Ein schlechter Ratschlag: Wenn man betrunken Auto fährt, lohne es sich, möglichst zu rasen. Dann zumindest kann der Blitzer noch ein Abschiedsfoto schießen für den Fall, dass man draufgeht. Diesen Gedanken formulierte Paula Hartmann 2022 in ihrem Song Fahr uns nach Hause, den sie im Musikvideo mal auf Straßenteer liegend, mal aus dem Rücken eines Rettungswagens singt. 

Es ist keine Gute-Nacht-Geschichte im klassischen Sinne, Nie Verliebt (und andere Gute-Nacht-Geschichten) war trotzdem der Titel von Hartmanns Debütalbum. Auch das märchenhafte Cover, gezeichnet im Stil eines Kinderhörspiels, war ein bewusster Etikettenschwindel. Schließlich klingt die Liebe im Märchen immer ein bisschen größer und auch unkomplizierter als alles, was man in der Realität erlebt. Vom Impuls, Autos gegen Wände zu fahren, lernt man in Märchen hingegen nichts.

Paula Hartmann ist eine von vielen Popsängerinnen, die mit zeitgenössischen Hip-Hop-Ästhetiken arbeiten. Deutschrapper laden sie gern ein, wenn ein eingängiger Refrain gebraucht wird. Ihr Öffentlichkeitstraining begann schon im Vorschulalter als Kinderschauspielerin. Im Hip-Hop mag das ein Bruch mit der oft bemühten street credibility sein, trotzdem ist sie radikaler und düsterer als viele andere. 

Auch ihr zweites Album Kleine Feuer hält kein Märchen-Ende bereit, stattdessen breitet sich der Fatalismus noch ungehemmter aus als einst in Fahr uns nach Hause: "Die Liebe ist tot", verkündet Hartmann, "und wenn nicht, dann stech' ich nach". Die Schwarzmalerei der 22-Jährigen hat nichts mit der Klimakrise zu tun oder mit sonstigem Leiden an der Welt, das viele Gleichaltrige so pessimistisch stimmt. Hartmann reicht schon das junge Erwachsenendasein in der nächtlichen Großstadt.

Für ihren Schmerz findet sie Sprachbilder ohne Kitsch und Kajal. Stattdessen setzt sie das Deutschrap-Vokabular aus Gangstercodes und Modemarkennamen in neue Kontexte: Sie singt von Einschusslöchern in ihren Träumen oder davon, im blutigen Versace-Dress vor dem Haus eines Herzensbrechers zu liegen. Der Großteil des Albums scheint kurz vor Morgengrauen zu spielen, in der Unzeit, wenn die Party scheiße geworden ist und man trotzdem noch nicht ins Bett will, weil dort nur der morgige Kater wartet. 

Wenn Paula Hartmann das Lebensgefühl Anfang Zwanzigjähriger beschreibt, dann klingt das, als wäre eine ganze Generation kurz davor, den jungen Werther zu machen: "Niemand glaubt mehr, wir verändern was / Ganzer Jahrgang 27 Club", singt sie, in Anspielung auf Musikerinnen wie Janis Joplin oder Amy Winehouse, die mit 27 Jahren gestorben sind. 

Auch der Sog des Nachtlebens ist für Hartmann keine echte Medizin. Im Gegensatz zu vielen deutschen Popkünstlerinnen, etwa Domiziana, die sich aktuell auf die Blümchen-Ausprägung auf Ravekultur bezieht, hält Hartmann die Gemeinschaftsversprechen von Partys für leer und abgründig: "Eine landet später noch auf der Trage / Keiner wird sie besuchen". Paula Hartmanns Geschichten aus dem Nachtleben erzählen davon, dass sich die Drogen junger Menschen verändert haben. Inzwischen gibt es auf vielen Partys einen Schwarzmarkt für Medikamente, die eigentlich gegen Depressionen oder Angststörungen verschrieben werden. Mittel, die nicht euphorisch machen, sondern vor allem Schmerzen betäuben.

Dieser Trend wird auch von Rapmusik mitbefeuert. Drogen wie der Angstblocker Xanax kommen in vielen Texten vor, natürlich ohne Packungsbeilage. Seit US-amerikanische Rapper wie Lil Peep Mitte der Zehnerjahre begannen, bunte Haare zu tragen und über dunkle Gefühle zu rappen, haben sie nicht nur dabei geholfen, Depressionen und andere psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren; sie romantisierten dabei auch immer Drogenprobleme und ihre generelle Abgefucktheit.

