"Ich bin früher auch mit Kopfhörern Fahrrad gefahren" – Seite 1

Der Straßenverkehr ist die zweitwahrscheinlichste unnatürliche Todesursache – direkt nach Suizid. 2022 gab es in Deutschland 2.788 Unfalltote. Mare Wehrhane, 26, arbeitet beim Verkehrsunfalldienst in Hannover. Sie wird gerufen, sobald es zu Unfällen mit Verletzten oder Toten kommt und ermittelt dann, was passiert sein könnte. Wehrhane sieht Tragödien, deren Personen sich nicht in Täter und Opfer einteilen lassen.

ZEIT ONLINE: Was passiert, wenn Sie an einer Unfallstelle eintreffen?

Mare Wehrhane: Wir werden nur bei schweren Verkehrsunfällen gerufen, dann erreicht uns ein Anruf der Leitzentrale und es fahren sofort zwei Personen los. Der eine übernimmt die Aktenarbeit und spricht mit allen beteiligten Personen, der andere sichert Spuren. Wir messen alles aus, markieren die Stellen mit Kreide auf der Fahrbahn und fotografieren alles. Kurz gesagt: Wir versuchen, alle Beweise und Aussagen zu dokumentieren. Denn auf dieser Grundlage wird von Gerichten entschieden, welche Ordnungswidrigkeiten und welche Straftatbestände infrage kommen könnten und wer Beschuldigter, Opfer oder Zeuge ist. Wir müssen also präzise arbeiten – und das alles unter Zeitdruck, damit die Straße wieder für den Verkehr freigegeben werden kann.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Fragen gehen Sie an einen Unfallort heran?

Wehrhane: Wie könnte der Unfall passiert sein? Ich suche nach Spuren an Planken, Leitpfosten, Mauern, Bäumen. Irgendwo muss es angefangen haben, vielleicht mit einer Bremsspur. Genauso deutet eine nicht vorhandene Bremsspur darauf hin, dass jemand vielleicht unaufmerksam war. Wir beobachten auch den Schotter, Kratzspuren, Radierspuren von Reifen, Gewebespuren von Kleidung oder Körpern. Gab es Regen, Glatteis, Unebenheiten auf der Fahrbahn oder ein Reh, das über die Straße gerannt ist? Auch schaue ich mir die Fahrzeuge an und prüfe die Bremsen und Reifen. Ich setze mich auch in die Fahrzeuge und vergewissere mich, welche Sicht der Fahrer hatte, wie sauber die Scheiben waren, welche Spiegeleinstellungen es gab und ob die Airbags ausgelöst haben. Bei besonders schweren Unfällen laufen wir mit einem Mast die Unfallstelle ab, an dessen Spitze eine Weitwinkelkamera angebracht ist. Damit können wir eine dreidimensionale Karte der Unfallörtlichkeit erstellen. Das hilft Gutachtern oder Richterinnen.

Wir bauen aus dem Unfallort eine Art Koordinatensystem.
Mare Wehrhane

ZEIT ONLINE: Das klingt danach, als müssten Sie auch Physik beherrschen!

Wehrhane: Im Nachgang können mathematische und physikalische Berechnungen relevant sein. Für den Rückschluss auf die Geschwindigkeit der Fahrzeuge messen wir die Distanzen und Längen der Spuren haargenau aus. Wir haben ein Distanzmessgerät und markieren mit Öl- oder Sprühkreide. Wir bauen aus dem Unfallort eine Art Koordinatensystem. Es gibt zwei Fixpunkte und von dort aus fangen wir an zu messen und markieren alle Spuren innerhalb der Fläche. Wir hatten letztens einen Motorradunfall, bei dem lagen zwischen der ersten Spur, wo das Motorrad von der Straße abkam, bis zur Endlage des Fahrzeugs 140 Meter. Dazwischen standen drei Bäume, die das Gefährt im Flug gestreift hatte. Wie schnell muss es also gewesen sein, damit es trotzdem so weit flog?

ZEIT ONLINE: Wie schnell war das Motorrad wahrscheinlich? 

Wehrhane: Auf der Strecke waren 100 Stundenkilometer erlaubt. Es war auf jeden Fall schneller. Genau einschätzen kann das aber der Gutachter, mit dem wir zusammenarbeiten. Oft wird er zu unserer Unterstützung direkt zum Unfallort gerufen.

ZEIT ONLINE: Und als Unfallermittler ermittelt Ihr Team dann Verursacher und Opfer?

