukrainischen Stellungen ankommen, schwindet der militärische Vorteil der Invasoren. Für Wladimir Putin wird das zum Problem. Denn auch der russische Präsident und seine Armee verfügen nicht über unbegrenzte Ressourcen.
Kampf- und Schützenpanzer sind dafür ein klares Beispiel. Ohne diese können in diesem Krieg tiefe Vorstöße auf feindliches Gebiet kaum gelingen. Und Russland verliert von diesen gewaltigen Maschinen eine gewaltige Zahl. Vor der Invasion hatte Russland 3417 Kampfpanzer im „aktiven Dienst“. Verloren hat Moskau laut der Datenbank Oryx seit Kriegsbeginn 3160 Stück. Etwa zwei Drittel wurden durch Angriffe zerstört. Der Rest wurde entweder aufgegeben, beschädigt oder von der Ukraine erbeutet.
Eine Antwort findet sich auf Satellitenbildern, die Reservebestände von Panzern auf Russlands Militärstützpunkten zeigen. Der renommierte Thinktank International Institute for Strategic Studies (IISS) berichtete im März, dass Russland „zunehmend auf Altbestände aus der Sowjetzeit angewiesen ist, um den Bedarf an neuen gepanzerten Kampffahrzeugen und Artilleriegeschützen zu decken“. Das Institut geht davon aus, dass Russland etwa 1200 alte Kampfpanzer reaktivieren konnte, außerdem etwa 2500 Schützenpanzer und gepanzerte Transporter. Dabei wird allerdings „Qualität durch Quantität“ ersetzt, wie das IISS schreibt. Die alten, schnell wieder funktionsfähig gemachten Systeme können mit den moderneren, die zu Beginn der Invasion eingesetzt worden waren, technisch und in puncto Haltbarkeit nicht mithalten. Das allerdings wäre für Moskau zu verkraften. Putin setzt strategisch und taktisch auf Masse.
Problematischer für den russischen Präsidenten: Die Satellitenbilder zeigen, dass die Lager sich leeren.
Zum Beispiel in einem der größten russischen Panzerreservelager, der 111. Zentralen Panzer-Reservebasis der Armee im Südosten Russlands. Seit Kriegsbeginn verschwanden von dort Hunderte gepanzerte Fahrzeuge, darunter vergangenes Jahr knapp 30 Panzer des Typs T-62, eines alten Sowjetmodells, für das die Produktion schon Mitte der Siebzigerjahre ausgelaufen war. Einige dürften sich unter den Dutzenden zerstörten russischen T-62 Panzern befinden, die Oryx auflistet.
Die Bilder verraten außerdem, wie es um die Reparaturen steht. Denn ohne Fahrzeuge, die man ausschlachten kann, also ohne Ersatzteile, sind Reparaturen in den russischen Panzerschmieden kaum möglich. Wie viele Kampfpanzer noch in den Hallen stehen, ist unklar.
Das sind nur zwei von vielen weiteren Beispielen solcher Basen. Überall zeigt sich das gleiche, für Russland prekäre Bild: verrostete Lagerhallen, verschmutzte Stellplätze und schwindende Panzeraltbestände. Nicht in allen Fällen können die Altbestände noch für den Einsatz an der Front tauglich gemacht werden. Viele Fahrzeuge stehen seit Jahren genau an derselben Stelle, so der Betreiber des X-Accounts @HighMarsed, der seit Kriegsbeginn akribisch Satellitenbilder russischer Basen auswertet, die auch von Experten genutzt werden. Viele können demnach nur noch als Ersatzteillager verwendet werden. Aber warum wurden so wertvolle Fahrzeuge über Jahrzehnte im Freien gelagert? HighMarsed glaubt, die Russen hätten nicht erwartet, diese alten Fahrzeuge noch einmal in einem Krieg verwenden zu müssen.
