Am Aktienmarkt gilt gerade: "Europe first, America second" – Seite 1
Wer die Stimmung an den europäischen Finanzmärkten messen will, dem hilft ein Blick auf den Vorplatz der Mailänder Börse. Mitten auf der Piazza degli Affari, dem Platz der Handelsgeschäfte, hat der Künstler Maurizio Cattelan eine marmorne Statue auf einen fünfstufigen Sockel platziert. Cattelans Statue ist eine Hand, die ihren Mittelfinger meterhoch gen Himmel reckt. Und genau diese Botschaft senden die europäischen Börsen derzeit in die Welt. Genauer, in Richtung Washington, D. C., und Wall Street.
Während Europa auf der Weltbühne strauchelt, brilliert der Kontinent seit Jahresbeginn an der Börse. Der sonst tonangebende US-Leitindex S&P 500 legte in diesem Jahr um rund drei Prozent zu, der europäische Aktienleitindex Stoxx Europe 600 schaffte im selben Zeitraum mehr als neun Prozent. Zumindest an den Finanzmärkten gilt momentan: Europe first.
Es ist eine ungewöhnliche Begeisterung für europäische Aktien, die Großanleger in diesen Tagen weltweit teilen. Seit Jahresbeginn enteilte der europäische Aktienmarkt den US-Börsen so schnell und so weit wie seit 2015 nicht mehr, hat die Deutsche Bank berechnet. "You dip your toe in", riet Anlagestratege Julian Emanuel von der US-Investmentbank Evercore ISI diese Woche seinen Kunden. Auf Deutsch: Jetzt langsam den Einstieg wagen.
Sogar Hedgefonds wetten plötzlich nicht gegen den europäischen Kontinent, wie einst in der Schuldenkrise, sondern setzen auf ihn. "Das war eine echte Überraschung für viele", sagt David Groman, der als Anlagestratege für die US-Investmentbank Citi in London arbeitet und die Überlegungen der globalen Aktienprofis genau kennt.
Die Ironie daran: Die Europabörsen steigen nicht trotz Trump. Sondern seinetwegen.
Politisch am Katzentisch, an der Börse vorne dabei
In seiner Videobotschaft vor dem Davoser Weltwirtschaftsforum klagte Trump vor vier Wochen, die EU behandele sein Land "sehr, sehr unfair und sehr schlecht". Als Trump vor wenigen Tagen über eine Art Diktatfrieden mit Blick auf die Ukraine verhandelte, saßen die europäischen Regierungschefs gar nicht mehr am Tisch. Und während der US-Präsident Europa auf offener Weltbühne zu deklassieren versucht, liegen die europäischen Börsen nicht am Boden, nein, sie schöpfen Hoffnung aus dieser Politik.
Die Logik: Sollte Trump einen Waffenstillstand in der Ukraine aushandeln, könnte das den Firmen hier Auftrieb verschaffen. Auch wenn die Front der Ukraine Tausende Kilometer von den großen europäischen Industrieländern entfernt verläuft, gibt es doch wichtige Verbindungsadern: Gaspipelines. Sollte der Westen künftig wieder mehr Pipeline-Gas in Russland einkaufen, könnten dessen Preise in Europa rapide sinken.
Selbst wenn Russland nur wenig zusätzlich liefern würde, gingen die europäischen Gaspreise in einem Szenario der Großbank Goldman Sachs um rund 20 Prozent zurück. Würde Russland wieder seine Vorkriegsmengen liefern, könnte sich die Preise gar halbieren. Großinvestoren haben neben dieser ersten Ableitung auch die zweite im Kopf. Sie vermuten, dass energiehungrige Chemiefirmen, Stahlkonzerne und Industriekonglomerate davon besonders profitieren. "Die sind für den Kontinent und seine Börsen natürlich sehr wichtig", sagt Groman.
