Es gibt nur wenige Thesen, die in den vergangenen Monaten und Jahren so häufig wiederholt wurden, wie die, dass die Menschen in Deutschland zu wenig arbeiten würden. Ist ja auch verlockend, schließlich steckt das Land in einer Wirtschaftskrise, und da braucht es einen Schuldigen. Einer, der nicht aus der Politik kommt, die seit Jahrzehnten zu wenig in die Infrastruktur investiert. Und bitte auch niemanden, der in der Chefetage der Auto- oder Stahlindustrie sitzt und strategische Fehlentscheidungen getroffen hat. Bleibt also nur einer übrig: der faule Arbeitnehmer!
Praktischerweise gibt es zu diesem Narrativ Erhebungen, die vermeintlich
als Beleg dienen. Demnach arbeiten die Deutschen im internationalen Vergleich
zu wenig – und sogar historisch betrachtet immer weniger. Das klingt
alarmierend und lässt sich leicht in Talkshows zitieren – ist aber kein
seriöser Beleg, sondern Polemik.
Vergleiche, die nicht dazu taugen
Beginnen wir mit der neuesten Auswertung des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft, die in den vergangenen Tagen häufig zitiert wurde. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beziehen sich auf OECD-Daten und beschreiben ihre Erkenntnisse so: "Griechen arbeiten 135 Stunden im Jahr mehr als Deutsche."
Klingt eingängig, plakativ, eignet sich für Sonntagsreden. Nur:
Arbeitsmarktexperten raten davon ab, diese Vergleiche zu ziehen. Die OECD selbst
merkte in der Vergangenheit an, dass ihre Daten nicht für einen Vergleich
dienen. Denn erstens werden die Arbeitsstunden in den jeweiligen Ländern
unterschiedlich erhoben und berechnet. Zweitens ist es wenig sinnvoll,
Arbeitsmärkte miteinander zu vergleichen, die völlig unterschiedlich sind.
Schließlich kann man die Arbeitsbedingungen in Chile, Dänemark oder der Türkei
(alles OECD-Staaten) nicht mit denen hierzulande gleichsetzen.
Verzerrte Darstellungen
In dem Zusammenhang wird häufig ein weiterer alarmierender Wert genannt – den der geleisteten Wochenstunden. Das zu betrachten, klingt auch erst mal sinnvoll, die entsprechenden Daten liefert das Europäische Statistikamt. Demnach arbeiten Beschäftigte in Deutschland durchschnittlich 34 Stunden in der Woche. Das ist weniger als früher und wird international nur noch von Dänemark und den Niederlanden unterboten.
Doch auch diese Statistik eignet sich nicht für den Vergleich. Denn in
Deutschland gibt es einen Effekt, der die durchschnittliche Wochenarbeitszeit
verzerrt. Hierzulande arbeiten zunehmend mehr Frauen, deutlich mehr als in
anderen Ländern.
Der Teilzeiteffekt
Was eigentlich eine gute Nachricht ist, führt in der Auswertung zu folgendem Effekt: Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der alle Männer 40 Stunden arbeiten und die Frauen gar nicht. Das würde in der Statistik bedeuten: Die Deutschen arbeiten im Schnitt 40 Stunden in der Woche. Stellen Sie sich nun eine Gesellschaft vor, die der unseren näher kommt: Männer arbeiten 38 Stunden, Frauen 30. In der Statistik sieht man dann: Die Deutschen arbeiten im Schnitt nur 34 Stunden in der Woche.
Mit genau dieser Verzerrung entsteht der Eindruck, dass die Menschen in Deutschland weniger arbeiten als etwa in Griechenland, Italien oder Spanien. In der Realität ist es aber so, dass in Deutschland insgesamt gleich viel oder mehr gearbeitet wird, da es dort weniger klassische Hausfrauen gibt als in diesen Ländern.
Deutschland müsste also, um in der Statistik aufzusteigen, dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen gar nicht arbeiten, die anderen dafür aber in Vollzeit. Insgesamt müsste also weniger gearbeitet werden, um bei dem Vergleich besser dazustehen. Genau das ist ja aber nicht das Ziel.
