In Südkorea passiert es. In den USA passiert es, in China, Deutschland, Tunesien, auf allen Kontinenten zeigt die junge Generation plötzlich ein überraschendes Doppelgesicht: Die politische Denkungsart variiert weniger nach Nord und Süd oder arm und reich, sondern vielmehr: nach Geschlecht. Junge Männer wenden sich nach rechts, in Richtung der good old days. Nach links und ins Grüne hingegen neigen die jungen Frauen. Mag der Nationalismus auch überall seine beunruhigenden Wir-zuerst-Siege feiern wollen, so gibt es offenkundig doch auch andere Entwicklungen, die einander über alle Grenzen und Staatsformen hinweg gleichen: Die jungen Männer und Frauen driften in ihren politischen Überzeugungen auseinander. Stetig.
Die Financial Times hat jetzt Daten über die Kohorte der Menschen zusammengetragen, die man die Generation Z nennt und die heute zwischen 18 und 30 Jahre alt sind. Das statistische Bild zeigt nicht nur, dass sich innerhalb weniger Jahre eine Lücke zwischen den Geschlechtern weit geöffnet hat, sondern es macht außerdem deutlich, dass die Jungen sich von ihren Eltern und Großeltern klar unterscheiden. In den USA sind die jungen Frauen nach Jahrzehnten relativer politischer Ähnlichkeit beider Geschlechter heute deutlich liberaler als ihre männlichen Altersgenossen. In Deutschland haben Frauen lange konservativ gewählt, umso mehr fällt jetzt ihr eher linkes Profil auf, und in Südkorea oder China sind die politischen Geschlechterunterschiede sogar noch ausgeprägter.
Die Enkelinnen votieren für die eigene Beinfreiheit und für freie Luft zum Atmen
Auf die weibliche Hälfte der Generation von Luisa Neubauer wirkt ein Rückweg in die Fünfzigerjahre offenbar nicht gerade verlockend. Während die erstarkenden autoritären Regime der Welt durch die Macht von Männern bestimmt werden, die altersmäßig die Großväter der Generation Z sein könnten, votieren die Enkelinnen für die eigene Beinfreiheit und für freie Luft zum Atmen. Und während verschiedene Varianten des Rechtsrucks die liberalen Demokratien bedrohen, wollen zumindest die jungen Frauen ihre liberalen Rechte gewahrt wissen: den Zugang zum Berufsleben und zu sozialstaatlicher Unterstützung ohnehin. Aber seit der MeToo-Bewegung kommt nun entschieden hinzu, dass sexuelle Belästigung unerwünscht ist: Liberalität beginnt eben mit der Freiwilligkeit der Berührung.
Solche Selbstbestimmung mag männlicherseits noch ungewohnt sein und sich nach Verlusten anfühlen. Es ist nicht lange her, dass ein Richter im britischen Königreich geurteilt hat, der Mann habe ein "fundamentales Menschenrecht" auf ehelichen Beischlaf. Für Frauen hingegen gibt es jenen schönen zarten Fortschritt zu verzeichnen, den die längst krisenzerrüttete Moderne noch zu bieten hat und den es sich unter allen Umständen zu verteidigen lohnt, er lautet: Freiwilligkeit first. Keine Gewalt. Diese Moderne ist weiblich. Die Philosophin Martha Nussbaum hat die Errungenschaft so benannt: Alle Menschen hätten ein Recht darauf, keine Angst vor ihren Nächsten, vor häuslicher Gewalt zu haben. Freiwillig arbeiten, freiwillig lieben und dabei Schutz durch den Staat erfahren – so einfach kann eine Verheißung klingen.
Für die andere Hälfte der Menschheit indes klingt sie leicht nach Verlieren. Immer wieder ist zu lesen, dass die Verlierer moderner Gesellschaften, nun ja, die Männer sind, weil ihre Vormacht am Arbeitsmarkt und in der Deutungshoheit, im sexuellen Leben und in den Familien gebrochen ist. Dann steht die ganze Moderne schnell wie ein Verlustgeschäft da. Und tatsächlich ist diese Entwicklung ja kein Grund zu triumphieren: Denn natürlich geht es beim Auseinanderdriften der Geschlechter auch um die Liebe unter verschiedenen Gleichen, um dieses kostbare Gut, das unsere Epoche so mühsam errungen hat. Südkorea zeigt gerade an, was passiert, wenn Männer und Frauen nicht mehr zueinanderfinden. Dort liegt die Geburtenrate auf rekordniedrigstem Niveau, bei 0,88 Kindern pro Frau, und die Zahl der Eheschließungen sinkt weiter.
