Wie Europa doch noch Einfluss nehmen kann – Seite 1
Liana Fix ist Historikerin und Politikwissenschaftlerin mit Fokus auf deutscher Außenpolitik, europäischer Osteuropa- und Russlandpolitik und transatlantischen Beziehungen, derzeit als Fellow beim Council on Foreign Relations (CFR) in Washington, D. C.
Seit der Münchner Sicherheitskonferenz ist es klar: Die US-Amerikaner wollen ein Friedensabkommen mit Russland und der Ukraine ohne die Europäer verhandeln. Die europäischen Staats- und Regierungschefs sind zu Recht frustriert. Allein sich zu beklagen, bringt jedoch nichts. Die Europäer können trotzdem die Verhandlungen nach ihren Wertvorstellungen und zu ihren Gunsten – und den der Ukraine – beeinflussen. Dafür müssen sie aber ihren Einsatz erhöhen und deutlich machen, dass ein Friedensabkommen mit Europa ein besseres und sicheres Abkommen wäre als ohne Europa.
Die Europäer haben vier konkrete Hebel, die ihnen Einfluss verschaffen können, und es ist höchste Zeit, sie zu nutzen.
Erstens können sie ihre finanzielle Unterstützung für die Ukraine stark ausbauen, indem sie endlich die russischen eingefrorenen Vermögenswerte beschlagnahmen – nach jüngsten Schätzungen handelt es sich in Europa um etwa 150 Milliarden Dollar, die nicht effektiv verwaltet werden. Die Stärkung der finanziellen Unterstützung der Ukraine genau in dem Moment, in dem Russlands Wirtschaft unter Druck steht, würde Putins Hoffnung zunichtemachen, dass er die Ukraine mit Blick auf Wirtschaftsstabilität überdauern kann. Es würde ihn unter Druck setzen, ein schnelleres Ende des Krieges auszuhandeln.
Die G7-Staaten nutzen die Zinsen der eingefrorenen
russischen Vermögenswerte bereits für ein jährliches Darlehen von 50 Milliarden
Dollar an die Ukraine. Jedoch wird dieser Kredit in der Zukunft nicht
ausreichen. Anstatt die europäischen Steuerzahler zu überlasten, können die
europäischen Staats- und Regierungschefs die ungenutzten Vermögenswerte nutzen,
um einen neuen Marshall-Plan für die Ukraine zu verabschieden, ohne dass ihnen
dadurch Kosten entstehen.
Die Beschlagnahme von Vermögenswerten ist moralisch richtig
Die europäischen Bedenken, dass die vollständige Beschlagnahme
russischer Vermögenswerte den Euro als Reservewährung und sichere Alternative
zum Dollar unattraktiver machen könnte, sind übertrieben, da die relevanten
Akteure wie China nicht bereit sein werden, sich nur auf Dollarreserven
zu verlassen. Die Beschlagnahme der Vermögenswerte wäre auch moralisch
richtig, da sie implizite russische Reparationen an die Ukraine darstellen.
Gleichzeitig würde die Übernahme des Großteils der finanziellen Unterstützung den USA signalisieren, dass diese sich auf die Waffenlieferungen an die Ukraine konzentrieren sollten, die nicht durch Europäer ersetzt werden können. Dies ist auch eine Forderung der republikanischen Abgeordneten im Kongress – dass die Europäer die finanzielle und die USA die notwendige militärische Unterstützung für die Ukraine übernehmen. Gleichzeitig sollten die Europäer der Ukraine den Rücken stärken in den Verhandlungen um die ukrainischen Rohstoffe. Es ist durchaus vorstellbar, dass die USA hierfür eine Konzession erhalten – aber in die Zukunft gerichtet, nicht ausschließlich für bereits geleistete Waffenlieferungen.
Zweitens können die Europäer zu einem dauerhaften Frieden in der Ukraine beitragen, indem sie einen Waffenstillstand in der Ukraine militärisch absichern. Auch wenn die Konturen eines Abkommens noch unklar sind, sollten die Europäer ihre Bereitschaft signalisieren, diese Verantwortung zu übernehmen, und proaktiv Szenarien entwickeln, in welchem Format, mit welcher europäischer Beteiligung und Truppenanzahl eine solche Mission möglich wäre. Eine robuste europäische Koalition der Willigen könnte beispielsweise 20.000 bis 40.000 Soldaten einsetzen, um Russland davon abzuschrecken, den Waffenstillstand zu brechen.
Die Szenarien sollten auch unterschiedliche Level an Beteiligung der USA vorschlagen. Der amerikanische Verteidigungsminister hat klar gesagt, dass es keine US-amerikanischen Truppen in der Ukraine geben wird. Aber die USA müssen bei Aufklärung, Logistik und Luftunterstützung eine wichtige Rolle spielen. Auch muss klar sein, dass ein russischer Bruch eines Waffenstillstandsabkommens oder ein Angriff auf europäische Truppen eine Reaktion aus den USA nach sich ziehen würde.
Der Ukraine eine Heimat im Westen geben
Drittens: um die Ukraine fest im demokratischen Westen zu verankern und innenpolitische Stabilität zu sichern, sollte Europa die Integration der Ukraine in die Europäische Union beschleunigen und eine Frist – beispielsweise 2030 – für den Abschluss der Verhandlungen setzen, um einen gescheiterten EU-Beitrittsprozess wie mit der Türkei zu vermeiden.
