Klar, zum Mond geflogen sind die Jäger und Sammler der Steinzeit nicht. Und kein Smartphone mit integrierter Navigation und Taschenlampe erleichterte ihnen das Leben. Dafür blieb unseren Vorfahren aber auch einiges erspart: Arbeit am Fließband, Stress beim Ausliefern von Paketen, Zeitdruck beim Tippen und Klicken am Computer. "Muss ich arbeiten, um zu leben, oder lebe ich, um zu arbeiten?" Diese Frage treibt heute viele Menschen um.
Wenige stellen dabei gleich das ganze Gesellschaftssystem infrage. James Suzman tut es. Der Ethnologe hat die Geschichte der Arbeit analysiert und meint: Es ist an der Zeit, eine Welt zu schaffen, in der Wachstumsideologie und Konsum nicht mehr unser Leben und unseren Planeten aussaugen. Dafür aber müssten die Menschen ihr Verhältnis zur Arbeit überdenken.
"Warum arbeiten wir immer mehr, obwohl wir so viel produzieren wie noch nie?", fragt Suzman, Direktor des Thinktanks Anthropos und Fellow am Robinson College der Cambridge University in seinem neuen Buch "Sie nannten es Arbeit - eine andere Geschichte der Menschheit" (C. H. Beck Verlag). Und: "Weshalb überlassen wir dem Beruf einen so großen Teil unseres Lebens? Entspricht das unserer Natur?" Immerhin ist der Homo sapiens erst einen Bruchteil seiner Existenz berufstätig. Denn bevor der Mensch vor etwa 11 500 Jahren zum Ackerbau überging, war er weder Bauer noch Bürokaufmann oder App-Entwickler. "Unsere Vorfahren lebten während mindestens 95 Prozent ihrer 300 000-jährigen Geschichte als Jäger und Sammler", schreibt Suzman.
Das änderte sich mit der Neolithischen Revolution, jener Zeit, als Nomaden zunehmend zur Landwirtschaft übergingen und sesshaft wurden. Von dieser Zeit an machte der Homo sapiens eine steile demographische Karriere und legte die Grundlagen für die moderne Welt. Eine Erfolgsgeschichte also? Unter Wissenschaftlern mehren sich die Stimmen, die an diesem Narrativ rütteln. Neuere Forschungen zum Beginn des Neolithikums zeigen, dass die Geschichte der Menschheit zumindest kein beständiger Aufstieg war.
"Lange wollte uns die Wissenschaft den Übergang zur Landwirtschaft als großen Sprung für die Menschheit verkaufen und erzählte uns eine Geschichte von Fortschritt und Intelligenz. Das jedoch ist ein Ammenmärchen", schreibt der Historiker und Zukunftsforscher Yuval Noah Harari von der Hebräischen Universität Jerusalem in seinem Weltbestseller "Eine kurze Geschichte der Menschheit". Denn die Landwirtschaft läutete keine Ära des besseren Lebens ein, ganz im Gegenteil: Sie brachte Krankheiten, Mangelernährung und vor allem: mehr Arbeit.
Der Historiker und Zukunftsforscher Yuval Noah Harari hält die landwirtschaftliche Revolution für "den größten Betrug der Geschichte". In seinem Weltbestseller "Eine kurze Geschichte der Menschheit" stellt er die Vorstellung einer steten Erfolgsgeschichte infrage.
(Foto: Fabian Sommer/picture alliance/dpa)Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang säten die Menschen Samen, sorgten für ihre Kühe und Schafe oder jäteten Unkraut. "Irgendwann ging das so weit, dass die Sapiens in aller Welt kaum noch etwas anderes taten, als sich von früh bis spät um diese Weizenpflanze zu kümmern", sagt Harari. Zwar gelang es den Menschen so, Nahrungsüberschüsse zu erwirtschaften, aber zu besserer Ernährung führte es nicht. Weizen, Weizen und nochmals Weizen konnte die abwechslungsreiche Speisekarte der Jäger und Sammler nicht ersetzen. Zivilisationskrankheiten und Epidemien entstanden erst, als die Menschen sesshaft wurden.
So zeigen Skelette von Frauen aus frühen agrarischen Siedlungen charakteristische Verformungen an den Zehen - eine Folge von Arthritis, die wohl durch das Mahlen von Getreide, bei dem die Frauen auf den Zehen saßen, hervorgerufen wurde. "Für derlei Arbeiten ist der Körper des Homo sapiens vollkommen ungeeignet", meint Harari. Er sei dafür geschaffen, auf Bäume zu klettern und hinter Gazellen herzujagen - und nicht dafür, Steine vom Boden aufzulesen und Wassereimer zu schleppen.
Eine Studie des Max-Planck-Instituts, die im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht wurde, legt nahe, dass Ackerbauern noch über Jahrhunderte parallel zu Jäger-und-Sammler-Gesellschaften in Europa lebten.
