"Trump gab mir seine Nummer. Ich werde anrufen, wenn ich verhindern kann, dass Millionen sterben" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Gates, haben Sie beim Schreiben über Ihre Kindheit neue Erkenntnisse über Ihr Leben gewonnen?

Bill Gates: Ich habe vorher nicht oft zurückgeblickt, weil sich alles so schnell entwickelt hat in meinem Leben. Und ich versuche immer, an der Spitze neuer Entwicklungen zu stehen. Entsprechend ungewohnt war es, an all die Dinge zurückzudenken, die mir passiert sind. Ich hatte schon früh die Möglichkeit, Software zu schreiben, stundenlang habe ich geübt. Und dann geschah in meiner Jugend dieses Wunder: Rechenleistung wurde fast kostenlos, nachdem sie vorher lange unglaublich teuer gewesen war. Das hat mich als jungen, aufgeschlossenen Menschen mit viel Energie in eine wirklich außergewöhnliche Position gebracht, noch bevor ich nach Harvard ging.

ZEIT: Wenn Sie drei Ursachen aus Ihrer Kindheit nennen müssten, die Microsoft und Ihre Karriere ermöglicht haben, welche wären das?

Gates: Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Das einzig schlimme Erlebnis war, als mein bester Freund Kent Evans starb, als ich 16 war. Meine Eltern waren wohlhabend, nicht reich, aber mein Vater verdiente ein sehr gutes Anwaltseinkommen. Dass ich genau die Zeit des Wandels in der Computerwelt erlebte, war unglaublich. Ich frage mich immer, warum andere Leute diese Entwicklung damals nicht gesehen haben, warum sie das nicht auch so fasziniert hat. Es brauchte offenbar einen jungen Geist, um das zu sehen. Ich hatte das Glück, ihn zu haben, dazu meinen mathematischen Verstand und Geschäftssinn, den mein Freund Kent mir half zu entwickeln.

ZEIT: Der Freundschaft zu Kent geben Sie im Buch viel Raum. Er starb sehr jung bei einem Kletterunfall in den Bergen. Warum ist Kent so wichtig in Ihrem Leben?

Gates: Als ich Kent kennenlernte, verhielt ich mich sehr gleichgültig allem gegenüber. Obwohl ich supergut in Mathe war, tat ich so, als wäre es mir egal, welche Noten ich bekomme. Kent war nicht so. Kent war sehr fleißig. Er brachte mich auch dazu, darüber nachzudenken, was wir als Erwachsene einmal werden wollten. Zusammen lasen wir Wirtschaftsmagazine wie Fortune, die ich vorher nicht angeguckt hätte.

ZEIT: Sie schreiben, Sie beide sprachen abends am Telefon stundenlang über Biografien erfolgreicher Menschen ...

Gates: Ich war mehr ein Mathematiker. Kent interessierte sich für alle möglichen Dinge, auch für Politik und Unternehmertum. Die ersten Computerprojekte haben wir zusammen gemacht. Wir haben ein Programm geschrieben, mit dem unsere Schule Stundenpläne erstellen konnte. Kent hat mich sehr geprägt. Ich hatte sehr viel Glück, ihn als Freund zu haben, genauso wie Paul, der mehr über die Hardware nachdachte als ich.

ZEIT: Mit Paul Allen haben Sie später Microsoft gegründet. Sie waren wohl die einzigen Kinder, die zu jener Zeit mit Computern und Software in Berührung kamen. In Ihrer Schule gab es einen Computerraum, und im Alter von 13 Jahren haben Sie für eine IT-Firma gearbeitet. Nachts schlichen Sie sich aus dem Haus, um im Büro das Programmieren zu üben. Was hat Ihnen das Programmieren damals gegeben?

Gates: Ich mochte es, zu wissen, wann ich richtig lag und wann nicht. Mathematik war ein Nervenkitzel für mich, mit den Computern war es ähnlich. Computer sind so direkt. Man schreibt ein Programm, und entweder es läuft, oder es läuft nicht. Das war die ultimative Denksportaufgabe: sich ein elegantes Programm auszudenken, das klein und schnell ist. Meine sozialen Fähigkeiten haben sich erst spät entwickelt. Aber in Gesprächen mit Erwachsenen – meine Mutter schleppte mich auch oft zu Veranstaltungen – war ich fast frühreif. Ich wollte wissen, wie sie die Dinge machten, und stellte viele Fragen, was den Erwachsenen sichtlich gefiel.