Die EU-Mitgliedschaft ist kein geeigneter Ersatz für die Nato-Mitgliedschaft, und die Beistandsklausel des EU-Artikels 42,7 ist nicht mit dem Nato-Artikel 5 vergleichbar. Die EU-Mitgliedschaft ist jedoch von entscheidender Bedeutung, um der Ukraine eine Heimat im Westen, eine wirtschaftliche Perspektive für rückkehrende ukrainische Flüchtlinge und eine geopolitische Perspektive zu geben, die Putins Ambitionen, das Land zu unterwerfen, vereiteln würde.
Der ukrainische EU-Beitritt kann auch das Aufkommen eines ukrainischen Revanchismus verhindern, vor dem der ehemalige ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba und Henry Kissinger kürzlich gewarnt haben. Nicht zuletzt wird es auch die Europäer anspornen, die notwendigen internen EU-Reformen voranzutreiben.
Viertens können die Europäer ihren Einfluss erhöhen, indem
sie die Koordinierung der militärischen Unterstützung für die Ukraine in der
Ukraine Defense Contact Group, dem sogenannten Ramstein-Format, übernehmen, das
bislang vom US-Verteidigungsminister geleitet wurde. Mittelfristig sollten die
Europäer auch erwägen, die 20.000 weiteren Bodentruppen, die die USA nach
dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 zusätzlich zu den 80.000 in Europa stationiert haben, durch eigene Truppen zu ersetzen. Dies
wurde den Europäern bereits von der Biden-Regierung vorgeschlagen und
würde die Bereitschaft zeigen, in die eigene Verteidigung Europas zu
investieren, zusammen mit einer Erhöhung der Verteidigungsausgaben.
Die Münchner Sicherheitskonferenz und die Aussagen der amerikanischen Seite waren ein Schock für die Europäer. Sie können den Schock aber produktiv nutzen und ihren Einfluss geltend machen. Dafür ist es noch nicht zu spät.
108 Kommentare
Hansebelly
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Europa hat eine 10mal so hohe Wirtschaftsleistung wie Russland und 3mal soviele Einwohner - warum bedroht Russland eigentlich Europa?
Eine gesamte Europäische Armee hätte dank Frankreich und UK Atomwaffen, militärisches Know-How ist dem der Russen um ein vielfaches überlegen.
Schlafen wir eigentlich?
P.Werner
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Wir müssen raus aus dem destruktiven AfD-Geist und der Zögerlichkeit der Ampel. Europa braucht eine gemeinsame Armee. Die EU muss enger zusammenrücken, daran führt kein Weg vorbei, jetzt wo Amerika nicht mehr für unsere Sicherheit geradestehen will. Europa muss erwachsen werden.
Kassiopei4
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Spannende und vor allem konkrete Ansätze, die Europa und die EU auf einmal deutlich handlungsfähiger aussehen lassen. - Punkt 1 eingefrorenes russisches Vermögen für die Ukraine einsetzen am liebsten schon gestern!!!
I.Holtz
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So richtig all das ist, so wenig wird es sich realisieren lassen. Denn die EU ist leider nicht einig. Und der derzeitige Bundeskanzler ist leider schon dabei, all dies zu konterkarieren. Er hat von Anfang an dafür gesorgt, dass jede Ukraine- Unterstützung zu spät kam und zu wenig war. Auf diese Weise ist viel Geld wirkungslos vernichtet worden.
HaralodMogu
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Die eingefrorenen russischen Vermögenswerte würde ich sowieso behalten und gegen sie verwenden. Man muss alle Mittel einsetzen, um eine weitere Expansion Russlands einzudämmen
Celeste1977
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Macht = f(militärischer Stärke, wirtschaftlicher Stärke)
Europa hat sich zu lange als Moralapostel aufgeführt.... Jetzt kommt die Quittung. Wir müssen die Ärmel hochkrempeln und massiv aufrüsten
Hansi121
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Ich finde alle diese Vorschläge sehr gut, weil deren Umsetzung die Einheit, Stärke und den Willen der Europäer dokumentieren könnte, die eigene Sicherheit endlich selbst zu organisieren! Man muss sich in weiten Teilen (vor allem der deutschen Bevölkerung) klar darüber werden, dass Russland eine reale Gefahr darstellt und ohne staatliche Souveränität und Freiheit weder Frieden, Renten, soziale Sicherheit, liberale Gesellschaft zu erhalten sind! Wir haben unseren Schutz ungebührlich lange und zu Unrecht den USA aufgebürdet!
User420
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Die aktuellen Verhandlungen zwischen USA und Russland sollten eigentlich auch jedem Planlosen mittlerweile klar gemacht haben, dass es im Ukrainekrieg um einen Konflikt zwischen USA und Russland geht. Die USA haben ihre militärische Macht in Richtung Russland durch die NATO sehr stark ausgebaut und Russland hat reagiert und Drohungen wahr gemacht. Eine Deeskalation zwischen Ukraine und Russland ist somit ohne die USA gar nicht möglich. Während unter den Demokraten der Krieg nur weiter angefeuert wurde, gehen die Republikaner den Weg den Krieg zu beenden. Was die Ukraine dazu sagt ist zweitrangig...und Europa ist da ohnehin raus. Das Einzige was Europa machen kann, um sich von den USA zu emanzipieren, ist ein Verteidigungsbündnis mit ihren Nachbarn einzugehen. Das würde aber auch Verhandlungen über ein Bündnis mit Russland bedeuten und sich schrittweise von der NATO zu lösen...stattdessen schimpfen wir über den Amerikaner und betteln ihn an, er möge uns durch die NATO weiterhin beschützen. Ja was denn nun? Wir schaffen es ja noch nicht mal Schiffe mit terroristischen Motiven zu beschießen, wenn sie wieder unsere Infrastruktur angreifen.