Zur falschen Zeit – Seite 1
Am Ende hat Robert Habeck offenbar keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als seinen Rückzug anzukündigen. Am Montagmorgen sagte der Kanzlerkandidat der Grünen bei einer Pressekonferenz, dass er in der kommenden Legislatur "keine führende Rolle" in seiner Partei mehr anstreben würde. Was nichts anderes bedeutet, als dass er auch als möglicher Fraktionsvorsitzender der Grünenfraktion nicht mehr zur Verfügung steht.
Seit den frühen Morgenstunden war klar geworden, dass Habeck und die Grünen nach einem eher bescheidenen Wahlergebnis von 11,6 Prozent für eine künftige Regierung nicht mehr gebraucht werden. Dass er sich selbst nicht als Oppositionspolitiker sieht, das hatte der Noch-Bundeswirtschaftsminister in den vergangenen Tagen immer wieder klar gemacht. In seiner eigenen Logik war dieser Schritt demnach folgerichtig, enge Vertraute hatten damit eigentlich gerechnet.
Und wenn man ihm in dem vor der Wahl aufgenommenen Podcast Alles gesagt? von ZEIT ONLINE genau zugehört hatte, dann konnte man auch dort zwischen den Worten sein Nachdenken über ein baldiges Ende seiner politischen Karriere bemerken. Er sei "mit sich im Reinen", sagte er und erinnerte an Helmut Schmidt, der als Bundeskanzler vor der Zeit sein Amt verloren hatte, aber dennoch später ein allseits respektierter Intellektueller wurde beziehungsweise blieb.
Habecks Rückzug dürfte dennoch am Ende eine einsame
Entscheidung gewesen sein. Das passt zu ihm. Aus der Parteispitze hat Habeck
dem Vernehmen nach niemand zu diesem Rückzug gedrängt. Im Gegenteil, man habe ihn zum Bleiben überreden wollen, heißt es. So gern Habeck vor vielen Leuten
und in großen Hallen sprach, so oft er sich auch in seinen Videoformaten in
seiner Rolle als Vizekanzler an die Deutschen wandte, der 55-jährige Norddeutsche
ist trotz des ständigen Medienrummels um seine Person ein Einzelgänger
geblieben, vielleicht sogar ein Eigenbrötler. Auch sein Misstrauen gegenüber
anderen war durch die Dauerkritik der vergangenen Ampel-Jahre eher noch
gewachsen. Wichtige Entscheidungen schien er am Ende nur noch mit sich selbst
auszumachen. Nun offenbar auch diese.
An seine Stelle wird erst einmal niemand treten können
Mit Robert Habeck verlässt ein Politiker die große Bühne, dem viele ein Ausnahmetalent bescheinigt haben. Wie vor ihm nur Joschka Fischer hat er die Grünen geprägt, ohne sie jedoch je so zu dominieren, wie der ehemalige Außenminister der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder. Habeck selbst war stolz darauf, seiner Partei zwar als Protagonist, aber nicht als Patriarch vorzustehen. So sehr er Fischer als Mensch und Politiker schätzte, so bewusst hat er für sich einen anderen Führungsstil gewählt. Wohl wissend, dass sich die Koalitionspartner in der Ampel hinter seinem Rücken gern lustig über ihn machten, wenn er sich nach gemeinsamen Verhandlungen noch einmal in der auch von selbstbewussten Frauen geführten sogenannten Sechser-Runde absprechen musste. Von Olaf Scholz und Christian Lindner aber wollte er sich durch einen gleichberechtigten Führungsstil absetzen.
Habeck wird vorerst ein Unvollendeter bleiben. Er verlässt vor seiner Zeit die große politische Bühne. Und er wird ein Loch in seine Partei reißen. Habeck hat die Grünen zu einer Art intellektuellem Mittelpunkt der politischen Arena gemacht, zum Dreh- und Angelpunkt vieler gesellschaftlicher Debatten. Es ist anzunehmen, dass die Partei sich dieses Verlusts erst in ein paar Monaten vollends gewahr werden wird. An seine Stelle wird erst einmal niemand treten können.