Warum Zölle die Börse kaltlassen
Nicht einmal Trumps Zolldrohungen konnten dieser Euphorie bislang nennenswert etwas anhaben. Groman und seine Kollegen haben dieses vermeintliche Paradox mit einem kleinen Experiment auf die Probe gestellt. Ihre Überlegung: Selbst europäische Firmen mit gewichtigem US-Geschäft produzieren inzwischen oft viel für den US-Markt vor Ort. Müssen die hiesigen Firmen ihre Autos, Schrauben oder Reagenzgläser also gar nicht in die USA einführen, würden auch keine Strafzölle fällig. "Längst nicht jedes Großunternehmen wäre wirklich stark von Zöllen betroffen", sagt Groman. Der deutsche Chemiekonzern Lanxess macht zum Beispiel ein Drittel seines globalen Geschäfts in den USA und produziert auch vor Ort für den lokalen Markt.
Um ihr Bauchgefühl zu belegen, haben die Citi-Analysten aus solchen Firmen einen eigenen Aktienindex berechnet. Als sie diese wenig zollsensiblen Aktien mit dem europäischen Leitindex übereinanderlegten, zeigte sich Erstaunliches: Der europäische Leitindex Stoxx Europe 600 verläuft mehr oder minder im Gleichschritt mit den wenig zollsensiblen Aktien. "Die Anleger schauen viel differenzierter auf das Thema Zölle, als es viele Schlagzeilen nahelegen", sagt der Aktienstratege der Citibank.
Was der Börsentrend Privatleuten aufzeigt
Hinzu kommt eine dritte schlechte Nachricht für europäische Firmen, die an der Börse positive Folgen hat. Weil weniger Bürokratie, niedrigere Unternehmenssteuern und laxere Gesetze das US-Wirtschaftswachstum unter Trump noch anheizen könnten, bekommen auch europäische Aktien zusätzlichen Schub.
Wer das verstehen will, muss die Mechanik des Währungsmarkts kennen: Weil viele Anleger dort derzeit US-Dollar kaufen, steigt dessen Wert. Verkauft ein deutscher Autobauer beispielsweise einen Oberklassewagen für 100.000 Dollar in den USA und tauscht dieses Geld dann in Euro zurück, hätte er Mitte des vergangenen Jahres mit nur rund 89.000 Euro dagestanden. Inzwischen könnte sich die Firma jedoch 96.000 Euro gutschreiben, wenn sie das Geld aus den USA nach Europa holt. "Das könnte sogar den Effekt von Zöllen ein Stück weit abfedern", sagt Jan Viebig, Chefanlagestratege der deutsch-französischen Privatbank Oddo BHF.
Was Privatleute nun tun sollten?
Doch selbst wenn die Gründe des aktuellen Kursschubs interessant sind, relevant ist für Privatanleger eine andere Frage: Lohnt es sich auch in Zukunft, auf europäische Aktien zu setzen? Auch wenn die Frage simpel sein mag, die Antwort ist es nicht. Denn wer Chancen und Risiken abwägen will, muss das aus gleich drei Perspektiven tun.
Erstens, kurzfristig. Trotz aller europäischen Euphorie glauben viele Fachleute nicht, dass der Aufwärtstrend der hiesigen Aktien ewig währen dürfte. Sollte Trump mit seinen Zöllen doch Ernst machen, könnte auch die Börse irgendwann Angst bekommen. Würde Deutschland nach der Bundestagswahl auf eine Hängepartie zusteuern, könnte das den gesamten Kontinent verunsichern. "Diese Risiken sind schon enorm", sagt Anlagestratege Viebig. Zumal die Gewinne der Börsenfirmen in Europa dieses Jahr sowieso nur um sieben Prozent steigen dürften, während Fachleute das Gewinnplus in den USA auf rund zwölf Prozent schätzen.
Diese Risiken sind schon enorm
Zweitens, der mittelfristige Blick: Mit dem sogenannten Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich messen, ob Aktien gerade teuer oder günstig bewertet sind. Dazu vergleicht man den Börsenwert einer Firma mit dem voraussichtlichen Gewinn des aktuellen Jahres. Im Schnitt müssten Anleger derzeit 14 Jahresgewinne aufbringen, um eine durchschnittliche europäische Börsenfirma komplett zu kaufen. Zum Vergleich: In den USA sind es bereits 23 Jahresgewinne. Aus Sicht mancher Experten kann diese Unterbewertung ein Argument für europäische Aktien sein, eine Garantie für steigende Kurse ist es allerdings nicht.