Um fünf Uhr morgens noch schnell was verarbeiten

Lil Peep ist schon seit 2017 tot. In Deutschland fand sein Stil Nachahmer: Schon 2016 hatte Sierra Kid einen Szenehit namens Xanny, im Jahr 2022 stand dann zum ersten Mal ein sogenannter Xanax-Rapper an der Spitze der Charts: T-Low wurde zum bislang größten Star der Bewegung in Deutschland. Nicht anders als bei seinen US-Vorbildern folgten darauf öffentliche Zusammenbrüche, öffentliche Entschuldigen, Entzugsversuche und Skandale.

T-Lows Geschichte macht sich nun der Song Sag was auf Paula Hartmanns Album Kleine Feuer auf kluge Weise zu Nutze. Das Duett mit ihm setzt der Schmerzmittelverherrlichung etwas entgegen: einen Text über Verlust – einer Beziehung, womöglich eines Lebens. T-Low erinnert in seiner Strophe an Kurt Cobain: "Gib mir H und eine Shotgun und ich zeig dir mein'n Schmerz" – ein erneuter Verweis auf den sogenannten Club 27. 

Hartmann spricht von der Schwierigkeit, mit einem Suchtkranken eine Beziehung zu führen: "Wie oft noch?", fragt sie. Der Song ist ein Höhepunkt des Albums, trotz seines komplexen Themas bescherte er Hartmann ihren bisher höchsten Charteinstieg. Möge er eine mahnende Hymne werden, ein Am Tag, als Conny Kramer starb für die Generation Xanax.

Bei alledem klingen auch die Produktionen von Biztram nach jenem Moment, in dem die Euphorie einer Party der Leere weicht. Ferne Synthesizer klingen wie ein Nachhall des Clubsounds im Hinterkopf. Die Bassdrums auf Candy Crush verweisen auf die treibende Tanzmusik aus Baltimore und New Jersey, allerdings in einer melancholisch verzerrten und verlangsamten Version, die stark an die US-amerikanische Musikerin 070 Shake erinnert. Im Song Zwischen 2 und 5 wird ein akustisches Schlagzeug eingesetzt, und das Ganze klingt, als würde Hartmann auf der Bühne einer Livemusik-Kneipe stehen, um vor der Fahrt nach Hause vor ein paar desinteressierten Stammgästen noch schnell irgendwas zu verarbeiten.

Nicht schon wieder ein Tränenmeer

Hartmann könnte noch stärker sein, würde sich diese Fünfuhrmorgen-Stimmung als roter Faden durch das gesamte Album ziehen. Stattdessen muss zwischendurch mal ein Beziehungsproblem ausdiskutiert werden. Das Stück Crossfades mit Hartmanns Schauspiel- und Musikkollege Levin Liam erinnert dabei mit seiner geisterhaften Version karibischer Rhythmik an Songs des Dancehall-Balladensängers Trettmann, der dann auf Atlantis auch zu Gast ist. Auch dieser Song, um das abgenutzte Bild eines Tränenmeers aufgebaut, klingt vergleichsweise uninteressant.

Wenn es drauf ankommt, kehrt Hartmann aber zur Rahmenhandlung zurück: Der brillante Rausschmeißer Snoopy entlässt uns aus dem Album mit Trommelwirbeln, Störgeräuschen und einer Sängerin, die sich leiernd wiederholt und schließlich in den Hintergrund verblasst, als würde sie nach langer Nacht endlich einschlafen. "Paula, komm endlich nach Hause / Du hast genug gespielt", singt sie. 

In diesen letzten Momenten bricht, wie schon durch das Märchen-Cover des Debütalbums, schmerzhaft die Kindheit herein und lässt die vorangegangenen Geschichten über Drogen und Depressionen noch düsterer erscheinen. Zurück bleibt das Gefühl, einer Erzählerin gelauscht zu haben, die schnell erwachsen geworden ist. Eine Erzählerin, die gern noch einmal in einem Alter wäre, in dem niemand einen Club auf der Trage verlässt.

"Kleine Feuer" von Paula Hartmann ist auf Four Music/Himbeertoni (Sony Music) erschienen.