Er schrumpft sie (ungewollt) – Seite 1
Welche Alice Weidel ist am Donnerstagabend auf der internationalen Bühne zu sehen gewesen? Die seltene Gelegenheit gab es, weil sich die designierte Kanzlerkandidatin der AfD mehr als eine Stunde lang mit Techmilliardär Elon Musk auf dessen Plattform X unterhalten konnte. Würde sie milder sein als sonst? Witzig? Nahbar? Würde sie sich so verhalten, als könnte sie irgendein Amt antreten?
Das Gespräch (das von der Bundestagsverwaltung als mögliche Beeinflussung des Wahlkampfs geprüft wird) wurde auf X nicht als Video verbreitet, sondern lediglich als Tonspur, wie ein Podcast oder eine Sendung im Radio. Vor Beginn postete Weidel auf X ein Foto von sich vor dem Mikrofon, sie trug einen weißen Rollkragenpullover und ein blaues Jackett mit weißem Einstecktuch.
Oppositionspolitiker geben sich meistens staatstragend, wenn sie im Ausland sind. Sie setzen sich selbstverständlich von der amtierenden Bundesregierung ab, wollen dem In- und Ausland aber zugleich zeigen, dass sie sich auf internationaler Bühne bewegen können. So hielten es die Unionspolitiker und dann auch -kanzlerkandidaten Friedrich Merz (Frankreich, Ukraine, Israel) und Armin Laschet in Polen. Und Weidel?
"Yes, yes, yes"
Weidel wurde an diesem Abend zwischenzeitlich erstaunlich klein. Sie lachte mehrfach unsicher und für ihre Verhältnisse erstaunlich hoch, sie fragte mindestens ein halbes Dutzend Mal, ob sie noch eine Frage stellen dürfe, sie hauchte gegen Ende mit einer Stimme voller Ehrfurcht ein "wow", als Musk seine Mars-Vision darlegte. Und sie sagte im Verlauf des Gesprächs sehr oft "yes, yes, yes", wenn der Techunternehmer und nun auch US-Präsidentenberater sprach. Es ging so weit, dass Musk ihr das einmal belustigt spiegelte, wie ein Echo: "Yes, yes, yes."
Worüber wurde gesprochen? Und wie? Es ging um die erwartbaren Themen: Energiepolitik, Einwanderung, Kriminalität. Weidel überraschte anfangs, indem sie sagte, Deutschland sei ein "großartiges Land" und voller "hoch motivierter Menschen". Bei früheren Interviews mit ausländischen Medien zeichnete die AfD-Frau stets ein apokalyptisches Bild des Landes, in dem sie sich zur Wahl stellt (Financial Times, The American Conservative).
Im weiteren Verlauf des Gesprächs verfiel sie dann, in etwas holprigem Englisch, in ihre üblichen Sprechroutinen. Weidel breitete in ätzendem, verächtlichem Ton ihre Analyse der deutschen Zustände aus. Sie sprach von der "lächerlichen Ampelregierung". Wer wie diese die letzten Atommeiler mitten in einer Energiekrise abstelle, sei "entweder dumm oder hasse sein Land". Deutschland sei ein "dysfunktionaler Staat", die Kriminalität hoch, und die Regierung "wirft Geld aus dem Fenster raus, indem sie es den Flüchtlingen und Einwanderern gibt". Angela Merkel sei "die erste grüne Kanzlerin" gewesen, auch Friedrich Merz sei kein Konservativer, sondern ein "Grüner", und in den Schulen herrsche eine "linke, woke Agenda", die dazu führe, dass Schülerinnen und Schüler "nur etwas über Genderfragen" lernten. Deshalb würden so viele junge Menschen nun auch die AfD wählen, weil sie sich von ihr endlich wieder ein "leistungsorientiertes" Bildungssystem, eine gute Ausbildung versprächen.
