Sie erlaubten Scheidungen und liebten gutes Brot – Seite 1
Dieser Artikel stammt aus unserem Ressort X und ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 20/2025.
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Es begann –
wie manches große Abenteuer – mit einem Bericht des Landesrechnungshofes
Baden-Württemberg. Im vergangenen Sommer stellte der fest, dass es im Südwesten
Deutschlands Dutzende Studiengänge gebe, in die sich jährlich weniger als
zehn Studenten einschreiben. In einigen (Master-)Studiengängen lag der Schnitt sogar bei
weniger als einer Person pro Jahr.
Weniger als eine Person. Der Hauch eines Studenten. Es gibt in diesem Land also komplette Studiengänge mit Professorinnen, Dozenten, Hörsälen, Studienordnungen – quasi ohne Studierende.
Der Rechnungshof schrieb, das sei wirtschaftlich nicht vertretbar.
Als ich auf diesen Bericht stieß, zeichnete sich langsam das qualvolle Ende der Ampelregierung ab. Ökonomen senkten beinahe täglich die Wirtschaftsprognosen. Die Medien berichteten über wenig anderes als Deindustrialisierung, Krise und Abstieg. Der Rechnungshof schien da einen Punkt zu haben. Warum solche Studiengänge?
Ist das Luxus? Irrsinn? Oder kann man in diesen Fächern etwas lernen, das heute noch relevant ist? Ich wollte es herausfinden.
Also schrieb ich mich ein und wurde ein Student des scheinbar Überflüssigen. Ich hörte Ägyptologie in München. Sprechwissenschaft in Halle an der Saale. Industriearchäologie in Freiberg im Erzgebirge, wo ich gleich den gesamten aktuellen Jahrgang kennenlernte, der aus zwei jungen Frauen bestand. Ich begegnete einer Studentin, deren Vater ihr den zweiten Namen Kleopatra gegeben hatte.
Und dann stieß ich auf die Hethiter.
Ein Volk, das alles hatte, eine große Zivilisation. Kunst, Kultur, Technik, Medizin. Vielleicht sogar einen Rechnungshof. Und das dennoch, oder gerade deshalb, unterging – und beinahe spurlos verschwunden wäre.
Ein Volk, das mein Denken darüber, was nützlich ist und was Luxus, verändert hat. Wer sich mit ihnen auseinandersetzt, lernt Demut. Der eigene Blick weitet sich. Man begreift, wie ähnlich wir Menschen uns sind, wie sehr sich unsere Wünsche, Sorgen und Ängste gleichen, obwohl uns Tausende Jahre voneinander trennen.
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"Um einen Anfall
von Bergfieber zu vertreiben, nehme man den Urin eines gesunden Esels, sein
Halfter und Haare von seinem Schwanz."
(Akkadische
Rezepturen gegen Fieber,
14. Jh. v. Chr.)
Ein voller Seminarraum in der Holzlaube der Freien Universität Berlin, dem Neubau eigens für kleine Studienfächer. Ein voller Raum? Ein voller Raum. 18 Zuhörerinnen und Zuhörer hatten sich versammelt, es musste sogar ein zusätzlicher Stuhl herbeigeschafft werden. "Einführung in das Hethitische", so lautete der schlichte Titel dieses Kurses. Eines Kurses im Fach Altorientalistik.
Professor Jörg Klinger betrat den Raum. Seine buschigen Augenbrauen verliehen seinem Gesicht etwas Eulenhaftes. Er versprühte auf eine grimmige Weise gute Laune, wie ein Sisyphos, der sich in die Hände spuckt und sich dann an seinen täglichen Felsen macht.
Zur Begrüßung sagte er den Studenten, dass das Lehrbuch sehr teuer und vergriffen sei. Vom Hethitischen gebe es außerdem kein vollständiges Wörterbuch. Er kicherte dabei. Deutsche Wissenschaftler seien nur bis zum Buchstaben K vorgedrungen, dann sei die Förderung nach Jahrzehnten ausgelaufen und das Projekt eingestellt worden. (Ein amerikanisches Parallel-Projekt hatte praktischerweise mit dem Buchstaben L angefangen).
Professor Klinger teilte nun ein Handout aus: "So sieht ein hethitischer Text aus." Eine Studentin hielt sich das Blatt sehr nah ans Auge. Das Blatt war voller Krähenfüße. Oder Schnitzereien? Tierspuren im Schnee?
Wo verlaufen die Zeilen? Wo beginnen die Wörter? Wo hören sie auf?
Die Hethiter lebten im heutigen Anatolien in der Türkei. Im Gegensatz zu ihren berühmten Nachbarn, den alten Ägyptern und Babyloniern, sagt vielen ihr Name heute nichts. Dabei gründeten sie nicht weniger als ein Großreich, das von Troja an der ägäischen Küste bis nach Nordsyrien reichte. Hattuscha, die Hauptstadt der Hethiter, war eine antike Metropole. Hatti, ihr Reich, existierte von ungefähr 1.700 bis 1.200 vor Christus, in einer Epoche also, in der die Menschheit schon Pferde und Gänse domestiziert hatte, sich aber noch größtenteils auf ein weicheres Material als Eisen verließ: der späten Bronzezeit.
