Im Reich der Unersättlichen – Seite 1

Moment mal: Magnum und Cornetto, war das nicht das Versprechen von Süße und Leichtigkeit und Sommer? Ein Versprechen, dem man weder an Kinokassen noch in Freibädern, noch in Supermärkten entkam? Eis von Langnese gehörte dazu, wenn die Sonne schien. Jedenfalls machte das die Werbung jahrzehntelang glauben.

Doch jetzt hat der Langnese-Hersteller Unilever angekündigt, er wolle sich künftig nur noch auf "überlegene Marken" konzentrieren. Und das Eisgeschäft gehört nicht dazu. Die Produktion soll in eine eigene Gesellschaft ausgelagert werden. Das klingt harmlos, ist aber ein schlechtes Zeichen. Die leichte Zeit von Magnum und Cornetto – sie ist schwerer geworden.

Ganz anders dagegen in Übach-Palenberg, einer Kleinstadt im Westen von Nordrhein-Westfalen. Zwischen Feldern und Windrädern steht dort eine Eisfabrik. Sie gehört zu Lidl, dem Discounter. Die Luft im Inneren ist kühl, die Förderbänder sind breit wie Straßen. Eine Maschine pumpt eine cremig-weiße Masse aus einer Leitung heran, es duftet nach Vanille. Rasend schnell rammt das Gerät Holzstäbchen in die portionierte Masse, weiter unten am Band baden die Vanillescheibchen in flüssiger Schokolade mit Mandelsplittern. Was wieder herauskommt, sieht aus wie Magnum-Eis. "Magnum-Style" nennen es die Mitarbeiter der Eisfabrik unverblümt. Zwar hat Lidl den Eisklassiker weder erfunden noch mit Werbung groß gemacht, kopiert ihn nun aber massenhaft. Eine Million Mal am Tag. Jeden Tag.

Von einer Eis-Krise gibt es bei Lidl, anders als bei Unilever, keine Spur. Die Eisfabrik ist eine der größten in Europa. "Keiner ist cooler als wir", feiert sich Lidl im Internet ungeniert selbst.

Speiseeis ist nur eines der Beispiele, an denen sich die Geschichte einer Machtverschiebung erzählen lässt. Wenn ein Unternehmen wie Lidl, das lange einer der größten Lebensmittelhändler im Land war, nun auch zugleich mehr und mehr Lebensmittel selbst herstellt, verändert das das wirtschaftliche Gefüge. Und das nicht zwingend zum Guten.

Denn je einflussreicher ein Unternehmen wird, desto mehr wächst die Gefahr, dass es diese Macht ausnutzt. Dann werden die früheren Lieferanten wie Unilever auf einmal zu Konkurrenten, die sich ganz einfach aus dem Markt drängen lassen, indem man ihnen den Zugang zu den Kunden erschwert. Dann müssen sich Bauern auf jeden Preis einlassen, weil sie ihre Ware an kaum jemand anderen noch loswerden. Als die Landwirte Anfang des Jahres protestierten, weil sie um ihre Existenz fürchteten, machte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) den Handel verantwortlich und sagte im Bundestag, es sei das "Hauptproblem, dass es eine Übermacht auf der Nachfrageseite gibt".

Gemeint hat er: Werden Händler immer mächtiger, können sie ihre Kunden mit Sonderangeboten locken und sich ihre Gewinne von den Lieferanten holen – von den Landwirten zum Beispiel.

Und Lidl wird gerade immer mächtiger. Wobei Lidl nur das prominenteste Aushängeschild der Schwarz Gruppe ist, zu der auch Kaufland gehört und die alles in allem fast 14.000 Filialen in 30 Ländern betreibt. Mehr als 575.000 Menschen arbeiten daran, dass der Handelsriese mit Hauptsitz im baden-württembergischen Neckarsulm noch größer wird.

