Täter, Krieger, Opfer und über allem das Moos – Seite 1

Mittlerweile liegen sie im Gestrüpp, unter Schlingpflanzen und Schösslingen: General Christian Wilberg. Oberstleutnant Constantin von Sommerfeld. Unteroffizier Gephard Willmer. Sie alle sind schon lange tot, gestorben im Zweiten Weltkrieg, der vor 80 Jahren am 8. Mai zu Ende ging. Der eine stürzte ab. Der nächste starb im Endkampf um Berlin. Der Dritte fiel 1941 in Nordafrika vor Tobruk.

Parkfriedhof Lichterfelde Berlin Gartendenkmal 67
Über 2.300 Opfer des Zweiten Weltkriegs liegen hier bestattet. © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE
Parkfriedhof Lichterfelde Berlin Gartendenkmal 12
Versteckt im Wald die Relikte eines anderen Deutschlands. © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

Ihre Gräber auf dem Parkfriedhof Lichterfelde im Südwesten Berlins werden nicht mehr gepflegt, weil auch die längst tot sein müssen, die sich an die Toten noch erinnern konnten. Familien erloschen, Vorfahren wurden vergessen. Auf dem Parkfriedhof liegen die Ur- und Ururgroßväter der heutigen Gesellschaft. Sie töteten und wurden getötet, als Deutschland zum bisher letzten Mal bewies, wie "kriegstüchtig" es sein kann. Insofern ist der Parkfriedhof ein guter Ort, um sich zu erinnern und sich zu fragen, wo die deutsche Gesellschaft heute steht – und was auf sie und die Bundeswehr in den Konflikten der Zukunft zukommen könnte. 

Die Pfade, die in einen Abschnitt führen, der "im Walde" heißt, sind von bis zu zwei Stockwerken hohen Büschen gesäumt. Meist sind es Rhododendren, die vor 70, 80, 100 Jahre gepflanzt worden sein müssen, Koniferen, so ausladend, dass die Zweige erst fünf oder sechs Meter vom Stamm entfernt den Boden berühren, nur die Spitzen mit Nadeln bestückt. Das Dach des Waldes bilden die für Berlin und Brandenburg typischen Kiefern. Es ist ein Wald, dem man das Künstliche noch ansieht, in dem das Freie, Wilde, Ungepflegte aber längst die Oberhand gewonnen hat.   

Links und rechts der Pfade reihen sich verwilderte und in Teilen überwucherte Familiengräber aneinander. Nicht selten ließen die Angehörigen monumentale Felsen heranschaffen und meißelten ihren Familiennamen hinein. Andere errichteten Denkmäler, mehrere Meter breit und übermannshoch, und versahen sie mit antikisierenden Ornamenten. In dem einen oder anderen Stein sind noch Löcher zu erkennen, die zu einem Hakenkreuz gehören könnten, das dort einmal befestigt war. Andere Grabsteine bilden aus Granit ein Eisernes Kreuz oder Ritterkreuz nach, gelegentlich sogar mit Schwertern. Es sind Auszeichnungen, auf die das Leben eines preußischen Offiziers zulief und zulaufen sollte. Aber viele waren eben nicht nur gute Soldaten, sondern begingen im Zweiten Weltkrieg auch Verbrechen oder verhinderten sie nicht, standen dem NS-Staat nahe oder stützten ihn. Insofern verkörperte die Generation, die hier liegt, den Höhepunkt preußischer Kultur und Schlagkraft – und zugleich deren Endpunkt.  

Stadtteil der Eliten in Uniform

Militaristische Heldenverehrung findet man selten auf dem Parkfriedhof Lichterfelde. Dafür stille Zurückhaltung und eine Symbolik der Trauer und der Schmerzen.
Militaristische Heldenverehrung findet man selten auf dem Parkfriedhof Lichterfelde. Dafür stille Zurückhaltung und eine Symbolik der Trauer und der Schmerzen. © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

Das Gelände wurde im Kaiserreich angelegt. Damals wuchs Berlin zur Millionenstadt heran und ein Stadtviertel nach dem anderen entstand neu. Aus dem Dorf Lichterfelde wurde damals ein Villenviertel, geplant und finanziert von einem Unternehmer namens Johann Carstenn, heute würde man ihn einen Stadt- und Projektentwickler nennen. Carstenn ließ in Lichterfelde die erste elektrische Straßenbahn der Welt bauen und überzeugte die preußische Armee davon, ihre Hauptkadettenanstalt genau dort zu errichten, wo heute das Bundesarchiv untergebracht ist, das Gedächtnis der deutschen Demokratie.

