Und dann poppt das Bundeswehr-Bullshit-Bingo auf – Seite 1
Der Verteidigungsminister weiß, was im Fernsehen von ihm erwartet wird, an diesem Sonntag: "Der Befehl unseres Oberbefehlshabers war zielgerichtet, er war machtvoll, und er war klar." Spricht Boris Pistorius neuerdings so bei Caren Miosga über Friedrich Merz?
Natürlich nicht. Ehe der Bundesverteidigungsminister von der SPD am Abend in die ARD kommt für 60 Minuten Einzelbefragung, ist ein anderer Verteidigungsminister aufgetreten: Pete Hegseth um 8 Uhr morgens Ortszeit in Washington machte vor, wie man in Trump-Land Stärke zu markieren hat: Dominanz durch Top-Gun-Sätze, Autosuggestion durch Siegesbeschwörung und alles ausgerichtet auf den einen commander-in-chief – schlicht "brillant" sei Präsident Trumps Planung für den Schlag gegen den Iran gewesen.
Es ist schon beruhigend, dass der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius anders spricht. Dennoch hätte es am Ende desselben Tages ein desaströser Fernsehabend für ihn werden können. Der Nahe Osten in Aufruhr, die Bundesregierung links liegen gelassen vom amerikanischen Verbündeten, und der Zustand der Bundeswehr keineswegs so, dass man darüber eine Stunde frohgemut Auskunft geben könnte.
Und, ja, es mangelte in der Sendung nicht an jener Sorte Technokratie-Kauderwelsch, mit welchem schon in früheren Jahren aus so manchem Verteidigungs- ein Selbstverteidigungsminister geworden ist. Weder Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) noch Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer (beide CDU) hatten ihre Aufgabe seinerzeit so recht in den Griff bekommen. "Personell, materiell, infrastrukturell" soll reformiert werden, so lautet etwa eine Aufzählung aus dem BBB, dem Bundeswehr-Bullshit-Bingo, die auch in dieser Sendung aufpoppte. Getoppt allenfalls von der wenig optimistisch stimmenden Aussage, die Armee werde künftig kriegstüchtig gemacht durch "Teilverpflichtungen von Teiljahrgängen", was auch immer damit gemeint sein könnte.
Es hätte also ein desaströser Fernsehabend für Boris Pistorius werden können, wenn, ja, wenn der alleinige Studiogast nicht Boris Pistorius geheißen hätte. Je mehr Caren Miosga ihn unter Druck setzt, desto entspannter scheint ihr Gast zu werden: Er verbeißt sich nie, er überhebt sich nicht, er ist nicht beleidigt. Stattdessen – erstaunlich genug – kommt immer wieder Heiterkeit auf in der Examination. So hat die Moderatorin übrigens auch die Kanzlerfrage gestellt. 2029, bei der nächsten Wahl, ist Pistorius 69. Das sei doch bestes Kanzleralter, lockt Miosga, "fragen Sie mal Friedrich Merz!". Kontert Pistorius: "Oder auch das Alter, um in Südfrankreich Wein anzubauen!"
Kann es sein, dass dieser Mann eine Unerschütterlichkeit in sich trägt, die gerade zu seinem jetzigen Amt gut passt?
Miosga stellt ein, zwei, viele Vertrauensfragen: Ist dem Minister zu trauen, seiner Truppe, seinem Material? Die 60 Minuten Fernsehverhör gleichen einem Jobinterview: Kann er das – und will er was? Und so fach- und sachbezogen die Moderatorin auch fragt – nach Soldhöhen und Kasernenkomfort, nach Trumps Impulskontrolle und nach Putins Einschüchterungsversuchen – so testet sie nicht nur seine Ministerexpertise, sondern immer ein wenig auch seine möglichen Kanzlerqualitäten irgendwo in der Zukunft. Schließlich ist es das, wofür der Mann vielen in Erinnerung geblieben ist, die den Politikbetrieb nicht tagtäglich verfolgen: Sollte der nicht vor der Bundestagswahl Kanzler anstelle des Kanzlers werden? Inzwischen sind wir einen Kanzler weiter und der heißt weder Olaf Scholz noch Boris Pistorius. Wie geht es – das schwingt hier mit – dem Doch-nicht-Kanzlerkandidaten jetzt also? Und wie schlägt er sich, angesichts seiner noch immer fabelhaften Umfragewerte?
