Die heutige Jugend sei dermaßen verweichlicht, sagte Moderator Markus Lanz während einer Live-Podcast-Aufzeichnung, "so eine Hafermilchgesellschaft, so eine Guavensaft-Truppe, die wirklich die ganze Zeit auf der Suche nach der idealen Work-Life-Balance ist". Keine Ausdauer, keine Disziplin habe die junge Generation, meint die deutsche Managerin Susanne Nickel. Die Generation Z sei zu faul, wird gerne getitelt. In einem Interview stellte Textilunternehmer Wolfgang Grupp (Trigema) dem Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer die rhetorische Frage: "Mit Homeoffice läuft alles besser – glauben Sie das im Ernst?" Und der Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes, Steffen Kampeter, sagte im vergangenen Jahr: "Wir brauchen mehr Bock auf Arbeit." Und so weiter und so weiter.  

Doch was ist überhaupt dran am Streit über die jeweilige Arbeitswilligkeit junger und alter Generationen? Eine aktuelle Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat nun untersucht, wie sich hierzulande Arbeitszeiten und Beschäftigung seit der Wiedervereinigung entwickelt haben. Analysiert wurden Angaben zum Arbeitsleben von abhängig Beschäftigten im Alter zwischen 18 und 65 Jahren. Oder um es mit den gängigen Generationenschlagworten auszudrücken: Von Gen Z über Generation Millennial bis hin zu den Boomern wurden alle befragt.

Ausgeprägte Arbeitsmotivation

Die Ergebnisse dürften Herren wie Lanz, Grupp und Kampeter eher überraschen: Auch wenn die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Beschäftigten sank, von 38,54 Stunden Wochenarbeitszeit 1991 auf 36,32 Wochenstunden 2021, sind Arbeitnehmerinnen und -nehmer laut DIW-Studie heute im Schnitt 25 Prozent produktiver als vor 30 Jahren. Das heißt, sie erwirtschaften mehr als noch vor Jahrzehnten, verbringen aber weniger Zeit in der Fertigung oder am Schreibtisch. Der Mythos, dass die jungen Generationen – um bei Kampeters Wortwahl zu bleiben – keinen Bock auf Arbeit haben, stimme nicht, sagte einer der DIW-Wissenschaftler der Süddeutschen Zeitung. Schaut man sich die heutige arbeitende Gesellschaft an, haben alle Beteiligten in etwa gleich viel oder gleich wenig Lust auf Arbeit – laut DIW sind zwischen den Generationen hier keine großen Unterschiede zu erkennen. Frauen zwischen 35 und 44 Jahren seien wöchentlich sogar ein bisschen länger berufstätig, als es die Boomerinnen einst in diesem Alter waren.

Arbeitszeit und Effektivität sind das eine, doch auch der – eher ideelle – Vorwurf der Alten an die Jungen, sie hätten zu wenig "Bock", greift nicht. Um zu realisieren, dass junge Menschen motiviert und durchaus karrieregeil sind, muss man sich nicht zwingend in Unternehmensberatungen umsehen oder mit jungen Investmentbankern sprechen: Die jüngste Trendstudie Jugend in Deutschland etwa kam bereits 2023 zu dem Ergebnis, dass Arbeitsmotivation und Leistungsbereitschaft bei den jüngeren wie übrigens auch bei den älteren Befragten sehr stark ausgeprägt seien. Wenn es all diese Befragungen und Auswertungen gibt: Warum hört das Generationen-Schubladendenken nicht auf?

Weil Alters- mit Generationeneffekten verwechselt würden, schreibt der Arbeitsforscher Hans Rusinek in seinem aktuellen Buch Work-Survive-Balance, ebenfalls 2023 erschienen. Wenn man Menschen im Hinblick auf ihre Einstellung zur Arbeit analysieren will, muss man laut Rusinek drei unterschiedliche Effekte auseinanderhalten. Zum einen den Alterseffekt: Menschen zwischen 30 und Mitte 40 denken eher über eine mögliche Familienplanung nach als beispielsweise 16- oder 65-Jährige. Dazu kommen Periodeneffekte: Wie man die Arbeitswelt erlebt, hängt auch mit Dingen wie der Konjunktur, der Geopolitik, dem Klimawandel zusammen. Und drittens gebe es den Versuch, Effekte der Kohorte zu finden, also das, was umgangssprachlich Generation genannt wird. Im Gegensatz zum Alterseffekt müsste ein Kohortenmerkmal jedoch über die gesamte Lebensdauer hinweg gegeben sein. Unterstellt man einer jungen Generation, faul zu sein, hieße das: Diese Generation bleibt ihr Leben lang faul.

