"Von dem vielen Brot bekam ich Bauchschmerzen" – Seite 1
Rund 14.000 Menschen arbeiteten 2023 als Au-pairs in Deutschland. Hier berichten drei von ihnen, an welche Gepflogenheiten sie sich erst gewöhnen mussten – und was sie überraschte.
"Deutsche Kinder sind verplanter als italienische"
Federica, 20 Jahre, aus Italien, lebte drei Monate bei einer Flensburger Familie mit Kindern im Alter von einem und vier Jahren.
In meinem Sommer in Flensburg fiel mir auf, dass ein paar Vorurteile über Deutsche stimmen. Sie genießen das Leben nicht so sehr, zumindest nicht so wie wir Italiener. Wir lassen uns oft durch den Tag treiben, gehen hier einen Kaffee trinken, treffen dort spontan Freunde. Meine Gasteltern hatten immer einen Plan, sie waren sehr fokussiert auf ihre Jobs und wenn sie nachmittags zu Hause waren, zählte für sie nur die Familie.
Meine Gastfamilie hatte eine feste Routine, die ich erst lernen musste. Zwischen acht und 16 Uhr war ich für die Kinder verantwortlich, brachte sie zur Kita und spielte mit ihnen. Wenn die Kinder in der Kita waren, machte ich einen Deutschkurs und kümmerte mich um das Haus, räumte auf, schaltete die Spülmaschine an und sortierte das Geschirr ein. Die Familie hatte mich nicht darum gebeten, Dinge im Haushalt zu erledigen. Aber für mich war es selbstverständlich mitzuhelfen. Wenn der Kleine wieder zu Hause war, aßen wir zusammen Mittag, danach legte ich ihn hin.
Manchmal kam es zu kleinen Kommunikationsproblemen. Ich hatte meine Gasteltern nicht richtig verstanden und wusste nicht mehr genau, was an einem Tag anstand, etwa ob ich die Große zur Musikschule bringen sollte. Oder ich fragte mich, wenn meine Gasteltern nachmittags oder am Wochenende zu Hause waren und im Garten arbeiteten, ob ich sie dann noch bei der Kinderbetreuung unterstützen sollte, oder ob sie lieber Familienzeit haben wollten. Die Grenzen waren hier fließend, auch weil ich mich natürlich gerne um die Kleinen kümmerte. Aber in solchen Fällen konnte ich immer nachfragen und wurde nie dafür verurteilt.
Der Familie war es sehr wichtig, dass ihre Kinder viel in der Natur unterwegs waren. Wir fuhren mit dem Bus an den Strand, spielten im Garten oder tobten auf Spielplätzen. Deutschland ist im Gegensatz zu meiner Heimat Sizilien ein grünes Land mit vielen Parks, die Kinder können auf Bäume klettern, durch Büsche streunen und spielerisch die Natur kennenlernen. Das hat mir gut gefallen! Auch die Spielplatzdichte ist wirklich enorm, gefühlt alle fünf Minuten kommt man an einer Rutsche vorbei. Das kenne ich aus Italien nicht. Die Kinder waren am liebsten draußen. Meine Gasteltern achteten auch sehr auf die Medienzeit der Kinder. Es gab keinen Fernseher im Haus, sie durften auch keine Serien auf dem iPad oder dem Telefon der Eltern gucken. In Italien schauen schon Babys ständig auf Bildschirme, Kleinkinder spielen Videospiele. Dort machen wir uns nicht so viele Gedanken darüber, wie es die Fähigkeiten und Wahrnehmung der Kinder beeinflussen kann. In meinem Sommer in Deutschland bekam ich auch den Eindruck, dass deutsche Kinder verplanter sind als italienische – sei es ein Kurs an der Musikschule oder Treffen mit Freundinnen und Freunden. So lernen sie von ihren Eltern schon früh, Verpflichtungen zu planen, wahrzunehmen und zu bewältigen.