Ein Störgefühl angesichts der Fragen zum Iran.
Miosga setzt auf Schlagzahl, Pistorius kontert mit Schlagfertigkeit.
"Wie lange wird es dauern?", "Was ist Ihr Ziel?" – sie platziert kurze, harte Vorstopperfragen und scheut auch die Unterbrechung nicht. Er pariert nicht ohne Vergnügen: "Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, Frau Miosga!" Sie treibt ihn ins Tempo, er findet's gut. Wieso das denn mit neuen Kasernen nicht fixer gehe, Flüssiggasterminals habe man nach Beginn des Ukrainekriegs doch auch zügig gebaut? Er: "Ich verstehe die Ungeduld, hab ich selber." Sie: "Na also."
Eine Kunst, die wenigen Politikern gegeben ist, beherrscht Pistorius auf verblüffende Weise: Nein-Sagen, ohne zu verärgern. Miosga bohrt nach einer Antwort, er blockt ab. Nein-Sagen zur Moderatorin, das heißt in einer Publikumssendung auch Nein-Sagen zum Publikum, letztlich zum Wahlvolk. Jedes Nein ist somit ein Risiko, arrogant oder elitär zu wirken, mindestens aber Sympathien aufs Spiel zu setzen.
Pete Hegseth hat nicht angerufen, weder vor noch nach den US-Schlägen gegen die iranischen Atomanlagen? Er hat sicher gerade Wichtigeres zu tun. Putin droht Deutschland wegen der Taurus-Raketen? "Ich verstehe gar nicht, was er sagt."
Doch ehe aus Lakonie Patzigkeit wird, fängt Pistorius sich selber ein. Er hat seine stärksten Momente immer dann, wenn er ganz in eine Ernsthaftigkeit ohne Überheblichkeit geht. Und plötzlich ein Plädoyer für die Geheimhaltung von Militärgeheimnissen hält, weil eben manches Nein zur Offenheit ein Ja für mehr Sicherheit sein kann.
Ein Störgefühl bleibt trotzdem, angesichts so weniger Fragen zum Iran. Zwar sagt Pistorius, er gehe davon aus, dass mit dem US-Angriff auf die Atomanlagen im Iran eine große Bedrohung ausgeschaltet worden sei – und das sei eine gute Nachricht. Er nimmt auch Friedrich Merz in Schutz wegen dessen umstrittener Aussage, Israel erledige mit seinen Attacken gegen den Iran die "Drecksarbeit". Aber dennoch fragt man sich, warum Interviewerin und Interviewter nicht mehr über diesen neuen Krieg reden, den in Nahost. Genau genommen sprechen sie überhaupt sehr wenig über die Fronten da draußen, zwischen Charkiw/ Ukraine und Isfahan/ Iran, sondern vorrangig über die home front: Heimatfront Bürokratie, Heimatfront Reservistenmangel, Heimatfront Kasernenbau. Der Feind steht – nach Redeanteilen gemessen – weder in Nahost noch in Europas Osten. Sondern ungefähr da, wo er auch bei der Bahnreform oder dem Heizungsgesetz steht: tief im Hinterland der eigenen Ungenügenheiten.
Es ist also bei Caren Miosga ein zutiefst bundesrepublikanischer Verteidigungsminister zu erleben: vernunftbetont, abwägend und um Überzeugungsarbeit am Wahlvolk bemüht. Das erspart Zuschauern wie Bürgerinnen die Machogesten eines Pete Hegseth mit ihrem universellen Freund-Feind-Denken. Doch Bundesrepublikaner sind Miosga und Pistorius auch in einer Beschränktheit, die sie mit vielen von uns Zuschauern teilen dürften: Selbst in Fragen von Krieg und Frieden geht unser Blick zuerst nach innen, nicht nach außen, die Bundeswehrreform kommt da kaum anders als die Gesundheitsreform daher. Was braucht die Welt vielleicht von Deutschland? Welchen Interessen – unseren und anderen – müssen oder wollen wir gerecht werden? Diese Fragen fanden gestern auch in 60 Minuten keinen Platz.
Die neue Realität bricht mit einem Satz ein, so lakonisch wie direkt: "Heute Morgen um vier hat mich mein Generalinspekteur angerufen, da war die Nacht vorbei."
220 Kommentare
GuRRickY
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Boris Pistorius ist so beliebt, weil er seine Aufgabe ernst nimmt, nicht seinen Status. Und das fällt auf in dieser Politikerwelt voller Selbstdarsteller.
