Entsteht hier das deutsche Silicon Valley? – Seite 1

Noch sieht das Gebiet Steinäcker im Nordwesten Heilbronns so aus, wie der Name vermuten lässt. Es besteht, richtig, aus Äckern. Feldwege durchziehen die Fläche, der Autobahnverkehr rauscht vorbei. Bald jedoch entsteht hier etwas, dessen Bedeutung weit über ganz Deutschland hinausragen soll: der Innovation Park Artificial Intelligence, kurz Ipai. Er soll der größte Campus für künstliche Intelligenz in ganz Europa werden, Baden-Württemberg durch ihn zum "internationalen KI-Hotspot" (Ministerpräsident Kretschmann).

Bislang kamen derlei Innovationen meist aus dem Silicon Valley in Kalifornien oder dem chinesischen Shenzhen. In Europa gelten London und Paris als führende Städte für KI. Nun bietet Deutschland: Heilbronn? Wie bitte? Eine Stadt in der "schwäbischen Toskana", wie sie hier in Baden-Württemberg sagen, mit 130.000 Einwohnern, ohne ICE-Anschluss? Kann das gelingen – oder zeigt schon die Standortwahl, wie unambitioniert die Deutschen die Technologie von morgen verfolgen?

I. Die Stadt

Man rollt, um das herauszubekommen, ganz gemütlich mit dem Regionalexpress durch Baden-Württemberg an, zwischen Weinbergen hindurch geht es nach Heilbronn. Es ist ein sonniger Septembertag, doch von der schwäbischen Toskana ist nicht viel zu spüren: In der Fußgängerzone reihen sich schmucklose Nachkriegsbauten aneinander, die überall gleichen Ladenketten, Tedi etwa, New Yorker oder Tchibo. Es gibt nur wenige Cafés, viel Leerstand, viele Dönerläden.

Die Stadt ist weder potthässlich noch pittoresk, sondern einfach: ziemlich durchschnittlich. Könnte man meinen. Wäre da nicht dieser eine Mann: Dieter Schwarz. Er ist Heilbronns wichtigster Standortfaktor.

II. Der Mäzen

Dieter Schwarz, 84, gilt als reichster Mensch Deutschlands. Das Forbes-Magazin beziffert sein Vermögen auf knapp 43 Milliarden US-Dollar. Reich geworden ist Schwarz mit seiner gleichnamigen Unternehmensgruppe. Deren bekannteste Firmen sind Lidl und Kaufland. Im vergangenen Jahr beschäftigten die Unternehmen der Schwarz-Gruppe mehr als 575.000 Mitarbeiter in 32 Ländern. Umsatz: 154 Milliarden Euro.

Schwarz ist in Heilbronn geboren. Er lebt bis heute in der Stadt, äußerst zurückgezogen. Auch mit der ZEIT möchte er nicht sprechen. Er gilt als diskret, pflegt keinen luxuriösen Lebensstil und steckt seine Milliarden lieber in sein neben dem Unternehmen zweites Lebenswerk: den Umbau Heilbronns zur Bildungs- und Wissensstadt.

Dafür investiert die Dieter Schwarz Stiftung seit mehr als zwanzig Jahren immense Summen. Über die genaue Höhe macht sie keine Angaben. Das Geld fließt in unterschiedliche Projekte, etwa in die Sprachförderung von Kindern oder in das Science-Center Experimenta, eine Art Mitmachmuseum für Naturwissenschaft und Technik. Im Experimenta-Logo erkennt man das schiefe Lidl-"i".

Die Stadt profitiert von den Investitionen der Stiftung

Dem Science-Center spendierte die Stiftung vor einigen Jahren einen spektakulären Erweiterungsbau. "Dieses Gebäude ist der Beginn der engen Beziehung zwischen der Dieter-Schwarz-Stiftung und der Stadt Heilbronn", sagt Oberbürgermeister Harry Mergel beim Besuch in seinem Amtszimmer. Mit dem Experimenta-Neubau habe man Heilbronn architektonisch neu definiert, schwärmt der SPD-Politiker. Manche sprächen vom Bilbao-Effekt. Die nordspanische Arbeiterstadt war Ende der 1990er-Jahre durch den Bau des Guggenheim-Museums von Star-Architekt Frank Gehry stark aufgewertet worden.

Auch Heilbronns Entwicklung zur "spektakulären Zukunftsstadt", sagt Mergel, "ist nur denkbar durch die Arbeit dieser Stiftung." Wie groß ist der Einfluss des Gönners? Schwarz und Mergel "kennen und schätzen" sich, sagt Mergel. Dennoch: "Alles, was sich in Heilbronn entwickelt", erläutert Mergel und zeigt auf eine Wand, hinter der sich der Ratssaal befindet, "wird letztendlich da drin entschieden." Im Gemeinderat.

In dem sitzt auch Konrad Wanner von der Linkspartei. Er kritisiert den Einfluss der Stiftung. Sie gestalte die Stadt nach ihren Interessen um – und nach denen der Schwarz-Unternehmen. "Wenn die Schwarz-Stiftung ruft", sagt Wanner, "dann handelt die Stadt."

"Wir haben halt einen König", sagt auch die Geschäftsführerin einer Personalvermittlung. Ihr Kollege ergänzt: "Wer das Geld hat, bestimmt, wie der Hase läuft." Es klingt nicht so, als fände er das besonders schlimm. Die Stadt profitiert schließlich sehr von den Investitionen der Stiftung.