Was auffiel: Elon Musk betrachtete die deutsche Energiepolitik differenzierter als Alice Weidel. Während sie nur holzschnittartig sagte: "Man kann ein Industrieland nicht allein mit Wind- und Solarenergie versorgen" (was auch niemand will, aber das ist eine andere Geschichte), und dann über das Aus der Atommeiler ätzte, sagte Musk: "Ich bin ehrlich gesagt ein großer Fan von Solarenergie. Man muss sie nur klug durch andere Energiequellen ergänzen." Auch er ist ein Fan von Atomenergie und fügte noch hinzu, dass auch fossile Energien auf absehbare Zeit "eine Ergänzung" sein müssen. Weidel daraufhin: "Yes, yes."
Hitler sei "links" gewesen, ein "Kommunist"
Insgesamt schaffte es Weidel unfreiwillig – durch den Kontrast zu ihr selbst –, die rationale Seite von Musk und seine intellektuelle Schärfe wieder einmal ins Bewusstsein zu bringen. Musk war sehr präsent, er sprach mit einer tiefen, ruhigen und entspannten Stimme, war zugewandt und signalisierte den Zuhörenden seine volle Unterstützung für Alice Weidel und für die AfD. Nach einer knappen halben Stunde wandte er sich auch direkt an die deutschen Wähler und wiederholte, was er schon in seinem Beitrag in der Welt am Sonntag geschrieben hatte: "Wenn ihr einen Wechsel wollt, müsst ihr ihn wählen. Ich empfehle die AfD sehr. Ich höre hier nichts Empörendes, sondern nur Vernünftiges. Nur die AfD kann Deutschland retten." Zugleich deutete in dem Gespräch nichts darauf hin, dass sich Musk näher mit der Partei selbst beschäftigt hat. So genau er in Sachthemen war, so uninformiert und oberflächlich fragte Musk hier und da zur AfD.
Immerhin verlangte Musk von der AfD-Co-Bundessprecherin und Co-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag später noch zwei Antworten zu Israel, Rechtsradikalismus und Antisemitismus – und bekam welche, die vielleicht nachhallen werden.
Musk: "Leute hören viel darüber, dass die AfD rechtsextrem sei, und bringen sie in Verbindung mit Nazis. Was ist da dran?"
Weidel: "Hm-hm-hm."
Pause.
Dann sagt sie, es sei falsch, Adolf Hitler als Rechten oder Rechtsextremen zu bezeichnen, es sei "das falsche Label". Hitler sei "links" gewesen, ein "Kommunist". "Punkt." Mehr gäbe es dazu nicht zu sagen. Die AfD sei "das Gegenteil", eine "libertäre und konservative Partei. Wir möchten die Menschen vom Staat befreien."
Die Einstufung durch den Verfassungsschutz, die wegen
rechtsextremer Gewalttaten und Äußerungen verurteilten Parteimitglieder und
Mitarbeiter in Bundestag und Landtagen – kommt alles nicht zur Sprache. Weidels
hanebüchene Umdeutung von Hitler, die darin gipfelt, dass sie eine gerade
ideengeschichtliche Abstammungslinie von Adolf Hitler zu linken Antisemiten in
der Bundesrepublik zieht, es ist der vielleicht absurdeste Moment in diesem
Aufeinandertreffen.
"Ja. Auf jeden Fall!"
Musk: "Was denken Sie über Israel?"
Weidel: "Kompliziert."
Musk: "Har-har."
Weidel: "Je mehr ich über den Nahen Osten und Israel lese, umso weniger sehe ich zurzeit eine Lösung für den Konflikt. Haben Sie eine?"
Musk: "Ich meinte: Sind Sie uneingeschränkt für die Existenz des Staates Israel?"
Weidel: "Ja. Auf jeden Fall!"
Musk: "Har-har-har. Das ist es, was die Leute wirklich wissen wollen."
Dann spricht Weidel von ihren jüdischen Freunden, die nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 in Angst leben würden, in Angst davor, in Europa von "Anhängern der Hamas, von Palästinensern, der Antifa und linken Terroristen" angegriffen zu werden. Sie endet dann mit dem Satz, die AfD sei die einzige Partei, die Juden in Deutschland beschützen würde.
Musk hat darauf nichts mehr zu sagen. Man kann nicht erkennen, ob er sprachlos ist oder die Chuzpe bewundert. Die beiden wechseln zum nächsten Thema.