Aber diese Entscheidung war aus Habecks Logik offenbar nötig, wenn nicht gar unumgänglich geworden, weil das Wahlergebnis so wahrnehmbar hinter seinen eigenen Erwartungen und zweifelsohne hochgesteckten Zielen zurückgeblieben war. Auch wenn das Ziel, die nächste Bundesregierung als Kanzler anzuführen, stets unrealistisch war, hatte Habeck insgeheim gehofft, wenn nicht sogar erwartet, dass sich mehr Wählerinnen und Wähler hinter ihm versammeln, ihm auch nach den schwierigen Ampel-Jahren folgen würden. Hierin irrte er. Denn auch wenn die Grünen im Vergleich zu SPD und FDP weniger Verluste hinnehmen mussten und viele Spitzenpolitiker sicher einfach weitergemacht hätten: Schaut man auf das Ergebnis der Europa-Wahl vom vergangenen Juni wird die parteiinterne Dramatik klarer. Damals hatten die Grünen das für sie niederschmetternde Ergebnis von 11,9 Prozenten erreicht. Habeck hat diese Marke mit 11,6 Prozent nun nochmals unterboten.
Derart beschädigt, aber dennoch erhobenen Hauptes
weiterzumachen, kann schon deshalb für Habeck keine ernsthafte Option gewesen sein. Es hätte zu seinem Image als Überflieger und Großtalent einfach nicht
mehr gepasst – obwohl er persönlich immer davon geträumt hatte, eines Tages die
Politik als Sieger, und nicht als Verlierer, zu verlassen.
Ein Mann, der die Dinge gern persönlich nimmt
Habeck aber ist ein Mann, der die Dinge gern
persönlich nimmt. Das machte seine große Stärke aus. Politik und Emotionen, das
gehörte für ihn stets zusammen. So fand er immer wieder in entscheidenden
Momenten, wie beispielsweise am Abend vor dem Beginn des russischen
Angriffskriegs auf die Ukraine in der Talkshow von Sandra Maischberger, jene
Worte, die den meisten Deutschen wohl klargemacht haben, dass gerade wieder
ein Landkrieg auf dem europäischen Nachkriegsboden beginnt. Oder nach dem
Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 an israelischen Jüdinnen und Juden. Vor
allem diese Rede dürfte zu den wichtigsten seiner politischen Karriere gehören.
Aber die Dinge derart persönlich zu nehmen, ist
wohl auch seine größte Schwäche. Habeck neigt dazu, zu sehr um sich selbst zu
kreisen. Penibel und selbstkritisch hadert er dann mit sich selbst. So hat er sich
in der Ampel-Zeit aufgerieben und wohl auch zerrieben. Auf eine ähnliche und
doch ganz andere Art wie Olaf Scholz und Christian Lindner auch. Dass das Amt
des Vizekanzlers und Bundeswirtschaftsministers Spuren hinterlassen hat, war
ihm auch anzusehen. Er ist in den vergangenen drei Jahren sichtbar
gealtert und konnte zuletzt selbst Witze über seine grauen Haare machen.
Hassfigur zu sein, vertrug sich so gar nicht mit seinem Selbstbild
Zugesetzt hat ihm aber auch, dass er als öffentliche Person so stark polarisierte. Kritik müssen Spitzenpolitiker aushalten, das ist der Preis für die übergroße Aufmerksamkeit, die ihnen zuteilwird. Habeck hat da auch eine harte Seite. Aber die Anfeindungen und auch die kampagnenhafte Berichterstattung von Medien wie Bild oder Nius, sie haben ihn gleichermaßen verwundert wie auch verletzt. Plötzlich in den Augen vieler Deutscher eine Art Hassfigur zu sein, das vertrug sich so gar nicht mit seinem Selbstbild. Habeck empfindet sich als nahbar, beinahe kumpelhaft und vor allem stets um Anstand bemüht. Nicht zufällig war es gerade das, was er an Angela Merkel trotz aller politischen Differenzen stets hervorgehoben hat. Er sah sich darin als ein grüner Nachkomme der ehemaligen Bundeskanzlerin der CDU. Und es war dieser Blick auf den Konservatismus und die Union, die ihn immer wieder auf diese Partei zugehen ließ, obwohl führende Unionspolitiker ihn als den "schlechtesten Wirtschaftsminister aller Zeiten" mitunter regelrecht verhöhnten.
