"Meine Abfindung beträgt 588.000 Euro. Davon lebe ich jetzt" – Seite 1
Selbstbestimmt und gesund in den Ruhestand zu gehen, anstatt bis 67 zu schuften – diese Vorstellung treibt Menschen an, sich finanziell unabhängiger von Arbeitseinkommen zu machen. ZEIT ONLINE hat mit vier Menschen gesprochen, die in ihren Fünfzigern aus dem Berufsleben ausgestiegen sind oder es bald tun werden. Hier erzählen sie, wie sie dieses Privileg finanzieren und wie ihr Alltag ohne Arbeitsstruktur und Kollegen aussieht.
"Es gab auch Kopfschütteln und neidische Kommentare zu meinem Lebenswandel, doch das prallt an mir ab"
Uwe Kahmann, 64, zuletzt Key-Account-Manager, aus Kalletal
Mein Leben vor der Rente: Beruflich habe ich viel ausprobiert, war eine Zeit lang Geschäftsführer eines Elektrofachgeschäfts und zuletzt Key-Account-Manager im IT-Vertrieb mit einem Jahresgehalt von 100.000 Euro. Mit der Zeit ging für mich der Sinn des Jobs verloren und die Lust auf eigene Projekte wurde größer. 2012 fasste ich den Plan, mit 55 auszusteigen.
Mein Weg in die finanzielle Unabhängigkeit: All meine Einnahmen und Ausgaben halte ich seit 25 Jahren in einem Haushaltsbuch fest. Teure Versicherungen vermeide ich, sonst habe ich aber nie extra sparsam gelebt. Meine ersten Investments waren Aktien und Fonds, 1995 hatte ich ein Vermögen von 100.000 Euro beisammen. Eine Wohnung als Kapitalanlage und unser eigenes Haus kamen dazu und sind mittlerweile abbezahlt. Als ich meinen Aufhebungsvertrag bei meinem letzten Arbeitgeber unterschrieb, hatte ich neben den Immobilien 250.000 Euro auf Tages- und Festgeldkonten angespart. Davon habe ich die acht Jahre bis zum gesetzlichen Renteneintritt überbrückt. Neben einer Abfindung von 7.500 Euro und Mieteinnahmen von 250 Euro im Monat kamen 18 Monate Arbeitslosengeld à 2.400 Euro obendrauf. Da ich jahrzehntelang den Höchstsatz in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt habe und mit Mitte 50 auch nicht so schnell einen Job gefunden hätte, fand ich es moralisch okay, das Geld mitzunehmen.
Mein Alltag heute: Seit letztem Jahr beziehe ich meine Rente in Höhe von 1.900 Euro netto. In der Zeit zwischen meinem beruflichen Ausstieg und dem Renteneintritt war ich über meine Frau krankenversichert, sie arbeitet noch. Zusammen leben wir in einem abbezahlten Haus; etwa 2.500 Euro im Monat brauchen wir zum Leben, in teuren Monaten auch mal 3.500 Euro. Meine Frau bezieht eine kleine Teilerwerbsminderungsrente und Krankengeld. Mit Riester-Rente, Kindergeld (für unseren erwachsenen Sohn mit Schwerbehinderung) und Zinseinnahmen kommen wir auf 3.800 Euro Einkommen. Davon bleiben bis zu 1.000 Euro monatlich übrig, die ich auf Tages- und Festgeldkonten lege. Unsere Kinder sind erwachsen und freuen sich für mich.
Es gab auch Kopfschütteln und neidische Kommentare zu meinem Lebenswandel, doch das prallt an mir ab. Mein Ausstieg aus dem Job ist jetzt zehn Jahre her, und ich könnte nicht glücklicher darüber sein. Langweilig wird mir nie. Ich reise viel, wie damals nach meiner Ausbildung, als Backpacker. Allein in den vergangenen zehn Jahren habe ich fünf Kontinente bereist. Mein letzter Trip führte mich nach Taiwan, Südkorea und Japan, wo ich nach Jahren auch mal wieder getrampt bin. Ich begleite ehrenamtlich Reisen für Menschen mit Behinderung und engagiere mich als Rettungsschwimmer. Überhaupt nehme ich mir wieder mehr Zeit für den Sport, habe 15 Kilo abgenommen, und im Winter habe ich eine Autobiografie fertig geschrieben, für Familie und Freunde. In Rente zu gehen, war trotzdem eine große Umstellung für mich. Vorher wusste ich nicht mal, wie man eine Waschmaschine bedient. Und ich habe meine Leidenschaft fürs Kochen entdeckt.