Jedes Mal ihn mit der Kanzlerfrage auf die Nerven zu gehen, finde ich wirklich extrem nervig
Veganes Hack
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"Es ist also bei Caren Miosga ein zutiefst bundesrepublikanischer Verteidigungsminister zu erleben: vernunftbetont, abwägend und um Überzeugungsarbeit am Wahlvolk bemüht."
Es ist auch ein Verteidigungsminister, der kein Alkoholiker ist, der auch sonst kein Drogenkonsument ist (afaIk), der keine Nazi-Tattos traegt, der nicht seine schwangere Frau betrogen hat (afaIk), der nicht die halbe Welt per WhattsApp mit Informationen zu Luftangriffen versorgt, und dessen einzige erkennbare Qualifikation nicht ist, dass er frueher Sprachrohr in der groessten Schmuddelpropagandainstitution der freien Welt war.
Vernunftbetont, abwägend, um Ueberzeugungsarbeit bemueht?
Klingt wie ein Anforderungsprofil fuer jeden Berufspolitiker, und vor allem:
So haette ich gern meinen Kanzler.
Stattdessen haben wir Friedrich Merz.
MatthiasVering
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Könnte es sein, dass vielen die Umsicht und gelassene Klugheit von Herrn Pistorius so beeindruckt, weil sie im Politik- und Medienbetrieb so selten geworden ist? Auch im Artikel wird "mehr zu Iran" gefordert, als wäre dadurch das Interview besser geworden. In unserer ansteckenden Empörungs-Besoffenheit steckt ein hohes Maß an struktureller Dummheit, die die AfD möglich und die Klugheit unmöglich macht. "Man muss in einer Gesellschaft sachlich über sachliche Probleme reden können.", hat einstmals Friedrich Dürrenmatt gefordert. Das gelingt uns in Zeiten von "breaking news" immer weniger. Und auch ZEIT und ZON sind dafür manchmal Mut verantwortlich.
Ich bin dankbar für ein wenig Besonnenheit bei Frau Miosga und Herrn Pistorius.
Rentner Eck
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Die Überschrift zu dem Text lautet: „Und dann poppt das Bundeswehr-Bullshit-Bingo auf“.
Aber dann findet sich neben einer kurzen Andeutung eigentlich überhaupt nichts, aber auch gar nichts, was für diese Aussage spricht.
Man soll also entweder auf billigste Art geteastert werden oder die Überschrift stand schon fest, bevor das Interview geführt wurde.
Schade eigentlich, denn Politiker:innen, die jenseits der Selbstdarstellung und jenseits von Plattitüden etwas zu sagen haben, sollten anders dargestellt werden.
Watzinger
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Man hätte diesen Mann auch als Kanzler haben können. Aber es wurde halt Merz und der wollte Wadephul. Jetzt sehen wir die Folgen. Hier ein belangloser Schwätzer, dort ein Pistorius, der weiß was er sagt. Und nicht sagt.
matthias.eisenhut
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Beim Lesen habe ich mich gefragt, was will mir der Autor mit diesen Zeilen sagen? Am Ende nichts!
Gernehier
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Das war ein erfrischend unaufgeregtes Interview eines integeren Verteidigungsministers, den man zum Glück beim Regierungswechsel im Amt belassen hat. Auch wenn Frau Miosga mit ihren üblichen Tricks besonders clever daherkommen wollte, Herr Pistorius kann mit Augengeklimper und schiefgelegtem Kopf gut umgehen.
Gut wäre es, wenn dieser Politikstil des Pragmatismus wieder mehr zur Anwendung käme.
Unmög
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Selten etwas so Nichtinformatives gelesen, dass sich mit einer dem Hause Springer entflohenen Überschrift tarnt.
Wir erfahren über Miosga und Pistorius, was mindestens alle schon wissen und mit der Beschwerde, dass diese beiden sich nicht über die aktuellen Kriegsschauplätze austauschen. Herr Schwarz, wenn zu wenige Nachrichten zu Ihnen durchdringen, schalten Sie das Radio ein, um etwa halbstündlich die neuesten Spekulationen über was auch immer zu erhalten, verpackt in zunehmend marktschreierischer Aufgeregtheit. Vielen Dank an die Interviewerin und ihren Gast, dass sie uns genau das ersparten.