Machtverschiebung im Lebensmittelgeschäft

Die Folgen zeigen sich mittlerweile bei vielen Produkten: bei Eis, Schokolade, Kaffee, Nudeln und Brot, die fast bei jedem Einkauf im Wagen landen. Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde Lidl zu einem der größten Lebensmittelproduzenten Deutschlands. Wahrscheinlich sogar zur Nummer eins, denn Lidl dürfte die noch 2022 dominierende Oetker-Gruppe inzwischen beim Wert der produzierten Lebensmittel überholt haben, worauf Geschäftszahlen des Discounters hindeuten. Der spricht mittlerweile selbst davon, den Wettbewerb "anzuführen".

Die Machtverschiebung im Lebensmittelgeschäft hat nicht nur mit Lidl allein zu tun. Dahinter steckt auch die Evolution einer deutschen Erfindung: jener des Discounters. Die Aldi-Gründer Karl und Theo Albrecht waren es, die in den Sechzigerjahren konsequent Kosten senkten und so ein Geschäftsmodell schufen, das Standards für den gesamten Lebensmittelhandel setzte. Am Ende dieser Entwicklung blieben die vier Großen, die man heute kennt: Lidl, Aldi sowie Rewe und Edeka mit ihren Discount-Ablegern Penny und Netto. Die großen vier dominieren heute zusammen etwa 80 Prozent des deutschen Lebensmittelhandels.

Die hohe Inflation der jüngsten Krisenjahre verschärfte die Suche nach den günstigen Preisen. Jeder zweite Deutsche, der im Krisenjahr 2022 sparte, tat das am liebsten, indem er Markenartikel durch Eigenmarken der Discounter ersetzte – das fand die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) heraus. "Magnum-Style" statt "Magnum" also – wer merkt da schon den Unterschied? Selbst die loyalsten Supermarktkunden wurden in dieser Zeit zu "Wechsel-Shoppern", so die GfK, fuhren also zusätzlich zu Rewe oder Edeka noch einen Discounter an, um dort an günstige Ware zu kommen. Sogar im Dezember, dem Monat von Festtagsbraten und Champagner: Noch nie sei der Umsatz der Discounter in diesem Zeitraum so viel stärker gewachsen als bei den regulären Supermärkten.

Kaum ein Unternehmen hat die Gunst der Stunde besser genutzt als Lidl. Im Inflationsjahr 2022 stieg der globale Umsatz der Schwarz Gruppe um 14 Prozent auf 154 Milliarden Euro. Sie eröffnete weltweit 400 neue Filialen. Zahlen für 2023 liegen noch nicht vor. Firmengründer Dieter Schwarz, heute 84, der Anfang der Siebzigerjahre in Ludwigshafen die erste Lidl-Filiale eröffnete, wurde durch sein unternehmerisches Gespür zum vielfachen Milliardär. Gern hätte man mit Schwarz über diese Karriere gesprochen, aber eine Anfrage lehnte er per Brief ab: "Ein Interview kann es nicht geben."

Die Preisdrücker

Die umsatzstärksten Lebensmittel-Discounter in Deutschland

(Nettoumsatz 2022, in Mrd. Euro)

Lidl

Aldi Süd

Netto*

Aldi Nord

Penny**

26

18

16

14

9

Werte teilweise geschätzt. *Gehört zu Edeka, **gehört zu Rewe

ZEIT-GRAFIK/Quelle: EHI

Umso erstaunlicher war es, dass der traditionell unzugängliche Konzern der ZEIT in diesem Frühjahr die Möglichkeit bot, das Zentrum seiner neuen Macht in Übach-Palenberg zu betreten. In der größten Fabrik von Schwarz Produktion, wie der Konzernteil korrekt heißt, werden nicht nur Magnum-Klone hergestellt, sondern dort läuft fast alles vom Band, was in eine deutsche Speisekammer gehört. Wenn es einen Ort gäbe, von dem aus man im Notfall einen Großteil der deutschen Bevölkerung ernähren könnte, wäre es wohl dieser hier.