"Einwandfrei funktionieren"

Um den Unterschied zwischen Alters- und Generationeneffekt zu verdeutlichen, führt Rusinek die Geschichte der 68er an: Als junger Mann war Joschka Fischer Mitglied der militanten Gruppe Revolutionärer Kampf, nahm an Straßenkämpfen und Hausbesetzungen teil – inzwischen ist er mit seiner Agentur für DocMorris, die Tank & Rast Gruppe sowie die Deutsche Börse AG tätig. Ein Widerspruch? Vielleicht. Sicher ist: ein Alterseffekt. 

Als die Studie Jugend in Deutschland 2023 vorgestellt wurde, kamen auch zwei junge Frauen zu Wort. Nathalie heißt eine. Sie sagte: "Wir haben so viele Sorgen, wollen aber trotzdem einwandfrei funktionieren." Die Inflation beschäftigt sie, der Klimawandel, der Krieg in der Ukraine. Alles Periodeneffekte. Würde Nathalie nun bei einem Unternehmen anfangen, ginge es ihr wahrscheinlich darum, diese Belastungen auszugleichen. Ihrer Chefin würde sie beispielsweise mitteilen, pünktlich Feierabend machen zu wollen – um nicht allzu erschöpft den Krisen und Herausforderungen dieser Welt entgegenzutreten. Man kann Nathalie nun für sehr empfindsam halten, man kann ihren Ausdruck aus ökonomischer Sicht jedoch auch positiv bewerten – immerhin setzt sie sich nicht mit Nietenjacke und No-Future-Aufnäher biertrinkend in eine Fußgängerzone. Soll es ja gegeben haben, als die heute Älteren und gerade die geburtenstärksten Babyboomer-Jahrgänge noch jünger waren. Wenn Nathalie wiederum älter wird, ändern sich eventuell auch ihre Einstellungen: Vielleicht kauft sie sich eine Wohnung, vielleicht muss sie eine hohe Miete zahlen – und ist auf ein gutes Einkommen, vielleicht sogar auf eine Karriere angewiesen. 

"Wie wird Arbeit aussehen für uns?", fragt die andere der beiden jungen Frauen. "Wir sind nicht faul – wir wollen nur anders arbeiten." Nour, so heißt sie, macht gerade Abitur und weiß, dass sie sich bald entscheiden muss. Anstrengend sei, sich konstant rechtfertigen zu müssen, bei gleichzeitiger Selbstfindung. Dass sie sich rechtfertigen muss, liegt daran, dass jede Kohorte die eigenen Arbeitsbedingungen als den Normalfall betrachte. Das glaubt der Wirtschaftshistoriker Thomas Ertl, der an der Freien Universität Berlin forscht. Dabei verändert sich Arbeit fortlaufend – und dass sie heute anders aussieht, heißt nicht, dass sie schlechter ist. Andrea Komlosy, Professorin am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien, die sich die Entwicklung der Arbeit vom 13. Jahrhundert bis heute angeschaut hat, nennt Arbeit ein "Chamäleon": Definitionen und Begriffe seien in ständiger Veränderung.

Zunehmend ist Arbeit dabei nicht nur eine Praktik, die das Leben sichert, sondern ein theoretisches Thema. Noch nie sei professionell so viel über Arbeit nachgedacht worden wie heute, meint der Wirtschaftshistoriker Ertl. Darin steckt auch eine Chance: Wer sich auf einer theoretischen Ebene über Arbeit verständigen kann, ihren Sinn und ihre Gestalt, kommt auch raus aus den feindseligen Klischees. Was sinnvoll wäre in Zeiten von multiplen Krisen und zu wenigen Fachkräften. Miteinander arbeiten, voneinander lernen. Und sich endlich die Klischees verkneifen. Denn selbst Wolfgang Grupp, 82, sagte an anderer Stelle auch: "Bei uns sind die jungen Leute top, sie sind engagiert."