Die Absolventen der Kadettenanstalt genossen Ende des 19. Jahrhunderts einen Ruf, der sich nur mit dem der US-amerikanischen Militärakademie Westpoint vergleichen lässt. Ein "Lichterfelder" war nicht irgendein Soldat, er war die Elite, und seine Ausbilder wohnten nahebei, weshalb die Straßen in Lichterfelde noch heute Kadettenweg und Kommandantenstraße heißen. Auch so erklären sich die vielen Offiziersgräber auf dem Parkfriedhof.

Neben einigen Gräbern steckt ein kleines Schild der Friedhofsverwaltung: "Bitte melden." Denn ihre Zeit ist abgelaufen und die Friedhofsgebühren müssten eigentlich für die nächsten 20 Jahre entrichtet werden. Sonst verschwinden die Namen, und die Grabstätten werden irgendwann neu vergeben. Insofern sieht man auf dem Parkfriedhof Lichterfelde sehr gut, wie lange der Krieg bereits zurückliegt und wie blass die Erinnerung an ihn geworden ist.

Doch es wäre nun Zeit, das Moos von den Kriegsgräbern zu kratzen, denn die Lage hat sich verändert, und zwar dramatisch. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist ein großer europäischer Krieg von einer theoretischen Möglichkeit zur realen Gefahr geworden. Die Fähigkeit zur Landesverteidigung rückt seit der Ausrufung der "Zeitenwende" durch Bundeskanzler Olaf Scholz wieder ins Zentrum der sicherheitspolitischen Debatte, und im selben Moment wurde offenbar: Eine Kernaufgabe des Staates ist über Jahrzehnte vernachlässigt worden. Die Landesverteidigung. Doch was heißt Landesverteidigung in einem Land, das einen Weltkrieg maßgeblich mitverursacht hat, einen zweiten eindeutig verschuldet – und beide am Ende verloren hat?* Was braucht die Bundeswehr heute? Nur ausreichend Marschflugkörper und Kampfdrohnen – oder doch noch etwas anderes? 

Kuscheltiere neben alten Kämpfern

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Das Moos gedeiht, wenn niemand mehr da ist, der den Stein pflegt. © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE
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Ein Predigtamtskandidat und Flieger des Ersten Weltkriegs, gefallen 1916 © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

Sönke Neitzel verspätet sich. Es tue ihm leid, sagt der Professor für Militärgeschichte an der Universität Potsdam am Telefon, er habe die Zeit vergessen, springe nun aber ins Auto. Treffpunkt: die Friedhofskapelle am Haupteingang. Vor der hat sich gerade eine Motorradtrauergruppe eingefunden, um sich von einem der ihren zu verabschieden. Die Jacken sind aus Leder. Die Haare sind lang. Im Kapelleninneren ist Sound of Silence von Simon & Garfunkel zu hören. So ist das hier: In einem Friedhofsteil liegen die Gefallenen, im anderen gedenken die Berliner ihrer jüngst Verstorbenen und legen ihnen Blumen aufs Grab, Kuscheltiere, Fotos. Die Gegenwart folgt nicht einfach aus der Geschichte, sondern liegt hier scheinbar unverbunden neben ihr. 

Auf Hermann Görings Wiese

Und da ist Neitzel schon, in Jeans und Windjacke eilt der 56-Jährige an der Biker-Trauergruppe vorbei in Richtung der Ehrenhaine für die Toten des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Fällt ihm die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen nicht auf? Doch, sagt er, aber in Berlin sei das normal. Nicht umsonst gelte die deutsche Hauptstadt als Rom der Neuzeit: Überall überlagerten sich die Zeitachsen und die Relikte von Kaiserreich, Nationalsozialismus und DDR. Man gewöhne sich schnell daran. Etwas zu schnell vielleicht. 