Seine Bilanz im Wirtschaftsministerium bleibt zugegeben ambivalent. Es gab viel Licht, aber auch einige Schatten. Da ist in erster Linie die Tatsache, dass Habeck Deutschland nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine vor einer ernsthaften Energiekrise bewahren konnte. Da ist auch der sprunghaft angewachsene Ausbau der erneuerbaren Energien, die in ihren Grundzügen eingeleitete und beschleunigte Energiewende, zahlreiche Maßnahmen für eine klimaneutrale Transformation der Wirtschaft und ein beginnender Bürokratieabbau mit sogenannten Praxis-Checks. Da ist aber auch das umstrittene Heizungsgesetz, dessen Förderung nun allerdings anläuft und vor dessen Rückabwicklung durch die neue Bundesregierung die Heizungsbranche warnt.
Da ist aber vor allem ein großes Versäumnis, das die
Bundesregierung in Gänze betrifft. Nachdem der erste Krisenwinter 2023
überstanden war und die enorm gestiegenen Energiepreise trotz noch immer hoher
Inflation langsam wieder zurückgingen, hat die Ampel zu spät erkannt und vor
allem unterschätzt, in welchem angeschlagenen Zustand die deutsche Wirtschaft aus
vielerlei Gründen tatsächlich war. Obwohl Habeck gehofft hatte, bald wieder
positivere Wachstumszahlen verkünden zu können, setzte sich der Abschwung fort
und die Rezession verfestigte sich. Dass er selbst nicht müde wurde zu
erklären, dass diese strukturellen Probleme auch ein Erbe der
Vorgängerregierung waren, half nicht viel. Vor allem als Grünem schrieben
ihm die Deutschen zu wenig Kompetenz in ökonomischen Fragen zu. Und so dienten
ihm seine Ministerjahre im Wahlkampf jedenfalls nicht, um verloren gegangenes
Vertrauen über die eigene Anhängerschaft hinaus wieder zurückgewinnen zu
können.
2021 hätte Habeck eine Chance gehabt, die er nicht bekam
Heute Morgen während der Pressekonferenz hat Habeck noch offengelassen, ob er sein Bundestagsmandat in Zukunft behalten wird. Ganz vorstellbar ist es freilich nicht, dass er als einfacher Abgeordneter fortan in der Fraktion Platz nehmen wird, aber gänzlich verabschieden mochte er sich offenbar noch nicht.
Mitte der Woche wollen die Grünen entscheiden, wer sie künftig anführen wird. Die beiden Parteivorsitzenden Franziska Brantner und Felix Banaszak wollen offenbar bleiben, die bisherige Fraktionsvorsitzende Katharina Dröge, als Partei-Linke dennoch eine enge Vertraute Habecks, gilt sehr wahrscheinlich als gesetzt. Und auch Annalena Baerbock steht wohl in den Startlöchern. Die Noch-Außenministerin hatte sich im Wahlkampf loyal hinter Habeck gestellt.
Dass jedoch ausgerechnet sie die Grünen in wahrscheinlich zentraler Rolle anführen wird, dürfte aus Habecks Perspektive eine gewisse Tragik haben. So richtig verwunden hat er nie, dass sie statt seiner im Jahr 2021 als Kanzlerkandidatin angetreten ist. Und mithin in einer Zeit, als das Kanzleramt für die Grünen mehr als nur eine unrealistische Träumerei war. Habeck hatte schon damals klar erkannt, dass sich eine solche historische Möglichkeit für seine Partei wohl kein zweites Mal ergeben würde. Und er hat damit recht behalten. Er jedenfalls bekam diese Chance nie. Dieser Gram wird ihm wohl bleiben, auch wenn man ihm glauben kann, dass er sonst mit sich im Reinen ist. So gut das für einen Unvollendeten wie ihn möglich sein kann.