Wir verdanken den Hethitern den ersten überlieferten Friedensvertrag der Weltgeschichte und Erzählungen über faule Götter und jammernde Könige. Und doch hätten wir vielleicht nie von ihnen erfahren. Ihre Paläste waren verbrannt, ihre Häuser verschüttet, ihre Hauptstadt verschollen. Sie waren verschwunden, weg, ausgelöscht aus dem Gedächtnis der Menschheit. 3.000 Jahre lang glaubte man, dass sie eine bloße Legende wären, so etwas wie Atlantis oder die Amazonen. Bis Archäologen und Philologen sie im späten 19. Jahrhundert wiederentdeckten und in jahrelanger Kleinstarbeit die Zeugnisse ihrer Kultur entschlüsselten.
Professor Klinger im Seminarraum der Freien Universität wusste all das. Er wusste auch, dass ungefähr die Hälfte seiner Zuhörerinnen und Zuhörer den Kurs nach ein paar Wochen abbrechen würde. Er deutete auf sein Handout und sagte: "Sie werden nach diesem Kurs nicht in der Lage sein, eine komplette Übersetzung dieses Textes zu liefern. Das wäre sehr sportlich nach gerade einmal zwei Semestern." Er sagte: "Sie werden jedes Element in einem Satz grammatisch analysieren können, aber ihn trotzdem nicht verstehen. Werden Sie noch erleben."
Hethitisch ist die älteste indoeuropäische Sprache, die wir kennen: älter als die germanischen Sprachen, älter als Latein, älter als Altgriechisch. Die Hethiter erfanden keine eigene Schrift, sondern benutzten eine Variante der Keilschrift, die einer altbabylonischen Form ähnelte. Ausgebildete Schreiber drückten die Zeichen mit angespitzten Griffeln in weichen Ton.
Keilschrift ist, wie es ihr berühmtester und exzentrischster Gelehrte Irving Finkel einmal ausgedrückt hat, ein "vollkommen wahnsinniges System, das folgerichtig ausgestorben ist". Komplex ist es aus mindestens drei Gründen: Es ist erstens eine Silbenschrift. Ein Zeichen steht also nicht nur für einen einzigen Buchstaben a oder u, sondern für eine Silbe wie ba, il oder kam. Dadurch kennt das Hethitische ungefähr 500 Zeichen und das Deutsche nur 30 (26 lateinische Buchstaben plus ä, ö, ü, und ß).
Zweitens gibt es Zeichen, die ein ganzes Wort abbilden, wie zum Beispiel "König" oder "Sonne" (manche Zeichen haben auch verschiedene Bedeutungen). Drittens gibt es stumme Zeichen, die vor oder hinter einem Wort stehen und anzeigen, zu welcher Kategorie ein Wort gehört.
Ein und dasselbe
Zeichen also kann entweder für eine Silbe, ein Wort oder für ein Sonderzeichen
stehen. Man muss das aus dem Zusammenhang erschließen.
Diese Mehrdeutigkeit alleine macht die Übersetzung tückisch. Dazu kommt, dass hethitische Schreiber oft Wörter aus dem Sumerischen und Akkadischen benutzten, weshalb man diese Sprachen besser gleich mitlernen sollte.
Keilschrift zu lernen frustrierend zu nennen, wäre eine massive Untertreibung. In Mesopotamien wurde einmal eine Tontafel eines Kindes gefunden, das zur Schreibschule gehen musste. Sie hatte Bissspuren.
Kurz vor dem Seminar hatte ich Professor Klinger in seinem Büro besucht. Es war voller Papier, Bücher und Zettel türmten sich auf den Tischen. Er sagte, er habe einst Neuere Geschichte studiert, habe sich zur Zeit der alten Römer zurück gearbeitet, begegnete den noch älteren Ägyptern und stand schließlich während einer Exkursion vor dem Ischtar-Tor der Babylonier im Berliner Pergamonmuseum. Er sah die Keilschrift-Zeichen an den lapislazuliblauen Ziegeln. "Und ich dachte: Ich will das lesen können."
Archäologen haben bislang ungefähr 30.000 Tontafelfragmente der Hethiter gefunden. Immer, wenn er zu Grabungen in die Türkei reise, wo er als Philologe für die Entschlüsselung neuer Tontafeln zuständig sei, freue er sich, erzählte mir Professor Klinger. Es gebe einen steten Zustrom an neuen Texten. Ton war im Alten Orient im Überfluss vorhanden. Einmal gebrannt, übersteht er mühelos die Jahrtausende.
Wer könne schon von sich behaupten, als Erster einen jahrtausendelang verschollenen Text in den Händen zu halten? "Sie können Wörter entdecken, die vor Ihnen keiner gelesen hat", sagte mir Professor Klinger. "Sie können auf eine ganz neue Sprache stoßen", sagte er. "Sie können einen König entdecken, den es vorher nicht gab."
"Haben Sie
schon mal einen König entdeckt?", fragte ich.
"Ehrlich
gesagt habe ich dafür gesorgt, dass einer gestrichen wurde."