(Foto: Anett Osztás)Dennoch wuchs die Bevölkerung damals rasant, und selbst der Wohnraum wurde knapp. Die Menschen lebten fortan eng mit ihren Nutztieren zusammen. Das belegte zum Beispiel eine Studie der Columbia University mit der Analyse von Urinsalzen aus der Siedlung Aşıklı Höyük in der Zentraltürkei: Die Forscher konnten die Spuren von Menschen und Tieren dabei noch nicht mal unterscheiden.
Wenn sie die Kindheit überlebt hatten, erreichten Jäger und Sammler ein Alter von 68 bis 78 Jahren
Gerade wegen dieser Nähe sprangen immer wieder Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen über, erste Seuchen brandeten durch die Siedlungen. In den Blick der Wissenschaft sind dabei besonders häufig die Genome des Pest verursachenden Bakteriums Yersinia pestis geraten. So veröffentlichte ein internationales Forscherteam im Fachmagazin Cell eine Studie, in dessen Mittelpunkt eine etwa 20-jährige Frau steht, die vor rund 5000 Jahren in Schweden gestorben ist. In den DNA-Datensätzen von Zahn- und Knochenproben fanden die Forscher den bisher ältesten Seuchenstamm mit den Genen, die die Lungenpest tödlich gemacht haben.
Die Wissenschaftler um den dänischen Biologen Simon Rasmussen von der Universität Kopenhagen glauben, dass genau dieser Erreger dazu geführt haben könnte, dass einige europäische Megasiedlungen mit 10 000 bis 20 000 Einwohnern um diese Zeit wieder aufgegeben wurden. "Menschen, Tiere und gelagerte Lebensmittel waren hier sehr nahe beieinander, und die sanitären Einrichtungen waren vermutlich schlecht", sagt Rasmussen. "Das ist ein Lehrbuchbeispiel für das, was Sie brauchen, um neue Krankheitserreger zu entwickeln."
In dieser Grabstätte in Schweden fanden Forscher die Überreste einer etwa 20-jährigen Frau, die vermutlich vor rund 5000 Jahren an einer der Pest ähnlichen Seuche gestorben ist.
(Foto: Karl-Göran Sjögren / University of Gothenburg)Der Übergang vom Nomadendasein zum Leben als Bauer brachte für die Menschen so nicht nur mehr Arbeit und eine schlechtere Ernährung mit sich, Krankheiten und bewaffnete Konflikte verringerten zudem drastisch die Lebenserwartung. Wenn Kinder von Jägern und Sammlern die ersten Kindheitsjahre überlebt hatten, erreichten sie im Durchschnitt ein Alter von 68 bis 78 Jahren, schreiben die Ethnologen und Biodemografen Michael Gurven und Hillard Kaplan im Fachmagazin Population and Development Review. So alt wurden in späteren Jahrtausenden nur wenige. Hararis Fazit: "Die landwirtschaftliche Revolution war der größte Betrug der Geschichte."
Dem kann man entgegenhalten, dass unser heutiges Wissen, moderne medizinische Versorgung, viele Annehmlichkeiten und der Überfluss an Waren und Lebensmitteln ohne die Neolithische Revolution undenkbar wären. Denn die Geburt der ersten Städte legte den Keim für die moderne Zivilisation. Das räumen auch Harari und Suzman ein. Dennoch, so wenig die Menschen in der Steinzeit zum Mond geflogen sind oder das Smartphone erfunden haben, so wenig haben sie eben auch kaputt gemacht. Sie lebten im Einklang mit der Natur. Es ging ihnen vermutlich ganz gut dabei.
"Während der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte gab es die Idee des Mangels nicht", sagt James Suzman. Jagende, fischende und Beeren pflückende Menschen der Steinzeit hatten nach neuem Forschungsstand viel Freizeit. Und es kam ihnen nicht in den Sinn, diese zur Sicherung ihrer Zukunft gegen die Organisation von Vorräten einzutauschen. Der Homo sapiens scheint damals so gelebt zu haben, wie es gestresste Menschen heute in Achtsamkeitsseminaren lernen: im Moment.
"Es stimmt nicht, dass Jäger und Sammler ständig am Rand des Verhungerns lebten", sagt Suzman. Sie kannten Hunderte essbare Pflanzen und Früchte. In kleinen Verbänden streiften sie durch Wälder und Savannen, jagten Fisch, erlegten Wild - und zogen weiter, wenn ein Lebensraum nicht mehr genug Nahrung bereithielt. Bauern blieben auch in Dürrejahren bei ihren Feldern und Tieren und verteidigten sie bis in den Tod. So lebten Jäger und Sammler länger und gesünder als spätere Ackerbauern. Und sie arbeiteten weit weniger als alle Generationen nach ihnen: rund 15 Stunden in der Woche. Dabei stützt sich Suzman auch auf eigene Feldforschung bei heutigen indigenen Völkern: Über 25 Jahre hinweg lebte er immer wieder unter den Khoisan im Süden Afrikas.