Rechts vom Hauptweg, eine Lichtung mit Bank zwischen den Bäumen. Das ist die Talwiese. Hermann Göring soll sie, wie man sich in Lichterfelde nach dem Krieg erzählte, so gut gefallen haben, dass er den Ort angeblich für sein Familiengrab reserviert hatte. Dass es anders kommen sollte, konnte der Reichsmarschall und Vertraute von Adolf Hitler nicht wissen, als er die Talwiese 1937 beim Begräbnis eines Freundes, des Bergsteigers Fritz Rigele, entdeckte. "Unteroffiziere des Gebirgsjäger-Regiments Nr. 100", berichtete der Völkische Beobachter damals, "trugen den Sarg, vor dem ein Leutnant mit dem Ordenskissen schritt, unter dumpfen Trommelwirbel zur Gruft."  

Der Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Universität Potsdam ist seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine regelmäßig als Experte in Talkshows zu Gast.
Der Militärhistoriker Sönke Neitzel von der Universität Potsdam ist seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine regelmäßig als Experte in Talkshows zu Gast. © Christoph Hardt/​imago images

Genau dort, wo Göring dem Kameraden die letzte Ehre erwies, setzt sich Neitzel auf die Bank und fängt an, über die Bundeswehr zu sprechen, deren Geschichte er in seinem jüngsten Buch unter eben jenem Titel Die Bundeswehr nachzeichnet und in dem sich ein bemerkenswerter Satz findet: "Der internationale Vergleich zeigt (…), dass die Bereitschaft zur Landesverteidigung nicht nur von der geographischen Lage, sondern auch vom Stellenwert der Militärkultur abhängt." Militärkultur, ein Wort, das an einem Ort wie diesem unangenehm und zugleich vertraut klingt.

Was meint Militärkultur und warum ist sie wichtig? Der Begriff bezeichne für ihn den Stellenwert, den eine Armee in der Gesellschaft habe, sagt der Historiker, und stehe zudem für die innere Verfasstheit der Truppe, ihre Symbolik, ihre Tradition. Insoweit sei die Militärkultur ein Ausdruck der Verteidigungsbereitschaft und zugleich eine ihrer Voraussetzungen. Und um beides, um die Bereitschaft und die Kultur, sei es in Deutschland schon seit einiger Zeit nicht gut bestellt, auch wenn es dafür historische Gründe gebe. Zum Beispiel den Kalten Krieg.

Ein bisschen Antike-Flair: der Brunnentempel.
Ein bisschen Antike-Flair: der Brunnentempel © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

"Nach 1990 dachten viele in Deutschland und in der Bundeswehr, dass das Ende der Geschichte gekommen sei. Wozu braucht es da noch Militär, das kämpfen kann?" Der Bundeswehrsoldat, der gestern den Westen und die Landesgrenze gegen den Kommunismus verteidigen sollte (und damit rechnen musste, im Atomkrieg verdampft zu werden), musste plötzlich umschulen, zum Brunnenbohrer in Out-of-area-Mission

Nicht einmal der Afghanistaneinsatz, bei dem insgesamt 93.000 Soldaten über 20 Jahre hinweg Deutschland am Hindukusch verteidigten und von denen 55 starben und 35 im Gefecht fielen, habe an dieser Zuschreibung etwas geändert.

Wie hält es der Staat mit der Wehrmacht?

Gleichzeitig ist die Frage, ob und wie eine Armee wie die Bundeswehr in die Demokratie passt, mit zunehmendem Abstand zu den Weltkriegen und den deutschen Diktaturen drängender geworden. Musste die junge Bundesrepublik etwa noch auf die alten Wehrmachtseliten zurückgreifen, um eine Armee im Dienst der Freiheit aufzubauen, wolle man nach der Jahrtausendwende von dieser Kontinuität meist nichts mehr wissen, sagt Neitzel. 