In meiner Heimat sind alle Mahlzeiten wichtig: Frühstück, Mittagessen, Abendessen, immer wird lange und gemeinsam gegessen. Bei meiner Gastfamilie zählte das vor allem beim Abendessen. So nahmen sie sich manchmal nur eine Scheibe Brot zu Mittag. Ich komme ohne richtiges Mittagessen gar nicht durch den Tag. Wenn ich unter der Woche allein war, kochte ich daher immer für mich und den Kleinen. Toll war, dass meine Familie viele unterschiedliche Gerichte zubereitete. Mit ihnen aß ich das erste Mal thailändisch oder indisch. Einmal erzählte ich, dass ich gerne Kürbissuppe probieren würde – drei Tage später, da hatte ich es schon wieder vergessen, stand eine Kürbissuppe auf dem Tisch.
Als ich nach drei Monaten zurück nach Italien ging, war ich traurig. Wenn mein Psychologiestudium nicht weitergegangen wäre, wäre ich noch länger geblieben. Ich fühlte mich dort wohl, meine Gastmutter und ich waren echte Freundinnen geworden, die ältere Tochter, die ich am Anfang nur schlecht verstand, hat mir meine ersten Worte Deutsch beigebracht. Nun bin ich zurück in meinem Zimmer, ohne Kinder, die um mich herumwuseln. Ich vermisse sie.
"Alle bedanken sich für die allerkleinste Kleinigkeit"
Hilman, 22 Jahre alt, aus Indonesien, lernte nach der Schule Deutsch und kam über eine Internetwerbung darauf, Au-pair in Deutschland zu werden. Auf der Insel Fehmarn kümmerte er sich um ein einjähriges Kind.
Ich habe drei Monate gebraucht, um richtig anzukommen. Besonders schwer fiel es mir, mich an die unterschiedliche Esskultur anzupassen. In Indonesien essen wir dreimal am Tag Reis. Bei meiner Gastfamilie wurde nur mittags warm gegessen und von dem vielen Brot bekam ich Bauchschmerzen. Meine Gastmutter bot mir immer an, abends zu kochen, ich hätte mir jederzeit eine Schale Reis zubereiten können. Aber ich wollte richtig eintauchen in das deutsche Leben und aß Brot, Brot, Brot. Nach einem Vierteljahr hatte sich mein Körper daran gewöhnt.
Über die Deutschen hört man immer, sie seien zurückhaltend, ein bisschen kalt und nicht so freundlich. Ich habe genau das Gegenteil erlebt, meine Gastmutter war immer hilfsbereit und für mich da, auch im Supermarkt oder auf der Straße grüßten die Menschen nett. Und es wird viel gelacht. Als ich an einem meiner ersten Tage einen Teller spülen wollte, zeigte mir meine Gastmutter die Spülmaschine. In Indonesien waschen wir nur mit der Hand ab. Ich stellte meinen Teller hinein und schaltete sie gleich an. Meine Gastmutter musste laut lachen und erklärte mir dann, dass man die Maschine erst anstellt, wenn sie voll befüllt ist.
Ich unterstützte sie auch im Haushalt, während der Kleine in der Kita war. Ich fegte und wischte, manchmal putzte ich die Fenster. Aber die Betreuung ihres Sohnes war das Wichtigste, wir gingen zusammen ans Meer oder auf den Spielplatz, schauten uns Bücher an oder machten Musik. Meine Gastmutter hat ihren Sohn viel ausprobieren lassen, er durfte etwa unter Aufsicht mit einem Messer hantieren und in der Küche Lebensmittel klein schneiden. Sie hat ihm vorher erklärt, dass es gefährlich ist und er gut aufpassen soll und ihn nicht allein gelassen. Ich hatte währenddessen trotzdem immer große Angst, dass er sich verletzt. Sie hat mich immer ermutigt, dass ich ihn auch gerne Dinge ausprobieren lassen kann, aber ich wollte unter keinen Umständen, dass ihm etwas passiert, wenn ich für ihn verantwortlich bin.