Parameter, die wirklich wichtig sind
Andere Studien zeigen hingegen, wie viel in Deutschland tatsächlich gearbeitet wird. Wirklich relevant für die Volkswirtschaft sind zwei Parameter: Wie viele Menschen in Deutschland arbeiten und wie viel insgesamt geleistet wird.
Betrachtet man die Zahl der Erwerbstätigen, zeigt sich in Deutschland etwas Erfreuliches: Sie war noch nie so hoch wie im vergangenen Jahr und lag bei 46,1 Millionen Menschen. Die Zahl steigt seit dem Jahr 2006 kontinuierlich an, nur unterbrochen von den Jahren der Pandemie. Das liegt an Frauen, die immer häufiger erwerbstätig sind und an Menschen, die aus dem Ausland kommen und sich hier einen Job suchen.
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Besonders wichtig ist auch die Zahl der insgesamt geleisteten
Arbeitsstunden. Sie erreichte laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung im vergangenen Jahr 61,3 Milliarden (PDF) Stunden – ein seit Jahren
konstant hoher Wert. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung wurde
in Deutschland zuletzt sogar so viel gearbeitet wie noch nie. Bleibt die Frage, weshalb die Wirtschaft
trotzdem nicht läuft.
Deutschland hat strukturelle Probleme
Das wiederum liegt an vielen Faktoren, die strukturell sind und für die der einzelne Arbeitnehmer nichts kann. Etwa an fehlenden Innovationen und Investitionen. Zu viel Bürokratie. Oder daran, dass die Demografie zu einem Personalmangel führt und Arbeit in Deutschland vergleichsweise hoch besteuert wird.
An all dem sollte gearbeitet werden, etwa indem der Staat mehr für die
Infrastruktur ausgibt und Unternehmen effizienter organisiert werden. Und ja,
man kann in Zeiten schlechter Wachstumsprognosen durchaus mehr Arbeitsstunden
fordern.
Mehr Arbeitsstunden sind möglich
Dazu wäre es sinnvoll, die Arbeitszeit von Frauen weiter zu erhöhen. Das ginge, indem man Minijobs abschafft, damit mehr Frauen in reguläre Teilzeitstellen wechseln. Oder indem man das Ehegattensplitting reformiert, sodass es sich für Frauen finanziell lohnt, mehr zu arbeiten. Um das zu erreichen, könnte man auch die Steuern für Gering- und Mittelverdiener senken. Oder einen steuerfreien Bonus für alle schaffen, die ihre Arbeitszeit aufstocken wollen.
Doch diese Mehrarbeit geht nur, wenn die Bedingungen dafür geschaffen werden. Wenn bezahlbare Betreuungszeiten in Schule und Kita möglich werden. Oder wenn die Regierung tatsächlich ihren Plan umsetzt und Familien mit kleinen Kindern Alltagshelfer mitfinanziert. Es gäbe durchaus die Möglichkeit, für mehr Arbeitsstunden zu sorgen. Nur eines hilft dabei sicher nicht: So zu tun, als wären die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland faul.
240 Kommentare
Tolle Mann
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Die Unternehmens Gewinne steigen, die Real Löhne sinken, der DAX auf höchst Stand und die Deutschen sind ein faules Volk. Irgendwas passt hier nicht…
Schrillundschwungvoll
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"Ist ja auch verlockend, schließlich steckt das Land in einer Wirtschaftskrise, und da braucht es einen Schuldigen. Einer, der nicht aus der Politik kommt(...). Und bitte auch niemanden, der in der Chefetage der Auto- oder Stahlindustrie (...). Bleibt also nur einer übrig: der faule Arbeitnehmer!"
Und natürlich die Ausländer und Bürgergeldempfänger*innen nicht vergessen!
Runkelstoss
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Diese Klage ist so alt wie die Lohnarbeit, eigentlich noch aelter, schon die roemischen Schriftsteller der Antike klagen ueber faule Sklaven.
Merke, je aermer, desto fauler.
Kann man schon bei Oliver Twist nachlesen
Der Pauper ist faul, hat zuviel Sex und betet nicht genug.
Die letzten beiden Kritiken sind aus der Mode gekommen, der Vorwurf der Faulheit nicht.