Wehrhane: Die Polizei entscheidet nicht über Schuld. Wir sammeln Beweise und versuchen festzustellen, wer einen Fehler gemacht hat. Letztendlich geht es bei Unfällen auch immer um hohe Schadenswerte und Straftaten: fahrlässige Körperverletzungen und Tötungen. Einem Raser, der über rote Ampeln gefahren ist und eine Person getötet hat, konnte in Berlin sogar bedingter Vorsatz nachgewiesen werden, weshalb er für Mord angeklagt und zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Das geht nur durch unsere Ermittlungsarbeit.

Wir können Einsicht in die Ampelschaltpläne bekommen.
Mare Wehrhane

ZEIT ONLINE: Wann wird wegen fahrlässiger Körperverletzung ermittelt?

Wehrhane: Bei fast jedem Verkehrsunfall mit Verletzten: wenn ein Fußgänger von einem Auto angefahren wird, zwei Radfahrer gegeneinander rasen, bei einem Auffahrunfall zwischen zwei Fahrzeugen. Wegen einer Fahrlässigkeit der einen Person wird eine andere verletzt. Gleiches gilt bei fahrlässiger Tötung: Ein Zugfahrer macht einen Fehler und verursacht einen Unfall mit einem Pkw, bei dem der Fahrer stirbt. Durch das Mithandeln des Zugfahrers ist ein Mensch gestorben, aber es war ersichtlich, dass es keine Absicht war.

ZEIT ONLINE: Welche Spuren können Anhaltspunkte sein?

Wehrhane: Das sind oft die digitalen Beweismittel. Zum Beispiel können wir Einsicht in Ampelschaltpläne bekommen, Fahrzeugdaten oder Lkw-Fahrtenschreiber auslesen. So können wir nachvollziehen, ob die Ampel auf Grün oder Rot stand zum Zeitpunkt des Unfalls, ob sich an Geschwindigkeiten gehalten wurde, wann Gas gegeben und wann stark gebremst wurde und ob Lastwagenfahrer ihre gesetzlich vorgeschriebenen Pausen eingehalten haben.

"Ich war nachts allein in diesem Tunnel mit der Leiche"

Verkehrsunfall: Mare Wehrhane im Einsatz – manchmal muss sie einen Unfallort von oben überblicken.
Mare Wehrhane im Einsatz – manchmal muss sie einen Unfallort von oben überblicken. © Amelie Apel

ZEIT ONLINE: Haben Sie Angst, wenn Sie zu tödlichen Unfällen fahren?

Wehrhane: Wenn es heißt, jemand ist gestorben, werde ich meist sehr ruhig. Ich bereite mich vor oder spreche mit Kollegen. Ich versuche, mir anhand der Informationen vorzustellen, wie der Unfall passiert ist, wie es vor Ort aussieht und wie schwer die Person äußerlich verletzt ist. Dann kommen vorherige Erfahrungen hoch und ich überlege, wie ich den Umgang dort gemeistert habe. Ich setze mich reflektiert damit auseinander, wie tödliche Unfälle auf mich wirken, weil ich mich leistungsfähig halten muss. Ich habe manchmal Angst, aber eher davor, von Stress rausgerissen zu werden oder aufgrund von traumatischen Vorerfahrungen auszusetzen. Dann wäre der Kollege mit der Aufnahme des Unfalls und der Belastung allein. Wenn das mal passiert, hat jeder auf unserer Dienststelle Verständnis dafür. Doch man will selbst nicht an den Punkt kommen.

ZEIT ONLINE: Wie gehen Sie damit um, wenn doch Emotionen aufkommen?

Wehrhane: Wir hatten letztens einen Unfall mit zwei Stadtbahnen. Mein Onkel ist Stadtbahnfahrer. Mein erster Gedanke war: Shit, saß er am Steuer und wurde verletzt? Solche Gefühle zu verdrängen, wäre schlimm, irgendwann holen sie mich sowieso ein. Ich rede dann mit mir, stelle Fragen. Und manchmal rede ich auch laut mit mir selbst, um den Gedankenkreis zu beenden. Kürzlich hatten wir einen Suizid, auch ein Bahnunfall. Eine Frau hat sich in einem Tunnel auf die Gleise gesetzt und wurde von der Stadtbahn erfasst. Ich war nachts allein in diesem Tunnel mit der Leiche und habe in der Handtasche nach persönlichen Gegenständen wie dem Ausweis gesucht. Auf ihrem Handy-Hintergrundbild waren zwei junge Menschen zu sehen. Um die Stille zu durchbrechen, habe ich sie gefragt: "Sind das vielleicht deine Kinder? Wo sind die jetzt wohl? Wie kommst du in diese Situation?"

