Was das Grundeinkommen wirklich verändert – Seite 1

Als das Grundeinkommen nicht mehr auf ihrem Konto einging, bemerkte es Samira Korves erst gar nicht. "Ich brauchte das Geld einfach nicht mehr", sagt sie. Drei Jahre lang erhielt die Schwimmlehrerin 1.200 Euro im Monat – einfach so, bedingungslos. Von 2021 bis 2024 war Korves Testperson eines Pilotprojekts: Zwei Millionen Menschen hatten sich beworben, 122 bekamen die Summe monatlich überwiesen und wurden dabei von Wissenschaftlern begleitet. 

Zwar vermisse sie das Geld nicht, aber es habe ihr geholfen, sagt Korves. Als sie nach der Pandemie wieder Schwimmkurse geben konnte, stellte sie eine Schwimmtrainerin und eine Physiotherapeutin als Minijobberinnen ein. Und sie investierte Geld in Materialien für die Kurse und ein Buchungsportal für die Kunden. Heute seien 20 Leute in ihrem Team, und sie habe fünf Standorte – in Greven, Altenberge, Tecklenburg und zwei in Osnabrück.

Korves ist dankbar für das bedingungslose Geld, steht dem Grundeinkommen aber trotzdem kritisch gegenüber. Sie finde es toll, dass Menschen damit ihre Träume verwirklichen können, frage sich jedoch: "Würden andere das Geld so sinnvoll einsetzen wie ich?"

Erste Ergebnisse

Das Pilotprojekt soll darauf eine Antwort finden. Der Verein Mein Grundeinkommen hat sich dafür mit Wissenschaftlern der Universität Wien, des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zusammengetan. 

Alle sechs Monate haben sie die Teilnehmenden einen Fragebogen ausfüllen lassen: Sie sollten angeben, was sich durch das monatlich garantierte Einkommen für sie verändert hat. Vier Jahre nach dem Start des Projekts werden nun die Erkenntnisse veröffentlicht.

Manches ist erwartbar: Die Empfänger des bedingungslosen Grundeinkommens konnten mehr sparen, konsumieren, Angehörige unterstützen und Geld spenden. Auch fühlten sie sich nach eigenen Angaben weniger gestresst und beurteilten ihre mentale Gesundheit besser als jene, die kein Grundeinkommen erhielten.

Die wichtigste Frage

Doch ein Punkt hat die Wissenschaftlerinnen überrascht: "Keiner von uns rechnete damit, wie viele Menschen trotz des Grundeinkommens weiterarbeiten würden", sagt die Psychologin und Verhaltensforscherin Susann Fiedler. Sie arbeitet an der Universität Wien und hat die Fragebögen für die Probanden erstellt. Bei der Auswertung sei sie verwundert gewesen, dass kein Teilnehmer seine Arbeitszeit reduziert habe. "Wir hatten da auf etwa 20 Prozent getippt", sagt sie.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Samira Korves konnte dank des Grundeinkommens in ihr Geschäft als Schwimmlehrerin investieren.
Samira Korves konnte dank des Grundeinkommens in ihr Geschäft als Schwimmlehrerin investieren. © Louisa Stickelbruck für DIE ZEIT

Auch sei es für sie als Verhaltensforscherin interessant zu sehen, dass sich die Einstellungen der Menschen durch das Grundeinkommen nicht verändert haben. Weder die Risikobereitschaft noch welche Partei sie bevorzugen, hätten sich in den Jahren angepasst. "Es wird kein anderer Mensch aus dem Menschen, nur weil er ein Grundeinkommen erhält", sagt Fiedler.

Mehr Jobwechsel, mehr Weiterbildungen

Vielmehr zeigt die Studie, dass Menschen durch das Grundeinkommen ihre Wünsche umsetzen können. Manche haben sich selbstständig gemacht, andere, wie die Schwimmlehrerin Korves, haben in ihr Geschäft investiert. "Viele Befragte haben ein Studium begonnen oder ihren Job gewechselt", sagt Fiedler.

