Wow! Das hast du aber toll gemacht! Klasse! – Seite 1

Es gibt Erwachsene, die sich selbst überschätzen: im Alltag, im Beruf, in Beziehungen. Für Außenstehende kann der Eindruck entstehen, der Person fehle es an Selbstreflexion. Und schnell wird die Vermutung angestellt, da sei jemand als Kind zu viel gelobt worden und deswegen fehle eine realistische Selbsteinschätzung. Oder aber derjenige sei als Kind zu wenig gelobt worden und müsse deswegen überkompensieren.

Hat das Lob der Eltern tatsächlich Einfluss auf das Selbstlob der erwachsenen Kinder? "Lob kann für verschiedene Kinder unterschiedliche Folgen haben", sagt Entwicklungspsychologe Eddie Brummelman. "In einer Studie fanden wir beispielsweise heraus, dass Kinder, die von ihren Eltern übermäßig viel Lob erhielten, ein geringeres Selbstwertgefühl entwickelten." Sehr viel Lob bringe also nicht automatisch selbstbewusste Menschen hervor.

Aber befördert die gute Absicht der Eltern, das Selbstwertgefühl der Kinder zu fördern, möglicherweise narzisstische Züge bei den Kindern? Das zeigt Brummelman in Längsschnittstudien: "In einer Untergruppe von Kindern entwickelten diejenigen, die mehr überschwängliches Lob erhielten, einen stärkeren Narzissmus – ein Gefühl der Überlegenheit, ein Gefühl des Anspruchs und ein Verlangen nach Bewunderung", sagt der Forscher. Laut seiner Ergebnisse stehen Narzissmus und Selbstwertgefühl nicht in Verbindung, aber entstehen beide im Alter von 7 bis 8 Jahren. "In diesem Alter sind Kinder in der Lage, eine generelle Selbsteinschätzung vorzunehmen."

Laut Brummelman glaubt besonders die westliche Gesellschaft an die Macht des Lobes: "Die meisten Eltern und Lehrer glauben, dass Kinder Lob benötigen, um sich selbst gut zu fühlen, so wie Pflanzen Wasser und Sonnenlicht brauchen, um zu wachsen." Aus diesem Glauben heraus werde übertrieben: "Anstatt den Kindern zu sagen, dass sie gut waren, hören sie dann vielleicht, dass sie unglaublich gut waren. Anstatt den Kindern zu sagen, ihre Zeichnung sei schön, sagen sie ihnen vielleicht, dass ihre Zeichnung ganz besonders toll ist." 


Übertreiben schadet

Besonders solche überschwänglichen Preisungen könnten sich kontraproduktiv auswirken: "Übertriebenes Lob kann den Kindern vermitteln, dass sie weiterhin sehr hohe Anforderungen erfüllen müssen", sagt Brummelman. Wenn Kindern gesagt wird, dass sie eine unglaublich gute Leistung erbracht haben, können sie daraus schließen, dass sie immer eine unglaublich gute Leistung erbringen sollten, damit sie bejubelt und geschätzt werden. Habe ein Kind gelernt, ausschließlich mit Lob zu funktionieren, würde es vom äußeren Feedback förmlich abhängig.


Aber wie lobt man richtig, nachhaltig und gehaltvoll? Wie der Forscher und sein Team von der Utrecht Universität in den Niederlanden ermittelten, ist die Formulierung des Lobes entscheidend. "Wenn Sie ein Kind loben wollen, versuchen Sie, bescheiden zu loben und sich auf das tatsächliche Verhalten des Kindes zu konzentrieren, nicht auf seinen Charakter. Sagen Sie zum Beispiel nicht: "Du bist unglaublich klug", sondern: "Du hast das Rätsel toll gelöst!" Mit bescheidenem Lob werden erreichbare Maßstäbe gesetzt, sagt Brummelman. Indem das Verhalten des Kindes gelobt wird, wird es ermutigt, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die es selbst kontrollieren kann – wie seine Bemühungen oder Strategien. Aber: "Letzten Endes ist Lob eine Beurteilung. Wenn wir loben, versetzen wir uns in eine Position, von der aus wir die Arbeit, das Verhalten oder den Charakter eines Kindes beurteilen. Wie Erwachsene lassen sich auch Kinder nicht immer gerne beurteilen."