ZEIT: Haben Ihre Eltern verstanden, was Sie nachts heimlich am Computer machten?

Gates: Sie hatten natürlich keine Ahnung von Computern. Was ich da machte, war ihnen völlig fremd. Aber sie konnten sehen, dass ich Freude daran hatte, und ließen mich gewähren, weil ich dadurch aufhörte, ihnen das Leben schwer zu machen, und wieder sehr gute Noten schrieb. Nur einmal machten sie sich Sorgen. Ich wollte mein Abschlussjahr an der Highschool aussetzen, um an diesem fantastischen Softwareprojekt für das Stromnetz im Nordwesten der Vereinigten Staaten zu arbeiten. Sie bestanden darauf, sich mit dem Schulleiter zusammenzusetzen.

ZEIT: Was kam dabei heraus?

Gates: Er sagte ihnen, dass ihr Sohn sehr gute Noten schreibt und wahrscheinlich von jedem College angenommen wird. Also ließen meine Eltern mich gehen. Das Projekt war etwa zwei Autostunden von Seattle entfernt. Die Softwareentwickler dort rieten mir, ich solle das Studium einfach überspringen. Das hätten meine Eltern aber nie erlaubt, und es wäre auch schrecklich für mich gewesen.

ZEIT: Später studierten Sie an der Harvard-Universität. Nach etwa zwei Jahren brachen Sie das Studium ab, um Microsoft zu gründen.

Gates: Harvard hat mir wirklich gefallen, und ich brauchte die Zeit, um sozial zu reifen. Es ist nicht so, als wäre ich von dort weggelaufen. Microsoft zu gründen, fühlte sich sehr dringend an. Das überwog einfach den Komfort.

"Ich wünschte, jedes Kind könnte eine Kindheit wie ich haben"

Bill Gates: Bill Gates mit seinem Mitschüler und späteren Geschäftspartner Paul Allen im Computerraum ihrer Highschool in Seattle (1970)
Bill Gates mit seinem Mitschüler und späteren Geschäftspartner Paul Allen im Computerraum ihrer Highschool in Seattle (1970) © Bruce R. Burgess

ZEIT: Sie sagen, dass Sie Ihren Eltern das Leben schwer gemacht haben. Im Buch schreiben Sie, dass bei Ihnen heute wohl Autismus diagnostiziert würde. Woran machen Sie das fest?

Gates: Es gibt verschiedene Begriffe: Autismus, Neurodivergenz, Asperger. Ich bin kein Experte für die genaue Definition. Aber ich war sehr zappelig. Sogar heute fange ich an, mit dem ganzen Körper zu wippen, wenn ich intensiv über etwas nachdenke. Und ich merke nicht einmal, dass ich es tue. Manche Menschen in meinem Umfeld mögen das nicht. Ich war auch sehr langsam in der Entwicklung meiner sozialen Fähigkeiten. Manche Lehrer sagten, ich sei so gut in Mathematik, dass ich eine Klasse überspringen sollte. Andere Lehrer wollten mich zurückstufen, weil es mir schwerfiel, mich im Unterricht zu konzentrieren. Dann kam die Zeit, in der mir klar wurde, dass ich genauso gut denken kann wie Erwachsene und das überstrapazierte. Ich stellte alles infrage: Warum sollte ich einer bestimmten Schlafenszeit folgen? Warum sollte ich euch Respekt zollen? Warum sollte es diese komischen Regeln für dies und das geben? Ich hatte Glück, dass meine Eltern mich dann zu einem Therapeuten geschickt haben.

ZEIT: Das war in den 1960er-Jahren sicher ungewöhnlich.

Gates: Das war tatsächlich sehr ungewöhnlich. Seine anderen Patienten waren alle Paare. Wenn ich im Wartezimmer saß, kamen manchmal streitende Eheleute aus seinem Zimmer. Er hat mir nie gesagt, dass ich ein Syndrom habe. Es gab dafür keinen Namen. Aber er gab mir einige IQ-Tests. Er ließ mich Sigmund Freud lesen. Und nach einem Jahr sagte er so etwas wie: "Dass du gegen deine Eltern kämpfst, ist dumm. Es ist eine Verschwendung deiner Energie. Am Ende wirst du gewinnen, aber nicht weil du schlau bist, sondern weil der Kampf unfair ist. Weißt du, sie lieben dich. Sie sorgen sich um dich." Und als er mir sagte, dass es unfair ist, dachte ich mir: "Gott, okay, ich verstehe."