Meiner Gastmutter war es wichtig, dass wir alle Mahlzeiten zusammen einnehmen. Bei uns in Indonesien ist das viel lockerer, jeder schnappt sich eine Schüssel Reis und dann isst der eine vor dem Fernseher, der andere in der Küche und wieder ein anderer am Esstisch. Ich fand das abendliche Zusammensitzen auf Fehmarn gemütlich, es erzählen alle von ihrem Tag, und es ist ein schönes Abendritual. Auch auf Höflichkeit wird hier viel Wert gelegt oder diese anders gelebt. Meine Gastmutter und alle anderen Bekannten und Freunde bedanken sich viel, selbst für die allerkleinste Kleinigkeit. Darüber wunderte ich mich am Anfang, denn in meiner Heimat lassen wir meistens Gesten sprechen. In meiner Familie ist es beispielsweise üblich, das muss aber nicht in jeder indonesischen Familie so sein, dass wir uns bei meiner Mutter nicht für das leckere Essen bedanken müssen. Wenn wir uns ein zweites Mal etwas auftun, weiß sie, dass wir darüber glücklich und ihr dankbar sind.
Ich habe in Deutschland eine zweite Heimat gefunden. Vor ein paar Wochen habe ich in Bremen ein duales Studium begonnen, lebe in einer WG und fühle mich sehr wohl. An was ich mich immer noch etwas gewöhnen muss, ist die Helligkeit im Sommer. In Indonesien scheint die Sonne zwölf Stunden am Tag, dann ist es dunkel. Hier in Deutschland ist es im Sommer teilweise bis 21 Uhr hell. Natürlich ist das schön, aber an Schlaf ist dann für mich nicht zu denken. Auch die Mülltrennung in Deutschland ist für mich schwer zu verstehen. Anfangs dachte ich, dass bestimmte Papierarten in den Papiermüll gehören, aber tatsächlich muss ich diese in den Restmüll oder den Gelben Sack werfen. In diesen Dingen muss ich definitiv noch viel lernen.
"Erst gibt es Regeln, und dann lösen wir sie wieder auf?"
Beatriz, 27 Jahre alt, aus Brasilien, ist ausgebildete Pädagogin. Da sie als Kindergärtnerin in Brasilien nicht gut bezahlt wird, startete sie Anfang 2023 als Au-pair bei einer Familie mit zweijährigen Zwillingen in Berlin.
Bevor ich nach Deutschland flog, war ich auf Instagram und TikTok ein paar jungen Frauen gefolgt, die aus ihrem Au-pair-Alltag in Deutschland berichteten. Aber jede machte so unterschiedliche Erfahrungen, dass ich nicht genau wusste, was mich erwarten würde. Ich ahnte, dass es schwerer werden würde, neue Kontakte in Deutschland zu knüpfen, weil Deutsche im Gegensatz zu uns Brasilianern anfangs immer etwas verschlossener sind. Und ich wusste, dass es wesentlich kälter als in meiner Heimatstadt Rio de Janeiro werden würde.
So musste mir meine Familie am ersten Abend gleich erklären, wie die Heizung in ihrem Haus funktioniert. Ich hatte noch nie eine bedient. Eines Abends lag ich auf meinem Bett und hörte plötzlich ein Feuerwerk. Ich bekam einen Riesenschreck und rannte zu meinen Gasteltern, die noch auf der Couch saßen und fernsahen. "Was ist da draußen los?", fragte ich sie. "Ist das eine Schießerei, ein Krieg oder etwas anderes?" Ein Feuerwerk in den brasilianischen Ghettos bedeutet, dass die Polizei in die Favelas eindringt und gegen die Banden kämpft, die sie kontrollieren. Meine Gasteltern versicherten mir, dass es sich nur um ein Feuerwerk handelte und vielleicht eine Party stattfand.
Mit meinen Gasteltern und den Zwillingsmädchen verstand ich mich sofort sehr gut, es war ein echtes Match. Das lag auch an unseren Videoanrufen im Vorfeld, in denen wir besprochen hatten, was für uns im Zusammenleben zählt. Den Eltern der Zwillinge war es wichtig, dass ich mich unabhängig um die Kinder kümmere. Ich machte sie morgens fertig für den Tag, danach brachten wir die Kleinen gemeinsam in die Kita. Vormittags absolvierte ich einen Intensiv-Deutsch-Kurs. Nach der Kita spielte ich mit den Kindern, wir waren frei zu tun, was wir wollten, ob wir in den Garten oder auf den Spielplatz gingen. Wir hatten eine gemeinsame Tagesroutine und die Eltern vertrauten mir und meinen pädagogischen Fähigkeiten.