Viel wichtiger als die Intensität des Lobes ist, ob die Kinder den Lobenden überhaupt als kompetent einstufen. Das legen die Erkenntnisse der Psychologin Susanne Narciss nah. Sie forscht an der Technischen Universität Dresden über Feedbackstrategien. Narciss fokussiert sich in ihrer Arbeit auf die Wirkungsbedingungen und Effekte von Feedback, sowohl von Eltern als auch von Lehrkräften, den beiden Personengruppen, von denen Heranwachsende besonders viel Feedback bekommen. Ob Kinder dem Lob von Eltern oder von Lehrkräften mehr Gewichtung schenken, hänge auch von der Beziehung und der wahrgenommenen Expertise der Lehrkraft ab, sagt sie: "Wird die Lehrkraft als kompetent wahrgenommen und entsteht eine gute Beziehung zwischen Schüler und Lehrkraft, dann kann das Lob der Lehrkraft wertvoller angesehen werden." Doch auch Lehrer sollten darauf achten, mit welchen Inhalten das Lob gewürzt wird und "dass das Lob nicht ausschließlich evaluative Informationen beinhaltet": Es solle also nicht nur eine bloße Bewertung sein. Statt zu sagen: Du warst spitze! Du warst besser als alle anderen! Sollte man konkret aufzeigen, wofür gelobt wird: Was war so besonders an der Leistung? "Weshalb die Leistung als spitze oder herausragend bezeichnet wird, sollte man möglichst konkret anhand spezifischer Kriterien verdeutlichen", sagt die Professorin. Nur dann können Kinder mit dem Lob arbeiten und an ihm wachsen. Kinder stattdessen unentwegt und knapp formuliert für ihre Fähigkeiten oder Talente zu loben, könne den gegenteiligen Effekt erzielen. Viel eher sollte der lobende Fokus auf der Anstrengung liegen.

Eine Stanford-Studie mit Kleinkindern zeigte, dass "Lob für Anstrengung statt für Talent" zu größerer Motivation und einer positiveren Einstellung gegenüber Herausforderungen führte. Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit früheren Forschungen, in denen Lob mit einer höheren Motivation bei Kindern in Verbindung gebracht wurde, allerdings nur, wenn es auf echten Eigenschaften beruht. "Wenn man Anstrengung lobt, obwohl das Kind sich gar nicht anstrengen musste, dann ist das paradox, da kommen sich die Empfänger des Lobes nicht ernst genommen vor", sagt Narciss. Nur wenn Lob als aufrichtig empfunden wird, wirkt es sich besonders positiv auf die Motivation aus – das bestätigt auch die Studienlage. 

Motivation statt übertriebene Anerkennung

"Wenn jemand stattdessen anfängt, für jeden Strich, den man malt, zu loben, kann es auch dazu führen, dass es zu Irritationen führt, wenn mal kein Lob auftritt. Es kann sogar sein, dass das Kind dann im Prozess immer zu früh aufhört – beispielsweise mit dem Malen – wenn nicht gleich auf den ersten Strich ein Lob folgt. Darunter leidet später auch die Motivation." Besonders für den Lernprozess sei es laut Narciss ungünstig, ein bestimmtes Talent zu loben. 

Sie nennt ein Beispiel: In einer Grundschule bestand die Aufgabe einer zweiten Klasse darin, einen Satz mit den Worten Lampe und Hell zu bilden. Ein Mädchen schrieb folgenden Satz: "Eines Morgens war es schon so hell, da brauchte man keine Lampe mehr." Laut Narciss war das für diese Altersgruppe ein sehr komplexer Satz. "Die meisten Kinder würden einfach schreiben: Die Lampe leuchtet hell." Wenn man dem Mädchen daraufhin einfach sage, es sei eine begabte Schreiberin, werde ihr eine doppeldeutige Botschaft mitgeteilt. Ihr werde explizit vermittelt, sie hätte eine angeborene Fähigkeit für das Schreiben. Gleichzeitig bedeute es, weil sie begabt sei für das Schreiben, müsse sie sich nicht anstrengen. Aus dem Lob erfahre das Kind auch nur, dass der Satz gut ist, sagt Narciss. "Warum der Satz gelungen ist, wird jedoch nicht deutlich." Um zu erkennen, ob man richtig lobt, muss man sich also fragen: Womit wird das Lob belegt? Wird das Kind für seine Begabung, eine tolle Idee oder für seine Anstrengung gelobt? Anstrengung kann das Kind beeinflussen. Begabung hingegen nicht. 

Wenn Kinder für ihr vermeintliches Talent gelobt werden, kann dies sogar negativ für ihre Entwicklung sein. Carol Dweck, amerikanische Psychologin und Forscherin auf dem Gebiet der Motivations- und Entwicklungspsychologie, fand in ihren Arbeiten heraus, dass Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt werden, eher versuchten, schwierige Aufgaben zu meiden, um dem Erwartungsdruck zu entkommen. Sie konzentrieren sich lieber auf das, was sie bereits gut können, wofür sie also immer gelobt wurden. Sie glauben sogar oft, nicht schlau genug zu sein, wenn sie sich für Aufgaben anstrengen müssen oder gar Fehler machen. Kinder, die hingegen für ihre Mühe gelobt wurden, sind laut Dwecks Forschung motivierter und nutzen Fehler, um aus ihnen zu lernen und lassen sich bei kleineren Rückschlägen nicht so leicht entmutigen. 