Hattusili, der Zweite, den es in Wirklichkeit nämlich gar nicht gab. Aber das ist eine lange Geschichte.
Ich verließ die Holzlaube, stieg in die U-Bahn und sah aus dem Fenster. All die Häuser, an denen ich vorbeifuhr, schienen mir plötzlich so rührend fragil. Sie alle und all ihre Bewohner würde eines Tages einmal verschwunden sein. Würde sich jemand an uns erinnern? An unsere Leben, Texte, Lieder, Könige und Tanzvideos?
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"Telipinu
ist erzürnt. (…) Er zog seinen rechten Schuh an seinen linken Fuß, den linken
Schuh aber zog er an seinen rechten Fuß an und verschwand. Dunst erfüllte die
Fenster, Qualm erfüllte das Haus. Auf dem Herd erstickten die Scheite. (…) Das
Mutterschaf lehnte sein Lamm ab, die Kuh lehnte ihr Kalb ab. (…) Die Wiesen
vertrockneten, die Brunnen vertrockneten, und im Lande entstand Hungersnot."
(Telipinu-Mythos, 16. Jh. v. Chr. Die Hethiter verehrten Telipinu als Gott des Korns und der Vegetation)
In Deutschland war es Winter geworden. Olaf Scholz feuerte Christian Lindner. Donald Trump wurde Präsident. Ich schrieb einen Artikel über den Niedergang der deutschen Industrie und über den Niedergang der Stadt Gelsenkirchen. Nicht weniger als vier Terroranschläge wurden in zwei Monaten verübt. Dunst und Qualm erfüllten mein Gemüt.
Ich flüchtete mich zu den Hethitern, in eine Parallelwelt, die mit all dem nichts zu tun hatte.
Ich kaufte mir drei Bücher und stöberte in jahrtausendealten, digitalisierten Originaltexten. Es kam mir vor, als hätte ich mein ganzes Leben lang nur die Oberfläche eines Ozeans betrachtet, um jetzt einmal mit Sauerstoffgerät und Taucherbrille ins Wasser zu steigen. Unter der Oberfläche ging es ja weiter!
Dort unten
entdeckte ich Muscheln und Perlen und seltene bunte Fische. Wie diese
hethitische Beschreibung einer Depression samt verwirrtem Biorhythmus: "Wenn
ein Gott oder eine Göttin zornig gegenüber einem Menschen ist, und sein Inneres
ist beständig in Aufruhr und am Tage ist alles hart für ihn und in der Nacht
schläft er nicht. Und Tag und Nacht ordnet er schlecht an."
Ich las in einem Werk über Ausgrabungen in Hattuscha und stellte mir deren Einwohner als glückliche Menschen vor. Sie schlürften Bierbrei und kannten erstaunlich viele Brotsorten. Sie feierten ständig Feste, eines dauerte 38 Tage lang. Jeden Abend brachte der Stadtvorsteher einen bronzenen Riegel am Stadttor an und versiegelte ihn, auf dass das Chaos der äußeren Welt fernbliebe.
Ich erfuhr, dass die Hethiter Dinge taten, die ich für modern gehalten hatte. Sie erfanden Gesetze, die nicht auf Rache, sondern auf Ausgleich aus waren: "Wenn jemand einen anderen verletzt und arbeitsunfähig macht, muss er für seine medizinische Behandlung sorgen". Sie erlaubten Scheidungen. Die Göttin Ischtar wechselte ihr Geschlecht.
Die Hethiter klauten fremden Völkern Götterstatuen, aber verachteten die fremden Götter nicht. Stattdessen gemeindeten sie sie in ihr Pantheon ein und beteten sie respektvoll in denjenigen Sprachen an, die die Götter gewohnt waren. Sie bewahrten Sprachen, Mythen und Rituale ihrer unterworfenen Nachbarn in ihren Archiven auf, Palaisch, Luwisch, Hurritisch. Ein Forscher verglich die späte Bronzezeit einmal mit einem "Eintopf mit zu vielen Aromen, als dass man sie isolieren und einzeln definieren könnte."
"Kennen Sie hethitische Flüche?"
Es muss eine ziemlich komplexe Welt gewesen sein. Vielleicht wirklich ein wenig so wie in der Odyssee, dem 26. Band der Asterix-Reihe: Dort verirren sich Asterix und Obelix in der Wüste und werden von den Sumerern mit Pfeilen beschossen, weil die sie für Akkader halten; dann von den Akkadern, die sie für Hethiter halten; und dann von den Hethitern, die sie für Assyrer halten.
Irgendwann stieß ich auf den Mythos des verschwundenen Gottes Telipinu. Die Hethiter verehrten Telipinu als Gott des Korns und der Vegetation. Der Telipinu-Mythos erzählt davon, wie fragil die Lebensgrundlagen in der Bronzezeit waren. Eines der größten Rätsel, die die Hethiter uns aufgeben, ist nämlich, warum sie von allen Orten auf der Welt ausgerechnet das Hochland von Anatolien ausgewählt haben.