Zwischen Kiefern liegen die Toten: Mit einem Denkmal erinnern die Berliner Rotkreuzschwestern an ihre Verstorbenen.
Zwischen Kiefern liegen die Toten: Mit einem Denkmal erinnern die Berliner Rotkreuzschwestern an ihre Verstorbenen. © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

Ein Ausdruck dessen sei etwa der Traditionserlass der Bundeswehr von 2018. Da heißt es: "Für die Streitkräfte eines demokratischen Rechtsstaates ist die Wehrmacht als Institution nicht traditionswürdig." Und: "Grundlagen sowie Maßstab für das Traditionsverständnis der Bundeswehr und für ihre Traditionspflege sind (…) vor allem die Werte und Normen des Grundgesetzes." Frühere Fassungen waren bei allen Distanzierungen von Nationalismus und Militarismus traditionsoffener, etwa der Erlass von 1965: "Die deutsche Wehrgeschichte umfasst in Frieden und Krieg zahllose soldatische Leistungen und menschliche Bewährungen, die überliefert zu werden verdienen." Oder der Text von 1982: "Nicht jede Einzelheit militärischen Brauchtums, das sich aus früheren Zeiten herleitet, muss demokratisch legitimiert sein. Militärisches Brauchtum darf aber den vom Grundgesetz vorgegebenen Werten und Normen nicht entgegenstehen."

Die Gesellschaft, glaubt Neitzel, habe mit der Zeit verdrängt, dass ein Soldat mehr ist als ein verlängerter Arm der Demokratie. Dass er auch kämpfen können muss und es nicht nur für die Gesinnung, sondern auch für das Erlangen der Fähigkeiten im Felde entsprechende Vorbilder braucht. Mehr noch: "Die Grundskepsis gegenüber der militärischen Sphäre hat derart zugenommen in den letzten 30 Jahren, dass das Militärische an sich aus der Öffentlichkeit weitestgehend verschwunden ist." 

Und das mit teils skurrilen Konsequenzen: So gibt es zwar seit dem Afghanistaneinsatz das Ehrenkreuz für Tapferkeit, die höchste Auszeichnung, die die Bundeswehr zu vergeben hat. Doch sucht man die Namen der bislang Geehrten auf der Seite des Bundesverteidigungsministeriums vergebens. Stattdessen erfährt man, dass der Bundesligaverein Hertha BSC sowie die Stadt Euskirchen 2017 etwa einen Preis namens Bundeswehr und Gesellschaft bekamen. Ist Euskirchen dem Staat wichtiger als die Soldaten, die für die Demokratie gekämpft haben?

Die unsichtbare Truppe

Gefreite neben Landsturmmännern: der Ehrenhain für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs
Gefreite neben Landsturmmännern: der Ehrenhain für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

So werde nicht nur die Tradition unsichtbar gemacht, sagt Sönke Neitzel, sondern die Soldaten gleich mit, die Deutschland in der Zeitenwende verteidigen sollen. Zumindest, dass man die Soldaten braucht, zu denen man bis vor Kurzem meist ein Nichtverhältnis pflegte, hat die deutsche Öffentlichkeit mittlerweile weitgehend akzeptiert. Deshalb versuchte die Politik, den Soldatenberuf attraktiver zu gestalten, gute Ausbildung, sicherer Job, eine Anstellung mit Perspektive. 

Doch was für eine Perspektive ist das? Der Historiker schaut über die Talwiese hinweg den Waldweg hinauf. "Wenn ich bei der Bundeswehr Vorträge halte, erinnere ich die Soldaten stets daran, dass dieses Land sie in den Krieg schicken wird, wenn es um die Verteidigung unserer Republik oder des Bündnisses geht. Darüber müssen sie sich im Klaren sein. Darüber müssen wir uns alle im Klaren sein." Aber selbst in der Bundeswehr rede man darüber meist technokratisch hinweg.

Um zu verdeutlichen, was er meint, steht Neitzel auf und geht den Pfad Richtung Anhöhe hinauf. Plötzlich steht er zwischen Gräbern. Gustav Büssler, Schütze. Georg Kube, Gefreiter. Walter Müller, Jäger. Oskar Liljenberg, Landsturmmann. Der Ehrenhain für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. "Fällt Ihnen etwas auf?" Auf einem Grabstein steht als Todesdatum das Jahr 1919, auf einem anderen 1924. Viele der Männer, die dort liegen, starben noch lange nach dem Ende der Kämpfe an den Folgen des Krieges. An der Verwundung des Körpers. An der Verletzung der Seele. "Für die, die ihn erlebten, hört ein Krieg niemals auf." 