Direkt neben der Eisfabrik wird Schokolade produziert, nach Firmenangaben in einem "der größten und modernsten Werke Europas". Acht Lkw-Ladungen flüssige Kakaomasse werden täglich zu Tafeln gepresst. Gleich nebenan werden Nüsse und Trockenfrüchte verpackt, 47.000 Tonnen sollen es bald jährlich sein. Und daneben eine Backfabrik riesiger Dimension: Bei Lidl backen sie 13.000 Brote pro Stunde.

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Daniel Monawari öffnet die Tür zu einer Halle, in der silbrige Edelstahltanks aufragen wie die Säulen einer Kathedrale. "Unser Heiligtum", sagt der oberste Bäckermeister der Fabrik, der immer zu einem Scherz aufgelegt ist. Im weißen Kittel streift er an den Tanks entlang, Tausende Kilo Sauerteig gären hier vor sich hin. Eine Probe hat er in einen Becher abgefüllt. Monawari tunkt einen Löffel hinein. "Kosten Sie mal!", sagt er. Schmeckt leicht nach Apfel, fast wie Joghurt, etwas säuerlich.

Alles sei wie im Handwerksbetrieb hier, nur viel größer. Diese Worte wiederholt Monawari während des Fabrikrundgangs mehrfach. Dem Bäckermeister, Lebensmitteltechniker und Geschäftsführer der Backfabrik ist das wichtig. Trotz aller Automatisierung, aller Maschinen. Menschenhände sind an der Produktion hier nämlich kaum beteiligt. Man sieht nur wenige Beschäftigte in den Fabrikhallen, in denen sich über mehrere Etagen 13 hoch automatisierte Produktionslinien allein für die Backwaren erstrecken: Brot, Brötchen, Croissants, Donuts, Berliner.

Gleichzeitig sind da Zahlen wie diese: Im Jahr 2022 haben 780 handwerklich ausgerichtete Bäckereibetriebe in Deutschland ihr Geschäft aufgegeben, berichtet der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks. Neuere Daten gibt es noch nicht. Der Umsatz der Handwerksbäcker fiel um 9,4 Prozent.

Vertikale Integration heißt die Strategie

Es geht nicht nur um Backwaren. Die größte deutsche Nudelfabrik gehört ebenfalls Lidl, sie liegt in Erfurt. Kaffee röstet Lidl im nordrhein-westfälischen Rheine. Mineralwasser und andere Getränke füllt der Konzern gleich an fünf verschiedenen Standorten ab. Er hat ein eigenes Recyclingwerk, eine eigene Spedition, eine eigene Papierfabrik – für die Prospekte mit den wöchentlichen Sonderangeboten.

Die anderen Lebensmittelhändler betätigen sich ebenfalls als Produzenten. Rewe und seine Discount-Tochter Penny besitzen eine eigene Metzgerei. An sechs Standorten fertigen 3.000 Mitarbeiter Wurst und Fleischwaren unter dem Label Wilhelm Brandenburg und erzielen damit einen Jahresumsatz von 850 Millionen Euro. Edeka gehören eigene Wurstfabriken ("Gutfleisch"), außerdem ein Abfüllbetrieb für Mineralwasser und eine Tochter für die Produktion von Fruchtsäften. Aldi kaufte sich im vergangenen Jahr den Altmühltaler Mineralbrunnen. Die anderen Handelsunternehmen machen es also ähnlich wie Lidl. Nur ist keines so konsequent im Aufbau eigener Produktionsanlagen.

Vertikale Integration heißt diese Strategie im Business-Deutsch. Sie funktioniert immer dort, wo sich im Wettbewerb mit direkten Konkurrenten nicht mehr viel gewinnen lässt. Konkret: Wenn ein Unternehmen wie Lidl horizontal, also an Marktanteilen und Gewinn gegenüber Aldi, Rewe und Edeka, nicht mehr viel holen kann – dann wächst es einfach entlang der eigenen Lieferkette. Auf Kosten seiner Lieferanten und Zulieferer. Deren Problem ist, dass sie zwar Fabriken haben, aber keine eigenen Läden. Anders als Lidl fehlt ihnen der direkte Zugang zu den Kunden.

