Der Zuhörer – Seite 1

Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 01/2024.

Ein Holzschindel-Haus in Cape Cod, eine zierliche Frau mit grauen Locken öffnet die Tür, sie stellt sich als Nancy vor. "Hallo, wie geht’s?" – "Ach, gut, und selbst?" Sie sei besorgt um die Welt, sagt sie. Die Kriege, das Klima. "Aber Sie sind ja hier, um Robert zu sehen. Ich nenne ihn Mister Hope."

Nancy Rosenblum, die sonst Politikwissenschaft in Harvard unterrichtet, führt in das Wohnzimmer mit hellen Ledersesseln, knorrigen Skulpturen aus Holz und Bronze, in der Ecke ein Kamin. Eine Front aus Glasfenstern, durch die man aufs Meer blickt. Selbst an diesem verregneten Nachmittag Ende Dezember ist die Aussicht ins Grau so schön, dass man eigentlich nichts anderes tun will, als vor dem Kamin zu sitzen und aus den Fenstern zu gucken. In dieser Idylle soll es gleich um die Abgründe der Menschheit gehen.

Sie müsse weiterarbeiten, sagt Rosenblum, sie schreibe gerade an einem Buch über den Rückbau der amerikanischen Demokratie. Im Wohnzimmer sitzt ihr Partner auf einem Sessel – der Mann, den sie Mister Hope nennt. Neben ihm sein Rollator, vor ihm ein kleiner Tisch mit einem Zettel, auf dem der Name der Reporterin steht, sonst nichts. Seine Bewegungen sind so langsam, dass er fast selbst wie eine der Skulpturen wirkt, von denen er umgeben ist.

Robert Lifton ist 97 Jahre alt. Er bittet darum, Maske zu tragen und Abstand zu halten. "In meinem zarten Alter muss man aufpassen." Mit seinem verstrubbelten grauen Haar und seiner Hornbrille ähnelt er Andy Warhol. Wenn man ihn fragt, wie sein Alltag so aussieht, dann sagt er nur: "Ich arbeite jeden Tag." Seit siebzig Jahren ist Robert Lifton Psychiater. Seit siebzig Jahren beschäftigt er sich mit dem Schrecklichen: mit Tätern, die Schlimmstes begangen haben, und mit Opfern, denen Schlimmstes widerfahren ist. Er hat Insassen chinesischer Umerziehungslager interviewt, er hat in Hiroshima gelebt und dort mit Überlebenden der Atombombe gesprochen. Er hat die Psyche von Vietnam-Veteranen erforscht, die von Nazi-Ärzten und Auschwitz-Überlebenden. In den dunkelsten Ecken der menschlichen Psyche hat er etwas gefunden, was man dort nicht vermuten würde: Hoffnung.

Sein jüngstes Buch heißt Surviving Our Catastrophes – unsere Katastrophen überleben. Es ist vor ein paar Wochen erschienen, also in einer Zeit der Katastrophen. Der Ukraine-Krieg, der Krieg im Nahen Osten, die Klimakrise, die atomare Bedrohung, die Corona-Pandemie. Vielleicht hat Robert Lifton eine Antwort darauf, wie man in einer solchen Zeit hoffnungsvoll bleibt?

Erst mal hat er nur eine Beobachtung von der Metaebene: "Wenn man sich anschaut, wie Überlebende mit Katastrophen umgehen, kann man viel über die menschliche Fähigkeit zur Resilienz lernen", sagt Lifton. Er hat eine tiefe, brummende Erzählerstimme. Manchmal sind die Pausen zwischen seinen Wörtern so lang, dass man glaubt, er verliere beim Sprechen seinen Gedanken. Aber dann bringt er doch jeden Satz druckreif zu Ende. Auf diese Weise hat er mehr als zwanzig Bücher geschrieben – oder besser gesagt: in ein Diktiergerät gesprochen.

Ein Blick in Robert Liftons Biografie hilft, um zu begreifen, warum er tut, was er tut. Lifton wurde 1926 in New York geboren, dem Jahr, in dem auch die Queen geboren wurde. Als Sohn jüdischer Eltern wuchs er in Brooklyn auf. Seine Jugend war geprägt von einer Welt im Krieg, und auf der anderen Seite des Atlantiks wurden Menschen wie er in Konzentrationslagern vernichtet. Die heilende Aura von Ärzten habe ihn angezogen, sagt Lifton, also habe er Medizin studiert. 1951 wurde er in die Armee eingezogen und als Psychiater nach Korea und Japan geschickt.