Längst könnten wir tatsächlich von 15 Stunden Arbeit pro Woche leben, hätten wir nicht so grenzenlose Ansprüche
Ein ähnliches Fazit zieht auch der Politologe James Scott, Sterling Professor und Direktor des agrarwissenschaftlichen Programms an der Yale University. In seinem aufsehenerregenden Buch "Die Mühlen der Zivilisation" lässt er keinen Zweifel an seiner Überzeugung, dass die Menschen besser Jäger und Sammler geblieben wären. Denn Besitz war für umherziehende Nomaden nichts als ein Klotz am Bein.
Das wenige, das sie besaßen, wurde geteilt, und sie scheinen egalitär gelebt zu haben. In ihren Grabstätten finden sich kaum Hinweise auf eine Herrscherkaste. Gier sei erst in den Städten institutionalisiert worden, sagt Scott, denn die Nähe zum Wohlstand habe Neid und die Angst vor Knappheit verschärft. Den zahlreichen Errungenschaften von Städten, Staaten, Schrift, Arbeitsteilung, Politik und Kultur hält Scott Schlagworte wie "Wehrpflicht", "Steuern", "Zwangsarbeit" und "Ungleichheit" entgegen.
Einen Weg zurück zu dieser nachhaltigen Lebensweise gibt es nicht. Schließlich leben auf der Erde mittlerweile 7,8 Milliarden Menschen, von denen jeder einzelne circa 250-mal so viel Energie verbraucht wie ein Jäger und Sammler. Und die Bevölkerungszahl steigt immer weiter. Zwischen 8000 und 5000 vor Christus wuchs die Weltbevölkerung um gut 300 Individuen pro Jahr. Heute braucht es dafür zwei Minuten. Solche Menschenmassen lassen sich nur durch eine moderne, hocheffiziente Landwirtschaft ernähren. Wenn es also keinen Weg zurück gibt: Wie könnte der Weg nach vorne aussehen?
Die Antwort ist nicht, dass wir noch mehr Überfluss schaffen, meint Suzman. "Wir wissen, dass es ein Problem gibt", sagt er. "Es gibt den Umweltaspekt und es gibt den Aspekt des menschlichen Elends", längst nicht alle Menschen profitieren vom produzierten Überfluss. Die Digitalisierung und Automatisierung könnte das noch forcieren.
Solche Ängste kontrastieren mit dem Optimismus vieler Denker, die seit der industriellen Revolution fest daran glaubten, die Automatisierung könne in ein wirtschaftliches Schlaraffenland führen. Dazu gehören Leute wie Adam Smith, der Begründer der Volkswirtschaftslehre, oder der britische Ökonom John Maynard Keynes, der 1930 prophezeite, im frühen 21. Jahrhundert würden wieder 15 Stunden Arbeit pro Woche zum Leben reichen. Warum also ist es anders gekommen?
Längst könnten wir tatsächlich von 15 Wochenstunden Arbeit leben, versichert Suzman - wenn wir nicht so grenzenlose Ansprüche entwickelt hätten. Den Menschen genüge nicht mehr die Befriedigung von - wie Keynes sie nannte - "absoluten Bedürfnissen" nach Nahrung, Wasser, Wärme, Komfort, Freundschaft und Sicherheit sowie "relativer Bedürfnisse" wie Karriere, ein schönes Haus oder Kleider. Das Haus muss noch größer, die Mode teurer, das Auto schneller werden. Und: In Keynes' Schlaraffenland gab es keinen menschengemachten Klimawandel, keine Versauerung der Weltmeere und kein Artensterben. "Was wir jetzt tun müssen, ist, die Gelegenheit zu nutzen, um neue Ansätze zur Organisation des Kapitals zu erkunden", sagt Suzman. Dazu gehöre die Idee eines universellen Grundeinkommens, aber auch die Einsicht, dass weniger Arbeit besser ist - für den Menschen und für den Planeten.
"In nur sechs Monaten hat das Coronavirus vieles gezeigt, was in unserer Arbeitswelt schlecht ist, und hat Möglichkeiten für Veränderung geschaffen", sagte Suzman im Gespräch mit der britischen Zeitung The Guardian. Gerade weil die Krise viele Menschen aus der Arbeit gezwungen habe, ergebe sich ein Anlass, über sie nachzudenken. Brauchen wir sie wirklich für Selbstverwirklichung, Status, Lifestyle und Erfüllung? Wie wäre es mit mehr Freizeit ohne Freizeitstress? Denn Nichtstun und Müßiggang, also das, womit der Homo sapiens vor der landwirtschaftlichen Revolution den größten Teil seiner Existenz zubrachte, haben viele Menschen verlernt. Vielleicht kehre die Menschheit aber eines Tages zu den Arbeitszeitmodellen unserer frühen Vorfahren zurück, meint Suzman. "Es ist ohne Weiteres denkbar, dass wir auf dem Weg sind, Keynes' Utopia zu verwirklichen."