"Wie hoch meine Pension ausfällt, weiß ich nicht – es reicht ja jetzt schon"
Manuela Richter*, 55, beurlaubte Lehrerin aus Norddeutschland
Mein Leben vor der Rente: Ich war schon lange unzufrieden mit meinem Beruf als Lehrerin – zu viel Stress, immer mehr Bürokratie. Ich wollte mehr Zeit für Dinge haben, die mir wichtig sind. Der Anlass, es durchzuziehen, war die Demenz meiner Mutter.
Mein Weg in die finanzielle Unabhängigkeit: Meine erste Immobilie habe ich 2011 gekauft und saniert. Mit 30.000 Euro, die ich von meinen Großeltern geerbt hatte, und einem Kredit von rund 120.000 Euro. Ein Freund, der an der Wirtschaftsfakultät einer Uni arbeitet, hatte mich dazu ermutigt. Weil das gut lief, kauften er und ich später gemeinsam ein Mehrfamilienhaus, das wir ebenfalls mit Krediten finanzierten. Damals war es einfach, einen Kredit zu bekommen, gerade als Beamtin. Die Finanzierungen habe ich bis ins letzte Detail überprüft, damit wir auch bei steigenden Zinsen die Raten noch zahlen können.
Heute besitze ich acht Immobilien zur Hälfte, darunter eine Ferienwohnung und zwei Mehrfamilienhäuser. Eine weitere Ferienwohnung und die Wohnung, in der ich lebe, besitze ich alleine. Insgesamt kommen so etwa 4.500 Euro monatlich durch Mieteinnahmen rein – nach Abzug der Kreditraten. Gerade habe ich wieder ein interessantes Haus zum Kauf besichtigt; ich kann mir in Zukunft aber auch vorstellen, einzelne Wohnungen zu verkaufen. Es macht mir Spaß, die Wohnungen zu verwalten und Renovierungen zu organisieren – und jetzt habe ich mehr Zeit dafür. Ich habe keine Kinder und gönne mir immer wieder einen Urlaub, achte nicht so sehr aufs Sparen. Das Geld, das ich nicht für den Lebensunterhalt brauche – aktuell ungefähr 1.000 Euro monatlich –, lege ich in Gold, Aktien und ETFs an, damit es nicht nur rumliegt.
Mein Alltag heute: Mit 53 bin ich schließlich aus dem Lehrerberuf ausgestiegen. Das ist jetzt zweieinhalb Jahre her. Aktuell bin ich beurlaubt und unterstütze meine Mutter; zurück in den Lehrerberuf will ich nicht. In ein paar Jahren beziehe ich meine Pension. Wie viel genau, weiß ich gar nicht – das ist auch nicht so wichtig, denn das Geld reicht jetzt schon für mich. Ich freue mich, dass ich jetzt viel Zeit mit meiner Mutter verbringe, meinen Vater habe ich früh verloren. Ich hoffe, dass auch andere merken, dass es Wege gibt, sich finanziell unabhängig zu machen und das Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Schade finde ich, dass Lebenswege wie meiner oft nur von Männern erzählt werden.
"Als mir eine Abfindung angeboten wurde, konnte ich nicht Nein sagen"
Christian Jänke*, 57, ehemaliger Projektleiter bei einem Chemiekonzern aus dem Großraum Köln
Mein Leben vor der Rente: 35 Jahre lang habe ich als leitender Angestellter im Einkauf eines Chemiekonzerns gearbeitet, ohne Studium. Mein letztes Jahresgehalt lag bei 170.000 Euro. Den Beruf habe ich immer gerne gemacht, doch in den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass ich mich nach mehr Selbstbestimmung sehne. Die Zeit im Homeoffice während Corona und der Wegfall des Pendelns haben mir gezeigt, wie schön es ist, mehr Zeit für mich zu haben. Mein Traum war schon lange, mit 55 aus dem Job auszusteigen. Als mir dann vor zwei Jahren eine Abfindung angeboten wurde, konnte ich nicht Nein sagen.
"Ich schließe nicht aus, irgendwann wieder einen Job anzunehmen"
Mein Weg in die finanzielle Unabhängigkeit: Meine Einnahmen und Ausgaben halte ich seit Jahren genau in Tabellen fest. Rund 4.000 Euro monatlich brauche ich zum Leben. Da ist alles drin – auch 500 Euro, mit denen ich meine erwachsene Tochter unterstütze. Meine private Krankenversicherung kostet 1.235 Euro im Monat. Ich wohne alleine in einer Eigentumswohnung; drei weitere Wohnungen, die ich vermiete, bringen rund 2.500 Euro im Monat ein. Ein Großteil der Kredite ist abbezahlt. Die Lücke zwischen meinen monatlichen Mieteinnahmen und meinen Ausgaben fülle ich mit dem Geld aus meiner Abfindung auf. Sie beträgt 588.000 Euro brutto, wovon mir ungefähr 340.000 Euro netto bleiben werden. Der Großteil davon wurde gerade auf mein Konto überwiesen. Davon lebe ich jetzt, und das reicht locker, um die sechs Jahre bis zur Rente zu überbrücken und weiteres Vermögen anzusparen.
