Faschismus, aber trendy – Seite 1

Rechtsextreme, das waren mal Leute mit blondem Scheitel und Helly-Hansen-Jacken, das waren hetzende Opas, die auf Parteitagen in Mikros schrien. Das waren mal Glatzen, das waren schwarze Sonnen auf dem Oberarm. Man hat den Rechtsextremismus erkannt, als er vorne in den Bus einstieg.  

Inzwischen gelingt es der Neuen Rechten, ihr Weltbild unter die Menschen bringen, sowohl off- als auch online. Und das passiert häufig so subtil, dass man erst auf dem zweiten oder dritten Blick merkt, was man da gesehen hat. Rechtsextreme Politik biedert sich so an den Mainstream an, sie schleicht sich ein wie ein Trojanisches Pferd. Denn während man sich anschlussfähig nach außen gibt, radikalisiert man sich nach innen.  

Vor allem junge Menschen stehen im Fokus dieser Strategie. Einerseits als Nachwuchs für Parteien wie die AfD, andererseits als potenzielle Wähler:innen, die es zu erreichen gilt. Nicht umsonst wurde bei dem Potsdamer Treffen geplant, eine Art rechtes Funk-Netzwerk aufzubauen, um Influencer:innen gezielt zu fördern und zu finanzieren.   

Doch wie funktionieren diese subtilen, rechtsextremen Strategien? Wie erkennt man sie? Und wer sind ihre Hauptakteure?  

Digital Space

Die Neue Rechte erkennt jede Plattform, jeden Trend, jede Subkultur als potenziellen Anschlusspunkt, je nachdem passen die Creator:innen ihre Inhalte an. Ob Partei oder nicht, immer gilt der Anspruch, sich als mutige, vernünftige Stimmen der Opposition darzustellen und sich mit abwertendem Humor über den sogenannten Mainstream lustig zu machen.  

Besonders gut könne man dies an Memes beobachten. Das sagt Maik Fielitz, er ist Konfliktforscher und Co-Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft Gegen Hass im Netz, gerade hat er eine ausführliche Studie zu rechten Memes im deutschsprachigen Raum veröffentlicht. Rechte Creator:innen übernähmen häufig bereits gängige Templates, sagt er. Bestes Beispiel: die Gegenüberstellung von "Chad" und "Wojak". Chad symbolisiert in dieser Meme-Logik den rationalen Mann, ganz zufällig ist er blond, bärtig, weiß, das ideale rechte Männlichkeitsbild. Wojak wiederum ist ein lieblos hingeklatsches Strichmännchen ohne Farbe, ein Symbol für Gefühle, das Irrationale, das allein schon durch die fehlende Ausarbeitung abgewertet ist. Es mögen unterschwellige Symbole sein, aber sie verfangen. Fielitz sagt, besonders frauenfeindliche Memes sind stark verbreitet. 

Auf sozialen Medien kann man selbst mit einer kleinen Kerngruppe an Aktivisten eine große Reichweite aufbauen.
Maik Fielitz

Dies bedeutet nicht, dass rechte Creator:innen mit ihren Inhalten allein auf Abwertung abzielen. Im Gegenteil. Auf TikTok sind Aesthetic-Accounts enorm erfolgreich. Sie teilen Videos und Slideshows von deutschen Landschaften, dem Schloss Neuschwanstein oder den Alpen. Quasi: Make Heimat Aesthetic Again. Erst der Profilname oder die Hashtags in der Textbeschreibung verdeutlichen dann die politische Richtung. Man kann das vergleichen mit dem Einstiegsprogramm einer Sekte. Unauffällig anbiedern, die Einstellung ändern und dann immer tiefer hineinziehen.

Irgendwann rutscht man durch den Algorithmus dann auch in das rechte Standardprogramm: Mitschnitte aus AfD-Reden, rechte Influencer:innen wie Ulrich Siegmund, einer der erfolgreichsten deutschen Politiker auf TikTok. Er erreicht regelmäßig Millionen an Zuschauer:innen. Und auch Influencer:innen ohne direkten Bezug zur Partei werden immer wichtiger für die Normalisierung rechter Inhalte. Michelle Gollan aka "eingollan", oder der "Ketzer der Neuzeit", Leonard Jäger. Hier gibt es rechten Content konkret für Gen Z. In schnell geschnittenen Vlog- und Doku-Formaten verbreiten sie vor allem queerfeindliche Inhalte. Das polarisiert. Das radikalisiert. Das bringt Reichweite. 