Diese Einschätzung änderte sich, als für Moskau absehbar war, dass der Krieg viel länger dauern wird, als man geplant hatte. Hans-Walter Borries vom Institut für Wirtschafts- und Sicherheitsstudien Firmitas am Forschung- und Entwicklungszentrum der Universität Witten wundert das nicht. Der Oberst der Reserve, der sich viel mit Satellitendaten beschäftigt, sagt, es sei immer noch billiger und schneller, einen alten russischen Panzer mit neuer Elektronik in Schuss zu bringen, als einen komplett neuen bauen zu lassen. Marina Miron vom Department of War Studies am King’s College in London betont, die Reparatur von alten Panzern sei für Russland sinnvoll, da neue Panzer wie beispielsweise der T-14 sehr teuer seien und es Russland an westlichen Komponenten fehle.
Doch die Auswertung der Satellitenbilder zeigt: Dieses Panzer-Recycling als Methode der Aufrüstung wird in absehbarer Zeit unmöglich werden. Genaue zeitliche Vorhersagen sind schwierig. Gustav Gressel, Russland- und Militärexperte bei der internationalen Denkfabrik European Council on Foreign Relations, glaubt: „Man kann damit rechnen, dass für die Russen das Material in etwa zwei Jahren zum Problem werden wird.“ Auch das IISS erwartet, dass Russland seine Kriegsanstrengungen in der aktuellen Intensität nur „noch zwei oder drei Jahre durchhalten“ kann. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Thinktank Royal United Services Institute (Rusi).
Genauere Prognosen sind trotz der Einblicke, die Satelliten gewähren, unmöglich. So ist etwa unklar, ob die russischen Verluste auch in den kommenden Jahren so immens hoch bleiben wie im Moment oder ob es Moskau beispielsweise noch gelingt, Material außerhalb Russlands zu besorgen. Die Panzer jedenfalls werden Putin nicht von einem auf den anderen Tag ausgehen. „Ich schätze, Russland hat immer noch rund 3200 Tanks auf Lager, aber die überwiegende Mehrheit von ihnen ist in einem üblen Zustand und erfordert erhebliche Instandsetzung“, sagt Michael Gjerstad, Konfliktforscher des IISS, der SZ.
Auch was die Neuproduktion in Russland angeht, gibt es Unsicherheiten. Kann sie noch gesteigert werden? Oder geht Putin das Geld aus? Das Land hat seine Rüstungsindustrie dramatisch hochgefahren. In vorhandenen Fabriken wird länger gearbeitet, stillgelegte wurden wieder reaktiviert. Ein Drittel des Haushaltsbudgets fließt in die Rüstung. Dadurch kann Russland laut Schätzung unter anderem von Rusi jedes Jahr circa 1500 neue Panzer herstellen. Dazu kommen etwa 3000 gepanzerte Fahrzeuge unterschiedlichen Typs.
Die horrenden Verluste lassen sich damit allerdings nicht ausgleichen. 2023 waren mindestens 86 Prozent der Panzer, die Russland an die Front schickte, überholte Panzer aus Altbeständen. Gustav Gressel ist sich sicher: „Russland verliert weit mehr Gerät, als es nachproduzieren kann, und die Lagerbestände erschöpfen sich.“
Dass die Zeit in diesem Krieg für Putin spielt, ist also zumindest in dieser Hinsicht falsch. Russland kann den Krieg nicht endlos mit der aktuellen Intensität fortführen. „Für die Ukraine ist es deshalb wichtig, den Russen so hohe Materialverluste beizubringen, dass es irgendwann für sie brenzlig wird“, sagt Gressel.
Der Thinktank Rusi folgert: Sollte die Ukraine die nötigen Ressourcen erhalten, um die russische Offensive in diesem Jahr abwehren zu können, dann sei es auch unwahrscheinlich, dass Moskau 2025 große Geländegewinne erzielen könne. Ab 2026 werde die russische Kampfkraft dann langsam nachlassen. Daraus kann die Ukraine Hoffnung schöpfen. Klar ist aber auch: Sollten die westlichen Partner dem Land nicht die nötige Hilfe zur Verfügung stellen, wird das Land den Krieg schon lange vorher verloren haben.