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35-Stunden-Woche für Lokführer: Claus Weselsky wird mit Retro-Forderung zum Trendsetter
Die 35-Stunden-Woche ist eine uralte Idee. Und passt trotzdem genau in die Zeit. Wirtschaft und Politik sollten sich nicht beschweren. Es ist eine Chance fürs Land.
Es passt gut zu Claus Weselsky, dass er mit einem Konzept aus den 1970er Jahren zum Trendsetter wird. Der Chef der Lokomotivführergewerkschaft GDL hat sich nie etwas aus dem Zeitgeist gemacht.
Weselsky bleibt sich treu – vom Schnurrbart bis hin zu den etwas altmodisch formulierten Schmähungen seiner Verhandlungspartner.
Nach monatelangem Kampf hat der 65-Jährige durchgesetzt, dass seine Lokomotivführer ab 2029 im Schichtdienst in der Regel nur noch 35 Stunden pro Woche arbeiten müssen.
Mit dieser Idee wollten Gewerkschaften nach der Ölkrise und in den 1980er Jahren Arbeitslosigkeit verhindern. Die zu wenige Arbeit sollte auf mehr Beschäftigte verteilt werden. Längst haben sich die Vorzeichen auf dem Arbeitsmarkt umgedreht – es herrscht ein Arbeitskräftemangel, der sich durch den demografischen Wandel weiter verschärfen wird.
Aus der Sicht der Arbeitnehmer ist die 35-Stunden-Woche deshalb aber nicht aus Zeit gefallen – im Gegenteil. Sie bedient die Sehnsucht vieler Menschen nach einer besseren Work-Life-Balance. Deshalb hat Weselsky Vorbildcharakter.
In der aktuellen Tarifrunde ging es den Gewerkschaften vor allem darum, die Reallohnverluste aufgrund der hohen Inflation auszugleichen.
Doch in den kommenden Tarifauseinandersetzungen dürfte Arbeitszeit zum entscheidenden Faktor werden – etwa im öffentlichen Dienst. Im ÖPNV-Arbeitskampf fordert die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi bereits jetzt ebenfalls 35 Stunden pro Woche.
Andere Gewerkschaften übernehmen die Forderung
Ironischerweise gibt der Arbeitskräftemangel den Gewerkschaften nun die Kraft, ihre Uralt-Forderung in vielen Branchen durchzusetzen, nachdem die 35-Stunden-Woche bisher vor allem in der Industrie Realität ist.
Wirtschaftsminister Robert Habeck findet das gar nicht gut. Der Grünenpolitiker verweist auf 700.000 offene Stellen und wünscht sich eher ein höheres als ein geringeres Arbeitsvolumen, damit Deutschlands Wirtschaft aus der Stagnation kommt. Aus seiner Sicht verständlich, nur gilt in Deutschland Tarifautonomie.
Arbeitsverdichtung löst Fluchtgedanken aus
Unternehmen und Politik sind zudem nicht ganz unschuldig daran, dass die Beschäftigten die Lust an der Arbeit verlieren. In vielen Berufen ist die Arbeit inzwischen enorm verdichtet.
Assistenzen gibt es in vielen Abteilungen nicht mehr. Verwaltung und Korrespondenz machen die Mitarbeiter dank der passenden Software selbst. Wer auf dem Weg zum Termin ist, arbeitet weiter – per Messenger und Handy ist man ja erreichbar.
Die Digitalisierung hat das Arbeitsleben viel effizienter gemacht. Doch das hat nicht zu weniger Arbeit geführt, sondern zu weniger Pausen. Kein Wunder, dass da Fluchtgedanken aufkommen.
Wenn Beschäftigte nun kürzere Arbeitszeiten verlangen, fordern sie eine Beteiligung an den Effizienzgewinnen ein. Das ist nachvollziehbar.
Zugleich haben viele Menschen das Gefühl, dass sich Arbeit immer weniger lohnt. Mit Lohnarbeit lässt sich in Großstädten kaum noch ein Eigenheim finanzieren.
Die Abgabenlast auf die Arbeit ist sehr hoch, auch um die üppigen Renten zu finanzieren. Eine funktionierende Kinderbetreuung hat der Staat bis heute nicht aufgebaut. Wer will Beschäftigten mit jungen Kindern den Wunsch nach weniger Wochenstunden da verdenken?
Mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Ausgerechnet der Männerverein GDL hat nun die 35-Stunden-Woche durchgesetzt. Für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann sie zum Gamechanger werden.
Auf fünf Tage umgerechnet ergibt das sieben Stunden Arbeit pro Tag – sagen wir von neun bis 16 Uhr. So wird es plötzlich denkbar, dass beide Elternteile Vollzeit arbeiten.
Wenn vor allem Frauen weniger Teilzeit arbeiten, muss das Arbeitsvolumen trotz 35-Stunden-Woche nicht sinken. Gut ist auch, wenn Beschäftigte wie jetzt bei der Bahn gegen mehr Gehalt länger arbeiten dürfen. Politik und Wirtschaft sollten passende Lösungen ermöglichen, statt den Beschäftigten mangelnde Leistungsbereitschaft vorzuwerfen.
Der Arbeitskräftemangel ist nämlich real. Denn bis 2036 gehen laut Statistischem Bundesamt knapp 13 Millionen Beschäftigte in Rente. Ein gewaltiger Verlust, den die nachkommenden geburtenschwachen Generationen nicht ausgleichen können.
Auch wenn mancher mit etwas Wehmut auf die analoge Zeit zurückblicken mag, kann sich Deutschland altmodisches Arbeiten deshalb nicht mehr leisten. Ausgerechnet an der staatlichen Verwaltung ist die Digitalisierung bisher weitgehend vorbeigegangen.
Die Zettelwirtschaft muss ein Ende haben. Auch viele Vorschriften sind in einem Land mit schwindender Arbeitskraft nicht mehr verhältnismäßig.
Es kann nicht sein, dass jeder Bauantrag jahrelang Fachkräfte bindet – in den Unternehmen wie in den Behörden. Um unser Arbeitskräfteproblem zu lösen, gehört vor allem die Bürokratie auf den Prüfstand.