Es war im Jahr 1992, als James Carville, der Wahlkampfstratege von Bill Clinton, drei Wörter auf eine Liste schrieb: „The economy, stupid.“ Eigentlich war die Liste für den internen Gebrauch bestimmt, sie sollte die Mitarbeiter mahnen, sich auf die wesentlichen Botschaften von Clintons Kampagne zu konzentrieren. Doch Carvilles Wörter sollten, ergänzt um ein vorangestelltes „It’s“, erst zu einem griffigen Slogan und dann zu einer schier allgemeingültigen Weisheit werden – vielleicht auch deshalb, weil Clinton die Wahl später gewann.
Es ist die Wirtschaft, die Wahlen entscheidet – davon sind bis heute nicht wenige Menschen in Parteizentralen und Thinktanks überzeugt. Aber gilt das auch in Deutschland, gilt es bei der in wenigen Tagen stattfindenden Bundestagswahl?
Es gäbe einige Gründe dafür, dass Wirtschaftsthemen eine große Rolle spielen
Zumindest gäbe es gute Gründe dafür, dass Wirtschaftsthemen bei der Wahlentscheidung vieler Bürgerinnen und Bürger eine große Rolle spielen. Die wirtschaftliche Lage ist mies, Deutschland steckt in einer Rezession, 2025 könnte das dritte Jahr in Folge werden, in dem die Wirtschaft schrumpft. Die Inflation kletterte in den ersten beiden Jahren der Ampelregierung, nach der Pandemie und während des Ukrainekriegs, kräftig nach oben. Und zugleich läuft ein gigantischer Umbauprozess hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft, der viele alte Gewissheiten auf den Kopf stellt: etwa die, dass die Automobilindustrie der Wohlstandsgarant des Landes ist. Stattdessen haben immer mehr Firmen in der Branche zu kämpfen, sie streichen Stellen und verkünden Sparprogramme.
Entsprechend rangiert die Wirtschaftslage seit Wochen weit vorn unter den Problemen, welche die Wählerinnen und Wähler für besonders drängend halten. Das zeigen auch die neuen Daten der Forschungsgruppe Wahlen: 39 Prozent sorgen sich zuvorderst um die Wirtschaft, das Thema liegt auf Platz zwei hinter dem Großthema Migration und Flucht.
Zugleich ist es im Wahlkampf prominent, Unionskanzlerkandidat Friedrich Merz und auch die FDP fordern lautstark eine „Wende“ in der Wirtschaftspolitik. Noch viel grundsätzlicher will die AfD umsteuern, wobei zahlreiche Wirtschaftsvertreter schwere Bedenken haben gegenüber ihren Ideen – etwa einem EU-Austritt und einer Wiedereinführung der D-Mark. SPD und Grüne betonen unterdessen, die Schuldenbremse müsse gelockert werden, auch, um sich hohe Investitionen in den klimaneutralen Umbau der Wirtschaft weiter leisten zu können.
Wem aber könnten die wirtschaftspolitischen Debatten nutzen – und wer kann darin weniger punkten? Einer, der bei der Suche nach einer Antwort helfen kann, ist der Politikwissenschaftler Marc Debus. Er ist Professor am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, er hat sich damit beschäftigt, ob die Deutschen ihre Wahlentscheidung auch anhand der wirtschaftlichen Lage treffen. Man könnte auch sagen, er prüft, ob die Behauptung „It’s the economy, stupid!“ auch in Deutschland gilt.
Die Wähler strafen offenbar die Kanzlerpartei für eine schlechte wirtschaftliche Lage ab
Debus hat dafür mit zwei Kollegen Bundestagswahlen von 1987 bis 2009 untersucht. Sein Fazit: „Wenn die Wähler das Gefühl haben, dass die Wirtschaftslage gut ist, dann profitiert davon ganz klar die Partei, die den Kanzler stellt oder die Kanzlerin.“ Nicht nachzuweisen sei der Zusammenhang jedoch bei den kleineren Koalitionspartnern, sagt Debus, „auch dann nicht, wenn sie den Wirtschafts- oder den Finanzminister stellen“.
Den Umkehrschluss, dass die Wähler insbesondere die Kanzlerpartei für eine schlechte wirtschaftliche Lage abstrafen, hält Debus für wahrscheinlich. „Das dürfte spiegelbildlich funktionieren.“ Womöglich lässt sich die aktuelle Schwäche der SPD zum Teil damit erklären.
Ebenso passt ins Bild, dass die Grünen, obwohl sie den Wirtschaftsminister stellen, in den Umfragen in etwa so gut dastehen wie bei der Wahl vor dreieinhalb Jahren. In jedem Fall decken sich die schlechten Wirtschaftsdaten mit der Wahrnehmung der Wähler. Weniger als zehn Prozent von ihnen beurteilen die Lage als gut, mehr als 40 Prozent halten sie für schlecht, rund die Hälfte hat ein gemischtes Bild.