ZEIT: Hat er Ihren Verstand oder Ihr Herz erreicht?

Gates: Definitiv mein Herz. Er hat mir klar gemacht, dass meine Eltern auf meiner Seite sind und dass ich mich zusammenreißen muss.

ZEIT: Glauben Sie, dass Ihr Leben ohne diesen Therapeuten anders verlaufen wäre?

Gates: Das ist schwer zu sagen. Ich hätte sicherlich noch ein oder zwei Jahre damit verbracht, mich gegen meine Eltern aufzulehnen, als ob es ein Zeichen von Klugheit wäre, sie überlisten zu können. Dabei war vor allem mein Vater immer auf beeindruckende Weise nachsichtig mir gegenüber. Ich habe in das Buch eine der sehr seltenen Situationen aufgenommen, in denen er wütend wurde: Einmal war ich beim Abendessen so sarkastisch, dass er mir ein Glas Wasser ins Gesicht schüttete. Da wusste ich, dass ich jetzt wirklich den Mund halten sollte.

ZEIT: Sie erzählen nicht nur Ihre eigene Geschichte, sondern auch die Geschichte eines Amerika der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre, und Sie erzählen sie als eine Geschichte des Optimismus. Wie nehmen Sie das Land und seine allgemeine Stimmung heute im Vergleich zu Ihrer Kindheit wahr?

Gates: Ich wünschte, jedes Kind könnte eine Kindheit wie ich haben. Natürlich hatten die meisten Kinder damals nicht das, was ich hatte. Meine Eltern waren wohlhabend. Aber objektiv ist in den USA heute insgesamt vieles besser. Frauen werden heute besser behandelt. Krankheiten werden heute schneller erkannt. Das Leben für homosexuelle Menschen ist heute mit ziemlicher Sicherheit besser. Armut bedeutet in einem heute viel reicheren Land etwas anderes als damals, es gibt ein besseres Sicherheitsnetz. Aber wir befinden uns in einer Phase der Polarisierung, die ich wirklich besorgniserregend finde. Das Vertrauen in Institutionen ist nicht mehr so hoch wie früher, und der Dialog zwischen politischen Lagern ist nicht mehr so ausgeprägt, wie ich ihn mir wünschen würde.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

Gates: Ich habe viele Bücher darüber gelesen. Es gibt die These, dass soziale Netzwerke diese Situation verschärft haben. Ich selbst dachte lange, die digitale Ermächtigung von Menschen, einen PC zu haben und Zugang zum Internet, sei ausschließlich eine Bereicherung. Als wir das Textverarbeitungsprogramm Word geschrieben haben, hat niemand gewarnt: Damit könnte man böse Dokumente verfassen! Der Trend zur Polarisierung war schon lange zu beobachten, man kann ihn nicht allein den sozialen Medien anlasten. Aber mit dem Aufkommen der sozialen Netzwerke trat die menschliche Schwäche zutage, besonders auf empörende Dinge oder Menschen mit verrückten Ideen zu reagieren. Der Historiker Yuval Noah Harari bringt das Beispiel der Druckerpresse. Nach deren Erfindung waren Bücher über Hexen beliebt und darüber, wie man Hexen findet und tötet. Es war nicht Kopernikus, die wissenschaftliche Revolution, die sich sehr gut verkaufte. Harari würde also sagen, ich war naiv zu glauben, dass die digitale Ermächtigung eine uneingeschränkt gute Sache ist.

ZEIT: Es gibt auch die These, dass die Polarisierung durch kulturelle Fragen getrieben wird, weil die liberalen Eliten die Sorgen vieler Menschen nicht mehr ausreichend berücksichtigt haben. Wie denken Sie darüber?

