Es ging um den Taurus, und die Russen hörten mit. Von seinem Hotelzimmer in Singapur wählte sich Brigadegeneral Frank Gräfe am 19. Februar in die Telefonschalte mit Luftwaffenchef Ingo Gerhartz und zwei anderen Offizieren ein, die zum Skandal in Berlin wurde. Der Abteilungsleiter Einsätze und Übungen im Kommando Luftwaffe war nicht allein wegen der zu dieser Zeit stattfindenden Singapore Airshow in Südostasiens Metropole. Er nutzte seinen Besuch bei der Luftfahrtmesse auch für Gespräche mit Teilnehmern aus anderen asiatischen Ländern, um die bisher größte Verlegungsaktion der Bundeswehr in den Indopazifik vorzubereiten.

Luftwaffe und Marine werden in diesem Sommer an gleich fünf militärischen Großübungen teilnehmen. Für die deutschen Soldaten geht es nach Alaska, Japan, Hawaii, Australien, Indonesien, Singapur und Indien. Nie zuvor war die Bundesrepublik in dieser Weltregion militärisch derart präsent.

Frank Gräfe gehört zu den Offizieren, die diese Verlegung seit Monaten bis ins Detail planen. Etliche Male war er in der Region unterwegs. Genau wie die Planer der Marine. Unter ihnen Vizeadmiral Jan Christian Kaack, der Inspekteur der Marine, der zuletzt im Januar mit einer Gruppe von Offizieren nach Hawaii flog, um dort an einer Konferenz des Pacific Forum, einer Denkfabrik in Honolulu, teilzunehmen.

Militärische Großübungen auf mehreren Kontinenten

Route der Luftwaffe

Alaska

Alaska

Deutschland

Deutschland

Japan

Japan

Hawaii

Hawaii

Indien

Indien

Australien

Australien

Quelle: Bundeswehr

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Bundeswehr auf den langen Weg in den Indopazifik macht. Im Jahr 2021 sorgte die Reise der Fregatte Bayern für Aufsehen. Fast 20 Jahre lang war zuvor kein deutsches Kriegsschiff in der Region gewesen, und nun fuhr die Bayern demonstrativ durch die umstrittenen Gewässer des Südchinesischen Meeres – sehr zum Ärger der Chinesen. Ein von der Bundesregierung angefragter Hafenbesuch in Shanghai wurde von chinesischer Seite abgesagt. 2022 beteiligte sich dann die Luftwaffe an der Übung Pitch Black in Australien. Und 2023 nahmen Fallschirmjäger des Heeres am Manöver Talisman Sabre teil, wiederum in Australien. Warum zeigt Deutschland neuerdings ein so großes Interesse am Indopazifik, auch militärisch?

"Schutz der regelbasierten Ordnung"

Weil sich die Bundesrepublik in dieser wirtschaftlich und geopolitisch immer wichtiger werdenden Weltgegend "nicht mit einer Zuschauerrolle begnügen" dürfe – wie es in den 2020 von der Bundesregierung beschlossenen Leitlinien zum Indopazifik heißt. Darin kündigte die damalige große Koalition die Beteiligung Deutschlands "an Übungen sowie an kollektiven Sicherungsmaßnahmen zum Schutz der regelbasierten Ordnung" an.

Schon 2019 hatte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) erklärt, Länder in der Region wie Australien, Japan und Südkorea fühlten sich zunehmend von China bedrängt und erwarteten von ihren westlichen Partnern Signale der Solidarität – nicht nur von den USA, sondern eben auch von Europa. "Es ist an der Zeit, dass Deutschland auch ein solches Zeichen setzt, indem wir mit unseren Verbündeten Präsenz in der Region zeigen", sagte Kramp-Karrenbauer in einer Rede an der Bundeswehr-Universität München. "Weil wir ein Interesse daran haben, dass bestehendes Recht respektiert wird."

Unter der Ampel setzt Deutschland diese Politik fort. In der verstärkten Aufmerksamkeit für den Indopazifik sind sich die drei Koalitionsparteien ausnahmsweise einig. Was auch daran liegt, dass die Spannungen in der Region weiter zugenommen haben. Die Rivalität zwischen China und den Vereinigten Staaten hat sich verschärft. China droht unverhohlen mit einem Angriff auf Taiwan. Im Südchinesischen Meer häufen sich die Fast-Zusammenstöße zwischen der chinesischen und der philippinischen Marine.