Die Welt zu Gast bei Feinden – Seite 1
Bei Sonnenschein sticht er neben dem Geäst des Tiergartens giftgrün hervor: Bereits mehrere Wochen vor Anpfiff des Eröffnungsspiels wurde der vorbestellten Euphorie auf der Berliner Fanmeile der Kunstrasen ausgerollt. Die Heim-EM 2024 steht vor der Tür, und überall laufen die Vorbereitungen dafür, dass sie denkwürdig wird. Eine Erzählstimme raunt durchs Land, onkelig intoniert: "Es wird einmal …" Ein Sommermärchen wie 2006.
Fast 20 Jahre ist es her, dass wir bei der damaligen Heim-WM unseren vielleicht wichtigsten Titel errungen haben, "Sieger der Herzen". Zwar erreichte die deutsche Fußballnationalmannschaft nur den dritten Platz, emotional aber hätte das Turnier, das unter dem Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" stattfand, kein größerer Erfolg sein können. Die ganze Welt mochte auf einmal die Deutschen, ja, sogar die Deutschen mochten plötzlich die Deutschen. Jedermann, so fühlte es sich an in den Straßen des Landes, schwenkte die schwarz-rot-goldene Flagge, ganz selbstverständlich, ohne dabei unliebsamen nationalistischen Asbest aufzuwirbeln. Und zur Krönung spielte selbst das Wetter mit: Kaiserwetter nennt man einen wolkenfreien Sommer, wie er 2006 herrschaftlich blaute. Folgerichtig hieß der alsbald nachgereichte Dokumentarfilm von Sönke Wortmann über diese Zauber-WM Deutschland. Ein Sommermärchen. Rund elf Millionen Zuschauer schauten ihn allein in der ARD. Bis heute erinnert man sich auch seinetwegen an das Turnier als Märchen. Und wünscht sich für dieses Jahr eine Fortsetzung. Nur: Kann man überhaupt an einem Märchen schreiben, das sich doch erst noch ereignen muss?
Die ARD zumindest hat fleißig vorgearbeitet und einfach schon mal einen Film über die EM gedreht. Er heißt Deutschland. Fußball. Sommermärchen 24? und bringt zwei Erkenntnisgewinne mit sich. Erstens: Die WM 2006 war wirklich nett, so ein Ereignis könnten wir mal wieder gebrauchen. Zweitens: Der Sporteuphorie steht eigentlich nichts im Weg. Das eine Paar, das sich damals beim 2:0 gegen Schweden vor laufender Kamera zum ersten Mal geküsst hat? Ist mittlerweile verheiratet. Jogi Löw? Mag mittlerweile etwas ergraut sein, hat aber nichts von seiner badisch-bedröppelten Verbindlichkeit verloren. Und die Fans? Trinken noch immer fleißig Bier und verkleiden sich lustig. Alles beim Alten also, fast jedenfalls. Annalena Baerbock betont gegen Ende des Films, dass sich durchaus etwas verändert habe, man sei ja jetzt ein viel bunteres Land. Streiche man das hervor, so glaubt die Außenministerin, könne das Turnier "nicht nur ein Sommermärchen, sondern ein richtiges Friedenszeichen werden".
Überhaupt gibt es viele, sehr viele Zeichen, die dieses Turnier setzen soll; auch, wenn es nach Philipp Lahm geht. Schon vor einem Dreivierteljahr schreibt der Turnierdirektor der Heim-EM (und Kolumnist von ZEIT und ZEIT ONLINE) im kicker: "Es ist Zeit für eine Zeitenwende im deutschen Fußball. Und in der Gesellschaft." Man fragt sich noch, ob aufgrund besagter Zeitenwende ein rhetorisches Sondervermögen für politisch frei drehende Phrasen gewährt wurde, da legt Lahm nach, die "UEFA EURO 2024" dürfe als Wendepunkt begriffen werden: "Dieses Turnier ist ein Aufruf für Solidarität und Fürsorge sowie für ein Wiedererstarken des europäischen Gedankens, um künftig besser den Krisen und Konflikten trotzen zu können. Europa und seine wichtigen Werte wie Demokratie und Freiheit, Vielfalt und Toleranz, Integration und Inklusion sollen dabei gestärkt und gefeiert werden. Denn ein Ausgrenzen ist nicht das Modell des 21. Jahrhunderts in Europa."