Mit Mitte 30, also Anfang der 1960er-Jahre, besuchte Lifton Hiroshima, wo 17 Jahre zuvor eine amerikanische Atombombe Zehntausende, vielleicht Hunderttausende Japaner getötet hatte. Als er dort war, fragte er sich, was die Atombombe mit der Psyche der Überlebenden angestellt hatte. Er ging auf die Suche nach Studien dazu – es gab keine. Also überzeugte er die Yale-Universität, ihm eine solche Studie zu ermöglichen.

Katastrophen gehören zur Menschheit

Für ein halbes Jahr zog er mit Frau und Baby nach Hiroshima. Lifton mietete sich ein kleines Büro und suchte sich einen Assistenten, der für ihn übersetzte. "Wir sprachen ganz normale Menschen an, auf dem Markt, auf den Straßen. Mir war klar, dass ich als Amerikaner, der nach der Bombe fragte, bedrohlich rüberkommen konnte." Er lernte ein paar Wörter Japanisch, um das Vertrauen der Hibakusha zu gewinnen – so werden in Japan die Überlebenden der Atombombe genannt. Mit insgesamt 65 Hibakusha führte Robert Lifton stundenlange Interviews.

Er fragte sie nach ihrer Erinnerung und danach, welche Bedeutung sie der Erfahrung Jahre später gaben. Sie erzählten ihm, wieder und wieder, von dem Moment der Explosion, vom lauten Knall, von der ohrenbetäubenden Stille, der monströsen Pilzwolke. Von der absoluten Zerstörung. "Ein Geschichtslehrer beschrieb, wie er von seinem Vorort auf die Stadt herunterblickte. Er sagte: Hiroshima war verschwunden. Hiroshima existierte nicht. Hiroshima war einfach nicht da." Was er sah, war, was er nicht mehr sah.

"Ich war nicht vorbereitet auf die Dinge, die ich hörte", sagt Robert Lifton. "Nachts sah ich Bilder der Auslöschung, das Aussterben der Menschheit." Er machte weiter, weil er seine Arbeit für wichtig hielt. Lifton sieht es so: Katastrophen existieren, sie gehören zur Menschheit. Es sei keine Option, sie zu ignorieren, die Augen zu verschließen. Man müsse sich Katastrophen genau angucken, um sie akzeptieren zu können. Nur so lasse sich ihre Wiederholung vermeiden.

Viele der Überlebenden in Hiroshima spürten eine Schuld, am Leben zu sein. Warum bin ich noch da, aber mein Mann, meine Mutter, mein Kind nicht? "Aber ich sprach mit vielen, bei denen aus dem Überleben eine Mission erwuchs." Er traf auf Hibakusha wie Setsuko Thurlow. Sie war 13, als die Bombe keine zwei Kilometer entfernt von ihr explodierte. Sie verlor acht Familienmitglieder und entwickelte selbst Symptome von der Strahlung: Haarausfall, Übelkeit, blutiges Zahnfleisch. Jahre später reiste sie auf einem Boot, dem Peace Boat, um die Welt und erzählte von ihrem Schicksal. Auf die Frage, warum sie das tat, antwortete sie: "Ich höre einen Mann, der mir sagt: Gib nicht auf! Mach weiter! Es ist mein Einsatz für das Überleben unserer einzigen, kostbaren Welt." Setsuko Thurlow wurde zur Aktivistin in der Anti-Nuklear-Bewegung, ein lebendiges "Nie wieder".

"Wir Menschen sind sinnhungrige Kreaturen", sagt Lifton. "Und die Überlebenden von Hiroshima sind zehnmal so sinnhungrig. Sie alle fragten sich: Warum ist es passiert? Warum hier? Warum ich? Und ihre Antwort darauf ist: ihre Geschichte zu erzählen. Es hilft ihnen psychologisch, es gibt ihnen Sinn." Setsuko Thurlow ist heute 92 Jahre alt und setzt sich immer noch gegen Atombomben ein, zuletzt wegen der Drohungen Wladimir Putins.