Die Werbekampagne "Du hast die Wahl", die in den Jahren 2021 und 2022 lief, zeigte schon, was das heißt. Darin stellte Lidl Markenprodukte und Eigenmarken einander gegenüber. Das Markenprodukt mit schwarzer Farbe unterlegt, das eigene mit weißer. Was wird der Kunde wohl kaufen?

Original Golden Toast für 1,39 Euro oder die Lidl-Kopie für 79 Cent?

Original Coca-Cola für 89 Cent oder die Lidl-Kopie für 39 Cent?

Original Sechserpack Magnum-Eis für 3,69 Euro oder die Lidl-Kopie für 1,99 Euro?

Peter Feller, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie, kritisiert diese Entwicklung. Die vertikale Integration in Handelsunternehmen sei für seine Branche "eine große Herausforderung", sagt er, die Konkurrenz zwischen klassischen Markenprodukten und den Eigenmarken der Discounter und Supermärkte habe in jüngster Zeit "an Intensität deutlich zugenommen". Wenn Lidl dann als Produzent gleichzeitig Konkurrent seiner Lieferanten ist, also der klassischen Lebensmittelhersteller – wessen Ware liegt dann wohl eher im Geschäft aus? Und wenn beides angeboten wird: Wo liegt die jeweilige Ware dann?

Denn die Platzierung bestimmt den Umsatz. Entscheidend ist: Welche Produkte stehen auf Augenhöhe der Kunden? Welche Marken dürfen die "Gondelköpfe" füllen – so der Handelsjargon für die Stirnseite der Regale. Der Umsatz ist dort vier- bis zwölfmal so hoch wie anderswo.

Stephan Rüschen sagt: "Die anderen Produzenten in der Branche sind nicht begeistert von dem Engagement der Schwarz Gruppe." Rüschen ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Handel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn, der größten Handelshochschule in Deutschland. Fast alle Lebensmitteleinzelhändler bilden dort ihr Personal aus. Rüschen war früher Geschäftsführer der Handelskette Metro Cash & Carry, verweist heute aber auf seine Unabhängigkeit als Beamter. Es finde ein gnadenloser Verteilungskampf statt, sagt er.

"Wir haben keine Großmannsgelüste"

Der Discounter selbst sieht das – wenig überraschend – völlig anders. "Wir wollen keine Angst verbreiten, wir haben keine Großmannsgelüste", sagt Jörg Aldenkott, der Vorstandsvorsitzende von Schwarz Produktion. Zum Interview mit der ZEIT ist er per Video zugeschaltet.

Aldenkott erklärt das, was in Übach-Palenberg stattfindet, mit ökonomischen Notwendigkeiten und der betriebswirtschaftlichen Logik eines rasant wachsenden Unternehmens: "Die Schwarz Gruppe mit Lidl und Kaufland ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, jedes Jahr im mehrstelligen Milliardenbereich", sagt er. Man benötige einfach unvorstellbare Mengen an Lebensmitteln, um die vielen Filialen überhaupt beliefern zu können. Mittelständische Lieferanten könnten die nötigen Investitionen dafür aber nur schwer aufbringen: "Da haben wir irgendwann gesagt: Vieles müssen wir selbst machen."

Vor dem Aufbau jeder neuen Fabrik überlege sich das Management daher: Wie muss ein Produkt beschaffen sein, damit es funktioniert? "Wir haben sicherlich einen Vorteil gegenüber dem Wettbewerb, weil wir alles vollkommen neu planen konnten und in die modernsten Anlagen investiert haben", sagt Aldenkott. Die etablierten Produzenten hingegen sitzen häufig auf jahrzehntealten Maschinenparks und sind dementsprechend weniger produktiv.