Im hinteren Teil des Parkfriedhofs erstrecken sich weitläufige Rasenflächen, in die kleine Steine aus harter Keramik eingelassen sind, jede so groß wie ein Buch. Es sind Kriegsgräber. Mehr als 2.300 Tote liegen in solchen Kriegsgräberstätten auf dem Parkfriedhof. Denn in den Monaten vor dem 8. Mai 1945 und den Wochen danach war die Situation chaotisch. Der Krieg betraf längst nicht mehr nur die Soldaten an der Front, sondern auch die Zivilgesellschaft. Ganz Deutschland war zum Schlachtfeld geworden.

Als die Waffen schwiegen, regierte zuerst das Chaos

So schrieb der Lichterfelder Buchhändler und Nazigegner Rudolf Möller über die Zeit nach dem russischen Einmarsch: "Eine große Zahl von unersetzlichen Menschen und solchen, die sich gern entbehren lassen, haben sich vergiftet oder auf andere Weise dem Dasein entsagt … Die Zahnärztin Hofman mit drei Angehörigen gingen aus dem Leben, da ihr Haus vom Volkssturm zum Kampfstand gemacht wurde … Die Frau des Zahnarztes Jung fiel, als sie ihre 15-jährige Tochter verteidigen wollte … Ein guter Kerl in nächster Nähe ging sterben, weil er die Schändung seiner Frau nicht ertragen konnte." Überall, an Bahndämmen, in den Laubenkolonien, auf Kinderspielplätzen, im Straßengraben, schreibt die Historikerin Uta Lehnert in einem Buch über den Friedhof von 1996, lagen Kriegstote verscharrt, Soldaten wie Zivilisten. 

Ab Herbst 1945 wurden sie exhumiert und in Kriegsgräberstätten wie in Lichterfelde umgebettet.

Ein Besucher nimmt die einzelnen Namen auf dem Gräberfeld allenfalls kurz wahr. Hans Schleif, Jadwiga Milkevicz, die Familie Basedow – wer mögen sie gewesen sein? Ihre Geschichten wären vermutlich ausradiert, gäbe es nicht Geschichtensammler wie Martin Bayer vom gemeinnützigen Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Berlin.

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Frühlingsblumen für die jüngst Verstorbenen © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE
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Die Friedhofskapelle, ein Ort des Abschieds © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

An einem sonnigen Apriltag führt Bayer über den Friedhof. Der Volksbund ist eine Organisation, die selbst damit zu kämpfen hat, nicht in Vergessenheit zu geraten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie mehr als 700.000 freiwillige Mitglieder. Diese sorgten mit ihren Beiträgen dafür, dass der Volksbund politische Bildungsarbeit leisten und im Ausland nach deutschen Kriegstoten suchen, sie bestatten und ihre Gräber pflegen konnte. Heute hat der Volksbund nur noch ein Zehntel so viele Unterstützer, und er ist insofern ein guter Indikator dafür, wie wenig direkten Bezug die Deutschen mittlerweile zum Krieg und seinen Folgen haben. 

Wer also liegt in der Kriegsgräberstätte in Lichterfelde, Herr Bayer?

Zum Beispiel Jadwiga Milkevicz. Sie war eine 1922 in Odessa geborene Zwangsarbeiterin, hat Bayer recherchiert. Wie genau Milkevicz bei einem Bombenangriff am 22. November 1943 zu Tode kam, ist unbekannt. Aber Zwangsarbeiter durften bei solchen Angriffen nicht in die Schutzräume und Bunker.   