Gates: Da bin ich mir nicht sicher. Der Zweite Weltkrieg war eine furchtbare Tragödie. Aber in den Vereinigten Staaten hat er die Gesellschaft zusammengehalten. Es herrschte dieses Gefühl, dass wir an einer gemeinsamen Sache arbeiten. Die Generation meines Vaters glaubte an Institutionen und daran, auch Opfer für die Gemeinschaft zu bringen. Da ist etwas verloren gegangen. Wir sind im Laufe der Zeit weniger religiös geworden. Und obwohl Religionen in Bezug auf einige ihrer Doktrinen nicht perfekt sind, spricht meiner Meinung nach schon etwas für die Idee, dass man sich in der lokalen Gemeinschaft zusammenschließt und sich gegenseitig hilft, ohne vom großen Staat zu erwarten, dass er alle Probleme löst. Mir tut es leid, dass wir nun diese Polarisierung hinterlassen. Meine Generation hat diese Probleme nicht gelöst. Ich habe verschiedene Einschätzungen dazu gelesen, wo die Grenze liegt zwischen freier Meinungsäußerung und der Vermeidung von medizinischen Fehlinformationen oder von Hassreden. Und mich frustriert, dass es darauf keine eindeutige Antwort gibt.

ZEIT: Was wäre Ihre Antwort?

Gates: Nun, ich versuche, seriöse Publikationen zu lesen, die Fakten überprüfen. Natürlich gibt es auch Menschen, mit denen ich nicht einer Meinung bin. Und wenn ich dann Artikel sehe, in denen steht, dass diese Personen aus irgendeinem Grund große Idioten sind, bin auch ich versucht, darauf zu klicken und zu denken: "Ja, wann werden die Leute endlich begreifen, wie idiotisch er oder sie ist?" Aber ich zwinge mich dazu, auch über die Standpunkte von Sendern wie Fox News nachzudenken und darüber, ob sie vielleicht legitim sein könnten. Ich versuche, all die verschiedenen Standpunkte zu verstehen, auch wenn es schwer ist.

"Ich bin mit vielen dieser Dinge nicht einverstanden"

Bill Gates: Familienporträt aus dem Jahr 1965: Mutter Mary Maxwell und Vater William H. Gates, Bill (mit Fliege), Bills Schwestern Kristi (rechts) und Libby
Familienporträt aus dem Jahr 1965: Mutter Mary Maxwell und Vater William H. Gates, Bill (mit Fliege), Bills Schwestern Kristi (rechts) und Libby © Gates Family

ZEIT: Was halten Sie davon, dass Meta, der Mutterkonzern von Facebook und Instagram, in den USA künftig keine Fakten mehr überprüft?

Gates: Ich bin kein Experte dafür, wie wir die Grenze ziehen zwischen freier Meinungsäußerung und verrücktem Zeug, das es da draußen gibt. Es gibt sicher Fälle, in denen Faktenchecks angebracht sind, wenn man bedenkt, was beispielsweise in Myanmar passiert ist, wo soziale Netzwerke dazu beigetragen haben, die Vertreibung der Rohingya anzuheizen. Oder wie viele Millionen Menschen sich aufgrund von Fehlinformationen nicht gegen Covid haben impfen lassen. Darunter manche, die heute noch am Leben wären, wenn sie über dieses Thema gut informiert gewesen wären.

ZEIT: Ihnen sind Faktenchecks also lieber?

Gates: Ja. Eine gewisse Faktenprüfung hat ja stattgefunden. Es gab eine Menge verrückter Anti-Impf-Inhalte, die Meta von den verschiedenen Plattformen entfernt hat. Nach den neuen Richtlinien würden sie wohl nichts davon löschen. Ich denke, dass Fehlinformationen im Gesundheitsbereich eine Kategorie sind, bei der ein absoluter Vorrang der freien Meinungsäußerung nicht von Vorteil ist. Aber ich habe keine Lösung für dieses Problem.

ZEIT: In seiner letzten Rede sprach Joe Biden von seiner Sorge davor, dass Tech-Oligarchen die Demokratie bedrohen. Verstehen Sie seine Bedenken?

Gates: Zunächst einmal sind wir Tech-Leute nicht in einem gemeinsamen Club, in dem wir uns auf Dinge einigen und Dinge gemeinsam tun. Das ist ein sehr dynamisches, sehr wettbewerbsorientiertes Geschäft. Schauen Sie sich nur an, wie sich alle beeilen, ihre künstliche Intelligenz besser und billiger zu machen als alle anderen. Normalerweise denkt man bei Oligarchie an einen Mangel an Wettbewerb, dass Unternehmer die Regierung unterwandern, um ihren Marktanteil zu schützen. Ich sehe dieses spezielle Problem hier nicht wirklich. Normalerweise galt das Silicon Valley als links der Mitte. Und Peter Thiel einmal ausgenommen (ein deutschstämmiger libertärer Investor und Milliardär, der unter anderem mit dem Bezahldienst PayPal reich wurde und seit Langem Donald Trump unterstützt, Anm. d. Red.) glaube ich, dass das der Wahrheit entsprach.

