Der russische Krieg in der Ukraine ist ein Angriff auf den Westen. Zugleich aber ist er auch ein Affront gegenüber China. Was die bisherige Zurückhaltung Chinas bei der Unterstützung des russischen Vorgehens erklärt. Die chinesische Politik kommt Putin nur dann entgegen, wenn es den eigenen Interessen dient, zum Beispiel bei der Abnahme günstiger russischer Energie.
Tatsächlich stellt Wladimir Putin nicht nur die Vormachtstellung des Westens infrage, sondern auch die sich abzeichnende bipolare Weltordnung des 21. Jahrhunderts, in der sich die Vereinigten Staaten und China als die tonangebenden Mächte herauskristallisieren. Was ihm stattdessen vorschwebt, ist ein starkes Russland als Führungsmacht eines globalen Südens. Dieser erstreckt sich von Südostasien über Indien und Afrika bis Lateinamerika - und verfügt nach russischen Vorstellungen über das Potenzial, sich neben den Vereinigten Staaten und China als eine dritte "Großmacht" in der Weltpolitik zu behaupten. Putin möchte also eine multipolare Welt anstelle einer amerikanisch-chinesisch dominierten Ordnung.
Besorgniserregende Planspiele
Derlei Planspiele sind aus vielerlei Gründen besorgniserregend; etwa, da der Weg zu einem autoritären Bündnis mit China nicht allzu weit erscheint; sowie nicht zuletzt deshalb, weil Europa Gefahr läuft, in einer derartigen globalpolitischen Konstellation endgültig keine Rolle mehr zu spielen. Leider ist bislang nicht erkennbar, dass europäische Maßnahmen für eine eigenständige Positionierung auf der Weltbühne mit dem entsprechenden Nachdruck vorangetrieben würden.
Das Buch der Berliner Soziologin und Osteuropaexpertin Katharina Bluhm offenbart diese Entwicklungslinien trotz seines hohen Differenzierungsgrades mit erschreckender Klarheit. Wenngleich akademisch, verdient es eine breite Rezeption, nicht zuletzt seitens der politischen Entscheider. Zu Recht räumt Bluhm mit dem verbreiteten Irrglauben auf, Putin plane lediglich die Wiedererlangung vergangener russischer Größe, betreibe also eine im Kern auf Restauration abzielende Politik.
Ringen von autoritären und freiheitlichen Modellen
Vielmehr gehe es Putin um die "Wiedergewinnung der Zukunft", welche zweifellos mit territorialer Expansion einhergehe, zugleich aber dem westlichen Modell eine dezidiert russisch-etatistische Entwicklungsagenda gegenüberstelle. Diese habe nicht nur die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland neu definiert, sondern auch jene des Westens mit dem Rest der Welt, etwa mit Indien oder den afrikanischen Staaten. Und selbst innerhalb Europas seien die Auswirkungen sichtbar, man denke an Ungarn, (bis vor Kurzem) Polen und, man muss es leider hinzufügen, auch Ostdeutschland. Was die intellektuellen Diskurse in den westlichen Gesellschaften betrifft, fühlt Bluhm sich an die Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg erinnert, als ebenfalls freiheitliche und autoritäre Modelle ergebnisoffen miteinander konkurrierten. Putins Russland konstatiert Bluhm ein sensibles Sensorium für die Unzufriedenheiten und Unzulänglichkeiten in den westlichen Gesellschaften und Systemen.
Seit fast zwei Jahren attackiert die russische Armee mit aller Brutalität die Ukraine: Foto vom 2. Januar 2024 in Kiew. Doch Putins Ziele sind offenbar viel weitreichender.
(Foto: Genya Savilov/AFP)Im Zentrum von Bluhms Buch stehen die russischen Entwicklungen seit den frühen 1990er-Jahren sowie die Genese eines spezifischen "illiberalen Konservatismus", den sie als die dominierende Ideologie im heutigen Russland erachtet. Dabei handle es sich um das Resultat eines jahrelangen Widerstreits unterschiedlicher politischer und ideologischer Strömungen, bei dem es stets auch um die Frage der "geopolitischen Identität" des Landes gegangen sei.
"Urkonflikt" zwischen Reformern und Oppositionellen
Mit Bluhm lässt sich konstatieren, dass es dabei zunächst vor allem um Abwehr ging: gegen die vom Präsidenten Boris Jelzin forcierten marktwirtschaftlichen Reformen der 1990er; gegen die in Teilen Russlands wie auch im Ausland unternommenen Versuche einer russischen Westintegration; sowie gegen die Reduktion Russlands auf die Rolle eines Rohstoff- und Kapitallieferanten des Westens.
Dieser "Urkonflikt" zwischen Reformern und deren Opposition resultierte nach der Jahrtausendwende zum einen in der Manifestation eines russischen Staatskapitalismus, dessen Resilienz, wie die aktuellen Sanktionen zeigen, größer ist als im Westen angenommen. Zum anderen in der Etablierung eines autoritären oder "illiberalen" Konservatismus als Staatsideologie, der es vermochte - und weiterhin vermag -, durch perfide Meinungslenkung den Anschein von Pluralität und Demokratie aufrechtzuerhalten. Die progressiven, prowestlichen Kräfte hatten ihren Kampf verloren.
Die Elite war enttäuscht von Europa und den USA
Putin selbst versteht Bluhm als ein Resultat dieser Entwicklungen. Weswegen er bei der Lektüre zwar gedanklich stets präsent ist, als Individuum aber keine herausgehobene Rolle einnimmt. In den 1990er-Jahren stand er auf der Seite der liberalen Reformer, die Russland als Teil Europas begriffen - wenngleich als dessen dominierenden Teil, was damals im Westen jedoch nicht verstanden wurde. Bei einer Rede im Deutschen Bundestag 2001 präsentierte der frisch gewählte Präsident Putin Russland als verlässliche Demokratie und europäischen Partner.
Katharina Bluhm: Russland und der Westen. Ideologie, Ökonomie und Politik seit dem Ende der Sowjetunion. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2023. 490 Seiten, 34 Euro.
(Foto: Matthes & Seitz)Der Antagonismus sei erwachsen, als sich eine konservative russische Elite zunehmend von den Vereinigten Staaten und Europa enttäuscht zeigte angesichts der vermeintlichen Marginalisierung Russlands auf der Weltbühne. Nicht zuletzt auch aus innenpolitischen Gründen habe Putin fortan verstärkt auf illiberale konservative Ideologen gesetzt. Ein wichtiger Wendepunkt ist für Bluhm das Jahr 2012, als Putin seine - in der Verfassung zunächst nicht vorgesehene - dritte Amtszeit als Präsident antrat. Seitdem sei die Verknüpfung von oligarchischem Staatskapitalismus als Wirtschaftsform und "illiberalem" Konservatismus als Staatsideologie unaufhaltsam vorangeschritten; und habe eine Metamorphose durchlaufen, vor der angesichts des Krieges in der Ukraine auch die lange Zeit Russland-Gutgläubigen die Augen nicht mehr verschließen können.
Katharina Bluhms Buch liefert erhellende und politisch hochwichtige Erklärungen, wie Russland in den vergangenen gut drei Jahrzehnten zu dem Staat werden konnte, der es heute ist. Dabei wird nicht zuletzt klar: Ebenso wie im Falle des Trumpismus in den Vereinigten Staaten sollten wir nicht davon ausgehen, dass der Putinismus in Russland mit seinem Namensgeber verschwinden wird; zu grundlegend sind die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen, die ihn tragen.
Florian Keisinger ist Historiker.