Maik Fielitz sagt: "Auf sozialen Medien kann man selbst mit einer kleinen Kerngruppe an Aktivisten eine große Reichweite aufbauen." Vorreiter für diese Strategie war insbesondere die Identitäre Bewegung. Studierende, die mit gutem Layout, aufwendigen Kampagnenvideos und ausführlicher Social-Media-Strategie das klassische Bild rechtsextremer Jugendstrukturen aufbrechen konnten.  

Heute setzt auch die Junge Alternative auf ein professionelles mediales Auftreten nach außen. Ergänzt werden die Vereinsaccounts von einzelnen Personenprofilen und von sogenannten alternativen Medien. Das ist eine Ebene des rechten Erfolgs: professionell und trotzdem witzig, modern und auf einer Vielfalt von Plattformen.  

Und gerade bei sehr jungen Zuschauer:innen kommen sie damit gut an.  

Erfolg

Natürlich sind Content-Strategien nicht allein verantwortlich für den Erfolg einer Bewegung. Junge Menschen haben genauso Teil an gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen – Radikalisierung, Rechtsruck, Rassismus – wie alle anderen Altersgruppen auch. Warum sollen sie auch anders sein als die Menschen, die sie erzogen haben? Aber gerade verbringen Jugendliche im Schnitt über 63 Stunden pro Woche im Internet. Der digitale Raum ist also essenziell für den Erfolg im Kampf um die politische Deutungshoheit.  

Bei den Landtagswahlen 2023 wählten 18 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Hessen die AfD, in Bayern waren es 16 Prozent. In Brandenburg, Thüringen und Sachsen, wo dieses Jahr Landtagswahlen anstehen, war die Partei bei Wähler:innen unter 30 schon 2019 stärkste oder zweitstärkste Kraft – und es gibt wenig Anzeichen, dass sie dieses Jahr nicht noch mehr Erfolg haben wird. Bei jungen männlichen Wählern zeigen aktuelle Studien zur sogenannten Gender-Gap, dass sie in Deutschland tendenziell immer rechter werden.    

Neue rechte Vielfalt

Eine neue Vielfalt

Es ist aber nicht so, als würden die AfD und ihr rechtsextremes Vorfeld nur auf Männer einwirken. In den vergangenen Jahren sind junge Frauen immer wichtiger geworden – als Akteurinnen und als Zielgruppe.  

Für die extreme Rechte boten Frauen schon immer eine Möglichkeit, sich nach außen als harmlos, freundlich und zugänglich zu zeigen. Nicht weil rechte Frauen tatsächlich weniger extrem oder gewalttätig wären, sondern weil sie auf die Bevölkerung einfach weniger abschreckend wirken. Italien mit Giorgia Meloni und Frankreich mit Marine Le Pen zeigen diesen Erfolg. Obwohl der Männeranteil in (extrem) rechten Parteien seit jeher deutlich überwiegt, gelingt es auch immer häufiger Frauen, als Parteiaufsteigerinnen mehr Sichtbarkeit zu erlangen. Das beobachtet auch Katrin Degen, die zu Genderaspekten in Zusammenhang mit der (extremen) Rechten forscht: "Sie funktionieren öffentlich als eine Art Token, mit denen man auf Kritik erwidern kann: Schaut doch, sogar Frauen sind gegen Feminismus."

Die Trends und Ästhetiken von Weiblichkeit bieten außerdem eine Möglichkeit, in einem "unpolitischem" Rahmen zu kommunizieren. Wer sich in Blumenkleid und langen Zöpfen auf dem Land, in ihrem Garten oder ihrer Küche auf Social Media zeigt, wer über Entschleunigung im Alltag, über die eigene Weiblichkeit, "feminine energy" und Selfcare spricht, ist noch lange nicht rechts. 

Die Schwelle zu rechter Ideologie liegt jedoch in der Idee, dieser Lebensentwurf sei Teil einer weiblichen "Natur". Und in dem völkisch-rassistischen Projekt, durch die Rückkehr zu "traditionellen" Rollen die weiß-deutsche Geburtenrate zu erhöhen, um einem imaginierten drohenden "Austausch" entgegenzuwirken. Das zeigt sich manchmal erst auf einen zweiten oder dritten Blick, wenn unter den Blumenbildern von weiblicher Hingabe geschrieben wird oder Schwangerschaftsabbrüche als Gefahr für Tradition und Familie dargestellt werden. Da es aber bisher nicht besonders anschlussfähig ist, das so direkt und offen zu kommunizieren, sind es eben in erster Linie die Bilder und Ästhetiken, über die langsam und subtil rechte Narrative normalisiert werden.