Düsterer wird es, wenn man die Wählerinnen und Wähler nach einer Prognose fragt. Hier sind sich etwa zwei Drittel von ihnen einig: Mit der Wirtschaftslage dürfte es in Deutschland künftig bergab gehen. Wirklich optimistisch sind nur vier Prozent.
Klar ist also: Die Wirtschaftslage treibt die Wähler um. Natürlich ist sie nicht der einzige Faktor für die Wahlentscheidung; Common Sense in der Politikwissenschaft ist etwa, dass langfristige Parteibindungen und die Spitzenkandidaten selbst eine große Rolle spielen. Darüber hinaus, sagt Debus, sei bedeutend, welche Probleme die Wähler als besonders wichtig wahrnehmen und welche Partei sie für kompetent halten, diese Probleme zu lösen. Die Wirtschaftslage liegt aber bei den wichtigsten Problemen weit vorn.
Der größte Teil der Deutschen sagt, die Wirtschaftsprobleme könnte die Union am besten lösen
Die Union dürfte davon profitieren, denn der mit Abstand größte Teil der Wählerinnen und Wähler hält sie für die Partei mit der größten Wirtschaftskompetenz, Tendenz steigend. Die SPD hingegen kommt erst deutlich dahinter. Auf Platz drei und vier folgen Grüne und AfD, die nur bei wenigen Befragten mit ihren wirtschaftlichen Ideen punkten können. Noch weniger kann es die FDP, obwohl die Liberalen seit dem Ampel-Aus besonders vehement ihr wirtschaftspolitisches Profil betonen.
Wichtig ist jedoch nicht nur die wirtschaftliche Großwetterlage, sondern auch die ganz persönliche wirtschaftliche Situation der Wählerinnen und Wähler. Florian Neumeier, Ökonom und Forschungsgruppenleiter am Münchner Ifo-Institut, hat sich deren Einfluss auf Wahlentscheidungen genau angeschaut. Er sagt: „Wer seine eigene wirtschaftliche Lage als schlecht bewertet und sich große Sorgen um die Zukunft macht, der neigt eher dazu, populistische und nationalistische Parteien zu wählen.“
Das liege insbesondere an den protektionistischen Botschaften, die diese Parteien oft sendeten: „Grenzen dichtmachen, die Globalisierung, die europäische Integration und den Umbau der Wirtschaft zurückdrehen – derartige Forderungen verfangen vor allem bei Leuten, die fürchten, am Ende als Verlierer dazustehen.“ Solche Abstiegsängste, glaubt Neumeier, seien derzeit in Deutschland sehr ausgeprägt und stärkten insbesondere die AfD, aber auch andere Parteien am Rand des politischen Spektrums.
Wer die eigene wirtschaftliche Lage als schlecht einschätzt, wählt eher AfD, BSW, Linke – oder gar nicht
Der Befund zeigt sich zum Teil auch in den Daten der Forschungsgruppe Wahlen: Die Wählerinnen und Wähler, die ihre wirtschaftliche Lage als schlecht einschätzen, neigen demnach eher zur Nichtwahl, zur AfD, zum BSW oder auch zur Linken. Sie wählen also, bei allen Unterschieden, Parteien, die eher am Rand des Parteienspektrums stehen – oder sie wenden sich gleich ganz von der Politik ab.
Gleichzeitig schätzt nur ein Bruchteil aller Wählerinnen und Wähler die eigene wirtschaftliche Lage als schlecht ein, berichtet die Forschungsgruppe Wahlen. Die Zahlen haben sich seit 2023 außerdem kaum verändert.
Es dürften also tatsächlich vor allem die schlechte Bewertung der allgemeinen Wirtschaftslage und die Sorgen um zukünftigen Wohlstand sein, die das Thema Wirtschaft für die Wählerinnen und Wähler aktuell so wichtig machen. Dafür spricht auch, dass die Wirtschaft den Anhängern von Union und FDP am wichtigsten ist – obwohl es ihnen laut Selbsteinschätzung wirtschaftlich im Vergleich mit am besten geht.
Der Streit über die Migration hat den Wahlkampf zuletzt zwar noch stärker bestimmt als die Wirtschaftsthemen; entscheidend dafür war, dass die Union nach der Messerattacke von Aschaffenburg im Bundestag gemeinsam mit der AfD für Verschärfungen der Asylpolitik stimmte. Die Umfragedaten zeigen aber deutlich: Das Thema Wirtschaft verschwindet deshalb nicht aus den Köpfen der Wählerinnen und Wähler. „It’s the economy, stupid“ – mindestens in Teilen dürfte James Carvilles Motto von 1992 also auch für die Bundestagswahl 2025 gelten.