Bevor der Trend zur Vertikalisierung einsetzte, lief das Geschäft so: Die Discounter und Supermärkte ließen ihre Eigenmarken bei den klassischen Herstellern der Markenprodukte fertigen. Oft nach eigenen Vorgaben und Rezepten, aber auf deren Anlagen. Das haben alle so gemacht, Aldi, Lidl, Rewe, Edeka. Bis die Eigenmarken so groß und so wichtig geworden waren, dass man damit beginnen konnte, mit den bisherigen Partnern nicht mehr nur über die Preise ihrer Ware zu verhandeln, sondern auch darüber, ob man diese Ware überhaupt benötigt. Man braucht sich nicht mehr so dringend wie früher.

Angst vor einem Verdrängungswettbewerb müsse niemand haben, beschwichtigt Aldenkott, der Lidl-Manager. Bevor ein neues Werk geplant werde, spreche man Jahre im Voraus mit den bisherigen Lieferanten und lote aus, ob deren Produktion eventuell noch ausgebaut werden könne. "Das Wichtigste für Lidl und Kaufland ist aber, keine Versorgungsengpässe zu haben", sagt er. Die Regale in den Filialen müssten immer voll sein.

Nachschub, Nachschub, Nachschub, alles wegen Größe, Größe, Größe.

Das klingt bedrohlich und ist es aus Sicht vieler Lieferanten ja auch. Tatsächlich ist es aber gleichzeitig so, dass die Gravitation der Schwarz Gruppe und anderer Discounter auch Entwicklungen beeinflusst, die man gar nicht gleich mit den negativen Folgen kapitalistischer Umtriebe verbinden würde.

Wie ambivalent die Folgen sein können, zeigt sich besonders beim Tierwohl.

Einerseits wird Lidl gerade stark für die Zustände bei seinen Hühnerfleisch-Lieferanten kritisiert. Verletzte Tiere würden in überfüllten Ställen vor sich hin vegetieren oder in ihren eigenen Exkrementen leben, kritisiert die Albert-Schweitzer-Stiftung in einer aktuellen Kampagne. Lidl wies die Kritik in den Medien zwar zurück, gleichwohl haben sich inzwischen eine halbe Million Menschen der Aktion per Unterschrift angeschlossen. Die Schauspielerinnen Katja Riemann und Ursula Karven unterstützen die Kritik an dem Discounter ebenso wie etliche andere Prominente.

Natürlich geht es den Händlern um ihr Image

Andererseits geht Lidl das Thema Tiere sehr offensiv an. Mitte April erschienen in vielen Medien große Anzeigen, auch in der ZEIT. "Wir zeigen Haltung für mehr Tierwohl" war dort zu lesen. Eine Kuh auf einer Weide war darauf abgebildet, die dem Betrachter so gelassen entgegenglotzte, als sei sie ganz zufrieden damit, demnächst für Lidl geschlachtet zu werden. Die eigentliche Neuigkeit stand daneben: Von 2030 an plant Lidl nur noch Fleisch der Haltungsformen drei und vier zu verkaufen. Das sind die beiden strengsten der insgesamt vier Haltungsstufen, die von Massentierhaltung bis hin in etwa zum Niveau des Bio-Siegels reichen. Entworfen haben das System die Supermarktketten.

Aldi hat das gleiche Versprechen schon vor drei Jahren abgegeben. Und macht nach eigenen Angaben Fortschritte – über alle Fleischsorten hinweg. Ein Plan sieht Zwischenziele für die nächsten Jahre vor, bis im Jahr 2030 dann alles umgestellt sein soll.

Natürlich geht es den Händlern dabei um ihr Image. Gerade jetzt, da sich europaweit neun von zehn Kunden wünschen, dass ein Tier gut gelebt hat, bevor es auf den Teller kommt, wie die Verbraucherzentrale herausfand. Aber im Gegensatz zu den Discountern hat es die Politik jahrelang nicht geschafft, substanziell das Tierwohl zu stärken.