743 Kommentare
DrJones1985
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Habeck war der beste Kanzler den wir nie hatten.
Briock
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Hoffentlich verschwindet Habeck nicht in der Versenkung. Leute wie er, die gewaltfrei kommunizieren, versöhnlich und kompromissbereit sind, brauchen wir doch nötiger denn je.
firlefanz.22
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Danke, Robert Habeck, für den Versuch, Politik an der Sache orientiert zu machen. Danke für den Verzicht auf Lügen und Fake News, Danke für das Anstoßen vieler wichtiger Projekte im Bereich der Energiewende. Danke für die richtigen Worte in vielen Situatioen. Robert Habeck wird fehlen - man kann nur hoffen, dass es eher eine Pause als ein Abschied ist.
Senuna
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Was konkret hätte ein CDU Wirtschaftsminister in den letzten drei Jahren anders gemacht, was der Wirtschaft einen Schub gegeben hätte? Heizungsgesetz....Ich kann es nicht mehr hören. Das Gesetz is gut! Seine Bilanz ist nicht durchwachsen. Er hat aus miserablen Rahmenbedingungen heraus viel zum Guten bewegt.
Dass die Einschätzung der Bürger zu einem anderen Ergebnis kommt, liegt an der geballten Verblödung durch eine orchestrierte Medienmaschine.
Superoma
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Für mich ist Habeck der Beste! Jemand, der Politik ehrlich machte. Der Kompromisse suchte, auch wenn es kaum welche gab. Der Politik erklärte und, das wird mir in Erinnerung bleiben, einmal in einem Interview sagte, ( nicht zitiert) ich bin nicht Politiker um beliebt zu sein. Sein Rückzug ist ein Verlust für die deutsche Politikkultur die ich zutiefst bedauere.
Unflat
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An diesem Artikel stimmt vieles.
Leider hat Annalena damals den Job bekommen, den Habeck hätte machen sollen. Als Außenministerin war sie gut! Keine Frage. Aber Habeck hätte 2021 ganz andere Zahlen erzielen können und so hätte man vielleicht ohne die FDP und mit viel mehr Erfolg regieren können - kaum zu träumen. Aber hätte hätte, Fahrradkette. Habeck ist erst 55. Ich glaube, wir werden ihn in der Politik noch wiedersehen. Denn er wird gebraucht und er ist der Beste, den die Grünen haben. Viele haben auch wegen ihm noch einmal Grün gewählt, so wie ich. Er verkörpert die Integrität, für die die Grünen aus Perspektive ihrer Anhänger stehen, am besten. Alleine deshalb wäre ich sehr enttäuscht, wenn er sich nun ganz verabschieden sollte. Robert, wir brauchen dich!
Leonia Bavariensis
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Es war der souveränste und kompetenteste Kanzlerkandidat der vergangenen Bundestagswahl. Er nahm seine Wähler ebenso ernst, wie die der Konkurrenz und hatte es nicht nötig, diese zu verunglimpfen, im Gegensatz zu seinen Mitbewerbern.
Ich finde es sehr bedauerlich, dass er sich aus der Bundespolitik zurückziehen will. Aber ich hoffe, dass es nur ein Rückzug auf Zeit sein wird, um sich von all dem Hass und der Hetze, die er stets freundlich ausgehalten hat, erholen zu können.
Und vielleicht ein neues Buch zu schreiben, in dem er Kindern die Demokratie erklärt?
Ich habe gern für ihn und unseren Wahlkreiskandidaten Wahlkampf gemacht trotz Kälte und Regen. Zumindest in unserem Ort haben die Grünen ihre Wählerzahlen nahezu halten können. Vielleicht hat unser Engagement mit dazu beigetragen. Das wäre das schönste Danke schön.
shore
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Leider wird nun der unfähigste Kanzler seit 1945 regieren statt des Besten.