ADHS – hab ich doch auch, oder? – Seite 1

Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 20/2025.

Starten wir doch mit einem Selbsttest. Dazu ein paar Fragen, antworten Sie bitte entweder mit niemals (0 Punkte), selten (1), manchmal (2), oft (3) oder sehr oft (4):

  • Wie oft haben Sie Probleme, die letzten Details Ihres Projekts zum Abschluss zu bringen, nachdem Sie die herausfordernden Aufgaben erledigt haben?
  • Wie oft haben Sie Schwierigkeiten, Aufgaben anzuordnen und zu priorisieren, wenn Sie ein Projekt erledigen müssen, das viel Organisation erfordert?
  • Wie oft haben Sie Probleme, sich an Termine oder Verabredungen zu erinnern?
  • Wie oft vermeiden Sie oder verzögern Sie den Einstieg in eine Aufgabe, wenn Sie vor einer Aufgabe stehen, bei der sehr viel Denkvermögen gefragt ist?
  • Wie oft sind Ihre Hände bzw. Ihre Füße bei längerem Sitzen in Bewegung?
  • Wie oft fühlen Sie sich übermäßig aktiv oder gezwungen, Dinge zu tun, wie als wären Sie von einem innerlichen Motor angetrieben?

Das war es schon. Zur Auswertung zählen Sie Ihre Punkte zusammen. Haben Sie mindestens fünf Punkte? Dann leiden Sie vermutlich unter ADHS – zumindest behauptet das die Website, auf der dieser Test zu finden ist.

Natürlich ist das Quatsch. Ob Sie ADHS haben, das lässt sich anhand dieses Tests nicht bestimmen. Trotzdem findet man diesen Test im Internet, wenn man nach ADHS-Selbsttests sucht. Es ist nur einer von etlichen durchklickbaren Onlineselbsttests, die binnen weniger Minuten ein Ergebnis versprechen.

Themen rund um die mentale Gesundheit sind im Internet und vor allem in den sozialen Medien extrem verbreitet. Gerade für ADHS und Autismus scheinen sich sehr viele Menschen zu interessieren, zumindest gehören die entsprechenden Hashtags zu den am meisten angeschauten Gesundheitsthemen überhaupt. Ein Problem dabei ist, dass viele der Inhalte Unwahrheiten enthalten oder ein positiv verzerrtes Bild von ADHS wiedergeben, das ergab kürzlich eine Studie. Solche Posts lassen die Störung etwa wie eine liebenswerte Schrulligkeit erscheinen, blenden aber die belastenden Aspekte aus. Oft werden auch Beispiele genannt, die gar nicht sonderlich ADHS-spezifisch sind, sondern fast jeden oder jede abholen.

Sie wollen aufräumen, aber das blinkende Handy lenkt Sie ab? Sie lassen gern mal Schränke oder Schubladen offen? Merken manchmal nicht, wie die Zeit verfliegt? Neigen zum Tagträumen? Sehr verdächtig! Solche Beispiele finden sich etwa auf TikTok. Manche Videos fungieren wie eine Art Sehtest: Wer es zum Beispiel nicht schafft, seinen Blick auf einen bestimmten Punkt zu richten, ohne sich ablenken zu lassen – hat womöglich ADHS. 

Man kann das als skurril abtun. Doch wenn solche Beiträge ganz gewöhnliche Situationen oder Reaktionen auf ADHS zurückführen, kommt Betrachtern womöglich schnell mal der Gedanke – ich also auch?

Ein Jahr warten? Dann lieber ein Selbsttest

Hat jemand diesen Verdacht, ist es grundsätzlich sinnvoll, das zu überprüfen. Denn nur mit einer Diagnose können Menschen therapeutische Hilfe und Zugang zu Medikamenten bekommen. Oder auch einfach endlich eine gesicherte Erklärung für die vielen kleineren und größeren Situationen, in denen sie sich irgendwie anders fühlen. Menschen mit ADHS, die eine Diagnose bekommen haben, sind laut einer Studie im Alltag zufriedener, haben ein höheres Selbstwertgefühl und kommen auch bei der Arbeit besser zurecht.

Der beste Weg zur professionellen Diagnose führt durch eine der speziellen ADHS-Ambulanzen, die oft nur die Diagnostik übernehmen und die Getesteten zur Therapie in Praxen von niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen vermitteln. Nur: Auf einen Diagnostiktermin in solchen Ambulanzen müssen Menschen oft noch deutlich länger warten als auf einen Psychotherapieplatz. Häufig mehr als ein Jahr lang – einige Ambulanzen haben ihre Wartelisten sogar geschlossen. Und niedergelassene Psychotherapeuten oder Psychiaterinnen behandeln die ADHS zwar, vor der Diagnostik schrecken jedoch viele zurück (PDF).