In Hiroshima habe er begriffen, was er werden wollte: "ein Psychiater in der Welt", wie er es nennt. Man kennt Chirurgen und Notärzte, die von Krisengebiet zu Krisengebiet ziehen. Robert Lifton wollte von nun an die schlimmsten Katastrophen seiner Zeit als Psychiater untersuchen.

Anfang der Siebzigerjahre musste er dafür nicht weit reisen, denn in seiner nächsten großen Studie ging es um Vietnam-Veteranen. Sie lebten in den Vereinigten Staaten. Er sprach mit Soldaten, die am Massaker von My Lai beteiligt gewesen waren, wo die US-Armee am Morgen des 16. März 1968 mehr als fünfhundert Menschen ermordet hatte, unter ihnen Kinder, Frauen und Greise. "Ich lernte, dass normale Menschen, nicht besser und nicht schlechter als Sie oder ich, sich unter bestimmten Bedingungen bereitwillig an Massenabschlachtungen beteiligen können", sagt Lifton. In seinem Buch nennt er das "die bösartige Normalität". Klingt nicht nach Hoffnung.

Doch in seinen Gesprächen machte er noch eine Beobachtung. Jahrelang hatte in der Psychologie die Annahme gegolten, dass erwachsene Menschen sich kaum mehr ändern können. Einmal bösartig, immer bösartig. Liftons Gesprächspartner zeigten das Gegenteil: "Ich sprach mit Veteranen, die ihr Verhalten in Vietnam kritisch hinterfragten. Sie waren bereit, sich zu verändern." Er erzählt von einer Gruppe Soldaten, die sich vor das Kapitol in Washington stellten und die Kriegsmedaillen, die ihnen verliehen worden waren, symbolisch an ihr Land zurückgaben. Einige Veteranen wurden zu den lautesten Gegnern des Vietnamkrieges. Es erinnerte ihn an die Überlebenden aus Hiroshima: Auch sie suchten nach einer Bedeutung in der Katastrophe. Wie die Hibakusha sehnten sich die Vietnam-Veteranen nach Frieden.

Muss man also etwas Schreckliches erleben, um die Welt klarzusehen? Vielleicht reicht es auch schon, das Schreckliche nicht zu ignorieren.

Das Auschwitz-Ich und das Zuhause-Ich

Was passiert, wenn eine Katastrophe in Vergessenheit gerät, das sei im Frühjahr 2020 sichtbar geworden – als die Corona-Pandemie ausbrach und die Welt in eine Schockstarre warf. Dabei hatte die Menschheit eigentlich Erfahrung mit Seuchen: "Denken Sie an die weltweite Influenza-Pandemie von 1918 mit ihren 50 Millionen Todesopfern. Sie ist einfach aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden." Lifton glaubt, wir hätten besser vorbereitet sein können. Das bedeutet: Gesellschaften können sich entscheiden zwischen einem bewussten "Nie wieder" und einem unbewussten "Immer wieder".

Robert Lifton war klar, dass er sich eines Tages der Katastrophe seines Jahrhunderts widmen werden müsse – dem Holocaust. Ein Bekannter hatte ihm Dokumente geschickt über Josef Mengele und medizinische Praktiken in Auschwitz. Es war der Beginn einer Studie, die acht Jahre dauern sollte. Allein für die Interviews reiste Lifton Ende der 1970er drei Jahre lang um die Welt, nach Deutschland, Österreich, Polen, Frankreich, England, Norwegen, Dänemark, Israel, Australien. Er sprach mit 28 Nazi-Ärzten, so nennt er sie, und mit 80 Auschwitz-Überlebenden, die meisten von ihnen jüdische Ärzte, die zur Arbeit im medizinischen Block gezwungen worden waren.

Keine Studie steht so sehr für Robert Liftons Lebenswerk wie diese. Für ihn als Juden und für ihn als Arzt muss die Arbeit auch persönlich gewesen sein. In seinem Wohnzimmer in Cape Cod sagt er: "Bis heute sind Nazi-Ärzte unwillkommene Bewohner meines Geistes."