ZEIT: Und heute?

Gates: Jetzt sehen wir, dass viele dieser Leute sich in eine eher rechte Richtung bewegen. Ich bin mit vielen dieser Dinge nicht einverstanden. Aber ich denke auch, dass es richtig ist, dass Regierung und Techbranche im Gespräch bleiben, weil künstliche Intelligenz eine so große Chance und Herausforderung ist. Man braucht so einen Dialog. Es geht nicht darum, die Politik zu kontrollieren, sondern darum, ein Gefühl dafür zu vermitteln, wohin sich die Technologie entwickelt. Auch wenn ich mit einigen dieser Leute nicht einer Meinung bin, denke ich, dass der Begriff Oligarchie hier nicht angemessen ist.

ZEIT: Biden meint damit, dass sich die Macht in den Händen einiger weniger konzentriert. Elon Musk hat sich im Grunde genommen ein politisches Amt gekauft. Halten Sie es für angemessen, dass man sich mit Geld politischen Einfluss kaufen kann?

Gates: Ich denke, man muss Sicherheitsvorkehrungen treffen zur Frage: Verschafft Elon seinen Unternehmen aufgrund seiner politischen Position Vorteile? Dagegen sollte man sich schützen. Und eine Regierung braucht viele Perspektiven, nicht nur die von reichen Leuten. Aber die Trump-Regierung steht noch am Anfang. Und Elons Idee, die Verwaltung effizienter zu machen, ist nicht verrückt. Werden sie vielleicht einige Dinge abschaffen, die sie nicht abschaffen sollten? Ich weiß es nicht. Es wird interessant sein zu sehen, was dabei herauskommt. Meiner Meinung nach müssen wir unser Haushaltsdefizit reduzieren. Der Schwerpunkt meiner eigenen Arbeit liegt derzeit auf der Gates Foundation. Und als ich die Gelegenheit bekam, Trump zu treffen und mit ihm Abend zu essen ...

ZEIT: Wann war das?

Gates: Nach Weihnachten, am 27. Dezember. Und da habe ich mit ihm über HIV und Polio gesprochen.

ZEIT: Was hat er gesagt?

Gates: Er hat zugehört. Und er sagte: Ja, wir sollten diese Millionen Menschen am Leben halten. Aber ich befürchte, dass andere Leute ihm sagen werden, dass er das Budget dafür kürzen soll. Trump wird sich entscheiden müssen: Liegt uns etwas daran, Menschenleben zu retten und ein Heilmittel zu finden? Dann werden diese Ausgaben ohnehin irgendwann hinfällig. All diese Menschen am Leben zu halten, ist gerecht und wichtig und beeinflusst auch, wie Afrika über die USA denkt. Wenn man diese Programme einstellt oder die Gelder reduziert, dann ist das fast schlimmer, als nie geholfen zu haben. Mit der Gates Foundation unterstützen wir Organisationen, die Impfstoffe für Kinder in armen Ländern besorgen. Aber in vielen Ländern heißt es wegen der Haushaltsprioritäten, den Ärmsten der Welt zu helfen, bedeute, Geld zu verlieren. Trump gegenüber habe ich argumentiert, dass wir sowohl moralisch als auch politisch das Geld für den Kampf gegen HIV und Polio behalten sollten. Und zumindest beim Abendessen war er sehr aufgeschlossen, sogar begeistert. Aber es wird noch viele andere geben, die mit ihm sprechen, bevor die endgültige Entscheidung über den Haushalt getroffen wird.

ZEIT: Gleich am ersten Tag ist er aus der Weltgesundheitsorganisation und dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten. Das konnten Sie ihm nicht ausreden?

Gates: Ich denke nicht, dass das gut ist. Und ich habe mein Bestes gegeben, und ich werde weiterhin mein Bestes geben. Donald Trump hat mir seine Telefonnummer gegeben. Ich werde diese Nummer anrufen, wenn ich dadurch verhindern kann, dass Millionen sterben.

"Er hätte auch Nein sagen können"

ZEIT: Haben Sie um das Abendessen gebeten?

Gates: Ja. Ich sagte, ich werde nach Florida fliegen und über HIV sprechen. Zehn Millionen Menschenleben zu retten, das wird ein sinnvolles Abendessen! Er hätte auch Nein sagen können. Ich weiß, dass er mit wirklich vielen Menschen spricht. Am meisten mit Elon.