Möchte man das Selbstbewusstsein nachhaltig fördern, dann sei Lob laut Narciss vorwiegend bei herausfordernden, nicht allzu leicht zu bewältigenden Aufgaben wichtig. Besonders dann, wenn es auf dem Weg dorthin Schwierigkeiten gab: "Dann hilft es, auch die ursprünglichen Anforderungen aufzuzeigen, um das Besondere der Leistung hervorzuheben." Jedoch sollte Lob auch zum richtigen Zeitpunkt adressiert werden, damit Kinder als Erwachsene nicht nur durch Anerkennung anderer funktionieren. Um beim Malen des Bildes zu bleiben: "Wenn das Kind malt, sollten Eltern es vermeiden, hinter ihrem Kind zu stehen und gleich nach dem Absetzen des Buntstiftes mit dem Loben beginnen", sagt Narciss. Besser sei es, dem Kind erst einmal die Möglichkeit zu geben, sich mit seinem Ergebnis selbst auseinanderzusetzen, um zu lernen, sich selbst einschätzen zu können.

Lob als Manipulation

Das Gleiche gelte für Schulaufgaben oder soziale Verhaltensweisen: "Bevor man Feedback oder Lob gibt, könnte man dem Kind Gelegenheit geben, selbst einzuschätzen, wie gut die Aufgaben erledigt sind und bei welchen Aufgaben vielleicht Schwierigkeiten auftauchten oder noch Unsicherheiten bestehen." Das könne man mit Fragen wie: Wie zufrieden bist du denn selbst? Was, denkst du, ist dir gut gelungen und wobei bist du noch unsicher oder hattest eventuell Schwierigkeiten? Auf diese Weise werde die wichtige Fähigkeit zur Selbstkritik geübt und gefestigt. Die Antworten auf diese Fragen lieferten außerdem eine gute Grundlage für Lob und Kritik von außen.

Mitunter loben Eltern auch, um ein bestimmtes Verhalten zu fördern: Etwa die Spülmaschine auszuräumen oder die Hausaufgaben gleich nach dem Mittagessen zu erledigen. Narciss weist darauf hin, dass das langfristig nicht unbedingt förderlich ist. "Das ist ein instrumentelles Lob, man möchte erreichen, dass ein Verhalten öfter auftaucht. Aber es kann dazu führen, dass das Verhalten nur dann gezeigt wird, wenn es auch von der lobenden Person wahrgenommen werden kann." In der Psychologie werde solch instrumentelles Lob von Eltern als eine Form der Manipulation angesehen. 

Besonders problematisch sei es, wenn dem Kind bei erwünschtem Verhalten Aufmerksamkeit gegeben werde, bei unerwünschtem hingegen Liebesentzug, warnt die Johanna Graf, Familientherapeutin am Universitätsklinikum Tübingen: "Dem Kind wird mit beiden Techniken vermittelt, dass die elterliche Liebe an Bedingungen geknüpft ist." Um diese zu bekommen, werde es versuchen, sich möglichst oft "richtig" zu verhalten. Später im Erwachsenenalter könne es dann schwieriger werden, die eigenen Bedürfnisse zu erkennen und auf sie zu hören. Denn dafür sei ein stabiles Selbstwertgefühl erforderlich.

Die Basis für ein stabiles Selbstwertgefühl liegt woanders. Die Bindungsforschung liefert Hinweise, dass Kinder, die sich aufrichtig geliebt fühlen, ein größeres Selbstbewusstsein entwickeln, als Kinder, die sich ungeliebt fühlen oder das Gefühl haben, die elterliche Liebe sei an Bedingungen geknüpft. Zu wissen, dass Eltern sie immer wieder auffangen und selbst bei kleinem Versagen die Liebe nicht rüttelt und die Beziehung nicht destabilisiert, zeichnet das innere Bild von Kindern, mit dem sie später auch der Außenwelt begegnen: Spielkameraden, Freunden, später Kollegen und Liebespartnern. Kinder mit sicherer Bindung an die Eltern entwickeln sich laut Studien leistungsstärker und sozial kompetenter.

Auch die Forschung von Brummelmann und seinem Team zeigt, dass es bessere Wege gibt, das Selbstwertgefühl eines Kindes zu stärken. "Anstatt ein Kind mit Lob zu überhäufen, können Eltern Wärme ausdrücken." Bedeutet: Zuneigung zeigen, Freude teilen und Interesse an der inneren Welt und den Aktivitäten des Kindes bekunden. Wenn Kinder Wärme erfahren, fühlen sie sich wertvoll für das, was sie sind. "Und das ist die Grundlage des Selbstwertgefühls." Je mehr Wärme die Eltern ausdrückten, desto wahrscheinlicher zeigte sich ein erhöhter Level von Selbstwertgefühl sechs Monate später, schreibt der Forscher in seiner Arbeit namens "Das Lob-Paradox". Das funktioniere wie ein Kreislauf, denn gleichzeitig erzeugt auch das Selbstwertgefühl mehr Wärme. Die Erklärung könnte laut Brummelmann darin liegen, dass Kinder mit hohem Selbstwertgefühl von ihrer Umgebung von vornherein eher erwarten, gemocht und geschätzt zu werden, sodass sie ein aufgeschlossenes Sozialverhalten an den Tag legen. "Wichtig ist, zu wissen, dass Wärme keinen Narzissmus befördert." Ganz im Gegenteil: "Es lässt Kinder erfahren, dass sie wertvoll sind, ohne sich anderen überlegen fühlen zu müssen."