Am 1. Juli 1944 trafen sich 733 Delegierte aus 44 Nationen im Mount Washington Hotel in Bretton Woods im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire. Und diesen Moment sollten wir uns jetzt in Erinnerung rufen, wenn Donald Trump sich aufplustert gegenüber Europa. Damals war ein Ende des Zweiten Weltkriegs absehbar und in Bretton Woods wurde über die Nachkriegsordnung verhandelt. Die Konferenz wurde dominiert von zwei mächtigen Männern: dem britischen Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes und dem amerikanischen Ökonomen Harry Dexter White.

Keynes war ein Superstar, seine Schriften über die Ursachen der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre hatten ihn international bekannt gemacht. Und er hatte große Pläne: eine globale Währung, die für geordnete Verhältnisse in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen sorgen sollte. White, ein eher unbekannter Finanzpolitiker, war dagegen. Er wollte den amerikanischen Dollar als Weltleitwährung etablieren. 

Keynes hatte das untergehende britische Empire hinter sich, White die aufstrebende amerikanische Wirtschaftsnation. Damit war klar, wie die Geschichte ausgehen würde. Und sie ist dann auch so ausgegangen: White setzte sich durch, der Dollar wurde Leitwährung: Er wird weltweit bei der Abwicklung etwa von Rohstoffgeschäften eingesetzt, fast alle international tätigen Banken nutzen den amerikanischen Kapitalmarkt.

Diese Episode passt nicht ganz zu der Erzählung, die Donald Trump in diesen Tagen verbreitet. Trump argumentiert, dass die Vereinigten Staaten in den vergangenen Jahrzehnten ausgenutzt wurden. Der Rest der Welt habe es sich gemütlich gemacht in einer Ordnung, die mit dem Blut amerikanischer Soldaten und dem Geld amerikanischer Steuerzahler errichtet worden sei. Und jetzt müsse Schluss sein mit der Trittbrettfahrerei. Payback time. Aus der Weltgesundheitsorganisation sind die USA bereits ausgetreten, die Nato könnte als nächstes an der Reihe sein. Jedenfalls wenn die anderen Mitglieder des Bündnisses nicht "ihre Rechnungen" bezahlen (Nebenbemerkung: Wer genau stellt die eigentlich aus?).

Aber das schlechte Gewissen des ewigen Schuldners – wir brauchen es uns nicht einreden lassen. Europa darf selbst bewusst sein: Amerika, wir schulden Dir nichts.

Trumps Argumentation klingt dagegen ein wenig so, als wäre die Nachkriegsordnung das Produkt amerikanischer Nächstenliebe. Das ist aber eine durchaus gewagte These. Denn wenn die Vereinigten Staaten vor allem das Wohl der anderen im Sinn gehabt hätten, dann hätten sie sich in Bretton Woods beispielsweise für den Plan von John Maynard Keynes entschieden. Der war aber nicht in ihrem Interesse. White hat den Dollar als Leitwährung durchgesetzt, weil eine Leitwährung so etwas wie ein ökonomischer Sechser im Lotto ist: Man kann damit unter anderem praktisch unbegrenzt Kredite aufnehmen, weil sich wegen der enormen globalen Bedeutung des eigenen Geldes immer jemand findet, der neu in Umlauf gebrachte Schuldscheine aufkauft.

Umgekehrt bedeutet das: Der Rest der Welt ist in hohem Maße abhängig von den währungspolitischen Entscheidungen der Amerikaner. Wiederholt ist es in Asien und Lateinamerika zu Währungskrisen gekommen, weil Zinserhöhungen in den USA dazu führten, dass Investoren ihr Geld aus den betroffenen Ländern abzogen und auf dem amerikanischen Markt parkten, wo sie eine höhere Rendite erwarten konnten. Als sich die Europäer dann mit der Einführung des Euro währungspolitisch unabhängiger gemacht haben, wurde das von konservativen US-Ökonomen als Angriff auf die Dominanz des Dollars gewertet. Wer also ist da eigentlich auf wessen Trittbrett gefahren?

Auch sonst spricht wenig dafür, dass die USA in den vergangenen Jahrzehnten zum Opfer einer weltweiten Verschwörung gegen sie geworden sind. In allen wichtigen globalen Institutionen geben sie den Ton an. Das gilt für die Welthandelsorganisation genauso wie die Nato. Im Internationalen Währungsfonds verfügen sie sogar über eine Sperrminorität. Gegen den Willen der amerikanischen Repräsentanten passiert dort also nichts. Der Abbau von Handelsbarrieren – die Trump mit seinen Zöllen wieder rückgängig machen will, weil sich angeblich andere Staaten daran bereichern – wurde von amerikanischer Seite vorangetrieben, weil man sich davon Vorteile für amerikanische Unternehmen versprach.