ZEIT: Schien er bei Ihrem Treffen empfänglich für Argumente?

Gates: Ja. Trumps politische Macht besteht auch darin, dass seine Bewegung es ihm erlaubt, manchmal pragmatisch zu sein. Deswegen ist vieles schwer vorherzusagen. Wie viele Menschen werden abgeschoben? Wie hoch werden die Zölle sein? Wie viele der lebensrettenden Gelder werden gekürzt? Die nächsten vier Jahre werden unsicherer sein als jede andere Zeit in meinem Leben. Deshalb werde ich mein Bestes tun, um meine Werte und das, was ich für gut halte, zu teilen. Ich habe mich in seinen ersten vier Jahren als Präsident oft mit ihm getroffen. Trump hat einen großen Ermessensspielraum in vielen Schlüsselbereichen, in denen ich über Fachwissen verfüge, globale Gesundheit ist einer davon. Deswegen glaube ich, dass es klug ist, weiterhin zu versuchen, bei diesen Entscheidungen mitzureden, in einer Weise, die meiner Meinung nach gut für die Welt und das Land ist.

Das Interview mit Bill Gates fand statt, bevor Donald Trump und Elon Musk am vergangenen Montag verkündeten, die US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID) tatsächlich abwickeln zu wollen. Elon Musk schrieb auf X: "USAid ist eine kriminelle Organisation. Zeit, dass sie stirbt." Käme es so, würde das größte Geberland für Entwicklungshilfe seine Zahlungen einstellen, zuletzt 40 Milliarden Dollar jährlich.

ZEIT: Hat Elon Musk an Ihrem Abendessen mit Trump teilgenommen?

Gates: Nein. Es waren nur unsere Stabschefs dabei, nur wir vier für etwa drei Stunden, und es war sehr herzlich. Mehr, als ich erwartet hatte. Aber das garantiert noch keine Ergebnisse. Nicht einmal bei den Themen, zu denen wir die besten Diskussionen hatten. Ich weiß nicht, was für Folgen die Effizienzprogramme haben werden oder die Tatsache, dass Elon so eng damit verbunden ist. Bei mir ist es so: Wenn ich versuche, alle möglichen Dinge zu tun, sagen die Leute in meinem Umfeld: "Du solltest weniger Dinge tun, dafür in höherer Qualität. Konzentriere dich also nur auf ein paar Themen." Ich glaube nicht, dass Elon jemanden hat, der ihm das sagt. Schauen Sie sich nur die Liste der Dinge an, die er macht. Aber hey, so verbringt er nun mal seine Zeit.

ZEIT: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum so viele Amerikaner gegen eine Politik sind, die sich mit dem Klimawandel befasst? Warum gibt es diese Anti-Wissenschafts-Bewegung?

Gates: Leider glaube ich nicht, dass die Herausforderungen, vor denen wir beim Klima stehen, auf die Vereinigten Staaten beschränkt sind. Es ist eine Sache, zu sagen: Der Klimaschutz ist wichtig, jemand sollte etwas dagegen tun. Aber wenn Menschen ein teureres Auto oder eine elektrische Wärmepumpe kaufen müssen oder generell höhere Kosten haben, sagen viele: Dafür sollte jemand anders zahlen, dem es besser geht als mir. Der Klimawandel ist ein echtes Dilemma, weil er ein kollektives Handlungsproblem ist. Man braucht mindestens die Länder mit mittlerem und hohem Einkommen, um Emissionen zu senken. Als Frankreich eine Dieselsteuer einführte, wurde das mit dem Klima begründet. Es gab eine ziemlich heftige Gegenreaktion, schließlich wurde die Steuer zurückgezogen.

ZEIT: In Deutschland war es genauso, als die Regierung die Dieselsubventionen für Landwirte kürzen wollte.

Gates: Meine Theorie zum Klimawandel war schon immer, dass teurere, umweltfreundlichere Alternativen kaum eine Chance haben, auch wenn das Problembewusstsein da ist. Wir müssen also innovativ sein, um die grünen Produkte billiger zu machen. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht darin, herauszufinden, ob wir emissionsfreien Stahl oder Alternativen zu Rindfleisch billiger machen können. Können wir emissionsfrei fliegen, ohne dass es mehr kostet? Es gibt viele vielversprechende Ansätze. Ich habe eine Gruppe namens Breakthrough Energy gegründet. Sie hat in 140 Unternehmen investiert, die sich alle mit Innovationen zur Verbesserung des Klimas befassen. Aber die Klimapolitik ist derzeit in einer sehr schwierigen Lage. Das sehr beeindruckende Engagement, die Vorreiterrolle Europas, ist nicht mehr so stark wie früher. Und die USA werden einen Rückzieher machen.