Das klingt weniger nach einem
Märchen als nach einer Parteitagsrede, und generell hat man momentan das Gefühl,
dass der Fußball politisch überdehnt wird. Vielerorts versteht man die
EM nicht als Chance einer sportlichen, sondern einer identitätspolitischen
Selbstinszenierung. Aus dieser Perspektive verzeichnet die zweifellos divers
aufgestellte Nationalmannschaft bereits große Erfolge, bevor ein einziges Spiel
angepfiffen wurde – wer das nicht allein von wohlmeinenden Statements grüner
Bundespolitikerinnen ableiten will, kann auch den großen kommerziellen Anklang des vorab politisierten lila-pinken Auswärtstrikots als Beweis heranziehen. Umgekehrt haben Politiker der AfD wie Maximilian Krah den Turnierauftritt
im Vorfeld abgelehnt, weil sie ihrerseits völkisch-identitätspolitische
Ansprüche erheben, denen die Nationalmannschaft – glücklicherweise – nicht
genügt. Laut einer umstrittenen Umfrage der ARD teilt ein Fünftel der Bevölkerung
dieses Ressentiment. "United by Football. Vereint im Herzen Europas" lautet das
Motto dieser EM, und gerade die doppelte Betonung des Vereint-Seins weist
darauf hin, dass hierzulande längst etwas zerbrochen ist.
"Mein Wunsch ist einfach: Behalten Sie die Nerven"
Sport war schon immer politisch. Der Inszenierungszusammenhang von Herrschaft und Athletik ist mindestens so alt wie die Olympischen Spiele, also einige Tausend Jahre. Wer sich Deutschland. Ein Sommermärchen heute noch einmal anschaut, stellt jedoch einen entscheidenden Unterschied fest: Ohne Zweifel war die WM 2006 von politischer Bedeutung – vielleicht sogar von noch größerer als die EM 2024 –, aber sie hatte keinen politischen Inhalt. Das begreift man, wenn die Dokumentation zeigt, wie die amtierende Kanzlerin Merkel der Nationalmannschaft im Schlosshotel Grunewald einen Besuch abstattet und die ebenso schönen wie schlichten Worte von sich gibt: "Weder möchte ich Ihnen sportliche Tipps geben noch politische Vorträge halten, weil ich glaube, dass Fußball und Politik zwei grundverschiedene Sachen sind. Mein Wunsch ist einfach: Behalten Sie die Nerven."
Hält man die jüngsten Skandale dagegen – das Hin und Her des DFB für oder gegen die One-Love-Armbinde bei der WM in Katar, die überhitzte Debatte um das
pinke Auswärtstrikot, die Aufregung, die der emporgestreckte und nur mutmaßlich auf
eine islamistische Radikalisierung weisende Zeigefinger von Antonio Rüdiger auslöste
–, mutet die Forderung nach Gelassenheit im Fußball heute märchenhaft entrückt an.
So künstlich wie der Fanmeilen-Rasen
Auch die EM 2024 ist ein Märchen, jetzt schon. Nur verhält sie sich zur WM 2006 wie das Kunstmärchen zum Volksmärchen. Volksmärchen, wie sie etwa die Brüder Grimm gesammelt haben, entstehen ohne Autorenschaft in mündlicher Überlieferung: Die Menschen erzählen sich eine Geschichte, wieder und wieder, bis sie sich ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben hat. Kunstmärchen hingegen werden von individuellen Autoren geschrieben, was dieses Genre nicht entwertet, aber seinen Universalismus trübt. Volksmärchen entstehen vorsatzlos und verarbeiten kollektive Erfahrungen, Kunstmärchen haben Werkcharakter und oft eine gesellschaftskritische Intention.
Das prophezeite Sommermärchen 2024 ist so künstlich wie der Fanmeilen-Rasen, auf dem es bejubelt werden soll. Schon seit Längerem wird der Zustand der Nationalmannschaft als Seismograf der hiesigen Befindlichkeiten gelesen, ihre Diversität als Indiz der Toleranz, ihre schwachen sportlichen Leistungen als Symptom deutscher Dekadenz gewertet. Diese ständigen Exegesen haben die Mannschaft zu einer Art Doppelgänger des Landes überformt: Sie darf bei dieser EM keine einfache Heldentruppe sein, sondern muss als Spiegel der gesellschaftlichen Verfassung herhalten. Gespensterromantisch verdunkelt sich das Turnier darüber, der Geist der Spaltung spukt in ihm herum.