Zum Beispiel das Ehepaar Wilhelm und Emmi Basedow sowie ihre acht Kinder: Charlotte, Judith, Ellen, Elisabeth, Robert, Peter, Roland und Helmut. Auch sie starben am 22. November 1943 durch einen Bombenangriff, der so heftig war, dass ihr Stadtviertel im Volksmund hinterher nicht mehr Lichter-, sondern Trichterfelde hieß. Bayer sagt, die Familie sei kurz vor Kriegsbeginn aus den USA zurück nach Deutschland gezogen. Sechs ihrer Kinder seien in Amerika geboren worden, eins auf dem Schiff in die alte Heimat und das jüngste erst wenige Monate vor dem Bombenangriff, der ihr aller Leben beendete. 

Auf vielen der tempelartigen Familiengräbern ist die Schrift so verwittert, dass sie fast nicht mehr zu lesen ist.
Auf vielen der tempelartigen Familiengräbern ist die Schrift so verwittert, dass sie fast nicht mehr zu lesen ist. © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

Oder Hans Schleif. Er erschoss am 27. April 1945 seine zweite Frau, ihre beiden gemeinsamen Kinder und sich selbst. Schleif war Architekt, Archäologe und ein Mitglied der Nazielite. Beim Kunstraub in Polen und Griechenland tat er sich derart hervor, dass er in die Leibstandarte SS Adolf Hitler aufgenommen wurde. Sie war zu jener Zeit in der nahe gelegenen, ehemaligen Hauptkadettenanstalt stationiert. Schleif wurde sogar Standartenführer. Nach seiner Rückkehr aus Griechenland im Jahr 1944 wirkte er im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt weiter und führte dort die Oberaufsicht über den Bau von Konzentrationslagern und Gaskammern. Bis er sich und seine Familie tötete.

Schleif liegt unter der gleichen Art Keramiktafel wie die Basedows und die Zwangsarbeiterin Jadwiga Milkevicz. Und er liegt im selben Gräberfeld wie ein Mann, der im erweiterten Sinne zum Widerstand gegen Hitler gehört. Gemeint ist Oberregierungsrat Herbert von Bose. Als Konservativer und Vertrauter des Hitler-Unterstützers Franz von Papen befürwortete von Bose anfänglich die sogenannte Machtübernahme durch die Nazis. Dann erkannte er aber seinen Fehler und zettelte einen Staatsstreich an. 1934 wurde er von den Nazis ermordet.

Martin Bayer sagt, die Nachkommen von Boses hätten protestiert, weil mehrere überzeugte Nationalsozialisten in seiner unmittelbaren Nähe liegen. Bayer versteht das. "Aber wen sortieren wir dann alles als Täter aus? Auf die SS könnten sich viele einigen. Aber gegen Kriegsende wurden auch 16- und 17-Jährige mehr oder weniger zwangsweise in die SS gesteckt. Und wissen wir, ob ein Zivilist seine Nachbarn verraten hat? Ob er dadurch an Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt war?" 

Ein Gang übers Gräberfeld stärkt die Ambiguitätstoleranz

Der Parkfriedhof Lichterfelde ist in jedem Fall ein Querschnitt der Deutschen und ihrer Geschichte, nicht bereinigt, nicht überführt in eine gerade Erzählung, eher verschlungen wie das Blattwerk dieses Waldes, wo man nie genau weiß, wo der eine Strauch aufhört und der andere beginnt. Dass Schleif genauso wie von Bose hier bestattet sind, Milkevicz nicht weit von den Basedows, lässt einen die Gleichzeitigkeit der Gegensätze besser erkennen, vieles ist widersprüchlich, fast alles mehrdeutig, und das auf engstem Raum. Soziologen würden wohl sagen: Ein Gang übers Gräberfeld stärkt die Ambiguitätstoleranz. 

Und die braucht es, um die deutsche Zeitgeschichte zu ertragen und zu entscheiden, wofür es sich heute in der Zeitenwende zu kämpfen lohnt.

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Die Natur erobert sich den Ort zurück. © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE
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Ein Platz der Ruhe für Angehörige und Spaziergänger © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

Für die deutsche Gesellschaft ist das eine Herausforderung, denn der letzte Krieg war nun einmal der Zweite Weltkrieg – und der ist vor allem als großes Verbrechen in Erinnerung. Je länger er zurücklag, umso härter fiel dieses Urteil aus. Während die deutsche Geschichtswissenschaft die Strukturen in NSDAP und Gesellschaft erforschte, immer mehr Nuancen zutage förderte und Kontinuitätslinien in der Bundesrepublik nachzeichnete, wurde der Blick auf die Wehrmacht mehr und mehr verkürzt. 