ZEIT: Trump will aus Programmen zur Förderung grüner Technologien aussteigen und Teile des Inflation Reduction Act zurücknehmen.

Gates: Da bin ich mir nicht so sicher. Ausgangspunkt für den IRA war zwar der Klimaschutz, aber er hat auch viele Industriearbeitsplätze geschaffen. Ich werde mich auf jeden Fall dafür einsetzen, dass die klimabezogenen Regeln erhalten bleiben, weil sie eine Schlüsselrolle dabei spielen, Technologien zu skalieren: Erst mal verursachen neue Technologien Kosten, wie damals, als man in Deutschland anfing, Solarmodule zu subventionieren. Damit hat Deutschland der Welt einen großen Gefallen getan. Auch wenn die Hersteller am Ende nicht dort blieben, haben sie das Volumen in die Höhe getrieben. Damit sind die Preise für solche Module gefallen, heute brauchen sie keine Subventionen mehr. Es gibt viele Technologien, bei denen wir solche Größenordnungen brauchen, um die Kosten zu senken.

"Künstliche Intelligenz ist ein Ersatz für menschliche Intelligenz"

ZEIT: In Ihrem Buch beschreiben Sie die Computer Ihrer Jugend als dumme Maschinen, die Sie bei jedem Schritt anweisen müssen, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Heute sind die Maschinen ziemlich schlau. Wie wird das Ihrer Meinung nach die Gesellschaft verändern?

Gates: Ich denke, es ist sehr dramatisch, was da passiert. In einigen wenigen Fällen, beim Multiplizieren zum Beispiel, lässt uns der Computer schon lange dumm aussehen. Aber bei den meisten Dingen, die wir tun – selbst bei der Bilderkennung oder bei Übersetzungen von Texten –, hat künstliche Intelligenz viele Jahre lang keine großen Fortschritte erzielt. Und dann kam vor etwa zwölf Jahren dieser Ansatz mit neuronalen Netzen, und plötzlich leistete der Computer bei vielen dieser Aufgaben Übermenschliches. Dann kam ein weiterer Fortschritt, GPT 4 (ein Sprachmodell hinter ChatGPT, Anm. d. Red.). Als ich vor drei Jahren die Demoversion ausprobiert habe, war ich wirklich überwältigt. Ich denke, künstliche Intelligenz ist heute der größte Veränderungstreiber der Welt. Das Potenzial, das daraus entsteht, ist gigantisch, für gute und für schlechte Dinge.

ZEIT: Welche wirtschaftlichen Folgen erwarten Sie?

Gates: Abstrakt betrachtet wird künstliche Intelligenz uns produktiver machen und die Kosten von Büroarbeit senken, weil die Software selbstständig arbeitet. Und wenn die Software mit Robotern verbunden wird, betrifft das auch Fabrikarbeiter.

ZEIT: Was bedeutet das für die Verteilung von Wohlstand?

Gates: Wir können mehr produzieren oder mehr Freizeit in Anspruch nehmen. Das klingt erst mal gut. Aber wenn das schnell geschieht, ist diese Veränderung sehr disruptiv. Was bedeutet das zum Beispiel für das Steuersystem? Wir haben unsere Gesellschaft um Arbeit herum organisiert. Künstliche Intelligenz wird die Welt nun mehr verändern als jede andere Technologie zuvor. Sogar die Leute, die daran arbeiten, sagen nicht: Macht euch keine Sorgen! Elon und ich und viele andere finden, dass wir diese Disruption gestalten müssen. Die Frage ist: Können Regierungen diese Entwicklung tatsächlich verlangsamen? Nun, weil Länder, Unternehmen und Einzelpersonen in dieser Sache miteinander konkurrieren, sieht es im Moment so aus, als ginge es mit voller Geschwindigkeit voran.

ZEIT: Digitale Märkte tendieren dazu, dass die Gewinner alles bekommen. Falls die von Ihnen beschriebene Entwicklung kommt, was können Regierungen tun, um ein Verteilungsergebnis zu erzielen, das zu einer stabilen Gesellschaft führt?