Von linker und bürgerlicher Seite stehen die Hoffnungen an die märchenhafte Wirkung dieser EM jetzt schon fest: Sie soll die überreizte Stimmung im Land beruhigen und die Untergangserzählung des rechten Randes widerlegen. Eben jene rechte Seite hat ebenfalls ein Narrativ, ein Schauermärchen vorbereitet: Macht die Nationalmannschaft eine schwache Figur, wird man darin den Beweis eines schwachen Landes sehen. Egal also, wie dieses Turnier ausgeht – für beide Lager steht die Moral der Geschicht' jetzt schon fest.
Dagegen lief das Volksmärchen von 2006 auf keine eindeutige Moral, keine politische Pointe hinaus. Das damals in dieser Form entstandene Public Viewing etwa geriet nicht zu einem Phänomen aus der gerechtigkeitsliebenden Einsicht, dass man Fans ohne Stadionticket in die WM-Feierlichkeiten integrieren müsse; es wurden schlicht überall Bildschirme und Leinwände aufgestellt, um dem hedonistischen Überschuss im Land ein Ventil zu geben. Allein schon dieser verunglückte Anglizismus public viewing, der im englischen Sprachraum mehr mit einer Leichenbeschau als gemeinsamem Fernsehen zu tun hat: Wie unüberlegt, wie spontan und charmant die sprachliche Weltoffenheit der Deutschen sich doch einmal äußerte!
Wie es sich für ein Märchen
gehört, wachte über solche Heiterkeiten natürlich ein gütiger Kaiser in Gestalt
von Franz Beckenbauer, der seinem Fußballvolk mit verdächtig glücklicher Hand
ein großes Fest bescherte. Und dann noch dieses Kaiserwetter – der Verdacht lag
nahe, der große Franz habe es höchstpersönlich bestellt. Die nachträgliche
Entdeckung, dass der Kaiser es vielleicht ein wenig zu gut mit uns meinte und
die WM mit unlauteren Mitteln nach Deutschland geholt hatte, tat der
Märchenhaftigkeit des Sommers 2006 keinen Abbruch, ganz im Gegenteil.
Vielleicht war die Moral dieses Kaisermärchens ja gerade eine leicht
unmoralische, dass nämlich das Gute nicht immer aus gutem Handeln folgt,
sondern mitunter auch das Halbseidene, Mauschelnde etwas Schönes und Wahres
hervorbringen kann. Volksmärchen waren schon immer weiser als Kunstmärchen.
Bleiern von den Masten
Apropos weise: Die deutsche Flagge wurde 2006 nicht so begeistert geschwenkt, weil sie für irgendeine Idee von Gerechtigkeit oder politisch gefärbte Form von Fortschritt gestanden hätte. Gerade weil sie genau genommen für gar nichts mehr stand, keine Haltung, keine Weltordnung und auch keine Ideale, nur Fußball, lag sie so leicht in der Hand. Achtzehn Jahre später hängt sie bleiern von den Masten herab. Heute bräuchte Deutschland eine märchenhafte EM, mehr vielleicht als 2006. Doch dass dieses Land unbeschwert genug wäre, solch ein Turnier tatsächlich auszurichten, auch selbst erleben zu können: Das war einmal.
146 Kommentare
RStevens
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Hach, die Schlechtschreibmaschine läuft wieder an, wie schön. Erst völlig übertriebene Erwartungen wecken, dann im Vorfeld schon mal darüber sinnieren, warum es eigentlich nur Mist werden kann. Anschließend kann man sich dann so richtig darüber auslassen, dass die übertriebenen Erwartungen nicht erreicht werden.
Am Beispiel dieser EM kann man wunderbar das Muster beobachten, wie im Land zu so ziemlich allen Themen schlechte Laune erzeugt wird.