Der letzte Versuch begann 2019. Damals rief Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) die Borchert-Kommission ins Leben, benannt nach einem ihrer Amtsvorgänger. 2023, der Agrarminister hieß inzwischen Cem Özdemir (Grüne), beendete die Kommission ihre Arbeit entnervt. Die politische Unterstützung und Finanzierung der Tierwohl-Ideen ließen "den notwendigen Durchbruch nicht erkennen".

Inzwischen hat zwar auch Özdemir ein Kennzeichnungssystem zur Tierhaltung präsentiert, ein staatliches, mit fünf Stufen. Doch die Politik wirkt getrieben: Die Discounter haben längst entschieden, wie und bis wann sich das Tierwohl verbessert haben soll. Lidl und Aldi schaffen Fakten. Sie zwingen die Bauern, sich ihren Vorstellungen anzupassen. Während die Landwirte nie sicher sein können, die Kosten wieder auszugleichen, die ihnen durch strengere Auflagen oder den Preisdruck entstehen.

Der Konflikt in der Lebensmittelbranche schwelt deshalb weiter, er wird gespeist aus über die Jahre wechselnden Schuldzuweisungen. Bauern gegen Agrarminister gegen Discounter gegen Konsumenten. Es gibt dann stets neue Sündenböcke für den Umstand, dass irgendwer dafür bezahlen muss, wenn Bauern – wie nun ins Tierwohl – investieren müssen.

Dabei hat die Lage auch sehr viel mit den deutschen Kunden zu tun, die eifrig nach Sonderangeboten und den preiswertesten Lebensmitteln suchen. In der EU geben nur Iren, Luxemburger und Österreicher einen geringeren Anteil ihres Konsumbudgets für Lebensmittel aus als die Deutschen.

Verbrauchern kommt die Geschäftspolitik der Discounter so betrachtet entgegen. Daran ändert auch nichts, dass die Preise für deren Eigenmarken zuletzt stärker stiegen als die von Markenprodukten unabhängiger Hersteller – von 2022 auf 2023 um durchschnittlich 40 Prozent. Die Discounter müssen bei den Eigenmarken Kosten wegen ihrer geringen Margen schneller auf den Kunden abwälzen als Markenhersteller mit höheren Gewinnen. Günstiger waren sie im Ergebnis trotzdem noch.

Nur bilden die Preise eben nicht alle Kosten ab. Was der relativ billige Einkauf für Umwelt und Erzeuger bedeutet, darüber gibt die Summe auf dem Kassenbon keine Auskunft.

Der Discounter Penny wagte dazu im vergangenen Sommer ein Experiment. "Wahre Kosten" war der Titel der Aktionswoche, in der Penny für zahlreiche Produkte jene Preise verlangte, die eigentlich fällig wären, wenn man die bei der Lebensmittelproduktion verursachten Umweltschäden berücksichtigen würde. Bestimmt hatten die Aufschläge Wissenschaftler der Universität Greifswald und der Technischen Hochschule Nürnberg. Die summierten dafür die indirekten Folgekosten der Lebensmittelproduktion, etwa für die Aufbereitung von Trinkwasser, das mit Düngemittel belastet ist. Fleisch und Milchprodukte wurden demnach bis zu 94 Prozent teurer, bei Bio-Artikeln und Fleischersatz fiel der Aufschlag deutlich geringer aus.

Maasdamer in Scheiben, 300 g: 4,84 Euro statt 2,49 Euro

Wiener Würstchen, 400 g: 6,01 Euro statt 3,19 Euro

Veganes Schnitzel, 500 g: 2,83 Euro statt 2,69 Euro

Die Wissenschaftler aus Greifswald haben die Kunden befragt, während das Projekt lief. Manche, die den teuren Maasdamer oder die Sechs-Euro-Wiener kauften, sagten: Klimaschutzprojekte und familiengeführte Bauernhöfe – dafür könne man ja mal spenden. Die meisten Verbraucher sahen das jedoch anders. Die Anzahl der Kunden, die die Produkte liegen ließen, war mehr als doppelt so hoch. Nicht, weil ihnen die Umwelt nicht am Herzen läge. Sie waren ihnen einfach zu teuer.