Etwas anzugleichen bedeutet, eine Sache einer anderen anzupassen. 1900 war das Großherzogtum Baden der erste Bundesstaat, in dem sich Frauen an Hochschulen immatrikulieren konnten – wie die Männer, die zu jenem Zeitpunkt bereits seit mehr als 500 Jahren studieren durften. 1918 erhielten Frauen in Deutschland das Recht zu wählen – wie die Männer, denen das schon seit 1849 möglich war. Seit 2000 können Frauen bei der Bundeswehr alle Dienstgrade erreichen – wie die Männer seit 1955 schon. Gleichberechtigung funktioniert nach dem Prinzip: Angleichen an den Status quo. Männer haben oder dürfen etwas, Frauen bekommen und dürfen es dann auch. Eine gute Sache. 

Gleichberechtigung gelingt in den genannten Beispielen, weil Dinge wie Studienplätze, Wahlrecht, Karrierelaufbahnen nicht unbedingt begrenzt sind. Zumal in einem kapitalistischen System, das Wachstum vorsieht. Das Wahlrecht könnte ein Staat theoretisch unendlich vielen Bürgerinnen und Bürgern geben; an Hochschulen braucht es lediglich mehr Räume, Tische, Stühle, Professorinnen, um mehr Menschen auszubilden; eine Großorganisation wie die Bundeswehr profitiert davon, aus mehr Hochqualifizierten auswählen zu können. Ein scheinbar einfaches Prinzip.   

Die Rechnung geht nicht auf

Es sollte also eigentlich auch einfach sein, die Arbeitsstunden zwischen den Geschlechtern anzugleichen. Seit Jahrzehnten schon versuchen Frauen, den männlichen Status quo zu erreichen – und scheitern. Frauen gehen im Durchschnitt 30,7 Stunden wöchentlich einer bezahlten Arbeit nach, Männer 38,4 Stunden. Die Rechnung, dass beide jeweils 38,4 Stunden arbeiten, will nicht aufgehen. Warum?

An der Ausbildung und damit Qualifikation liegt es nicht. Seit 1991 hat sich der Anteil der Frauen, die Abitur oder Fachhochschulreife haben, mehr als verdreifacht. An deutschen Hochschulen studieren seit 2021 insgesamt mehr Frauen als Männer. Junge Frauen, vielleicht gerade im ersten Job gelandet, werden nun kopfschüttelnd sagen: "Aber natürlich arbeite ich wöchentlich 38,4 Stunden, mindestens!" Ja, aber bei einem großen Teil der Frauen hält dieser Zustand nur so lange an, bis sie 30 werden. So alt sind Frauen in Deutschland im Durchschnitt bei der Geburt ihres ersten Kindes. Ab diesem Alter stagniert ihr durchschnittlicher Bruttostundenverdienst. Und die Arbeitszeit reduziert sich: 2020 waren zwei Drittel aller erwerbstätigen Mütter in Teilzeit beschäftigt.

Mehr Elternzeit, mehr Kinderkrankentage

Sie, denen die Gesellschaft vermittelt, die gleichen Chancen wie Männer zu haben, nehmen die Mehrheit der Elternzeitmonate ("Ach, er verdient doch mehr als ich …"), fallen in traditionelle Rollenmodelle zurück ("Ich bleibe wirklich gern beim Kind!"), springen ein, wenn die Kita früher schließt oder das Kind krank ist ("Ich arbeite doch eh nur bis 13 Uhr, das passt schon"). Auf Anfrage teilt die Techniker Krankenkasse mit, dass die Geschlechterverteilung unter den Antragstellerinnen und Antragstellern auf Kinderkrankengeldtage seit Jahren konstant sei: "Mit rund 70 Prozent nehmen deutlich mehr Mütter als Väter das Kinderkrankengeld in Anspruch." Bei der Barmer liegt der Anteil der Frauen bei rund 74, bei der DAK sogar bei 76 Prozent. 

Grund dafür, dass die Frauen so agieren – ob freiwillig oder nicht –, ist der Faktor Zeit. Im Gegensatz zu Studienplätzen, Wahlrecht, Karrierelaufbahnen ist Zeit begrenzt. Wir können ein bisschen tricksen und beispielsweise etwas weniger schlafen. Oder uns, falls möglich, monetär Zeit erkaufen: Dann wird eine Nanny bezahlt, die die Kinder von Kindergarten und Schule abholt; eine Reinigungskraft beauftragt, regelmäßig für Ordnung zu sorgen; Lebensmittel werden per Kurier bis an die Haustür bestellt. Denjenigen, die sich solche Entlastungen nicht leisten können, bleiben 24 Stunden täglich. Für alle Pflichten, Vorhaben, Wünsche.

