Das Ganze beginnt mit einer Falschmeldung, Elon Musk stellt Alice Weidel als die „führende Kandidatin“ für die künftige Regierung Deutschlands vor. Es ist nicht bekannt, woher Musk seine Umfragedaten bezieht, bei allen deutschen Demoskopen jedenfalls liegt die AfD von Kanzlerkandidatin Weidel etwa zehn Prozentpunkte hinter CDU und CSU und deren Kandidaten Friedrich Merz. Aber eine Korrektur solcher Fakten gibt es nicht auf der Plattform X, das gilt natürlich auch für deren Chef Elon Musk. Und der hat an diesem Donnerstagabend Alice Weidel zum Gespräch geladen, zu einem öffentlichen Stream im Netz, zeitweise schalten sich mehr als 200 000 Hörer zu.
Gut eine Stunde dauert die Unterhaltung auf Englisch, etwa 70 Minuten, in denen die Zuhörer über Deutschland dann doch Erstaunliches erfahren. Dass Angela Merkel die erste grüne Kanzlerin des Landes gewesen sei, dass sie die Industrie des Landes durch ihre Politik zerstört habe, weil sie zur Stromerzeugung auf Sonne und Wind setzte. Und dass Adolf Hitler Kommunist gewesen sei.
Anfang des Jahres beleidigte Musk Bundespräsident Steinmeier: Dieser sei ein „antidemokratischer Tyrann“
Aber der Reihe nach. Der Milliardär Musk, Chef von Tesla, der Plattform X und anderer Unternehmen äußert sich schon seit einiger Zeit wohlwollend über die in Teilen als rechtsextrem eingestufte AfD und andere rechte Gruppierungen in Europa. Musk hat bereits den Wahlkampf des künftigen US-Präsidenten Donald Trump mit Millionensummen unterstützt. In der US-Regierung soll er ein enger externer Berater Trumps werden. Anfang des Jahres beleidigte er Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, dieser sei ein „antidemokratischer Tyrann“, schrieb er auf seiner Plattform X. Bundeskanzler Olaf Scholz und den britischen Premier Keir Starmer griff er ebenfalls persönlich an. Die AfD dagegen glorifiziert Musk, „nur die AfD kann Deutschland retten“, schrieb er. Parteiübergreifend hagelte es scharfe Kritik an dieser Einmischung des US-Milliardärs.
Nun also das Gespräch, das Weidel Aufmerksamkeit verschafft, wenige Tage vor dem AfD-Parteitag in Sachsen, auf dem Weidel zur Kanzlerkandidatin gewählt und das EU- und Euro-feindliche Wahlprogramm beschlossen werden soll. Beide sind in Bestlaune und lachen über den vermeintlichen Wahnsinn da draußen, den linke und woke Regierungen über diverse Länder gebracht hätten. „Das ist eine völlig neue Situation für mich“, jubelt Weidel. „Ich werde nicht unterbrochen oder negativ geframet.“
Also kann die AfD-Vorsitzende den geneigten Hörern unwidersprochen über den angeblichen Wahnsinn an deutschen Schulen erzählen, an denen die Kinder nichts mehr lernten außer Gender Studies. „Wirklich?“, staunt Elon Musk. Sie lernten nicht einmal mehr richtig Deutsch zu schreiben, sagt Weidel. „Wow“, sagt Elon Musk. Doch der Erfolgsunternehmer hat selbst auch ein paar Geschichten auf Lager. In Kalifornien würde Diebstahl von Gegenständen mit einem Wert unter 1000 Dollar nicht mehr bestraft. „Diebstahl ist legal, vielleicht ein Prozent wird verfolgt“, erzählt Musk der jauchzenden Weidel, die Musk durchgehend „Widel“ nennt. Schuld daran seien die US-Demokraten, die den Staat zugrunde gerichtet hätten.
Man ist sich einig in dieser AfD-X-Blase. Musk erneuert seine Empfehlung für die AfD-Kandidatin. Die Leute in den USA hätten die Schnauze voll und deshalb Trump gewählt. Seine Empfehlung an die Deutschen sei, dasselbe zu tun, sagt Musk. Alice Weidel sei eine „sehr vernünftige Person“. Ohne die AfD würden die Dinge im Land viel schlechter werden. „Yes“, sagt Alice Weidel.
Weidels Thesen dürften einigen Historikern demnächst noch zahlreiche Anfragen bescheren
Dann kommt sie auf Adolf Hitler zu sprechen. Der, sagt die gelernte Ökonomin in selbstbewusster Ignoranz historischer Fakten, sei als rechts und konservativ eingeordnet worden und das sei ein großer Irrtum. Er sei genau das Gegenteil gewesen. „Er war ein Kommunist, ein sozialistischer Kerl“, sagt Weidel. Es ist eine alte, rechte Argumentationsfigur, welche die Last von Hitlers Verbrechen und der mörderischen NS-Ideologie den Linken zuschieben will. Hitler, so die Begründung der AfD-Chefin, habe Unternehmen verstaatlicht und hohe Steuern erhoben. Weidels Thesen dürften einigen Historikern in den kommenden Tagen noch zahlreiche Anfragen bescheren.
Gedanklich wähnt man sich da, nach knapp einer Stunde, schon himmelweit entfernt von der Wirklichkeit, da widmen sich die beiden noch galaktischeren Themen. Womöglich der Teil des Gesprächs mit der meisten Substanz. „Darf ich noch eine Frage stellen?“, flötet Weidel. Wann SpaceX, Musks Raumfahrt- und Telekommunikationsunternehmen, denn nun zum Mars fliege? In zwei Jahren solle es einen ersten, unbemannten Testflug geben, sagt Musk – und entspinnt eine Vision von der Zukunft der Menschheit auf dem Mars und anderen Planeten, die einst Menschheit und Zivilisation vor der Auslöschung bewahren könnten. Natürlich durch Elon Musk.
Anm. d. Red.: Kurzzeitig stand in diesem Text, dass das Gespräch am Mittwochabend stattgefunden habe. Es fand am Donnerstagabend statt. Wir haben den Fehler korrigiert.