Es gibt einen Dokumentarfilm von den Regisseuren Hannes Karnick und Wolfgang Richter über Liftons Studie, er heißt "Wenn Ärzte töten". Dort erzählt Lifton, dass viele der Nazi-Ärzte, die er damals besuchte, in schönen Häusern lebten und weiterhin als Ärzte arbeiteten. Einer kam gerade zurück vom Skifahren, braun gebrannt und voller Lebensfreude, als Lifton ihn traf – so erzählt er es im Film. "Ich dachte: Da ist jemand, der Teil eines bösen Systems war, und er verdient es nicht, so komfortabel zu leben. Ich fühlte, dass da etwas falsch läuft in dieser Welt." Lifton sprach mit Männern, die in Auschwitz Gashähne aufgedreht hatten und Babys mit Schlafmitteln in den Tod gespritzt hatten.

Psychologisch überraschte ihn, wie sie ihre Persönlichkeit teilen konnten: in das Auschwitz-Ich und das Zuhause-Ich. In Auschwitz sind sie Mörder gewesen. Und wenn sie am Wochenende zu ihren Familien nach Hause fuhren, fürsorgliche Ehemänner und Väter.

Optimismus heißt, Gutes zu erwarten. Hoffnung bedeutet, dass es eine Möglichkeit für das Gute gibt.
Robert Lifton

In seiner Studie stellte Lifton fest, dass die Strategie der Täter auch die Strategie der Opfer war – auch sie teilten ihre Persönlichkeit. "Wenn ich sie fragte: Wie habt ihr das alles überlebt?, dann antworteten viele: Ich war eine andere Person in Auschwitz." Das Konzentrationslager sei wie ein anderer Planet gewesen, ein Ort des Bösen. Lifton sagt, er denke, dass jeder in die Nähe des Bösen geraten könne – was gleichzeitig bedeutet, dass jeder ebenso in die Nähe des Guten geraten kann. "Ich glaube nicht, dass es etwas Angeborenes gibt, das die Menschen unausweichlich zu unvorstellbar bösen Taten treibt. Das gibt mir Raum für Hoffnung. Ich sage bewusst Hoffnung! Nicht Optimismus. Optimismus heißt, Gutes zu erwarten. Hoffnung bedeutet, dass es eine Möglichkeit für das Gute gibt." Das ist nicht viel, aber es ist auch nicht nichts.

Im Wohnzimmer von Robert Lifton wird es nun langsam dunkel. Er fragt, ob wir vielleicht zum Ende kommen wollen – er habe noch viel vor heute. Er rückt seinen Rollator zu sich heran, zieht sich daran empor und geht mit zügigen Schritten den Flur entlang. Durch sein Schlafzimmer, vorbei an einem Fernseher, der größer ist als er selbst und auf dem er jeden Tag eine Weile Football, Basketball und Baseball schaut, "ich brauche das als Ausgleich". Er sei eine treue Seele und feuere noch immer die Teams seiner Kindheit an, die New York Jets, die New York Knicks, die Los Angeles Dodgers. Er betritt sein Büro, wo er sich in einen Stuhl setzt. Um ihn herum: Bücher über den IS, über Seuchen, über Kriege, zwischen den Seiten stecken gelbe Notizzettel. Überall Papierstapel, vollgeschriebene Blöcke. Dazwischen ein Gerät zum Anspitzen seiner Stifte, eine Rollkartei aus vergilbten Karten – und ein Diktiergerät. Er arbeite schon an seinem neuen Buch, sagt er. Es soll darin um Krieg und Frieden gehen und um Möglichkeiten der Hoffnung.

Als seine Tochter klein war, erzählt Lifton noch, habe sie ihn einmal gefragt, warum er so schreckliche Dinge erforsche. Erst Jahrzehnte später sei ihm die Antwort eingefallen: "Man muss untersuchen, wie eine Gesellschaft auf eine Katastrophe reagiert – nur so kann man verstehen, wie resilient und gesund diese Gesellschaft ist." Die Beschäftigung mit der Katastrophe, sagt er, sei eigentlich die Alternative zur Katastrophe.

Anmerkung der Redaktion: Diese Version des Artikels wurde nachträglich um den Hinweis auf den Dokumentarfilm "Wenn Ärzte töten" ergänzt, aus dem die Autorin zitiert. Der Film ist über das Deutsche Filminstitut Frankfurt abrufbar. Die Originalversion des Textes finden Sie im Ausgabenarchiv unseres e-Papers.