Letztlich könnte der ADHS-Boom in sozialen Medien die Knappheit in der Diagnostik sogar noch verschärfen, warnen Fachleute. Weil schlechte Tests oder Fehlinformationen immer mehr Menschen grundlos grübeln lassen, ob sie auch betroffen sind – und sie das dann eben gern beim Profi abklären möchten.

Wie gut sind Selbsttests?

Man muss fairerweise sagen, dass die meisten Onlineselbsttests etwas ausführlicher sind als die sechs Fragen zu Beginn dieses Textes. Und dass sie, manche mehr, andere weniger, auch auf die verschiedenen Dimensionen von ADHS abzielen, die Aufmerksamkeitsprobleme einerseits und die Hyperaktivität und Impulsivität andererseits. Wie gut sind diese Tests also?

Das kommt ein bisschen darauf an, wen man fragt. Johannes Streif, der selbst ADHS hat und stellvertretender Vorsitzender des Selbsthilfevereins ADHS Deutschland ist, sagt: "Wenn dadurch das Verständnis für das eigene Leiden wächst, dann sind die Tests zielführend." Es sei daher gut, wenn ein Test jemanden dazu anrege, sich damit auseinanderzusetzen, was die Symptomatik im Alltag bedeute. Streif sagt aber auch, dass der Hype um ADHS und die Tests das Störungsbild verwässerten. "Viele Tests übersehen, dass es Leute gibt, die massiv eingeschränkt sind." Alles in allem müsse ein Test, damit er gut sein könne, nah dran sein an der ICD-Symptomatik (siehe Infokasten).

ADHS ist eine klinische Diagnose

Fachleute aus der ADHS-Forschung haben einen etwas anderen Blick auf die Selbsttests. Zum Beispiel Alexandra Philipsen, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Bonn. Die Psychiaterin hat durchaus Verständnis dafür, dass viele Menschen auf solche Tests zurückgriffen, wenn eine professionelle klinische Untersuchung wegen der fehlenden Kapazität gerade nicht möglich ist. Wegen dieses "Nadelöhrs" hätten Selbsttests "eine gewisse Daseinsberechtigung".

Noch dazu verweist Philipsen darauf, dass Selbsttests auch Teil der regulären professionellen ADHS-Diagnostik seien. "Das zeigt, dass Selbstbefragung so verkehrt nicht ist." Doch zum einen kommen in der professionellen Diagnostik andere Tests zum Einsatz, als online zu finden sind. Bei ihnen handelt es sich um spezifische, über Jahre entwickelte Diagnostiktools. Zum anderen machen sie nur einen Teil der Profidiagnostik aus, sie dienen als ein Hinweis von vielen. Und so sagt Philipsen letztlich doch ganz klar: "ADHS bleibt immer eine klinische Diagnose."

Noch kritischer ist der Kinder- und Jugendpsychiater Tobias Banaschewski, stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit. Er hat die deutsche ADHS-Leitlinie koordiniert und sagt: "Es gibt keinen validen Test für die Diagnose ADHS – und Selbsttests schon mal gar nicht." Das bedeutet allerdings nicht, dass die Diagnose ADHS nicht valide gestellt werden kann. Nur könne man die Störung eben nicht anhand bestimmter einzelner Tests diagnostizieren, sagt Banaschewski. Bei einer professionellen ADHS-Diagnostik geht es darum, verschiedene Informationen über eine Person aus unterschiedlichen Beobachtungsquellen zu kombinieren und richtig zu interpretieren.

Was aber tun die Fachleute in den ADHS-Ambulanzen, das ein Test im Internet nicht leisten kann?

Auch die alten Schulzeugnisse kommen auf den Tisch

Das erfährt man zum Beispiel von der Spezialambulanz Adulte ADHS der Marburger Philipps-Universität. Dort beginnt der Diagnostikprozess schon vor dem ersten von insgesamt drei Terminen, erklärt die Psychologische Psychotherapeutin Desirée Schweiger-Wachsmuth, die die Ambulanz leitet. "Schon bei der Terminvergabe sagen wir den Leuten, was sie alles mitbringen sollen. Zum Beispiel alte Grundschulzeugnisse oder andere Unterlagen, aus denen wir etwas über ihre Person erfahren." Ein Lebenslauf sei auch nicht schlecht, weil der bei Menschen mit ADHS häufig "so querbeet" sei. Sie wechseln zum Beispiel häufiger den Job oder tendenziell auch die Partnerin, den Partner und ziehen öfter um.

"Viele Menschen wollen auch ihre Onlineselbsttests mit in die Diagnostik bringen", sagt Schweiger-Wachsmuth. "Aber wir gucken uns die gar nicht an, weil wir unsere eigenen, professionellen Verfahren haben."