Die Ägypter hatten den Nil, die Babylonier das Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris. Sie errichteten ihre Imperien auf fruchtbarem Flussland, das ihnen reiche und verlässliche Ernten bescherte. Das Hochland von Anatolien dagegen ist ein harter Ort. Im Sommer ist es zu heiß und im Winter zu kalt. Es ist fast immer zu trocken; außer es regnet überschwemmungsartig. Die Hethiter bauten Dämme, legten Kornspeicher an und hielten gigantische Ziegenherden. So konnten sie ihrem kargen Lebensraum einiges abringen.
Davon erzählt der Telipinu-Mythos: So wie der wütende Korngott die Menschen verlässt, so geht der Sommer und die Fruchtbarkeit, der Winter kommt und mit ihm der Hunger. Die Lösung, wenn sich ein Gott schmollend in Wälder oder Berggipfel zurückgezogen hatte, lag darin, ihn zu bestechen. Man lockte ihn mit süßem Honig und milder Butter und parfümierte seinen Rückweg zu den Menschen mit Öl und Wein. Solche Rituale veranstalteten die Hethiter in ihren zahlreichen, wochenlangen Festen.
Ich schickte Professor Klinger viele Mails mit vielen Fragen: Waren die Hethiter grausam? Kennen Sie hethitische Flüche? Wie klingt hethitisch? Er antwortete innerhalb von Minuten und schickte Mails, die so lang waren, dass ich sie ausdruckte.
So vieles war
vor uns passiert. So vieles war gekommen und gegangen. Wie gehetzt und eng und
ängstlich war dagegen mein Blick auf die Welt geworden. Wie absurd war es, sich
als zeitgenössischer Mensch für den Mittelpunkt der Weltgeschichte zu halten.
Und doch gab es Momente des Zweifels. War das nicht eine Verschwendung, meine Zeit auf die Hethiter zu verwenden, wenn es so viele drängendere Fragen gab, den Klimawandel, den Rechtsruck, Putins Krieg gegen Europa? Soll der Staat wirklich Millionen von Euro in Feinschmecker-Studiengänge stecken und nicht lieber in Waffen, Windräder, Wirtschaftsförderung?
Am Ende der ersten Stunde bei Professor Klinger kam ich mit einem der Studenten ins Gespräch. Er trug eine winzige Brille und einen strengen Seitenscheitel. Er sagte: "Ich war die letzten sieben Jahre bei der Bundeswehr. Als Verwaltungsoffizier. Dieses Jahr hatte ich endlich mein Dienstzeitende. Und die Zeit bei der Bundeswehr war so, äh, unschön, dass ich dachte: Ich mache jetzt nur noch, worauf ich Lust habe."
Er studierte Ägyptologie im Hauptfach und im Nebenfach Altorientalistik, zu der die Hethitologie gehört. Hethitisch sei ein bisschen wie Latein, sagte er. Eine logische Sprache, die man gut durchdeklinieren könne.
Wie sein Arbeitsalltag bei der Bundeswehr ausgesehen habe, fragte ich ihn. "Man sitzt am Schreibtisch und schiebt unnötig Papier von A nach B." Wirklich so schlimm? "Wir haben einmal Monate gebraucht, um eine Gardine auszutauschen." Angeblich Asbest, doch vor allem Vorschriften.
Er habe auch von dem Bericht des Landesrechnungshofes gehört, der die kleinen Studienfächer kritisierte, sagte er. "Ich denk mir die ganze Zeit, wenn solche Beamten fordern, man soll das hier abschaffen, dann sollen sie lieber mal sich selbst abschaffen. Weil dort wird wirklich Steuergeld verschwendet."
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"Der Großkönig (…) spricht fortwährend zu Hastayar: 'Verlass mich nicht!' (…) Verlass mich nicht, verlass mich nicht! (…) Wasch mich gut! Schütze mich an deinem Busen vor der Erde!" (Das politische Testament des Hattusili I., 16. Jh. v. Chr.)
Man muss sich die hethitische Geschichte als Familiengeschichte vorstellen. Alle Könige waren Abkömmlinge einer einzelnen Dynastie. Damit ist die politische Geschichte mit all ihren Intrigen und Thronstreitigkeiten immer auch ein bisschen Sopranos oder Buddenbrooks.
Es war also einmal ein alter König, der im Sterben lag. Hattusili war sein Name, Hattusili, der Erste, der erste bedeutende König, den wir kennen. Hattusili war ein mächtiger, unglücklicher Patriarch, ähnlich wie Tony Soprano. Sein Sohn machte bei einem Aufstand gegen ihn mit. Seine Schwester auch. Sein Neffe hörte nicht auf ihn. Niemand beugte sich seinem Willen.
Der sterbende König machte also sein Testament und versammelte seinen Hofstaat um sich. Er verkündete seine Weisheiten und ließ alle protokollieren, damit man sie seinem Enkel vorlese, der sein Nachfolger werden sollte: das politische Testament des Hattusili. Doch dann passierte etwas Peinliches. Der verwirrte Schreiber drückte auch jene Worte des Königs in den Ton, die nicht zur Aufzeichnung bestimmt waren. Als nämlich der König plötzlich nach einer Frau namens Hastayar rief. Wer ist Hastayar, fragt man sich natürlich. Genau wissen wir es nicht.
Seine Frau war es jedenfalls (wahrscheinlich) nicht.