Die Beschäftigten in Deutschland haben im vergangenen Jahr einem Medienbericht zufolge 1,3 Milliarden Überstunden geleistet
Mehr als die Hälfte davon sind jedoch unbezahlt. Das zeigen laut einem Medienbericht Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung..
Das sind über 430 000 unbezahlte Mannjahre.
Reden wir mal darüber.
KessyMace
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Und was bei all dieser Diskussion hinten runterfällt, sind die unaufgeschriebenen Überstunden, die zumindest in den außertariflichen Branchen mehr als üblich sind. Was habe ich schon über mehrere Wochen im Jahr 45/50/60/70h die Woche gearbeitet und nur 40 aufgeschrieben, immer mit dem Verweis meines Chefs "Wir finden dafür einen Ausgleich" (Funfact: Findet sich nie, also nie zugunsten des AN). Interessiert niemanden, auch wenn es immer anders behauptet wird. Bei Vertrauensarbeitszeit vertraut der AG darauf, dass AN sich nicht beschwert.
Andreas45H
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Schade, dass man diesen wirklich guten Artikel gewissen Politikern nicht in Dauerschleife vorspielen kann.
abulafiaX
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Was mir bei dieser wiederkehrenden Diskussion immer wieder aufstößt, ist ein übler Kategorienfehler, der bei der Engführung von Arbeitszeit und Faulheit begangen wird. Denn Faulheit und Arbeitszeit sind Dinge, die in verschiedene Schubladen gehören, die darum auch überhaupt nicht miteinander korrelieren müssen – weder positiv noch negativ.
Nur weil jemand jede Woche 50 Stunden auf Arbeit ist, muss diese Person nicht fleißig sein. Und nur weil jemand 60 Stunden die Woche schuftet, muss das Ergebnis nicht notwendigerweise gewinnbringend sein. Die Gleichung "Erhöhung der Arbeitszeit = Steigerung der Produktivität" funktionierte allenfalls (wenn überhaupt) in einer Arbeitswelt, in der es ein Heer an Arbeitnehmer:innen gab, die den ganzen Tag Schrauben festgezogen haben, die eine Smith'sche Stecknadel nach der anderen produzierten. Diese Zeiten sind passé.
Ikarus95
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Bitte nicht noch weitere derartige Artikel, sonst hinterfragen die Leute womöglich noch die heilige Schuldenbremse...*Ironie off*
Die für ein Industrieland wie Deutschland schlechte Infrastruktur kostet derart viel, das kann man mit Arbeit gar nicht wieder ausgleichen, so einfach ist das. Und um das nicht eingestehen zu müssen, sind jetzt die Deutschen, oder die "junge" Generation Schuld.
Passt wunderbar ins selbstgefällige und sehr empathielose Weltbild vieler Babyboomer. Löst kein Problem, aber man gewinnt Wahlen.
Temporalität
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Ich denke, wenn die verschiedensten Betrachtungsweisen zum gleichen Ergebnis kommen, dass in Deutschland jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt immer weniger als früher und weniger als in anderen Nationen arbeitet, hilft es wenig pauschal zu diskreditieren mit der Aussage, dass man das nicht vergleichen könne.
Die durchschnittliche Jahresarbeiszeit war vor 50 Jahren 50% höher als heute https://www.sozialpolitik-aktuell.de/files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Arbeitsmarkt/Datensammlung/PDF-Dateien/abbIV3.pdf
Ich denke, ohne konkreten Beleg gibt es wenig Grund, zu glauben Deutschland sei mit Deutschland nicht vergleichbar.
Auch im Vergleich mit anderen Ländern gibt es weltweit keines, in dem durchschnittlich weniger Stunden gearbeitet wird.
https://www.connexion-emploi.com/de/a/deutschland-oder-frankreich-wo-wird-am-meisten-gearbeitet
Dass die Summe der geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland nicht rückläufig ist, liegt am beständigen Zustrom von ausländischen Arbeitskräften nach Deutschland, die die abnehmende durchschnittliche Stundenzahl der Einzelnen kompensiert.
https://www.sozialpolitik-aktuell.de/files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Arbeitsmarkt/Datensammlung/PDF-Dateien/tabIV46.pdf