Mehr Jobwechsel

Wer das Grundeinkommen erhält, ist bei der Jobsuche mutiger.

Anteil der Personen mit Jobwechsel

während der Studiendauer

Gruppe mit Grundeinkommen

Vergleichsgruppe

18 %

12 %

6 %

0,5

1

1,5

2

2,5

3

Start der

Auszahlung

Jahre

Ende der

Auszahlung

©ZEIT-GRAFIK/Quelle: Mein Grundeinkommen e.V.

Bianca Radlbeck aus Bayern zum Beispiel hat das Geld genutzt, um sich beruflich neu zu orientieren. Die gelernte Schweißerin ist zum Start des Pilotprojekts nach München gezogen, um dort Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. "Das Grundeinkommen half mir enorm", sagt Radlbeck. Mit dem Geld habe sie sich ihr teures WG-Zimmer in Schwabing leisten können, knapp 1.000 Euro im Monat. Auch konnte sie ihren Minijob als Kellnerin kündigen, um mehr Zeit fürs Studium zu haben.

Heute ist Radlbeck Bauleiterin für den Ausbau des Fernwärmenetzes bei den Stadtwerken. "Drei Monate lang war ich auf der Suche nach der richtigen Stelle. Mir keine Sorgen machen zu müssen, weil ich ein Grundeinkommen hatte, war toll", sagt Radlbeck. Parallel zu ihrem Job studiert sie weiter und ist in ihrem letzten Master-Semester angekommen. "Ich bin wohl ein gutes Beispiel dafür, dass man trotz des Grundeinkommens nicht faul wird", sagt Radlbeck.

Der ernüchternde Blick in die Studie

Spricht man mit den Teilnehmerinnen Korves und Radlbeck und betrachtet die Studienergebnisse, könnte man von einem erfolgreichen Test sprechen. Doch ein Blick in die Methodik der Studie wirkt eher ernüchternd. Zum Beispiel, wenn es um die gleich gebliebene Arbeitszeit geht. Denn gleichzeitig geben die Teilnehmer an, mit dem Grundeinkommen mehr Schlaf, mehr Freizeit und mehr soziale Kontakte gehabt zu haben.

Das klingt wie ein Widerspruch und zeigt ein Problem: In der Studie geht es nicht um die tatsächlichen Wochenstunden im Job, sondern um die selbst wahrgenommene Arbeitszeit der Teilnehmer. Wer also in Teilzeit gegangen ist, aber nun studiert und für Prüfungen lernt oder mehr im Haushalt arbeitet, kommt auf dieselbe Zahl an Arbeitsstunden, auch wenn er de facto weniger im Job leistet.


Weiter fleißig

Die Zahl der Arbeitsstunden hat sich kaum verändert.

Durchschnittliche

Stundenzahl pro Woche

Gruppe mit Grundeinkommen

Vergleichsgruppe

45

30

15

0,5

1

1,5

2

2,5

3

Start der

Auszahlung

Ende der

Auszahlung

Jahre

Begrenzte Aussagekraft

"Dass das Grundeinkommen keine negativen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat, kann man deshalb nicht behaupten", sagt Dominik Enste, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft. Auch seien 122 Probanden generell zu wenig, um pauschale Aussagen über die Bevölkerung zu treffen. "Die untersuchte Gruppe ist nicht repräsentativ zusammengesetzt", sagt Enste. Unter den Teilnehmenden, die das Grundeinkommen erhielten, waren ausschließlich Menschen ohne Kinder. Alle Probanden waren im Alter von 21 bis 40 Jahren und hatten vor dem Pilotprojekt ein Einkommen zwischen 1.100 und 2.600 Euro im Monat. Laut den Studienmachern sei das nötig gewesen, um eine homogene Gruppe untersuchen zu können.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Wie sich das Grundeinkommen auf Väter und Mütter, Arbeitslose, Rentnerinnen oder Spitzenverdiener auswirken würde, bleibt unerforscht. Enste bemängelt zudem, dass man nicht zufällig ausgewählt wurde, sondern sich bewerben musste. "Das zieht natürlich vor allem Leute an, die dem Grundeinkommen positiv gegenüberstehen", sagt Enste.