Hastayar könnte die Lieblingskonkubine des Königs gewesen sein. Die Berater versuchten, den aufgebrachten König zu beruhigen. Doch ganz offenbar gelang ihnen das nicht, schließlich richtete der sterbende König seine vielleicht letzten Worte an seine Geliebte.
Ich muss dazu sagen: Diese Version der Geschichte ist nur eine Interpretation. Man kann das politische Testament auch anders übersetzen und auslegen. Dem amerikanischen Linguisten Craig Melchert aber kam der Schluss dieses Textes so emotional und zerstückelt vor, dass er ihn als Unfall deutete. Er ergab für ihn nur Sinn, wenn ein verwirrter Schreiber Dinge aufgeschrieben hatte, die nicht fürs Protokoll gedacht waren.
Für Craig Melchert ist diese Tontafel "eine direkte Reportage eines Live-Events". Wenn das stimmt, dann gewährt sie uns einen direkten Zugang zu den Gefühlen eines Menschen, der vor dreieinhalbtausend Jahren im Sterben lag. Wir Leser erfahren, dass der alte hethitische König kein fremdes Wesen ist, das antike oder hethitische oder sonst wie fremde Gefühle hatte. Er verspürte die ältesten und universellen menschlichen Gefühle: Liebe und Angst vor dem Tod.
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"xxx xxx Und ihn
xxx xxx des xxx Rind xxx die Wiese xxx xxx Wir aber xxx nicht xxx mit Wasser
xxx xxx sättigte xxx xxx ruft xxx xxx xxx" (Text bricht ab)
(Das Märchen
vom Sonnengott, der Kuh und dem Fischer: ein Fragment, 15. Jh. v. Chr.)
Ton ist zerbrechlich. Das lernt man als angehender Hethitologe ziemlich schnell. Viele der Tontafeln, die Archäologen in Anatolien im Schutt der Jahrtausende bergen, sind gar keine Tontafeln, sondern Bruchstücke davon: zersplittert, abgeschürft, zerplatzt, und damit mehr oder weniger unleserlich.
Trotzdem ist jedes neu gefundene Tontafelstückchen ein Schatz, der katalogisiert und übersetzt wird. Man benötigt dazu eine Akribie und Disziplin, die nicht viele Menschen aufbringen. Professor Klinger erzählte mir einmal, dass er früher als Student schon mal drei Stunden brauchte, um ein einziges Keilschriftzeichen im Lexikon zu finden. "Dann merkt man sich das aber", sagte er.
3 Stunden. 180 Minuten.
Die Informatikerin und Psychologin Gloria Mark untersucht seit mittlerweile 20 Jahren, wie lange sich durchschnittliche Erwachsene vor einem Computer auf eine einzige Aufgabe konzentrieren können, bevor sie sich von Mails oder anderem ablenken lassen. Im Jahr 2004 waren es im Schnitt 150 Sekunden, zweieinhalb Minuten. Knapp zehn Jahre später waren es 75 Sekunden. Mittlerweile ist Gloria Mark bei 47 Sekunden angekommen.
Sie hat mal in einem Interview berichtet, dass amerikanische Kleinkinder eine durchschnittliche Screen-Time von zweieinhalb Stunden täglich haben.
Der Verstand eines Altorientalisten ist geschult an Zeichen, Silben, abgebrochenen Sätzen; er ist das Produkt eines zähen Brütens über kostbaren Fragmenten. Was uns die Keilschrift lehrt? Wie wichtig ungeteilte Aufmerksamkeit ist, die wohl spärlichste Ressource des 21. Jahrhunderts.
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"So sagt Ramses II. zu Hattusili III.: Siehe, ich habe jetzt gute Brüderschaft und guten Frieden zwischen uns für immer gestiftet, um so auch guten Frieden und gute Brüderschaft zwischen dem Lande Ägypten und dem Lande Hatti für immer zu stiften." (Ägyptisch-Hethitischer Friedensvertrag, 1259 v. Chr.)
Professor Klinger ließ Rom, Griechenland und Ägypten links liegen, lauter prächtige Büsten und Statuen, er eilte so schnell durch das Museum, dass ich Mühe hatte, mitzukommen. Wir blieben vor einem einfachen Glaskasten stehen. Dort lag eine der wenigen hethitischen Tontafeln Berlins, die der Öffentlichkeit während der Jahre dauernden Sanierung des Pergamonmuseums zugänglich ist.
Sie war in etwa so groß und dick wie ein aufgeschlagener Thomas-Mann-Roman. Ihre Oberfläche hatte Risse, die Tafel war aus vielen Teilen zusammengesetzt wie ein unregelmäßiges Puzzle. Die Schrift war winzig, wenige Millimeter groß.
Vor uns lag, so sagte es die Plakette, der Staatsvertrag zwischen Hattusili dem Dritten und dem ägyptischen Pharao Ramses dem Zweiten.
Der erste überlieferte
Friedensvertrag der Weltgeschichte also.
3.000 Jahre alt.
Von dem eine Bronze-Kopie im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen aufgestellt ist, um die Menschheit zum Frieden zu inspirieren.