Ein wohlmeinender Hegemon, aber ein Hegemon

Natürlich haben von der Ausweitung des Freihandels auch andere profitiert, das ist ja gerade der Witz am Freihandel: Wenn die Portugiesen exzellente Winzer sind und die Briten viel von der Textilwirtschaft verstehen, dann ist es sinnvoll, wenn portugiesischer Wein gegen britisches Tuch getauscht wird und nicht alle alles herstellen. Aber das Wohl der Handelspartner war aus amerikanischer Sicht nicht der einzige Grund dafür, die Grenzen zu öffnen. Und es war wahrscheinlich nicht einmal der wichtigste. So wie der Marshallplan nach dem Zweiten Weltkrieg auch dem Zweck diente, in Europa ein Bollwerk gegen den Kommunismus zu errichten. Die USA mögen für die europäischen Staaten in den vergangenen Jahrzehnten ein wohlmeinender Hegemon gewesen sein, ein Hegemon aber waren sie immer.

Diese Arbeitsteilung in den internationalen Beziehungen hat sich auch aus amerikanischer Sicht ausgezahlt. Natürlich verursacht der Unterhalt einer liberalen Weltordnung Kosten, zum Beispiel in der Form hoher Verteidigungsausgaben. Aber die Kosten sind geringer als der Nutzen, der sich aus dieser Ordnung ergibt. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind die mit Abstand größte Volkswirtschaft und die führende Militärmacht der Welt. Sie beheimaten die besten Universitäten und die größten Unternehmen. Im vergangenen Jahr ist die amerikanische Wirtschaft stärker gewachsen als die Wirtschaft aller anderen Industrienationen. Wenn das Abzocke ist, dann würde man doch gerne abgezockt werden.

Die USA sind zwar auch ein Land, in dem die soziale Ungleichheit deutlicher als in vielen anderen Staaten gestiegen ist. Aber das Niveau der Ungleichheit ist keine Naturkonstante. Man kann es ändern, durch höhere Steuern und Abgaben für Gutverdiener zum Beispiel oder eine Bildungspolitik, die ärmeren Bevölkerungsschichten zugutekommt. Die Gräben in der amerikanischen Gesellschaft sind das Ergebnis einer jahrzehntelangen Demontage des öffentlichen Sektors. Um sie zu beseitigen, muss man nicht die Weltordnung in Trümmer legen, zumal wenn man von dieser Ordnung profitiert.

Die Frage ist damit, weshalb Trump es trotzdem tut. Zwei Erklärungen bieten sich an. Erstens: Er hat einfach keine Ahnung. Im Fall von Donald Trump ist das eine Möglichkeit, die in Betracht gezogen werden muss. Er hat wiederholt argumentiert, die USA würden Europa "subventionieren", weil sie mehr Güter aus Europa importierten, als sie dorthin exportierten. Doch ein Handelsdefizit ist keine Subvention. Es ist unter anderem Ausdruck der Tatsache, dass die Amerikaner mehr Geld ausgeben als die Europäer. Man könnte sogar umgekehrt argumentieren, dass die Amerikaner uns ausnutzen, weil unserer Warenlieferung in die USA keine adäquate Warenlieferung nach Europa entgegensteht. Wenn ich in einem Restaurant einen Burger esse, dann habe ich ein Handelsdefizit mit diesem Restaurant. Aber ich subventioniere es nicht.

Donald Trump verachtet Regeln

Die zweite, dunklere Erklärung ist, dass es Trump (und den radikaleren Kräften in seiner Bewegung) nicht ums Geld geht. Sondern um Macht. Genauer gesagt: um uneingeschränkte, absolute Macht. Denn das zeichnet die Nachkriegsordnung aus: Sie ist eine liberale Ordnung, in der die Aufgabe des Staates im Kern darin besteht, die Regeln festzulegen, innerhalb derer Unternehmen und Haushalte agieren. Donald Trump verachtet Regeln. Er glaubt an die Macht des Stärkeren, und das sind in der internationalen Politik fast immer die USA. Trump verfügt als amerikanischer Präsident über eine Machtfülle, der einzelne Länder nicht sehr viel entgegensetzen können. Um diese eigene Macht zu spüren, muss man sie ausspielen. Das tut Trump gerade.

Darin liegt allerdings auch die Schwäche seines Ansatzes. Denn Druck erzeugt Gegendruck. Die amerikanische Aggression wird neue Bündnisse und Allianzen hervorbringen. In Europa ist – trotz aller Schwierigkeiten – eine neue Ernsthaftigkeit im Umgang mit Verteidigungsfragen zu spüren. Und auch wenn es stimmen mag, dass gerade Deutschland in der Vergangenheit gemessen an seiner Wirtschaftsleistung zu wenig Geld für Rüstung ausgegeben hat: Man kann schon die Frage stellen, ob aus amerikanischer Sicht wirklich etwas gewonnen ist, wenn die bislang der Erhaltung des Friedens verpflichtete Europäischen Union sich in eine atomar aufgerüstete Militärmacht verwandelt, die ihre Interessen ebenfalls verteidigen wird – und die ihre Waffen nicht mehr in den Vereinigten Staaten bestellt, sondern selbst produziert. Im 20. Jahrhundert endeten die Rivalitäten der Großmächte in zwei Weltkriegen.

Man kann von Trump und seinen Leuten nicht erwarten, dass sie gegen amerikanische Interessen handeln. Aber es lohnt sich, ein wenig darüber nachzudenken, worin diese Interessen bestehen.