Zunächst klang alles nach erinnerungspolitischem Normalzustand, der folgerichtig am Donnerstag hinter den welt- und bundespolitischen Umwälzungen verschwand. Der 1970 in Sachsen geborene Schriftsteller Marko Martin hielt im Berliner Schloss Bellevue eine Rede. Martin sprach auf Einladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bei einer Veranstaltung zum 35. Jahrestag der Friedlichen Revolution von 1989 zum Thema "Sieg der Freiheit? Überhöhter Mythos? Gefährdetes Erbe?" Ein großes Medienthema war das zunächst jedoch nicht, was diejenigen eventuell bedauerlich fanden, die früh genau hingehört hatten.    

Das änderte sich erst am Freitagnachmittag: "Nach dieser Rede rastet Steinmeier aus!", titelte bild.de. Und bei t-online war bald darauf in einem Interview Martins Version der Geschichte zu lesen, wonach Steinmeier beim anschließenden Empfang "wutentbrannt" auf ihn zugestürmt sei, weil er sich durch seine Worte diffamiert gefühlt habe.  

Das ist nun einerseits schade: Erst ein mutmaßlicher Skandal, der das Staatsoberhaupt involviert, schafft einen Gesprächsanlass für eine große Rede. Andererseits gibt es aber – da darf man dem Boulevardjournalismus durchaus Dank sagen – immerhin die Möglichkeit, den Volltext dieser Rede noch einmal zu empfehlen. Martins Beitrag ist nur 15 Minuten lang, aber die lohnen sich allein schon deshalb, weil hier nicht der gesamtdeutsche Konsens darüber, wie sich die friedliche Revolution zugetragen hat, noch einmal erzählt wird. Martin verzichtet auf die übliche Dreifaltigkeit der Ereignisse, wonach sich 1989/90 der Zerfall der Sowjetunion, die Straßenmacht ostdeutscher Bürgerinnen und das staatspolitische Geschick Helmut Kohls die Hand reichten für einen Ringelreihen in aufblühenden Landschaften, nur geringfügig vor- und mitbereitet durch andere osteuropäische Freiheitsbewegungen, zuvorderst Solidarność in Polen. 

Seine Version ist eine andere. Sie unterscheidet klar zwischen der Gruppe "der mutigen Demonstranten und Bürgerrechtler vom Herbst 1989" und den durchschnittlichen DDR-Bürgern und ist hiermit nur sehr kurz zusammengefasst: Demnach habe das Gros der Ostdeutschen in den Achtzigern zunächst lieber auf die "Pollacken" geschimpft, die nach einer weitverbreiteten Lesart im Nachbarland Unruhe stifteten, statt zu arbeiten, was aus heutiger Sicht schwer empirisch überprüfbar ist, aber zumindest dazu passt, wie Menschen in Ost und West (!) derzeit auf die Ukraine blicken. Und auch 1989 habe man laut Martin lieber zu großen Teilen "hinter den Wohnzimmergardinen abgewartet", bis die Schlagbäume sicher oben waren, statt tatsächlich Teil eines antiautoritären Umsturzes zu sein. Genau diesen Umsturz aber sieht er wesentlich in einem osteuropäischen, vor allem deutsch-polnischen Zusammenhang begründet – und spinnt von dort Fäden zur Maidan-Revolution 2013 einerseits und zur – in Martins Worten – autoritären "Wagenknecht-Sekte" andererseits. Martin, so könnte man wohl sagen, beansprucht hier donnernd die Deutungshoheit von all jenen zurück, die sich unter Slogans wie "Vollende die Wende" (AfD) in ihrem heutigen Staats- und Elitenhass auf 1989 berufen.    

Ostdeutsche Kinder, westdeutsche Erwachsene

Es wäre falsch, Martins Rede, die in ihrem weniger originellen zweiten Teil die Osteuropapolitik von Steinmeiers SPD angreift, als Rundumschlag zu deuten, der historische Irrtümer in West- wie Ostdeutschland gleichermaßen aufs Korn nimmt. Die Ostdeutschen, sofern nicht explizit (und früh) Teil der friedlichen Revolution, kriegen bei Martin einen viel größeren Batzen Fett weg. Martin vergleicht ihr Staatsverständnis mit jenem von Kindern, die sich über ihre Eltern aufregen. Jede bundespolitische Reaktion auf weltpolitische Lagen werde in ewiger "Und was ist mit uns?"-Manier als "narzisstische Kränkung" empfunden, "die sich dann quengelnd zu artikulieren versuchte". Die Westdeutschen haben sich für Martin immerhin besser unter Kontrolle, wenngleich sie auch nicht immer mehr Anstand besitzen. Gerade der Sozialdemokratie attestiert Martin seit Egon Bahr "die geo- und realpolitisch kaschierte Verachtung" für Freiheitsbewegungen in anderen (osteuropäischen) Ländern, überhaupt deren Selbstbestimmung. Darin sind sich Ost- und Westdeutsche bei Martin also zumindest ähnlich, dass sie eigentlich niemandem helfen wollen, so frei zu leben wie sie selbst, und schon gar nicht den Völkern Osteuropas gegen Russland. Nur tun es die einen aus kaltem Kalkül und die anderen aus fiebriger Quengelei.  