Das scheint eines der globalen Probleme unserer Zeit zu sein: Wie kann in der Liebe noch gut zusammengehen, was in der Politik so hart auseinanderfällt? In einem Fragebogen der ZEIT wurde mal gefragt, ob man jemanden küssen würde, der politisch ganz anders tickt. Wer hätte gedacht, dass diese Frage einmal so bedeutend sein würde?
368 Kommentare
Eugen-Emilio
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Das ist bezüglich des Menschenrechts auf ehelichen Beischlaf etwas missverständlich. In England hatte ein Mann seine kranke Frau gepflegt. Meiner Erinnerung nach war die Frau dement oder jedenfalls in schlechtem geistigen Zustand. Irgendwelche Stellen hatten dem Mann ein Papier vorgelegt, in welchem der Mann erklären sollte, nicht mehr mit seiner Frau zu schlafen, weil diese nicht mehr einwilligungsfähig sei. Der Mann hat das auch anstandslos unterschrieben, offensichtlich hatte er keine Einwände. Die Sache ging dann aus Gründen, die ich nicht erinnere, doch vor Gericht. Das Gericht erklärte, dass der Staat den ehelichen Beischlaf nicht ohne weiteres verbieten könne, insofern handle es sich um ein Menschenrecht. Dass es jedoch ein Recht gebe, gegen dessen Willen mit dem Ehepartner zu schlafen, hat das Gericht nicht behauptet.
Snowcrystal
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Wie kann das Recht auf ehelichen Beischlaf ein "fundamentales Menschenrecht" sein? Damit schließt man nicht nur unverheiratetete Männer, sondern alle Frauen gleich mit aus. Es ist also per se diskriminierend, weil es bestimmte Gruppen bevorzugt. Ein Menschenrecht ist per Definition hingegen ein Recht, das für alle Menschen gilt. Wie kann einem Richter (!!!) diese Tatsache entgehen?
TinaBerlin
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Eine Frau zu fragen, ob sie einen Nicht-Feministen küssen möchte (also jemanden, der Frauen weniger Rechte / keine Entscheidungsfreiheit über den eigenen Körper und das eigene Leben zugestehen will), ist wie eine Person of Colour zu fragen, ob sie einen Rassisten küssen möchte (also jemanden, der gewissen Rassen weniger Rechte einräumen will). Was ist das denn für eine unglaublich ignorante und dumme Frage?!
PeerPfeiffer
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Dann hoffe ich, dass global eher links eingestellte Frauen eher rechts eingestellten Männern den Beischlaf verweigern, als edukative Maßnahme oder als eine der natürlichen Selektion, man kann das sehen, wie kann will.
JosefBeuys
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Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/CF
Niels0815
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Ich habe vor Jahren mal einen Vortrag von der Forschungsgruppe Wahlen aus Mannheim gesehen. Darin ging es um das unterschiedliche Wahlverhalten von Männern und Frauen. Der Soziologe hat gesagt, dass es bei ihnen schon lang den Witz gibt, dass Männer zu emotional zum wählen sind. Die sind nämlich so sozialisiert, dass sie nur ihre eigenen Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen. Und dann ist ihnen irgendeine Themenauswahl besonders wichtig, meistens handelt es sich um privilegiertenrechte. Der Rest der Gesellschaft interessiert sie überhaupt nicht. Frauen denken anders. Sogar wenn sie rechtsradikale Einstellungsmuster haben, wählen sie oft nicht rechts. Sie wissen nämlich, dass es ihnen dann eventuell an den Kragen geht. Vorbei ist es dann mit den verfassungsgemäß garantierten Rechten. Und was passiert erst, sollte eines ihrer Kinder eventuell homosexuell werden?
Die junge Alternative (Jugendorganisation der AfD und eine Ansammlung junger Incels) weiß das übrigens auch und hat deshalb schon relativ offen die Abschaffung des Frauenwahlrechtes gefordert.
Silizio
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Interessant. Jetzt hätte freilich eine analytische Vertiefung des Textes noch Aufschluss darüber geben können, was hier links und was rechts heißen soll und nicht "Bitteschön, da hast du!"
SilasG
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