Gates: Das ist keine einfache Sache. Es gibt Dinge wie die Steuergutschrift für Erwerbseinkommen, das ist ein Konstrukt der USA (ähnlich einer Grundsicherung, Anm. d. Red.). Davon brauchen wir vielleicht eine Menge. Werden wir uns dafür entscheiden, die Arbeitswoche zu verkürzen? Wenn man erst einmal diesen massiven Produktivitätsschub hat, sind das die Dinge, über die man anfangen muss nachzudenken.

ZEIT: Der Ökonom John Maynard Keynes schrieb bereits in den Dreißigerjahren, dass Maschinen den Menschen bald die Arbeit wegnehmen werden. Er war nicht der Letzte. Doch mit jeder neuen Technologie hatten wir mehr zu tun. Was macht Sie so sicher, dass es diesmal anders ist?

Gates: Es ist anders. Künstliche Intelligenz ist ein Ersatz für menschliche Intelligenz. Das macht Menschen nicht nur produktiver. Dies ist eine Technologie, die sich sehr schnell weiterentwickelt und keine Obergrenze hat. Das ist einzigartig.

ZEIT: Wie wird sich das auf die Verteilung von Reichtum auswirken? Sie haben Ihren Kindern, wie wir gelesen haben, jeweils zehn Millionen Dollar Ihres Milliardenvermögens hinterlassen, und das war’s.

Gates: Es war etwas mehr als das. Prozentual kein gigantischer Anteil, aber in absoluten Zahlen schon ein wenig mehr.

ZEIT: Warum haben Sie das Erbe Ihrer Kinder begrenzt?

Gates: Als Gefallen für sie! Ich glaube an eine Erbschaftsteuer, mein Vater und ich haben uns für ihre Einführung eingesetzt. Wenn man nicht an dynastischen Reichtum glaubt, spielt die Erbschaftsteuer eine sehr wichtige Rolle für eine dynamische Gesellschaft. Ich würde auch das Steuersystem progressiver gestalten, aber nicht wie Bernie Sanders (ein einflussreicher linker Politiker der US-Demokraten, Anm. d. Red.), der sagt, es sollte in den USA keine Milliardäre geben. Auch wenn ich da natürlich voreingenommen bin. Ich würde mich sorgen, dass man die Anreize verkompliziert, wenn man da zu weit geht.

ZEIT: Aber Sie sagen, dass man nicht als Milliardär geboren werden sollte?

Gates: Das ist meine Ansicht. Die Erbschaftsteuer sollte bei Erbschaften von hohem Niveau bei mehr als 90 Prozent liegen.

ZEIT: Sie sind seit zwei Jahren Großvater. Was bringen Sie Ihren Enkeln bei, um sie vorzubereiten auf eine Welt, in der KI alles weiß?

Gates: Wenn wir den Extremfall erleben, dass die Maschinen in allem besser sind, gibt es keine wirklich gute Antwort. Die Werte der Gesellschaft werden sich ändern müssen, weil wir dann in einer Welt des Überflusses leben, nicht in einer Welt des Mangels. Menschen, die in einer Welt des Mangels gelebt haben, fällt es sehr schwer, sich das vorzustellen. Das wird dann fast religiös oder philosophisch: Wie sollten Menschen ihre Zeit verbringen? Eines meiner Kinder macht eine Ausbildung zur Ärztin. Ich habe ein Kind, das Unternehmer ist, und eines, das sich politisch engagiert. Ich bin sehr stolz auf das, was sie tun, aber ich habe sie nicht dazu gedrängt. Ich habe meine Kinder immer ermutigt, sich mit Dingen zu beschäftigen, die ihnen Spaß machen, denn dann werden sie darin sehr gut. Es ist besser, wenn man etwas tut, das man wirklich, wirklich, wirklich mag.

ZEIT: Man muss das mögen, was man tut, und nicht das Geld, das man verdient?

Gates: Nicht jeder hat das Glück wie ich, etwas zu finden, das man auch ohne Bezahlung tun würde. Aber ich denke, dass man immer in den Bereichen fantastische Arbeit leistet, zu denen man sich hingezogen fühlt und bei denen man andauernd darüber nachdenkt, wie man sie verbessern kann.

In seiner Autobiografie "Source Code" erzählt Bill Gates von seiner Kindheit. Sie erschien am 4. Februar 2025 im Piper Verlag.