Was mir sofort auffiel war, dass die Mutter der Zwillinge häufiger etwas durchgehen ließ. Einmal regnete es am Morgen und die Mädchen sollten Regenjacken und -hosen sowie Gummistiefel anziehen. Aber sie quengelten, dass sie keine Lust darauf hatten. Ich versuchte sie zu überzeugen, erklärte ihnen, dass es wichtig sei, warm eingepackt zu sein, damit sie nicht krank würden. Am Ende zogen sie die Kleidung an, als sie aber ihre Mama sahen, fingen sie wieder an zu schreien und ihre Mutter sagte: "Okay, dann setzt euch ohne Regensachen ins Auto." Später sprach ich meine Gastmutter darauf an und erklärte ihr, dass ich mit diesem Ansatz nicht einverstanden war. Erst gibt es Regeln und dann lösen wir sie wieder auf? Wie soll ein Kind das verstehen? Meine Gastmutter verstand mich und entschuldigte sich, sie war immer sehr nett und hatte ein offenes Ohr für neue Ideen. Wir waren eine Familie und konnten frei miteinander sprechen, ohne uns böse zu sein.
An manche Gepflogenheiten in Deutschland musste ich mich gewöhnen. Etwa, dass man nach dem Duschen die Glasscheibe abzieht, damit sich keine Kalkflecken bilden. Ich finde das sehr ungemütlich – ich dusche lange und warm und dann muss ich nass in der Kälte die Scheibe reinigen. Auch dass in Deutschland wesentlich weniger Fleisch als in Brasilien gegessen wird, ist mir aufgefallen. In meiner Heimat esse ich jeden Tag Fleisch, vor allem das Abendessen zelebrieren wir zusammen und kochen groß. Hier in Deutschland wird allgemein abends oft Brot gegessen, das esse ich nicht gern.
Nachdem ich acht Monate bei der Familie gelebt hatte, bekam ich die Chance, einen Bundesfreiwilligendienst in München zu absolvieren. Ich fragte meine Gasteltern, ob es in Ordnung sei, wenn ich sie früher verlassen würde. Sie unterstützten mich, weil sie wussten, was für eine tolle Gelegenheit es für mich war. Mein Gastvater fuhr mich nach München, half mir beim Umzug. Heute, mehr als ein Jahr später, mache ich eine Ausbildung zur Erzieherin und bin sehr glücklich. Das habe ich auch meiner Gastfamilie zu verdanken, und ich kann es kaum erwarten, sie wieder zu besuchen.
155 Kommentare
Lupo_1977
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Muss man denn einen Artikel, in dem 3 Leute beschreiben wie toll es in Deutschland für sie war, so negativ zusammenfassen?
"Schon Kinder haben durchgetaktete Wochen, man soll sich für alles bedanken – aber das Mittagessen muss man sich selber kochen: Was Au-pairs in deutschen Familien erleben."
Das vermittelt einen völlig falschen (negativen) Eindruck von dem was im Artikel eigentlich steht.
Generiert das mehr Clicks? Lesen Leute eher Artikel in denen schlechte Nachrichten versprochen werden?
Traurig.
QueenMary
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Schön mal was Positives zu lesen. Land und Leute kommen ja ganz gut weg, wer hätte das gedacht.
Pommeranze
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Das Abziehen von Duschwänden ist mir auch sehr fremd, ich werde nie verstehen, wie man sich so ein Glarglasteil ins Bad stellen kann :)
Kardo
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Warum wird der Beitrag so negativ angekündigt, die waren doch sehr positiv?
A.-B.
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Überschrift und Inhalt: kein Match.
ddlsmb
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Das mit der Duschscheibe abziehen verstehe ich auch als Eingeborener nicht, das mit den Kalkflecken ist völlig überbewertet.
Jhn1992
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Deutsche und ihre Brotsucht.... Ein deutsches Abendessen ist in der Tat häufig eine sehr, sehr traurige Angelegenheit
Snowcrystal
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Drei sehr sympathisch wirkende Menschen.