Donald Trump will sich Grönland und Panama schnappen. Das klingt verrückt, aus einer geopolitischen Logik heraus ist es aber durchaus folgerichtig. Denn die USA sehen in China ihren Hauptkonkurrenten. Und sowohl Panama als auch Grönland sind in der Auseinandersetzung mit China von zentraler strategischer Bedeutung.
Grönland gehört zu Dänemark, einem EU-Mitgliedsland. Allerdings ist es autonom und daher nicht Teil der Europäischen Union.
Würden die USA sich Grönland
einverleiben, wäre das dennoch ein Angriff auf die Souveränität eines
EU-Mitgliedslandes. Artikel 42, Absatz 7 der Europäischen Verträge sieht in diesem Fall
die Beistandsverpflichtung der Mitgliedsstaaten vor. Landeten also US-Marines in
Grönland, müssten laut Vertrag auch deutsche Soldaten zu Hilfe eilen.
Abwarten, stillhalten
Klingt nach Science-Fiction. Aber in einer Welt, in der Donald Trump US-Präsident ist und Elon Musk sein Einflüsterer, sollte man sich besser auch auf Science-Fiction-Szenarien vorbereiten.
Was also macht die EU? "Viele Ankündigungen Trumps sind nicht Wirklichkeit geworden", sagte eine Sprecherin der Kommission auf Nachfrage. Abwarten, stillhalten, hoffen, dass der Sturm vorbeizieht. Etwas deutlicher formuliert: Brüssel ist ratlos.
Der Einwand, Trumps Vorstoß sei nicht zu erwarten gewesen, kann nicht überzeugen. Die EU–Kommission von Ursula von der Leyen versteht sich nämlich selbst ausdrücklich als geopolitischer Akteur. Da darf man sich zu Recht fragen: Hat sich denn in der Kommission niemand Gedanken darüber gemacht, dass die USA unter Trump Grönland annektieren könnten?
Offenbar nicht.
Der Fairness halber muss man sagen, dass die EU letzthin durchaus Entscheidungen getroffen hat, um sich auf eine Welt vorzubereiten, die von aggressiven Imperialisten wie Trump und Wladimir Putin bestimmt wird. Sie hat zum ersten Mal einen Verteidigungskommissar ernannt, sie hat mit Kaja Kallas eine fähige Außenbeauftragte und sie hat mit Blick auf Donald Trump im Weißen Haus fleißig durchgerechnet, welche Auswirkungen Strafzölle auf europäische Waren für die einzelnen Mitgliedsländer haben könnten. Man wähnte sich gut gerüstet. Und wurde dann doch überrascht.
Das Beispiel Grönland aber zeigt, dass die EU nicht weit genug vorausdenkt, dass sie einen Schritt zu spät kommt, dass ihr die Fantasie fehlt, dass sie mithin nicht verrückt genug ist und daher zu wenig in Möglichkeiten denkt. Sie bleibt einem Denken verhaftet, das nicht mehr zeitgemäß ist. Die EU zählt Erbsen, während Musk nach dem Mars greift und Trump Grönland ins Zielkreuz nimmt.
Auch das hat seine Gründe. Denn die EU kann nur dann ein in einem umfassenden Sinne geopolitischen Akteur sein, wenn es die Mitgliedsstaaten auch wollen. Ursula von der Leyen kann das beste Personal ernennen, die richtigen Kompetenzen verteilen, die besten Ideen haben – wenn in den Mitgliedsstaaten der Wille nicht da ist, bleibt dies alles ein schönes, wirkungsloses Konstrukt. Ursula von der Leyen und ihre Mannschaft können große und zeitgemäß Pläne entwickeln, aber sie zerschellen an der Kleingeistigkeit der Nationalisten. Und die haben immer häufiger Regierungsmacht. Viktor Orbán regiert seit vielen Jahren schon in Ungarn, vermutlich kommt bald Herbert Kickl in Österreich an die Macht, Geert Wilders ist der starke Mann in den Niederlanden, Giorgia Meloni regiert Italien, möglicherweise wird Marine Le Pen 2027 Frankreichs Präsidentin.