III. Das Projekt

Gut eineinhalb Kilometer von der Innenstadt entfernt liegt der "Zukunftspark Wohlgelegen", ein Gewerbegebiet. In einem der Bürogebäude hat der KI-Innovationspark Ipai schon heute seinen Sitz. Die Lobby wirkt wie das Wohnzimmer einer hippen Hausgemeinschaft: Sofa, Designerstühle, Limonadenkühlschränke.

Im Ipai sollen Unternehmen und Start-ups gemeinsam mit Experten daran arbeiten, künstliche Intelligenz in ihre Wertschöpfungsketten zu integrieren. Schon jetzt sind namhafte Firmen wie Audi, Porsche und Würth als zahlende "Member" dabei. "Der Ipai soll eine Plattform werden, auf der alles zusammenkommt, was die Wirtschaft braucht, um KI wirklich anzuwenden", sagt Ipai-CEO Moritz Gräter.

Der Fokus des Heilbronner KI-Parks liegt dabei auf "Human AI". Was zunächst widersprüchlich klingt – "menschliche künstliche Intelligenz" –, ist die europäische Antwort auf die Wettbewerber aus den USA und China. Künstliche Intelligenz aus Europa soll "ethischer" sein, vertrauenswürdig, transparent, mit besserem Datenschutz und Servern innerhalb Europas.

Wird Heilbronn mit Metropolen mithalten können?

Im August verkündete der Ipai, künftig mit dem Heidelberger KI-Start-up Aleph Alpha zusammenzuarbeiten. Das Unternehmen gilt als relevanteste europäische KI-Firma.

In der Ipai-Lobby zeigt ein Modell, wie der künftige KI-Park aussehen soll. Ein runder Campus über 23 Hektar, von zwei Grünzügen durchzogen, bebaut mit gut drei Dutzend Gebäuden für 5000 Mitarbeiter. Dazu kommen eine Sporthalle, eine Kita und ein Besucherzentrum.

Das Land Baden-Württemberg finanziert den Bau mit 50 Millionen Euro. Vor fünf Jahren hatte es eine KI-Wirtschaftsstrategie verabschiedet, später einen Standortwettbewerb für den Innovationspark ausgelobt. Heilbronn bekam den Zuschlag. Die Idee für die Bewerbung kam nicht von der Stadt selbst. Sie kam von der Dieter Schwarz Stiftung, die auch die vom Land geforderten 50 Millionen Euro Eigenanteil zuschießt.

IV. Der Wirtschaftsstandort

Vom Heilbronner Rathaus sind es nur wenige Minuten am Neckar entlang bis zum Herzstück der Schwarzschen Förderung: dem Bildungscampus. Ab 2010 begann die Stiftung mit seiner Errichtung, heute haben sich zahlreiche ihrer Projekte und Ausgründungen, zwei Fraunhofer-Institute und mehrere staatliche Hochschulen dort angesiedelt. Die Hochschule Heilbronn betreibt einen Standort auf dem Bildungscampus, ebenso die Duale Hochschule Baden-Württemberg. Seit 2018 ist auch eine Universität vertreten: die TU München (TUM).

Warum expandiert eine renommierte Universität aus Bayern ausgerechnet nach Heilbronn? Wegen "saumäßig viel Geld", wie der damalige TUM-Präsident Wolfgang Herrmann es ausdrückte. Die Stiftung finanzierte der TUM 20 Professuren auf einen Schlag. Inzwischen gibt es 41 Schwarz-Stiftungsprofessuren.

Durch die TUM hat sich in Heilbronn noch etwas verändert. Die gelben Ortsschilder ziert nun ein Zusatz: Universitätsstadt.

V. Die Zukunft

Auf den Äckern des Ipai-Baufelds im Nordwesten Heilbronns klaffen breite Löcher im Boden, an den Rändern türmt sich der Erdaushub. Im kommenden Jahr soll der Bau des KI-Campus beginnen, die ersten Gebäude sollen Ende 2026 bezugsfertig sein. Der Teil des Parks, der aus den 100 Millionen Euro von Stiftung und Land errichtet wird, soll gemeinnützigen Zwecken dienen: das Besucherzentrum etwa, in dem es Ausstellungen und Bildungsangebote geben soll, außerdem Forschung zu ethischen Fragen in der KI. Den laufenden Betrieb finanziert die Stiftung.

Den anderen, privatwirtschaftlichen Teil des Ipai finanziert wesentlich die Schwarz-Gruppe. Wie viel Geld sie gibt, verrät sie nicht. Das Handelsblatt schreibt mit Verweis auf Insider von ein bis zwei Milliarden Euro. In diesem Teil des KI-Parks sollen Wissenschaftler und Unternehmen KI in die Anwendung bringen. "Diese Dynamik, die kurzen Wege und schnellen Entscheidungen", sagt Ipai-CEO Moritz Gräter, "wären in einer größeren Stadt gar nicht möglich."

Tatsächlich ist eine gewisse Dynamik zu beobachten. Inzwischen gibt es Förderprogramme für junge Gründer, die renommierte Pariser Programmierschule 42 hat in Heilbronn einen Standort eröffnet, die TU München erweitert ihre bisherigen Studiengänge am Standort um die Schwerpunkte Datenwissenschaften und KI.

Dazu bietet die Region gut bezahlte Jobs bei renommierten Unternehmen. Doch reicht das, um Scharen von Studierenden und ausländischen IT-Spezialisten nach Heilbronn zu locken? Werden sie die beschauliche Stadt wirklich den Metropolen vorziehen mit ihrer guten Verkehrsanbindung, ihren Kulturangeboten?

Wirklich vorstellbar scheint das nicht. Andererseits: Vielleicht schafft die Stadt es ja, an diesen Standortnachteilen etwas zu ändern. Am Geld dürfte es jedenfalls nicht scheitern.