Es wäre daher zugleich falsch oder mindestens gratismutig, Martin aus westdeutscher Ferne in seiner Abrechnung mit seinen Mitbürgerinnen aus der einstigen DDR dröhnend recht zu geben. Höchstens kann man sich eben jenen zweiten Teil der Rede zu eigen machen, in dem Martin die Russland- und Ukrainepolitik der SPD und namentlich auch des einstigen Außenministers Frank-Walter Steinmeier attackiert. Dass Steinmeier 2016 Manöver an der Ostflanke der Nato "Säbelrasseln und Kriegsgeheul" nannte und Nordstream 2 eine "Brücke", habe Wladimir Putin nur ermutigt in seiner Anschauung, "dass die Deutschen, sonst Weltmeister im Moralisieren, das lukrative Geschäft schon nicht sausen lassen würden, Ukraine hin oder her". So sagt es Martin. 

Wenig präsidial

Wobei auch hier Vorsicht geboten ist: Nicht alle Geo- und Realpolitik verachtet zynisch. Sie ist sich nur allzu bewusst, dass moralisch furiose Außenpolitik schnell zum Kollaps führt, wägt außerdem Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen des jeweiligen Landes gegen andere Güter wie Freiheit und Solidarität ab. Insofern kann man ein gewisses Verständnis für Frank-Walter Steinmeiers wenngleich wenig präsidiale Reaktion haben. Demonstrativ applaudierte er nach Martins Rede nicht, begleitet von furchtsam irritierten Blicken seiner Umsitzenden. Ob er den Schriftsteller später tatsächlich so temperamentvoll anging, wie Martin verschiedenen Medien erzählte, ist derweil nicht so klar. Das Bundespräsidialamt berichtet lediglich von einem kontroversen, aber sachlichen Gespräch und auch andere Anwesende haben aus wenigen Metern Entfernung zwar eine engagierte Unterredung, aber keinen aufsehenerregenden Tumult wahrgenommen.  

So viel lässt sich aber sagen: Da hat sich ein Staatsoberhaupt in seinem eigenen Haus beleidigt gefühlt. Und damit wären wir schließlich bei dem, was an dieser Szene zweifellos gut und richtig ist und was die Schriftstellerin Anne Rabe zu der Feststellung brachte, es sei tatsächlich "keine Banalität", dass eine solche Rede an diesem Ort möglich sei. "Angesichts dessen, was in der Welt gerade vor sich geht und angesichts unserer eigenen Geschichte, sollte uns das nicht nur beglücken, sondern ein Ansporn sein, uns mehr abzuverlangen", schrieb Rabe und musste gar nicht deutlicher werden. Die Frage, was nach einer vergleichbaren Szene im Kreml passiert wäre oder was derart unverschämt auftretenden Intellektuellen demnächst im Weißen Haus droht, stand in dieser Woche ohnehin im Raum. In Deutschland verbreitete das Bundespräsidialamt selbst die Veranstaltung ungeschnitten.

Ein unbedingter Freiheitsbegriff

Marko Martins unzweifelhafte Provokation ist somit eine kleine Sternstunde dieser Demokratie in dunkler Zeit. Weil sie aber auch nicht irgendeine Provokation ist, sondern die richtige im richtigen Moment mit dem richtigen Adressaten. Wo hochmoralische Schriftsteller den Herrschenden und Repräsentanten eines freiheitlich-demokratischen Landes in diesen zum Zynismus verführenden Wochen einen unbedingten Freiheitsbegriff vor Augen führen, ist dieser Staat ganz bei sich. Und nur seinem Oberhaupt wünscht man eventuell, wie auch schon bei früheren kontroversen Anlässen, ein wenig mehr Souveränität im Umgang mit der eigenen politischen Geschichte.