Eins ist allerdings richtig. 2006 war eine Überraschung. Es kam alles Mögliche vor allem unerwartet zusammen. Anschließend gab es kollektive Verwunderung darüber, dass es uns gelungen ist, kollektiv und ungezwungen Spaß zu haben. Danach wurde das Event über Jahre verklärt. Eine Wiederholung mit ähnlichem Gefühl kann man nicht erzwingen. Das ist wie die zweite Fahrt auf der Achterbahn. Die ist auch nie so aufregend, wie die erste.
nutzername zeit
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Dieses Fussballtrara kann gar nicht ungünstiger daher kommen. Es wird 100%ig ausländerfeindliche Gesänge von besoffenen AfD-Wählern geben. Es ist eine Steuerversenkung ohne Gleichen in Zeiten, wo das ganze Land nach 16 Jahren Substanzabbau überall am verotten ist, während einen die Deutschlandbremse erstickt und man null Investition in die Zukunft tätigen kann, obwohl genau das endlich notwendig wäre. Und zu allem Übel, was es den Staat kostet, kassiert obenrauf eine durch und durch korrupte Mafia namens UEFA ab. Solch eine Veranstaltung ist an sich schon vollkommen aus der Zeit gefallen, die ausländerfeindliche Stimmung, die offen von AfD, Reichsbürgern, und allen anderen dieser Konsorten lallend und blökend vor sich hergetragen werden wird, wird dem Ganzen dann noch die Krone aufsetzen. Fehlen tut dann nur noch ein islamistischer Anschlag, oder einer von Nazis, oder was auch immer, dann ist die ganze verdorbene Suppe komplett. Ich weiß nicht ob ich alleine mit der Meinung bin, aber dieser Käse von "Event" kann einem komplett gestohlen bleiben. Innenstädte und Verkehrswege sind wochenlang nur nervig, das kommt noch dazu, der öffentliche Raum wird auch noch okkupiert, man kann sich quasi selbst wenn man das am liebsten ignorieren würde, davon frei machen. Ein einzig großer Nerv.
Loupu
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Immer wieder werde ich zufällig daran erinnert, dass die EM bevorsteht. Eine flüchtige Bemerkung im Büro - eine Tickerzeile am Bahnhof. Da war ja was. Und es wird gleich wieder vergessen. Nicht mit Absicht. Vielleicht unbewusst. Denn ich freue mich nicht. Tief sitzt die Kränkung der letzten Wochen und Monate, vielleicht Jahre. Der Gedanke, dass vielleicht jeder fünfte, sechste oder siebte Fahnenschwenkende seine Fahne vor zwei Wochen auf einer AfD-Wahlkampfveranstaltung geschwenkt hat, lässt mich nicht los. Die ganze Propaganda schießt mir durch den Kopf. Vom an die Wand gefahrenen Land, von Volksverrätern und Systempresse, vom überfälligen zur Rechenschaft Ziehen. Nach Bot-Überflutung in den Sozialen Medien.
Ein ehemals selbstbewusstes, für seine Verhältnisse zukunftsorientiertes Land, wählt wieder Faschisten in seine Parlamente - und in das Parlament, in das man uns aufgenommen hat, weil wir den Eindruck erweckten, wir hätten verstanden.
Die Gedanken überschatten den Sport. Unterdrücken Euphorie. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist nicht mehr da. Ist das noch mein Land?
Am liebsten möchte ich die Gäste ausladen. Ich fühle mich krank. Nicht in der Verfassung, Besuch zu empfangen.
grüne Insel
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Es lebe der gepflegte Masochismus, oder was soll das sonst eigentlich sein ? "Die Welt zu Gast bei Feinden",eigentlich hätte ich bei dieser Überschrift gar nicht weiterlesen sollen.Falls das lustig gemeint sein sollte,nö ,kommt bei mir nicht gut an.Macht euch mal locker,Mann.
Schönundgut
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Miesepeter-Artikel mit blödem Titel. Deutschland als der Feind der Welt? Wo genau wird das ausgeführt?
CD_REGAL_VERLEIH_FARTMANN
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Nichts ist so überreizt wie diese Überschrift.
CIVIL
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Geht es eigentlich noch eine Nummer größer?
Es ist ein Sportturnier und keine Sache die irgendwie von großer Bedeutung wäre.
Ein netter Zeitvertreib und nicht der entscheidende Wegpunkt in der Zukunft Europas.
Ich jedenfalls werde mir nächsten Montag einen netten Nachmittag machen und mir in München ein Spiel live anschauen, für das ich ansonsten kaum im Fernsehen geschaut hätte.
(Rumänien gegen Ukraine)
Lutz -mittelalt-
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Miesmacher!