Professor Klinger beugte sich über die Vitrine und kniff skeptisch die Augen zusammen. "Das ist nicht der Ramses-Vertrag", sagte er.
Hat das Museum einen Fehler gemacht?
In den Zeiten des Suppiluliuma
Klinger
machte ein Foto und zoomte auf seinem Handy an die Keilschriftzeichen heran.
Sein Zeigefinger wanderte von links nach rechts über die Zeichen.
"a-na pa-ni šu-up-pí-lu-li-u-ma a-ba a-bi-ia", las
er.
"In den Zeiten des Suppiluliuma, meines Großvaters …"
Es handelte sich also tatsächlich um Hattusili den Dritten, den Enkel des
Suppiluliuma. Doch der Ramses-Vertrag, erklärte Klinger, habe eine ellenlange
Einleitung, und dieser Vertrag nur wenige Zeilen. Nach einigem Nachdenken kam er
zu dem Schluss, dass es sich um den Vertrag Hattusilis III. mit Bentesina von Amurru handeln müsse, dem König eines
kleinen Grenzgebiets zwischen Hatti und Ägypten. Verfasst auf Akkadisch, der Diplomatensprache des alten Orients.
"Das ist 'ne schöne Standard-Vertragstafel", sagte Professor Klinger. Aber nicht der weltberühmte Friedensvertrag.
"Das müssen
Sie dem Museum sagen!", sagte ich.
Professor Klinger zuckte nur mit den Schultern.
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"Folgendermaßen spricht Kikkuli, der Pferdetrainer vom Lande Mittani: Wenn er die Pferde im Herbst aufs Gras lässt, spannt er sie an. Er lässt sie 3 Meilen traben, galoppieren aber lässt er sie über 7 Felder." (Der Kikkuli-Text, 15. Jh. v. Chr.)
Ozeane haben es an sich, dass sie unfassbar tief sind. Ich war mittlerweile auf Kikkuli gestoßen, einen Pferdetrainer aus dem Lande Mittani, der vier lange Tontafeln hinterließ, auf denen er sein gesamtes Trainingsprogramm für Streitwagenpferde diktiert hatte, das genau 214 Tage lang dauerte. Ohne Pferde wäre der Aufstieg der Hethiter undenkbar gewesen. In der Schlacht bei Kadesch, im heutigen Syrien, kämpften die Hethiter mit tausenden Streitwägen gegen die Ägypter. Diese Wägen, geschätzt 45 Stundenkilometer schnell, waren die Panzer der Bronzezeit, Vorboten der Infanterie, Überbringer von Angst und Schrecken.
Über solche Dinge dachte ich nun nach. Einmal streifte ich eine astrophysikalische Interpretation babylonischer Sterndeutungen. Ganz kurz trug ich mich mit dem Gedanken, mir eine Töpferscheibe zu kaufen.
Ich befand mich tief unter Wasser.
Professor Klinger meldete sich aus Cádiz. Er überwinterte die Semesterferien in Andalusien. Cádiz, erzählte er, sei die älteste Stadt Europas, gegründet von den Phöniziern im elften Jahrhundert. Vor Christus, natürlich.
Bald beginnt sein letztes Semester. Im April 2026 wird Professor Klinger mit 65 Jahren in den Ruhestand gehen. Ich fragte ihn, ob die Altorientalistik noch eine Zukunft habe. Er sagte, an großen Standorten wie Berlin schon. Nur hoffe er, sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin würde sich nicht nur um die berühmteren Völker des alten Orients kümmern, sondern auch um die Hethiter.
Eine Studentin erzählte mir, dass sie den Hethitisch-Kurs von Professor Klinger belegt habe, weil er einer der wenigen Menschen sei, der luwische Hieroglyphen entziffern könne. (Die hatten die Hethiter von ihren Nachbarn, den Luwiern, geborgt, um sie für Königssiegel zu verwenden). Sie wolle ihn vor seiner Pensionierung noch erwischen. "Wenn das ausstirbt …", sagte sie und beendete den Satz nicht.
Also fragte
ich Professor Klinger, wie viele Menschen denn luwische Hieroglyphen lesen
können. Er sagte: "Weiß ich nicht. So um die 50 vielleicht."
"Auf der
Welt?"
"Ja."
"Das ist nicht viel."
"Nee, das ist
nicht viel."
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"Wettergott
von Hatti, mein Herr, (…) es schickte mich Mursili, der König, euer Diener. (…) Ihr
habt die Seuche ins Innere des Landes Hatti gelassen.
(…) Es
wurde unter meinem Vater und meinem Bruder gestorben.
(…) Es
wird auch jetzt unter MIR gestorben.
Dies ist
das 20. Jahr, dass im
Inneren des Landes Hatti gestorben wird."
(Die Pestgebete Mursili II., 14. Jh. v. Chr.)
Ich erkannte die Zeichen nicht gleich. Die feinen Risse. Doch irgendwann stellte ich fest, dass mein Zufluchtsort in Gefahr war. Ich las die Pestgebete des Mursili, in der ein bestürzter König von einer Epidemie berichtete, die wohl ägyptische Kriegsgefangene nach Hattuscha gebracht hatten. (Wahrscheinlich eine Beulenpest.)
