Dieses Turnier ist verdammt nah am Wasser gebaut. Es stürzt von den Stadiondächern und quillt aus den Augen der Spieler, Pepe heult im Duett mit Ronaldo, Österreicher und Türken werden nach ihrem epischen Achtelfinale von ihren Gefühlen übermannt. Aber ein Bundestrainer, der weint? Das gab es in der deutschen Fußballgeschichte wohl noch nie. Es vertrug sich offenbar bislang nicht mit der Würde des Amtes. Der gestrenge Übervater Herberger hätte sich so viel Kontrollverlust nie geleistet; und auch von seinem weicher gestimmten und demokratischer gesinnten Co-Trainer und Nachfolger Helmut Schön sind derartige Regungen nicht bekannt. 

Dem Job haftete lange etwas Bürokratisches an; über Jahrzehnte folgte ein Verbandsgewächs aufs nächste. Einer wie Jupp Derwall zum Beispiel, Schöns Assistent und Erbe, der etwas betuliche "Häuptling ondulierte Silberlocke", der zwar die höchste Siegquote aller Bundestrainer verzeichnet, von dem als Gipfel der Emotionalität aber der Satz überliefert wird: "Es ist ratsam, auf dem Teppich zu bleiben, wenn man vieles darunter gekehrt hat." 

Auch aus der Zwischenphase, in der man auf verdiente Spieler setzte (Beckenbauer, Vogts, Völler, Klinsmann), sind Tränen nicht überliefert, so wenig wie aus der neuerlichen Ära der Assistenten, in der auf Klinsmann dessen mitunter katatonische Co-Trainer Löw und auf ihn wiederum dessen Gehilfe Flick folgte. Der neigte zu inszeniert wirkenden Wutanfällen (wie es die Amazon-Dokumentation All or Nothing über die WM in Katar zeigte); zum Weinen fanden die Auftritte seines Teams nur die Zuschauer.   

Und nun Julian Nagelsmann. Gleich zweimal verliert er nach dem EM-Aus gegen Spanien die Fassung, und er steht dazu. Zunächst im Interview unmittelbar nach Spielschluss, noch bewegt von der Trauer und Enttäuschung seiner Spieler, schluckt er die Tränen mit Mühe herunter. Doch auch am Tag danach, bei der offiziellen Abschluss-Pressekonferenz der Deutschen, beginnt er sein Statement mit einem Bekenntnis: "Ich kämpfe noch mit den Tränen." Wie passt das zu dem selbstbewussten, vom Beginn seiner Karriere an um Coolness und Kontrolle bemühten Klassenprimus des Trainerlehrgangs?

Als er mit nur 36 Jahren zum jüngsten Bundestrainer aller Zeiten berufen wurde, wirkte er ziemlich unterwältigt von der Größe der Aufgabe und eher wie einer, der keinen Zweifel daran hegt, dass nur er den seit Jahren schlingernden Riesen Nationalelf auf Kurs bringen kann. Der Großkarierte hieß ein ZEIT-Artikel nach Nagelsmanns ersten Länderspielen bei einer USA-Reise, und das meinte nicht nur seine Vorliebe für ausgefallene Outfits. 

Inzwischen kleidet sich Nagelsmann schlicht. Und auch seine berüchtigten Extravaganzen bei Aufstellungen (Stürmer als linke Verteidiger) und abrupten Systemwechsel bei vollem Spielbetrieb hat er vorerst abgelegt. Der Glaube an die eigene Genialität scheint einer Demut gewichen.

Dass Nagelsmann aus Rührung darüber geweint haben könnte, wie gut ihm am Ende trotz der bitteren Niederlage gegen Spanien alles gelungen ist, dass sein Kampf mit den Tränen nur Rührung über sich selbst, also eine Fortsetzung der Eitelkeit mit anderen Mitteln, gewesen sein könnte, das kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen. Auch, weil seine Auftritte als Bundestrainer immer von einer geradlinigen Authentizität geprägt waren. Er sagt, was er denkt. Und insofern zeigt er auch, was er fühlt.