Der erste Termin ist ein eineinhalbstündiges Gespräch. "Wir fragen erst mal ganz offen, warum jemand überhaupt gekommen ist, und sehen schon mal, worum es den Leuten geht", sagt Schweiger-Wachsmuth. Die Leute erzählten von ihren Symptomen und wie es ihnen gehe in Beruf, Beziehung oder mit den Kindern. Ob es Probleme gebe im Alltag oder welche Hobbys und Vorlieben sie haben. Ob sie Alkohol, Zigaretten, Drogen konsumieren. Und, ganz wichtig, wie sie aufgewachsen sind. "Es gibt hier und da immer wieder Punkte, bei denen man einschätzen kann, ob das ein typisches Anzeichen für eine ADHS ist oder eben nicht", sagt Schweiger-Wachsmuth. "Deswegen machen wir die Anamnese so ausführlich."

Anschließend schauen sich die Diagnostiker mit den Menschen die alten Schulzeugnisse an. "Uns interessieren besonders die Kopfnoten und der Freitext im ersten Schuljahr", sagt Schweiger-Wachsmuth. Sozialverhalten, Arbeitsverhalten, so was. "Alles, was drei oder schlechter ist, ist auffällig. Denn üblicherweise sind das die Noten, die bei Kindern eher gut sind." Außerdem interessiert die Fachleute, ob jemand als Kind die Schule gewechselt oder Mobbing erfahren hat, denn Kinder mit ADHS ecken in der Schule häufig an.

Schließlich, immer noch erster Termin, steht ein ausführliches diagnostisches Interview an. Zum Ende bekommen die Getesteten eine Handvoll Fragebögen mit. Manche können sie selbst ausfüllen. In anderen sollen Partner oder Freunde sie einschätzen. Ist das Verhältnis zu den Eltern gut, könnten auch sie eine Einschätzung geben. Nicht selten seien Eltern aber voreingenommen, sagt Schweiger-Wachsmuth, denn wenn das eigene Kind ADHS habe, hätten sie es ja womöglich auch.

Ist es wirklich ADHS? Wie geht es weiter?

Beim zweiten Termin steht ein Computertest an. Auf dem Bildschirm sehen die Teilnehmenden fortlaufend vier verschiedene Symbole – blauer oder roter Kreis, blaues oder rotes Viereck – und sollen entscheiden, ob das gerade gesehene Symbol identisch zum vorherigen ist oder nicht. Während sie auf den Bildschirm schauen und auf Tasten drücken, misst eine besondere Kamera ihre Bewegungen. Damit können die Diagnostiker Rückschlüsse auf Aufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität ziehen.

Zum dritten und letzten Termin – alle Termine finden möglichst binnen zwei Wochen statt – führen die Fachleute in Marburg ein letztes Interview mit den Patienten. Sie prüfen, ob eventuell andere psychiatrische Störungen oder Erkrankungen bestehen. Aufmerksamkeitsprobleme oder Stimmungsschwankungen etwa können sowohl bei ADHS als auch bei Depressionen auftreten – die Fachleute müssen klären, was zutrifft oder ob eventuell sogar beides vorliegt.

Dann besprechen die Experten die Ergebnisse mit den Teilnehmenden. "Wir schauen, was gut ins Bild passt und was eher nicht, und teilen unsere Einschätzung, ob eine ADHS vorliegt", sagt Schweiger-Wachsmuth. "Und vor allem besprechen wir, wie es weitergehen kann." Soll die ADHS behandelt werden? Mit Medikamenten, Psychotherapie oder beidem? Wo bekommen die Menschen was davon her?

Alles, was die Fachleute in der Marburger Spezialambulanz tun, entspricht den Behandlungsleitlinien von ADHS. Es dürfte so oder so ähnlich in den allermeisten anderen Ambulanzen im Land ablaufen. Bei Kindern unterscheidet sich die Diagnostik ein wenig. Da erheben die Diagnostiker noch einige weitere Sachen mit, machen eine breitere Diagnostik. Außerdem muss neben den Eltern auch eine Lehrerin oder ein Lehrer den Fremdbeobachtungsfragebogen ausfüllen.

Am Ende kommen Schweiger-Wachsmuth und ihre Kollegen gar nicht so selten zu dem Schluss, dass keine ADHS vorliegt. "Manchmal ist das schwierig, wenn die Leute darauf beharren, dass es ADHS sein muss, weil der Selbsttest das ja ergeben habe", sagt die Psychotherapeutin. "Manche Menschen sind so davon überzeugt, dass die ADHS schon ein Teil ihres Selbstbildes geworden ist. Wenn ich dann sage: 'Nein, das ist es gar nicht', dann ist das für einige so, als würde ich ihnen einen Teil ihres Selbst wegnehmen."