Wie wird die europäische Welt aussehen, die von diesen Männern und Frauen regiert wird? Nimmt man das trumpsche Handlungsmuster zum Vorbild, könnte Ungarn Anspruch auf die 1922 im Frieden von Trianon verlorene Gebiete erheben, Österreich Anspruch auf Südtirol, Deutschland die Oder-Neiße-Grenze infrage stellen … und so würde es weitergehen auf diese Höllenfahrt.
Verrückt? Abwegig? Ganz gewiss.
Aber um in der Welt von Trump zu bestehen, muss man sich vor Augen führen, welche Gefahren dessen Verrücktheiten bergen. Dann wird man eines erkennen: Das Europa der Nationalisten wird die Europäer in den Abgrund führen. Trump liefert unfreiwillig den Beweis dafür, dass wir jetzt nichts so sehr brauchen wie ein einiges, starkes Europa.
85 Kommentare
3xM4ch1n4
Europa (und die europäischen Länder) werden nur überleben, wenn sie zusammenstehen. Warum wohl unterstützen China und Russland die europafeindliche AfD? Weil die kleingeistigen Nationalisten das geringste Potenzial haben, ein zukunftsfähiges und relevantes Europe herborzubringen.
Windom.Earle
Da würde ich eine Lanze für Brüssel brechen. Man ist nicht ratlos, sondern kennt nur Trumps Kommunikationsstrategie und springt nicht über jedes Stöckchen. Dass er allerdings ein ernstes Interesse an Grönland hat, das hat man hoffentlich erkannt. Wo holt sich die EU eigentlich die seltenen Erden für ihre Batteriefabriken her?
TeDe1
Sie ist nicht altem Denken sondern normalem Denken verhaftet.
user100
Ja, wir brauchen ein starkes Europa und politische Führer welche davon erzählen wie dies aussehen kann. Aber was man hört ist ein lautes Schweigen. Alle kümmern sich um ihren Kram und versuchen, wenn sie sich schon einmal mit Europa befassen, eigene innenpolitische Themen einzubringen um bei den nächsten Wahlen zu punkten. Da ist dann industrielle Zusammenarbeit wichtig, aber nur wenn die eigene Industrie führen darf oder Energiethemen, wenn die eigene Versorgung möglichst davon profitiert - auch wenn die Gemeinschaft Schaden nimmt.
So wird das nichts. Es ist als schaue man einem billig produzierten Hollywood-Endzeitthriller zu bei welchem man ständig denken muss, dass dies doch alles viel zu unrealistisch ist. Angesichts der globalen und existentiellen Herausforderungen sollten sich die Führer der Nationen doch besser zusammenraufen können. Aber nein, da sind klein-geistige Figuren welche höchstens bis zu ihren nächsten Wahlen schauen und evtl. darauf wie gut ihr unmittelbares Umfeld von Entwicklungen profitiert oder nicht.
High Tide
Die EU reagiert auf Trump so, wie man auf aggressive Verrücktheit keinesfalls reagieren sollte: Die benennt das Verrückte nicht klar genug und sorgt nicht für ihre Sicherheit. Das hat mit „nicht verrückt genug“ wenig zu tun. Im Gegenteil: die EU wird zum „Co-Verrückten“, der wie in dysfunktionalen Familiensystemen das Spiel mitspielt und so am Laufen hält. Genau so geht sie leider mit politischer Verrücktheit in den eigenen Reihen um (vgl. Orban…).
ThomasLudwigBZ
Was soll denn das für ein Artikel sein?
Soll man jetzt der EU vorwerfen, dass sie nicht vorhergesehen hat, dass Trump einen NATO-Staat evtl. militärisch angreifen will?
Worauf soll "die EU" denn ihr Hirnschmalz verschwenden?
Außerdem denkt nicht "die EU".
Außerdem - dass die Personen, die in der EU geostrategisch denken, jede ausgefallene Schnapsidee in die Gegend tröten, hoffe ich nicht
Jackie Treehorn
Trump erwischt uns, die wir (also die Politnomenklatura) immer noch gedanklich in der Weltordnung der 90er leben, mal wieder mit heruntergelassenen Hosen.
5% des BiP für den Wehretat, wie Trump fordert, werden wahrscheinlich nicht reichten. Wenn Trump Europa einfach mal den Mittelfinger zeigt, und selbst Großmachambitionen an den Tag legt mit militärischen Mitteln, wie es Putin gerade macht, dann sehen wir alt aus!