"Ich als Investor fürchte mich nicht vor der Viertagewoche" – Seite 1

Carsten Maschmeyer ist als Investor an vielen Unternehmen beteiligt und Geschäftsführer der Maschmeyer Group.

Carsten Maschmeyer, 64, ist einer der Juroren der Fernsehsendung "Die Höhle der Löwen" und investiert dort in Start-ups. © Wolf Lux

Wenn ich in eine Firma investiere, interessiert es mich überhaupt nicht, an wie vielen Tagen in der Woche die Angestellten dort arbeiten. So was ist mir völlig egal, solange die Ziele erreicht werden. Es mag zwar viele überraschen, aber ich als Investor fürchte mich nicht vor der Viertagewoche. Sie wird ohnehin kommen und ich bin überzeugt davon, dass alle von ihr profitieren. Und dass sie aus drei Gründen in Zukunft der Standard sein wird.  

Erstens: Die Viertagewoche schadet der Wirtschaft nicht. Es ist eine Illusion zu glauben, dass Deutschland aus der Wirtschaftskrise rauskommt, wenn alle weiter an fünf Tagen in der Woche oder mehr arbeiten. Das fordern beispielsweise Politiker wie Carsten Linnemann oder Forscher wie Michael Hüther. Aber genau mit dieser starren Fünftagewoche sind wir doch in der wirtschaftlich schwierigen Lage mit hoher Inflation und geringer Produktivität gelandet. Unternehmer sollten nicht noch mehr Überstunden fordern oder dazu beitragen, dass sich Angestellte und Führungskräfte überarbeiten. Das hilft einer Firma nur kurzfristig etwas.   

"Die Viertagewoche macht Arbeit endlich wieder attraktiver."
Carsten Maschmeyer

Die Viertagewoche würde etwas ganz anderes auslösen, wie erste Pilotprojekte aus Portugal, Island oder Großbritannien zeigen. Menschen, die an vier statt fünf Tagen arbeiten, sind weniger krankgeschrieben, leiden seltener an einem Burn-out und machen ihren Job motivierter, kreativer und ideenreicher. Kurz gesagt: Sie sind körperlich und mental gesünder und können dadurch mehr leisten. Die Viertagewoche sorgt dafür, weil sie den Menschen genug Raum zur Erholung und für das Leben neben dem Job ermöglicht. Auch deshalb wünschen sich laut einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung 73 Prozent der Beschäftigten in Deutschland reduzierte Arbeitszeiten.

Zweitens: Die Viertagewoche macht Arbeit endlich wieder attraktiver. Wenn so viele klagen, dass Menschen wieder mehr Lust auf Leistung und mehr Bock auf Arbeit brauchen, sollten Unternehmen dafür sorgen. Ich glaube auch, dass die Viertagewoche nicht nur in Bürojobs umgesetzt wird. Dort fängt es vielleicht an, doch schnell wird sie auf das Handwerk, die Pflege oder die Gastronomie überspringen. Sobald die ersten Unternehmen die Viertagewoche anbieten, werden viele folgen. Nur so werden Firmen Fachkräfte für ihre vielen offenen Stellen finden und an sich binden. Deshalb werden mehr und mehr Unternehmen die Viertagewoche umsetzen.   

Sie machen dadurch ihre Jobs und ganze Branchen interessanter für Berufseinsteiger. Wenn jemand weiß, dass er oder sie später an vier Tagen in Vollzeit in einer Klinik oder Kita arbeitet, ist das natürlich attraktiver als eine Fünftagewoche. Übrigens würde die Viertagewoche auch endlich dazu führen, dass genau diese Jobs besser bezahlt würden. Zumindest dann, wenn die Arbeitszeit reduziert, aber das Gehalt beibehalten wird, was ich für richtig halte. In manchen Branchen wird das sofort so sein, in anderen schrittweise geschehen. Doch nicht nur der Stundenlohn würde steigen. Auch weil die Nachfrage nach Arbeitskräften zunimmt, werden Pflegekräfte oder Erzieherinnen endlich besser bezahlt werden.  

"Unternehmen sollten nach Leistung und nicht für Anwesenheit bezahlen"

Drittens: Die Viertagewoche trägt dazu bei, dass Arbeit effizienter wird. Nicht der Weg, sondern die Ergebnisse sind entscheidend. Unternehmen sollten ihre Angestellten nach Leistung und nicht für ihre Anwesenheit bezahlen. Wo und wann Mitarbeitende ihre Aufgaben erfüllen, muss egal sein. Die Viertagewoche spornt auch dazu an, mehr auf künstliche Intelligenz und Technik zu setzen, unnötige Aufgaben zu reduzieren – und die übrigen effizienter abzuarbeiten.  

Im November veröffentliche das Marktforschungsinstitut Censuswide eine Studie, nach der sechs von zehn Führungskräften damit rechnen, dass die Viertagewoche zu einer höheren Produktivität führt. Diese Einschätzung teile ich. Deshalb gilt: Wenn die Viertagewoche eingeführt wird, dann richtig: Angestellte sollten ihre 40 Stunden nicht in vier volle und noch längere Arbeitstage packen. Das wäre keine echte Viertagewoche. Niemand kann wirklich konzentriert acht Stunden oder länger arbeiten. Dauerhaft längere Arbeitstage halte ich für illusorisch. 

"So wollen auch viele jüngere Menschen arbeiten – die nicht faul sind, wie es ihrer Generation oft zugesagt wird."
Carsten Maschmeyer

Früher sprach man von der Montagsproduktion, ich bin sicher, dass es auch eine Spätproduktion gibt, also dass in den letzten Arbeitsstunden oder auch am Freitag mehr Fehler passieren. Die Stundenzahl muss deshalb sinken, etwa auf 32 in der Woche. Dann kürzen viele Firmen auch ihre unnötig langen Meetings oder schaffen sie ganz ab. Angestellte arbeiten produktiver, statt ihre Zeit abzusitzen. So wollen auch viele jüngere Menschen arbeiten – die nicht faul sind, wie es ihrer Generation oft zugesagt wird.

Einige Firmen haben all das schon erkannt und die Viertagewoche eingeführt, vom kleinen Handwerksbetrieb bis hin zu Start-ups und 50 Unternehmen, die ab Februar an einem bundesweiten Pilotprojekt teilnehmen werden. Die Viertagewoche wird immer populärer und lässt sich nicht mehr rückgängig machen.  

Wer in Zukunft noch erwartet, dass alle Angestellten an fünf Tagen arbeiten und dazu am besten nur noch in Präsenz und nicht im Homeoffice, wird erst den Wettbewerb um die Talente und dann den um alle anderen Fachkräfte verlieren. Ich als Chef eines Unternehmens kann mit meiner Verantwortung vielleicht nicht nur an vier Tagen in der Woche arbeiten, aber fast alle anderen können das.

Noch sehen viele in der Wirtschaft das anders als ich. Doch ich bin überzeugt davon, dass auch sie sich anpassen werden. Als ich noch zur Schule ging, hatte ich auch samstags Unterricht, und auch mein Stiefvater arbeitete an jedem Samstag. Dann kam die Fünftagewoche und die Expertinnen und Experten warnten vor einem Produktionseinbruch, ja, vor einer Wirtschaftskrise. Stattdessen kam der Aufschwung! Die Arbeitszeit wurde weniger, die Produktivität stieg. Jetzt erleben wir dieselbe Diskussion wieder. In ein paar Jahrzehnten wird das vergessen sein. Viele Menschen werden sich fragen: Freitags haben Menschen gearbeitet? Unvorstellbar. Und es wird uns auch dann noch gut gehen, wahrscheinlich besser.