Die Tränen verraten auch, wie groß der Druck bei der Heim-EM gewesen ist. Und es scheint, als sei ihm, dem Abgezockten, bisweilen Schnoddrigen, in den intensiven sechs Wochen mit den Spielern erst klar geworden, dass die Nationalelf mehr ist als eine Fußballmannschaft, die es gegen gutes Geld zu optimieren gilt. Sie ist ein Triebwerk für die Gefühle eines ganzen Landes, und die emotionale Wucht, die daraus entsteht, hat am Ende auch den Trainer gepackt – nicht zuletzt deshalb, weil er auf seinen bisherigen Stationen viel Respekt, aber selten wirklich Zuneigung erfuhr. Und so erzählt er in den Momenten, in denen er um Fassung ringt, vor allem von der symbiotischen Beziehung der Mannschaft zum Publikum, in der beide einander mit Energie und Zuversicht versorgen.

Und weil Nagelsmann eine von all seinen Weggefährten immer wieder gerühmte, extrem schnelle Auffassungsgabe besitzt, nutzt er seine Überwältigung, um etwas loszuwerden, das weit über den Fußball hinausweist.

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Auch das unterscheidet ihn von seinen Vorgängern, die selten mitreißende Erzähler und Deuter ihres Sports waren und sich so gut wie nie auf das mitunter tückische Feld des Symbolischen und der politischen Bedeutung des Sports wagten. Und wenn doch, kam kaum mehr dabei heraus als martialische Sprüche ("Der Deutsche hat nie Angst", Berti Vogts), politische Naivität ("Wir haben keine ausgesprochene Diktatur gesehen", Helmut Schön über Argentinien 1978) oder Überheblichkeit ("Es tut mir leid für den Rest der Welt, aber wir sind auf Jahre hinaus unschlagbar", Franz Beckenbauer nach WM-Sieg und Wiedervereinigung 1990). Und vom beinahe ewigen Jogi Löw ist aus Interviews nicht viel mehr erinnerlich, als dass er Bratkartoffeln liebt. 

Julian Nagelsmann hat nun unter Tränen seine Erfahrungen als Bundestrainer in einen Appell ans ganze Land überführt: dass Gutes nur gemeinsam gelingt, und sei es bloß der Heckenschnitt. Dass Schwarzmalerei und die Fixierung aufs Negative lähmend wirken und verkennen, wie gut es uns in Deutschland eigentlich geht. Dass Egoismus und Neid die Arbeit an einer besseren Zukunft verhindern.

Das mag naiv klingen, aber es wird beglaubigt durch den Erfolg seiner Arbeit in vergleichsweise kurzer Zeit. Noch im vergangenen November, nach deprimierenden Niederlagen gegen die Türkei und Österreich, schien sie zum Scheitern verurteilt. Nun ist innerhalb weniger Monate aus der Gurkentruppe eine geworden, die auf höchstem Niveau konkurrenzfähig ist. Und die Sehnsucht nach einer solchen Erfolgsgeschichte ist groß; die TV-Quote des Viertelfinales war die höchste seit dem WM-Finale vor zehn Jahren. 

Der Zuspruch lässt sich auch deuten als Absage an die ideologisch aufgeladenen Debatten, die rund um die Nationalmannschaft vor dem Beginn des Turniers aufkamen, etwa die, ob es zu wenige "weiße Spieler" gebe. Und auch über die Frage, ob das neue, pinkfarbene Trikot des Teams zu woke sei, stimmt das Volk auf seine Weise ab und macht es trotz der horrenden Preise zum am besten verkauften Auswärtstrikot in der Geschichte aller DFB-Leibchen.

All das schwingt mit in Nagelsmanns Worten unter Tränen. Sie werden auch deshalb so wohlwollend aufgenommen, weil sie wie ein Gegenentwurf wirken zur alltäglichen politischen Kommunikation – die automatenhaften Einlassungen des Bundeskanzlers beim Spiel gegen Spanien waren dafür nur das jüngste Beispiel. Für den Moment ist es ein Fußballlehrer, der dem Volk aus der Seele spricht.