Drittens lohnt sich ein struktureller Blick auf die Proportionen im eigenen Portfolio, also auf die lange Frist. Während auf Europa rund 15 Prozent des Börsenwerts aller globalen Aktien entfallen, steht der Wirtschaftsraum für rund 25 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung. Während die USA zum Beispiel im sehr breiten Aktienindex "MSCI All Country World IMI" mit 8.600 Aktien aus der ganzen Welt für rund 65 Prozent des Börsengewichts stehen, machen sie nur 26 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus. "Viele Privatleute haben dieses Ungleichgewicht überhaupt nicht auf dem Schirm", sagt Chefanlagestratege Kim Felix Fomm von der Anlageplattform Raisin, die hierzulande vor allem als Weltsparen bekannt ist.
Fomm empfiehlt seinen Kundinnen und Kunden einen pragmatischen Ansatz: Vielleicht sei es der charmanteste Weg, einfach die Mitte zu wählen. Wer diesem Ratschlag folgt, würde sein Aktienportfolio zu rund 50 Prozent aus US-Titeln bestücken und europäischen Aktien rund 20 Prozent einräumen. Mit börsengehandelten Indexfonds (ETFs) könnten Anlegerinnen und Anleger zum Beispiel den Index MSCI Europe mit rund 400 Aktien aus EU-Staaten, Großbritannien und der Schweiz kaufen. Noch etwas breiter ist der Stoxx Europe 600 mit 600 Firmen, der Großbritannien und die Schweiz ebenfalls mit umfasst. "In der Konsequenz", sagt Fomm, "wäre das Portfolio dann etwas ausgeglichener".
17 Kommentare
CarlBarks
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Trump macht drei riesige Fehler.
1. Er glaubt dass wenn der Krieg in der Ukraine beendet wäre Europa nicht davon profitieren würde.
2. Er glaubt dass es wertvolle Bodenschätze in der Ukraine für die USA sichern kann. Diese Gebiete haben die Russen längst eingenommen.
3. Er glaubt dass Europa schwach wäre. Europa ist stärker als die USA und viele Länder wenden sich von den USA ab. Europa kann Mexico, Kanada und vielen anderen mehr ein guter Ersatz für die USA sein, natürlich auch umgekehrt.
shore
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Danke Dump!
Otono67
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Ich habe keine Aktien, arbeite aber für eines der genannten Unternehmen. Wie es aussieht kann ich mich als Mitarbeiter, zumindest für die nächsten 5 Minuten, bei Trump bedanken. Also dann, Danke Trump.
Falkus
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Die Börse liebt auch stabile Bedingungen; mit dem erratischen, transatlantischen Selfmade-König weiß man nicht, was noch kommt.
Ich würde mit ein Loch in den Bauch freuen, wenn der Dow Jones nächstes Jahr zu den midterms niedriger als jetzt ist.
Das könnte den Kongress aufwirbeln (falls es dann noch Wahlen gibt). Aber ohne Wahlen könnte der dow auch schlecht dastehen.
Mischl6
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Vergleiche
1 Jahr: 22.8% (500) vs. 12.9% (600)
5 Jahre: 83.3% (500) vs. 29.5% (600)
Meerschwimmer
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Dass die aktuelle Hausse in Europa vom Aufgeben der Sanktionen gegen Russland und billigem Gas getrieben wird, ist abenteuerlich. Es gibt trotz der „Initiative“ Trumps für Putin keinerlei Hinweise darauf dass Europa von den Sanktionen abrücken sollte, auch wenn Putin alles daran setzten wird. Wirklich Alles.
Sepp1848
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Gähn. Aktien sind für lange gestreute Anlage. Ich habe eine Fond mit deutschen Aktien. Eine find mit euroäischen Aktien und einen mir weltweitem Aktien. Die Ligen einfach ja jahrelang und wachsen vor sich hin.
Das momentane Geld Richtung Europa fließt würde mich schon deshalb nicht wundern weil es gerade übel chaotisch in der USA zugeht. Der werde einige in der USA auf Nummer sicher gehen und teilweise Geld umparken. Würde ich auchachen wen. Hier die z.B. die AfD in die Regierung käme.
CA1302
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Mal nach China gesehen seit Jahresbeginn? Alibaba, Tencent, BYD gehen gerade durch die Decke.