Ab meinem 63. Lebensjahr kommen 5.000 Euro gesetzliche Rente und Betriebsrente dazu. Ab Dezember habe ich Anspruch auf zwei Jahre Arbeitslosengeld, das sind rund 2.400 Euro monatlich. Die werde ich mitnehmen – auch wenn ich weiß, dass das eine Neiddebatte auslösen wird. Was übrig bleibt, packe ich in Anleihen, ETFs und ETCs, börsengehandelte Rohstoffpapiere. Ich habe meine Finanzen bis zum 80. Lebensjahr durchgerechnet und dabei eine jährliche Inflationsrate von drei Prozent eingeplant. Das Geld würde auch für länger reichen. Wichtig ist mir, dass ich auch für die Pflege Rücklagen habe, um nicht auf andere angewiesen zu sein.
Mein Alltag heute: Seit einem Monat bin ich Privatier. Manchmal schlafe ich bis mittags, was ich früher nie gemacht hätte. Es ist für mich noch ungewohnt, nicht mehr zu arbeiten. Aber ich habe viele Ideen, wie ich die Zeit nutzen möchte – an den Wohnungen ist immer was zu tun, und ich würde gerne mehr Zeit in meinen Garten investieren. Ich schließe aber auch nicht aus, irgendwann wieder einen Job anzunehmen, falls was Interessantes dabei ist.
"Ohne mein Erbe könnte ich mir das nie leisten"
Susanne Scholl*, 52, Logopädin aus Stuttgart
Mein Leben vor der Rente: Nächstes Jahr werde ich mit 54 in Rente gehen. Diese Entscheidung zu treffen, war ein Prozess, aber es fühlt sich befreiend an. Ich habe immer gerne gearbeitet, und meine Praxis lief gut. Trotzdem spüre ich, dass es an der Zeit ist, etwas zu ändern. Ich werde bei der Arbeit ungeduldiger, die wachsende Bürokratie und steigenden Kosten, etwa durch die elektronische Patientenakte, machen mich mürbe. Ich möchte endlich mehr Zeit für mich haben und Dinge tun, die ich mir früher nicht gegönnt habe – zum Beispiel ein Literaturstudium beginnen.
Mein Weg in die finanzielle Unabhängigkeit: Finanziell bin ich gut abgesichert, weil ich mehrere Immobilien geerbt habe, 21 Wohnungen im Großraum München und 17 im Großraum Stuttgart. Sie bringen im Jahr etwa 200.000 Euro brutto ein. Trotzdem muss ich gut kalkulieren, denn ich zahle mehrere Kredite ab – unter anderem noch 150.000 Euro für die Erbschaftssteuer, dazu Darlehen für unser Eigenheim und für jährliche Sanierungen an den geerbten Wohnungen. Mit meinem Beruf wäre die finanzielle Unabhängigkeit nicht machbar. Mein Jahreseinkommen liegt aktuell bei 40.000 Euro, mein Mann verdient in einem künstlerischen Beruf etwa die Hälfte und arbeitet weiter. Gemeinsam wohnen wir in einem Haus in Stuttgart, das wir vor zehn Jahren gekauft haben. Wir leben nicht auf großem Fuß, rund 1.600 Euro im Monat beträgt mein Anteil an den Lebenshaltungskosten. Was danach und nach den ganzen Tilgungen übrig bleibt, kommt auf Tagesgeldkonten für die Instandhaltung. Verkaufen möchte ich meine Immobilien nur im Notfall – für mich ist es wichtig, solche Werte zu erhalten. Eine klassische Altersvorsorge oder Rente habe ich nicht, weil ich als Selbstständige nicht in die Rentenkasse eingezahlt habe.
Mein Alltag heute: Ich erzähle Bekannten und auch Patientinnen offen von meinem Plan, auszusteigen. Ich bin deutlich gelassener geworden, lehne inzwischen auch Anfragen ab oder verweise Patienten an Kolleginnen, wenn ich merke, dass es nicht mehr passt. Diese Freiheit genieße ich. Gleichzeitig werde ich die Logopädie vermissen, denn sie war für mich immer sinnstiftend. Es wäre schön, wieder mehr handwerklich zu arbeiten, zum Beispiel Renovierungen an den Wohnungen. Vor meiner Zeit in der Logopädie hatte ich eine Schreinerausbildung gemacht.