Das war der erste Riss. Doch je mehr ich las, desto mehr entdeckte ich. Etwa 100 Jahre nach den Pestgebeten kam es zu einer plötzlichen Trockenheit im östlichen Mittelmeerraum. Die Hethiter holzten ihre Wälder ab, bis diese sich nicht mehr erholten. Das Königreich hatte Mühe, seine Untertanen zu ernähren, weil es zu viele Männer in ferne Kriege schickte. Es litt unter einer chronischen Knappheit von Arbeitern. Alte Verbündete wandten sich von ihm ab.
Pandemie, Fachkräftemangel, Klimawandel und steigende Militärausgaben – irgendwie kam mir das alles viel zu bekannt vor.
Das
bronzezeitliche Wirtschaftssystem geriet in eine Krise, vielleicht wegen der, wie ein
Forscher schreibt, "übermäßigen Abhängigkeit vom Fernhandel". Während ich das
las, überzog der amerikanische Präsident die Welt gerade mit Zöllen, weil ihm,
nun ja, der Fernhandel zu viel geworden war.
Dann hörte ich von den sogenannten Seevölkern, Invasoren, unter denen aber auch eine große Anzahl von Geflüchteten war. Sie zogen aus dem rückständigen Westen nach Osten und sorgten für Unruhe.
Ich klappte meine Bücher zu. Gar nicht so leicht, dachte ich, vor der Welt davonzulaufen.
Irgendwann, um das Jahr 1180 vor Christus herum, haben die Hethiter ihre Hauptstadt Hattuscha verlassen und sie aufgegeben. Archäologen fanden heraus, dass sie erst später, im Laufe der Zeit, zerstört wurde. Warum die Hethiter ihre Hauptstadt aufgaben, wissen wir nicht genau, vielleicht lag es an einer Kaskade von Gründen, umfallenden Dominosteinen, einer Polykrise, die die späte Bronzezeit erfasst hatte.
Der Archäologe Andreas Schachner glaubt, dass die Hethiter die Voraussetzungen ihres ökologischen Umfeldes einfach ausgereizt hatten. Sie hatten die Natur in einem "wohl einzigartigen Maße ausgebeutet".
Innerhalb
weniger Jahrzehnte stürzten auch andere benachbarte Kulturen ins Unglück: die
Mykener, Minoer, Assyrer, Zyprer. Es war, wie der Historiker Eric H. Cline
schrieb, "der erste Untergang der Zivilisation". Ein Verlust, der die
Menschheit um Jahrhunderte zurückwarf.
Niemand hat Hattuscha mehr aufgebaut. Die Menschen, die danach dort lebten, nisteten sich in Ruinen ein, verlernten die Keramik-Skills der Hethiter und lebten wie in der späten Steinzeit. Im Mittelalter weideten Nomaden dort ihre Herden. Im 20. Jahrhundert war im alten Tempelviertel ein Forst entstanden, der so dicht war, dass die Bewohner ihn "Wald-Meer" nannten. Beinahe wäre nichts von den Hethitern übrig geblieben.
Und was wird von uns einmal bleiben?
Wird es über uns einmal ein Studienfach geben? Alt-Okzidentalistik? Werden die Alt-Europa-Wissenschaftlerinnen der Zukunft einmal vor blinden Bildschirmen stehen, toten iPads? Wird ein ehrgeiziger Professor seine Kräfte aufwenden für den Versuch, alle Nobelpreisträger und Realitystars unserer Zeit zu katalogisieren und beim Buchstaben K erschöpft zusammenbrechen? Wird man die letzten Staffeln von Game of Thrones gnädiger beurteilen als wir heute?
Wird von uns überhaupt etwas Sinnvolles zurückbleiben, wenn unsere lächerlich empfindlichen Speichermedien, Computer und Papier, verrottet sind?
Werden wir einfach als eine weitere Zivilisation in die Geschichte eingehen, die bis zuletzt glaubte, unsterblich zu sein?
Die Hethiter
lehren uns, dass Geschichte nicht gleichbedeutend mit Fortschritt ist. Sie
wussten um die Fragilität der menschlichen Existenz. Auf ihren Tafeln bewahrten
sie zwölf verschiedene Sprachen, kulturelle Zeugnisse der Völker, die sie
eroberten. Sie zerstörten, weil sie Menschen waren; aber sie bewahrten, weil
sie Humanisten waren.
Professor Klinger sagte einmal, ich solle mir überlegen, was gewesen wäre, wenn die Römer alle Sprachen der Länder aufgezeichnet hätten, die sie erobert hatten. Was für ein gigantischer Kulturschatz das wäre!
"Ja, hat die aber nie interessiert", sagte er.
Die Hethiter
wussten wohl instinktiv, dass das Schlimmste, was uns Menschen passieren kann,
nicht der Tod ist, sondern das Vergessenwerden. Man hat erst dann nicht gelebt,
wenn sich niemand deiner erinnert.