Das Studium bereitet darauf vor, im Streifendienst zu arbeiten.
Mare Wehrhane

ZEIT ONLINE: Wurden Sie während des Studiums auf das Arbeiten mit Toten und Verletzten vorbereitet?

Wehrhane: Nicht ausreichend. Das Studium bereitet darauf vor, im Streifendienst zu arbeiten. Das ist richtig, weil die meisten Abgänger in den Einsatz im Streifendienst kommen oder zur Bereitschaftspolizei. Natürlich hat man auch dann mit Toten zu tun, aber eben in anderer Frequenz als wir. Ich erinnere mich nur an eine mehrtägige Veranstaltung, wo wir lernten, wie man mit Stress umgeht und Todesnachrichten überbringt. Das wurde mit Situationstraining und Rollenspielen geübt. So was fühlt sich aber nie so an wie das echte Erlebnis.

ZEIT ONLINE: Kann man sich an den Anblick und den Umgang mit Unfallopfern gewöhnen?

Wehrhane: Das kommt sehr auf die Person an. Manche sind sensibler, andere können besser damit umgehen, vielleicht weil sie schon in der Familie oder im Freundeskreis damit zu tun hatten. Man kann sich daran gewöhnen, Blut zu sehen oder daran, wie sich eine Leiche anfühlt. Anderes wird nie normal sein. Bei dem Motorradunfall, von dem ich erzählte, war am Körper des Fahrers nichts mehr ganz. Auf solche Fälle werde ich wohl immer emotional reagieren. Schließlich hatte dieser Mensch ein Leben, Freunde, Familie, Verwandte und das alles sehe ich, wenn ich die Leiche sehe.

ZEIT ONLINE: Welcher Unfall hat Sie nachhaltig am meisten belastet?

Wehrhane: Der passierte direkt in meinem ersten großen Einsatz beim Verkehrsunfalldienst. Das war ein Unfall mit einem Zug und einem Pkw. In dem Auto saßen drei junge Menschen, die direkt gestorben sind. Zwölf Stunden lang habe ich mich ohne Pause um diesen Unfall gekümmert, meine Emotionen habe ich dabei nicht aktiv wahrgenommen. Dann bin ich nach Hause gegangen – und zusammengebrochen. Die drei Menschen waren alle in meinem Alter. Ich kenne die Strecke, auch den Bahnübergang. Das hätte ich sein können. Damit konfrontiert zu sein, die Leichen anzusehen und trotzdem meine Arbeit machen zu müssen, das war eine große Herausforderung.

ZEIT ONLINE: Reden Sie im Team über das Erlebte?

Wehrhane: Auf der Arbeit sprechen wir viel darüber, gerade weil die älteren Kollegen und Kolleginnen wissen, was in einem vorgehen kann. Ich spreche vor allem mit der Kollegin oder dem Kollegen darüber, mit dem ich im Einsatz war. Sie sind für einen da und haben mir schon geraten, meinen eigenen Umgang mit der Arbeit zu finden, mich mit Sport oder einem anderen Hobby abzulenken oder mir professionelle Hilfe zu besorgen. Es geht hauptsächlich darum, die Bilder, die im Kopf kreisen, loszulassen. Wir haben auch eine Beratungsstelle, die immer informiert wird, wenn jemand zu einem tödlichen oder anderweitig schweren Unfall musste. Die Berater schreiben eine E-Mail, in der sie Gespräche anbieten. Bei diesem ersten schlimmen Unfall habe ich das auch getan.

Ich kann mir schon vorstellen, das noch lange zu machen.
Mare Wehrhane

ZEIT ONLINE: Wie lange werden Sie diesen Job aushalten?

Wehrhane: Ich kann mir schon vorstellen, das noch lange zu machen, aber ich möchte mich nicht dafür kaputt machen. Es kann gut sein, dass irgendwann der Moment kommt, an dem ich zu viel habe.

ZEIT ONLINE: Gibt es in dem Fall Exit-Optionen?

Wehrhane: Die Option, die Arbeit nicht mehr auszuüben, ist jederzeit gegeben. Vonseiten der Führung wird auch klargemacht, dass wir diese persönliche Grenze nicht zu überschreiten haben. Da dies eine Dienststelle ist, bei der man sich im Vorhinein ganz genau überlegen muss, ob man hier arbeiten möchte, bleiben die meisten Kollegen aber recht lang. Es gibt Leute, die hier seit zwei oder drei Jahrzehnten arbeiten. Es gibt aber auch andere, die an einem bestimmten Punkt den Dienstbereich wechseln wollen oder müssen.