Auf einer anderen Ebene gab dieses Gespräch aber noch etwas über Alice Weidel preis. Sie sagte an einer Stelle, wie wohltuend es sei, dass sie im Gespräch mit Musk "nicht dauernd unterbrochen" werde und "negativ geframt", wie es ihr in den vergangenen zehn Jahren stets ergangen sei, wenn sie in deutschen Medien interviewt worden sei. Sie genoss diese Stunde mit Musk offensichtlich.
Und es stimmt. Kein bedeutendes Medium in Deutschland ist AfD-freundlich. Daran hat sich seit der Gründung der Partei nichts geändert, und es hat dazu geführt, dass sich die Partei und ihre Anhänger schon früh über soziale Netzwerke ausgetauscht und dort organisiert haben, zunächst über Facebook, später auch über WhatsApp und Telegram. Durch diesen Umstand erklärt sich auch ihr Kompetenzvorsprung und ihr Erfolg auf TikTok gegenüber anderen Parteien. Die AfD musste sich eben von Anfang an sehr viel stärker eine eigene Öffentlichkeit schaffen.
In diesem Sinne ist das Gespräch mit Musk eine logische Konsequenz und in gewisser Hinsicht auch ein Symbol dafür, wie die AfD über die Jahre zu Diskursmacht gelangt ist. So lautet die Bilanz dieses Abends: Weidel hat sich an ein paar Stellen selbst ausgeknockt. Sie hat nicht auf Augenhöhe mit Elon Musk sprechen können. Und als sie über Adolf Hitler und jüdisches Leben in Deutschland sprach, war es zum Fremdschämen für jeden halbwegs politisch informierten Zuhörer. Dennoch bleibt es ein Erfolg für sie. Denn das eigentliche Ereignis dieses Gesprächs auf X war das Ereignis selbst.
177 Kommentare
Yomiuri
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Dann sagt sie, es sei falsch, Adolf Hitler als Rechten oder Rechtsextremen zu bezeichnen, es sei "das falsche Label". Hitler sei "links" gewesen, ein "Kommunist". "Punkt." Mehr gäbe es dazu nicht zu sagen.
Ich trage mal eben den Eimer weg.......
Mr. Vongele
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Alice Weidel ist ein moralisch durch und durch verdorbener Mensch. Unerträglich!
Mr.Fahrenheit
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Das wird dem Björn aber gar nicht gefallen, dass Alice sein großes Vorbild zum Kommunisten erklärt hat ...
kaiser-k
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Vielleicht war Adolf Hitler auch einfach zu "woke" für ein 1000-jähriges Reich?
Man kann's kaum glauben, dass es Menschen gibt, die diese Figuren ernst nehmen und auch noch wählen. Und selbst wenn in Wien heute die Vernunft zu tausenden auf der Straße gegen die Österreichische Variante dieses Irrsinns protestiert, so ist das lange nicht genug – es muss ein viel deutlicherer Ruck durch die Gesellschaft gehen. "Arsch huh, Zäng usseneinander!" sang man einst. Das Lied von '92 scheint aktueller denn je.
sugarvision
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"Musk war sehr präsent, er sprach mit einer tiefen, ruhigen und entspannten Stimme"
Wie halt ein Pate, der mit einem ihm ergebenen Familienmitglied spricht.
rolf1s
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Weidel ist also Anarchistin! Linksextrem! Ich lach mich schlapp.
Jackie Treehorn
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Vorhin in den Tagesthemen gesehen: Weidel wollte die NS-Zeit relativieren und sagte, Hitler wäre eigentlich ein Kommunist gewesen.
Tja, schon doof, wenn der Faktenchek abgewickelt wurde. Denn so kann so ein Unfug unkommentiert stehen bleiben und irgendwelche ungebildeten Kiddies, und davon gibt es leider zuviele, nehmen das dann für bare Münze ...
mk70666
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Hitler ein Kommunist...
Vielleicht will Weidel damit nur so tun, als hätte sie nie Hitler's „Mein Kampf“ gelesen. Darin hat Hitler neben dem Judentum auch den Kommunismus zu seinen Hauptfeinden erklärt.