*Namen von der Redaktion geändert
338 Kommentare
Bigsby
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38 Wohnungen in zwei der teuersten Gegenden des Landes geerbt. Einfach so, leistungslos. Jetzt zehn Jahre mehr Lebenszeit ohne Lohnarbeit als der Durchschnittsdeutsche und keinerlei finanzielle Sorgen.
Finde das sehr korrekt von der Zeit für die Linke so anschauliche kostenlose Wahlwerbung zu machen.
Meininger
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Ich habe gut verdient, früh in Aktien investiert und recht sparsam gelebt. Mir geht's finanziell sehr, sehr gut. Mit "Neid" braucht mir also niemand zu kommen! Auch ich werde mit 58 aufhören zu arbeiten, aber bei sehr hohen Rücklagen 2 Jahre ALG (ca. 50.000€) einfach "mitzunehmen" halte ich für zutiefst unmoralisch. Punkt!
FreiburgerJung
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38 Wohnungen im Raum München und Stuttgart und dann 200k Mieteinnahmen bedeutet 440 Euro pro Monat pro Wohnung. Entweder ist sie die fairste Vermieterin Deutschlands oder es handelt sich um Micro-Apartments. So oder so, finanziell ausgesorgt hat sie. Selbst bei kleinen Wohnungen hat sie über den dicken Daumen 10 Millionen Euro an Immobilienvermögen.
Zu den anderen Privatiers, Glückwunsch. Es ist doch schön zu sehen, dass die Arbeitslosenversicherung und die gesetzliche Krankenversicherung die schweren Schicksalsschläge solidarisch auffängt.
Herr Grümpel
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Ja gut, für meine eigene Zukunft konnte ich mir hier keine Inspiration holen. Das mit dem großen Erbe wird nix, Immobilien zum Vermieten habe ich auch keine.
Da muss ich halt weiterarbeiten.
TerryR
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Wie man als Durchschnittsverdiener 10 - 15 Jahre früher in den Ruhestand/die Pension gehen kann? In der Regel (ein Job pro Erwachsenem, Kinder, durchschnittliche Wochenarbeitszeit) gar nicht. Bei allen vorgestellten Personen handelt es sich um Menschen mit überdurchschnittlich hohem Einkommen oder geerbtem Vermögen sowie Immobilien. Und da fragt man sich doch ein wenig, wo die soziale Gerechtigkeit die letzten Jahre in Deutschland geblieben ist.
nordyne
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Finanziell bestens abgesichert durch Ersparnisse, Immobilien, was auch immer, aber dann auch noch das Arbeitslosengeld so nebenbei 'mitnehmen' - steht mir ja zu, nicht wahr? Hab doch jahrzehntelang eingezahlt. Kleines Extraeinkommen, nett.
Dass diese Beiträge zur Arbeitslosenversicherung für Arbeitnehmer gedacht sind, die plötzlich ohne Einkommen und Rücklagen dastehen, ist den Frühaussteigern offensichtlich nicht bewusst. Oder wahrscheinlich auch herzlich egal.
Mit Neid hat meine Sicht absolut nichts zu tun, ich empfinde dieses Verhalten als amoralisch. Traurig.
Martin.rechenbeg
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Arbeitslosengeld sollte in diesen Fällen sofort gestrichen werden. Das ist asozial!
Simambe
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Ui, bei einigen Kommentaren kann man den Schaum vorm Mund förmlich sehen. Da wird der Artikel nur teilweise gelesen, ein paar Wörter überlesen oder soziale Gerechtigkeit mit absoluter Gleichheit verwechselt.
Aber man erkennt im Artikel auch gut die Probleme unserer Sozialversicherungen. ALG ist ja nicht eine Lebensversicherung, die sich irgendwann auszahlen soll. Das ALG ist doch nur als Absicherung im Schadensfall gedacht. Offensichtlich werden die Abfindungen hier nicht ausreichend gegengerechnet?
Und bei der Krankenversicherung jahrzehntelang über der Beitragsbemessungsgrenze liegen, vom gesparten Geld früher in Rente gehen und dann die Krankenversicherung über die gesetzliche Familienversicherung kostenlos zu erhalten, ist auch nicht der Sinn einer Sozialversicherung. (Noch schlimmer wäre, erst Jahrzehnte privatversichert, dann ein paar Monate wenig verdienen, um in die gesetzliche zurückzufallen, dann in die kostenlose Familienversicherung). Diese Fälle sollte sich doch mal beziffern lassen...
Wer Geld hat, soll es sich gut gehen lassen. Das gönne ich jedem!
Aber die Sozialversicherungen sollten dadurch nicht belastet werden. Das müssen wir ändern. (Fraglich, ob das das Ziel einer CDU-geführten Bundesregierung ist...)