Weibliche Parteiaufsteigerinnen funktionieren als eine Art Token, mit denen man erwidern kann: Schaut doch, sogar Frauen sind gegen Feminismus.
Katrin Degen

Dass in der AfD und dem rechten Umfeld mehr Frauen sichtbar werden, ist Teil der Strategie. "Jede Art der Identität wird nutzbar gemacht", sagt Degen. Es mag erst einmal widersprüchlich klingen, aber: Rechtsextrem sein wird vielfältiger. Die AfD repräsentiert in den Parlamenten und online eine größere Variation an Lebensentwürfen für Frauen, für migrantische Menschen und LGBTQ+-Personen. Eine lesbische Alice Weidel, eine migrantische Mary Khan-Hohloch als AfD-Europawahlkandidatin – sie alle können in der rechten Bewegung Erfolg haben, machen aber im Endeffekt Politik gegen ihre Interessen. Dass das Wahlprogramm der AfD und das ideologische Ziel der extremen Rechten weiterhin auf ein traditionell-völkisches Gesellschaftsbild abzielen, wird in der Vielfaltsstrategie geschickt ausgeblendet.  

Und die Umsetzung dieses Gesellschaftsbilds wird hinter den Kulissen immer weiter und radikaler vorangetrieben.

Vernetzung

Die Einladung zur Jahresabschlussparty 2023 der Jungen Alternative Brandenburg sieht aus wie ein Flyer von InDesign-Anfänger:innen, die mal eben im Partykeller etwas steil gehen wollen. Große Schriftzüge in Lila-Orange, ein Sektglas in der Mitte, es soll Überraschungsgäst:innen geben und eine After-Show-Party. Mitveranstalter ist eine Produktionsfirma, deren Name allein schon das Programm vorzugeben scheint: "Subversion", der im Verborgenen betriebene Umsturz der bestehenden staatlichen Ordnung.

Das Line-up besteht aus rechten Musikern, von Wutbürger-Rock bis Patrioten-Pop ist alles dabei. Neben rechten Musikfans und JA-Mitgliedern kommen auch stramme Nazis dazu, darunter Mitglieder des Dritten Wegs, der NPD und der Identitären Bewegung. All diese Gruppen stehen auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD. An diesem Abend scheint das aber keine Relevanz zu haben. 

Während sich die sogenannte politische Mitte in Grabenkämpfen verliert, schließen sich die Rechten zusammen. Rechtsextreme Akademiker:innen, frauenfeindliche Meme-Accounts, kampfsporttrainierte Kader-Nazis und eben auch die vermeintlich gemäßigteren, vielfältigere Stimmen aus der AfD und ihrem Umfeld.  

Ziel ist, eine sogenannte Mosaikrechte aufzubauen. Der Begriff wurde vom Autor und Aktivisten Benedikt Kaiser geprägt. Kaiser war jahrelang aktiv im Umfeld der NPD und in Neonazigruppen wie den sogenannten NS Boys und schreibt inzwischen regelmäßig für rechte Verlage und Zeitschriften. In seinen Publikationen beschreibt er die Mosaikrechte als Zusammenspiel zwischen Partei und der allgemeinen rechten Bewegung. Es müsse eine Rechte sein, in der "jeder in seinem Beritt mit den dort typischen Verhaltens- und Aktionsweisen agierte, die organisationskulturelle Autonomie des Bündnispartners aber akzeptierte".  

Identitäre Bewegung und Junge Alternative können so hochstilisierte Werbekampagnen für die "Rückeroberung" Europas drehen, der Dritte Weg und sein Umfeld kann linke und queere Menschen auf offener Straße angreifen, und Mitglieder von AfD und NPD können neben ihrer Parteifunktion mutmaßlich Brandanschläge planen und ausführen. Jeder mit den dort typischen Verhaltens- und Aktionsweisen. Und, das ist am wichtigsten: Niemand soll etwas gegen den anderen sagen. Das Auftreten als starke Einheit steht über allem. Erst die Macht, dann die Details. 

Die Neue Rechte spielt gekonnt mit anschlussfähigen Narrativen und Emotionen, die eben auch bei jungen Menschen gut funktionieren. Zum Beispiel das Gefühl, von der Gesamtgesellschaft abgestoßen zu werden. Der Wunsch nach Orientierung. Der Reiz, mit Provokationen und Grenzüberschreitungen auf große Gegenreaktionen von Eltern oder Lehrer:innen zu stoßen. Die Erzählung, man werde eine widerständige, mutige, und ja, auch erfolgreiche Person.  

All das findet Anklang in der deutschen Öffentlichkeit und somit eben auch bei jungen Menschen. Dass die AfD in den nächsten Monaten voraussichtlich auch bei Erstwähler:innen Erfolg haben wird, sollte somit keine überraschende oder schockierende Prognose sein.