"Niemand soll noch mehr Schaden erleiden, weil ich unsensibel bin"

ZEIT ONLINE: Wie geht Ihre Familie mit Ihrer Arbeit um?

Wehrhane: Man möchte seine Familie nicht mit solchen Dingen belasten und ihr die Bilder nicht weitergeben, sie könnten sie ja gar nicht einordnen. Manchmal rede ich mit meiner Mutter darüber, weil sie mir explizit gesagt hat, dass es für sie okay ist. Oft können die Kollegen oder die Leute in der Hilfestelle besser helfen, weil sie die Erfahrungen bereits selbst gemacht haben.

ZEIT ONLINE: Verkehrsunfälle sind auch deshalb so tragisch, weil die Unfallverursacher in den meisten Fällen niemandem schaden wollten, vielleicht nur kurz unaufmerksam waren und am Ende auch Opfer der Umstände wurden.

Wehrhane: Deswegen ist es so wichtig, empathisch zu sein und nicht anklagend. Die Unfallverursacher sind genauso in einer Notlage, wie der Mensch, der schwer verletzt ist oder der Angehörige, dessen Ehefrau getötet wurde. Alle sind unter Schock. Ich muss versuchen, diese Menschen nicht zu kriminalisieren. Niemand soll noch mehr Schaden erleiden, weil ich unsensibel bin.

Man muss die Emotionen des anderen aushalten.

ZEIT ONLINE: Müssen Sie auch Todesnachrichten überbringen?

Wehrhane: Ich selbst habe noch keine Todesnachricht überbracht. Ich war aber dabei. Wenn jemand tödlich verunglückt und die Verwandten in der Region wohnen, gehört das dazu. Es ist wichtig, dass jemand hinfährt, der den Unfall kennt. Natürlich sollte man nicht preisgeben, wie genau er passiert ist, um nicht zu viele Bilder, die Schrecken erzeugen, darzustellen, aber es muss jemand sein, der Fragen beantworten kann. Einfühlungsvermögen ist da hilfreich, nicht abgeklärt oder kühl zu wirken, aber man sollte selbst eine gewisse innerliche Distanz bewahren. Man muss die Emotionen des anderen aushalten. Auch die Stille.

ZEIT ONLINE: Auch da scheint wieder ein gutes Gespür für Menschen gefragt zu sein.

Wehrhane: Absolut! Indem wir den Verwandten direkt erzählen, was passiert ist, und sie es nicht aus einer Pressemitteilung oder schlimmstenfalls Social Media erfahren müssen, schützen wir sie. Ich habe mich auch schon im Nachgang noch mal mit Betroffenen zusammengesetzt und ausgetauscht. Am Ende ging es allen besser.

Ich bin früher auch mit Kopfhörern Fahrrad gefahren.

ZEIT ONLINE: Haben Sie, seit Sie diesen Job machen, Ihr eigenes Verhalten im Straßenverkehr verändert?

Wehrhane: Ja. Man wird darin geschult, in wie vielen Situationen das Potenzial für einen Unfall steckt. Ich bin früher auch mit Kopfhörern Fahrrad gefahren, habe mich hier und da durchgeschlängelt oder fuhr auf der falschen Seite. Während der Arbeit stehe ich jetzt oft da und denke: "Wow, so ist das passiert? Das hätte mir gestern auch passieren können." Ich blicke jetzt ganz anders auf mein eigenes Verhalten im Straßenverkehr, aber auch auf das der anderen Menschen. 

ZEIT ONLINE: Was sind die größten Gefahren im Straßenverkehr? 

Wehrhane: Was mich stört, ist die moderne Technik in Fahrzeugen. Mit dem Entertainment kann man sich wunderbar ablenken lassen. Alte Menschen können ebenfalls eine Gefahr sein, wenn sie nicht mehr im Besitz ihrer Kräfte sind, sei es die Sehstärke oder das Hörvermögen. Sie sitzen nicht mehr wie ein 20-Jähriger hinterm Steuer, der einen Schulterblick machen und sich direkt wieder nach vorne drehen kann. Ich verstehe, dass alte Menschen mobil sein wollen, aber es macht den Straßenverkehr für sie und andere gefährlicher. Genauso verhält es sich aber mit jungen Menschen, die Gefahren unterschätzen, zum Beispiel durch Alkohol am Steuer. Der Mensch ist letztlich immer eigenverantwortlich. Oft möchte ich die Leute an den Schultern packen und fragen: Wie kommst du nur auf die Idee, vor der Fahrt Alkohol zu trinken oder währenddessen am Handy zu sein?