Es gibt eine letzte ironische Wendung in der ganzen Geschichte. Die Hethiter trockneten ihre Tontafeln an der Luft. So hielten sie lange, doch irgendwann zerbröselten sie. Als die Hethiter Hattuscha verlassen hatten, fielen Teile der Stadt Brandschatzungen zum Opfer. Die Regale der hethitischen Archive brachen zusammen und begruben den Ton unter sich. Im Feuer wurde er gebacken. Und gebrannter Ton übersteht, wenn auch zerbrochen und zersprungen, Jahrtausende.
Alles, was
wir über die Hethiter wissen, verdanken wir ihrem Untergang.
Animation: Anne Wille und Jenni Kuck
140 Kommentare
Frau Funcke
Details
Eigentlich wollte ich den Artikel nur kurz überfliegen, doch dafür war er viel zu schön und kurzweilig geschrieben.
Ludibunda
Details
Danke für diesen Artikel - ein Plädoyer für den Erhalt der Geistes- und Kulturwissenschaften. Gerne mehr davon...
Smillq
Details
Ein sehr anschaulich geschriebener, detailreicher und rundum lesenswerter Artikel - vielen Dank! Ich würde mich freuen, wenn hier auch in Zukunft Platz für thematisch ähnliche Texte wäre, und schließe mich meinen Vorrednern an : Bitte mehr davon!
Litli579
Details
Was erfreuen mich all diese begeisterten Kommentare hier. Es ist klasse, dass der Autor es schafft, Interesse für ein so spezielles Fach zu wecken.
Den im Artikel erwähnten Herrn A. Schachner durfte ich im Rahmen zweier Exkursionen begleiten – jeweils ins Grabungshaus in Boğazköy, am Fuße der einstigen hethitischen Hauptstadt. Besonders lebendig ist mir das karge Gelände in Erinnerung geblieben: steinerne Markierungen, die in der Ferne den Verlauf der Stadtmauer andeuteten, monumentale Tempelblöcke auf sorgfältig gesetzten Fundamenten – und nicht zuletzt die weite, fast unwirkliche Landschaft des anatolischen Hochlands. Der Artikel beschreibt die wohl einstige Lebenswelt der Hethiter durchaus gelungen.
Ob Berlin, Leipzig, Jena, Tübingen oder Würzburg – Lehrstühle für Altorientalistik gibt es in Deutschland nur an einer Handvoll Universitäten. Wer das Glück hat dort zu Leben und mehr über das Leben früherer Hochkulturen erfahren möchte, kann dort meist einen Gasthörer-Schein der jeweiligen Universität erwerben. Es sei wärmstens empfohlen.
Dem Autor gilt als ehemaliger Student des Fachs mein besonderer Dank für diesen großartigen Text.
smei
Details
Wer hätte gedacht, dass ich heute einen kleinen Einblick in die Welt der Hethiter erhalte? Für mich sehr bereichernd über so überraschende, abseitige Themen zu lesen. Und auch mental entlastend, sich kurz aus dem Strom der täglichen Nachrichten rauszuziehen. Ja, wir Jetztzeitmenschen sind nicht der Mittelpunkt des Universums.
Merci!
tesseract
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Einfach großartig, der Text. Und er zeigt, dass Wissenschaften wesentlich mehr sind, als die Frage nach dem, was die kapitalistische Ordnung für ökonomisch sinnvoll hält. Sie stiften Sinn und Wissen über unsere Herkunft und darüber, wohin wir vielleicht gehen. Dies erschließt sich aber übereifrigen Politikern und Verwaltungsfachkräften nicht unbedingt. Es gibt einen gesamtgesellschaftlichen, bildungs- und gemeinwohlorientierten Nutzen, der über die rein ökonomischen Aspekte weit hinausgeht. Ohne das ist jede nur nach Kapital ausgerichtete Ökonomie ein reiner Selbstzweck und daher sinnentleert.
TepperAir
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Ich hatte eine wunderbare Uni-Kollegin, die nach Antritt ihrer Rente als wissenschaftliche Hilfskraft in mein Team kam. Also schon eine ältere Dame. Ihres Zeichens Universitätshostorikerin und damit eine Art Universalgelehrte. Als in Bayern gegen 2005 mit dem eisernen Besen des Rechnungshofs durch die Hochschulen gekehrt wurde, um zu kleine, unwirtschaftliche Studienfächer und Studiengänge anzuprangern, war sie außer sich - wo doch alles aufeinander aufbaut: ""wenn das wegfällt, passiert das,... das gibt einen Dominoeffekt." Es gab kein Gespräch mit ihr, in dem ich nicht unfassbar viel Neues gelernt habe, was in keiner Schule vermittelt wird. Und sicher nicht in internen Fortbildungen des Rechnungshofs. Das Konzept der Universität scheint nun, im 21. Jahrhundert, an einem Kipppunkt oder Endpunkt zu sein. Was die Einsparkönige nicht verstehen, kann weg. Gepriesen sei DOGE und der historische Analphabetismus! Warum denken, wenn sich KI so schnell entwickelt?
PS: die wunderbare 85-jährige Dame lebt noch, ich besuche sie hin und wieder, und sie kann mir immer noch aus ihrer historischen Sicht erklären, warum sich die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge wohl so entwickeln mussten sie es tun. Faszinierend.
arnebuedts
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Toller Artikel! Deswegen lese ich immer gern die Zeit!