Hinzu kommt ein weiterer Effekt, der das Ergebnis verzerrt: "Die Teilnehmer wussten ja die ganze Zeit, dass das Pilotprojekt nach drei Jahren endet", sagt Enste. Das führe dazu, dass niemand ernsthaft entscheide, dauerhaft weniger zu arbeiten oder etwas Grundlegendes zu verändern. Auch habe sich das Geld dadurch eben nicht wie eine staatliche Leistung, sondern wie ein unverhoffter Gewinn angefühlt. 

"Das wäre bei der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das lebenslang ausbezahlt wird, ziemlich sicher anders", sagt Enste. Auch die Wissenschaftlerin Fiedler räumt ein, dass sich der Effekt nicht vermeiden ließe, man habe eben nicht unbegrenzte finanzielle Ressourcen.

Ein Modell, das umstritten bleibt

Die Teilnehmerin Radlbeck würde es trotzdem befürworten, wenn man ein solches unbefristetes Grundeinkommen einführen würde. "Ich halte die Idee für wichtig und glaube, dass die Gesellschaft davon profitieren würde", sagt sie. Doch der Zeitgeist scheint gegen das Grundeinkommen zu sprechen. Zu Beginn des Pilotprojekts war die Arbeitslosigkeit niedriger, der Wirtschaft ging es besser. Heute macht der Staat immense Schulden, muss sparen, ein Grundeinkommen aus öffentlichen Geldern scheint da utopisch.

Kirsten Herrmann hofft trotzdem, dass die Studienergebnisse die Debatte verändern. Sie ist im Vorstand des Vereins Mein Grundeinkommen und glaubt, dass ein solches Modell für alle Menschen in Deutschland finanzierbar wäre: "Mit einer höheren Einkommenssteuer für Besserverdiener, einer Vermögenssteuer, einer Finanztransaktionssteuer und einer CO₂-Steuer wäre das möglich."

Ihr Verein hat dazu 2023 einen Rechner online gestellt – mit dem kann man in wenigen Klicks den Sozialstaat radikal umbauen. Was online einfach geht, wäre in der realen Welt kompliziert. Die Rechnung geht nur auf, wenn alle mit dem Grundeinkommen genauso viel arbeiten wie zuvor, keiner früher in Rente geht und sich bestenfalls niemand ein Sabbatical gönnt. Ökonomen wie Dominik Enste bleiben daher skeptisch. "Das Modell ist nicht seriös finanzierbar", sagt er.

Weiter eine Utopie

Ohnehin stellt sich aktuell die Frage, wie zeitgemäß die Idee des Grundeinkommens noch ist. Diskutierten vor Jahren Menschen ernsthaft über das Konzept und die Frage, ob es zu mehr Selbstverwirklichung führt, wird heute darüber debattiert, ob nicht noch mehr gearbeitet werden kann. Vor einigen Jahren wurde das milde Bürgergeld eingeführt, nun wird es abgeschafft und es werden Sanktionen für Arbeitslose verschärft.

CDU und SPD sind weit davon entfernt, sich mit einem Grundeinkommen zu beschäftigen. Selbst die Linke, die der Idee lange nahestand, hat sich auf ihrem Parteitag dagegen ausgesprochen. Es dürfte also auf absehbare Zeit unrealistisch sein, dass bei Menschen wie Samira Korves und Bianca Radlbeck erneut 1.200 Euro bedingungslos Monat für Monat auf dem Konto landen.

Mitarbeit: Kolja Rudzio