Alle zehn Jahre erfragt das Statistische Bundesamt, wie die Menschen in Deutschland ihre Zeit verbringen. Die letzte dieser Erhebungen stammt von 2022. Sie zeigt, dass wir Deutschen fast die Hälfte des Tages mit persönlichen Grundbedürfnissen beschäftigt sind: Schlafen, Essen, Körperpflege. Die andere verbringen wir mit bezahlter und unbezahlter Arbeit, Bildung und Freizeit. "Wir" ist hier ein Durchschnittswert – doch vor allem bei bezahlter und unbezahlter Arbeit zeigt sich: Wir arbeiten zwar alle stundenlang pro Tag, aber was wir in dieser Zeit tun, unterscheidet sich sehr. Frauen gehen wöchentlich im Durchschnitt 7,7 Stunden weniger einer bezahlten Arbeit nach als Männer. Dafür übernehmen Frauen in derselben Zeit fast 30 Stunden Haus- und Fürsorgearbeit – also Dinge wie Einkaufen, Kochen, Putzen, sich um die Kinder kümmern. Männer hingegen nur knapp 20 Stunden.

Kein "wie die Männer"

In der Mathematik versteht man unter einer Gleichung eine Aussage über die Gleichheit zweier Terme. 4 × 5 = 20, zum Beispiel. Die Terme von Männern und Frauen, was die Summe an bezahlter und unbezahlter Arbeit angeht, sind momentan in etwa gleich. 30,7 + 30 ≈ 38,4 + 20. Wenn Gleichberechtigung im Job bedeutet, dass beide gleich viel Erwerbsarbeit leisten, die Frau aber weiterhin fast 30 Stunden einen Großteil der Haus- und Fürsorgearbeit erledigt, kann das mit 38,4 Wochenarbeitsstunden wohl nur eines: scheitern. Und womöglich zu einem Burn-out führen – den die Frau erleidet, wohlgemerkt.

Um gleichberechtigt zu arbeiten und damit auch gleich zu verdienen, gleich fürs Alter vorzusorgen, sollte man nicht die Arbeitszeit an den männlichen Status quo angleichen. Keine Gleichberechtigung nach dem Prinzip "wie die Männer", sondern eine, die die gemeinsame Zeit für Erwerbs- und Sorgearbeit egalitär aufteilt. Dafür braucht es Männer, die nicht nur zwei Monate Elternzeit übernehmen (reine Kosmetik), sondern bereit sind, langfristig Lohnarbeitsstunden zu reduzieren. Gleich viel arbeiten und sich gleichermaßen um Haushalt und Kinder kümmern, das will die Mehrheit der Männer sogar; zu diesem Ergebnis (PDF) kommt zumindest eine aktuelle Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Mehr als 80 Prozent der befragten Männer stimmten für eine egalitäre Arbeitsteilung.

Wenn die Männer bereit sind, braucht es Unternehmen, die ihre Mitarbeiter in diesem Wunsch unterstützen: Karriere muss auch in Teilzeit möglich sein. Die Soziologin und WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch geht sogar noch weiter und fragt, ob Vollzeitbeschäftigung wirklich 40 Stunden bedeuten müsse. Eine kürzere Vollzeit mit 35 oder 32 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich sei grundsätzlich eine wesentliche Voraussetzung, um Paaren mehr Spielräume für eine faire Verteilung der Sorgearbeit zu ermöglichen, sagt sie.  

Außerdem braucht es eine Politik, die unter anderem das Ehegattensplitting abschafft und Kitas und Kindergärten weiter ausbaut. Und bevor sich wer – ob Politiker oder Unternehmerin – womöglich sorgt, wo da denn die Leistung bleibe und so weiter: Es bleibt ja eine Gleichung. Verbringen die Männer weniger Zeit am Schreibtisch und im Unternehmen, können die Frauen dort mehr Stunden sein. Und was die Lohnarbeit angeht, wäre es sogar eine Gleichung mit Gewinn auf beiden Seiten. Weniger kann mehr sein. Das sagt zumindest Martin Bujard, Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung: "Insgesamt würde langfristig deutlich mehr Arbeit stattfinden." Weil auch die Frauen, die heutzutage der Kinder wegen für mehrere Jahre aussetzen oder gar nicht mehr zurück in den Beruf finden, arbeiten könnten. Eine wirklich gute Sache.