Ein demokratischer Staat muss sich von ihr als Institution distanzieren. Nur kämpfte eine Generation deutscher Männer in ihren Reihen und brachte sich nach 1945 mit ihren Lebensläufen und Erfahrungen in die junge Bundesrepublik ein. Eine klare Trennlinie zwischen den Traditionen ist da nur schwer zu ziehen, doch genau das wird immer kategorischer verlangt.

So blieb auch als Vorbild für die kämpfende Truppe praktisch niemand übrig. Martin Bayer vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge spricht von "weißen Flecken" in der Tradition, der Historiker Sönke Neitzel von der "Leerstelle, die man allein mit einem Verweis aufs Grundgesetz nicht schließen kann".

Auf vielen Gräbern finden sich Eiserne Kreuze oder sogar Ritterkreuze, Relikte einer anderen Militärkultur.
Auf vielen Gräbern finden sich Eiserne Kreuze oder sogar Ritterkreuze, Relikte einer anderen Militärkultur. © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

Auch das gehört dazu, wenn Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sagt: "Krieg führen zu können, um keinen Krieg führen zu müssen. Das ist 'kriegstüchtig'."

Heute sind die Deutschen gezwungen, sich wieder mit ihrer Armee zu beschäftigen. Doch wer lehrt sie, auch die Soldaten zu sehen, die irgendwann vielleicht für die Freiheit kämpfen und töten müssen. Und womöglich sterben.

Viele mussten kämpfen, einige Fanatiker wollten kämpfen

5,4 Millionen Wehrmachtsangehörige kamen auf den Schlachtfeldern des bis dato letzten Weltkriegs ums Leben. Gute Gründe zu kämpfen, gab es für sie wenige. Sie kämpften vor allem, weil sie mussten. Nur eine fanatische Minderheit kämpfte, weil sie wollte. Da sind sich die Historiker einig, was die Schuld nicht mindert, die viele Soldaten auf sich geladen haben. Aber es gehört zum Blick auf die Wehrmacht und die Gesellschaft von damals auch dazu, dass sie in Summe, wie der Historiker Sönke Neitzel sagt, wahrscheinlich nicht kriegsbegeisterter war als die Deutschen heute. Man kann es auch an den Grabinschriften erahnen, mit denen die Angehörigen der Soldaten früher Abschied nahmen. Da ist von Kaiser, Führer, Vaterland so gut wie nie die Rede, stattdessen liest man: "Hier ruht in Gott unser einziges geliebtes Kind – Freude und Sonnenschein, Hoffnung und Zukunft." Oder: "Gott weiß warum!" 

Die letzte Station auf dem Friedhof soll das Grab von Robert Kempner sein. Der hat zumindest eine Antwort auf die Frage gefunden, wie der Soldat von heute Soldat sein kann, ohne sich in Verbrechen verwickeln zu lassen.

Zwischen den tempelartigen Familiengräbern ist der Historiker allerdings plötzlich orientierungslos. Geht es linksherum oder rechtsherum aus diesem Irrgarten hinaus? 

"Verlassen Sie mich nicht, ohne Sie bin ich verloren." 

Steine mit verwitterten Namen tauchen auf und verschwinden. Eine bemooste Venus wendet den Kopf ab, als weinte sie. Kein anderer Besucher weit und breit. Nur ein Fuchs kreuzt den Weg, erschrickt und flieht ins Unterholz.

Zwischen den Bäumen ein Filmstar

Renate Müller 1934
Renate Müller war ein Filmstar der Dreißigerjahre. Dann geriet sie ins Visier der Gestapo. Auch ihr Grab findet sich auf dem Parkfriedhof. © Everett Collection/​imago images
Robert Kempner Jurist Politologe Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse
Schon während der Weimarer Republik warnte der Jurist Robert Kempner vor den Nazis. Später war er von 1945 bis 1946 Stellvertretender US-Ankläger beim Kriegsverbrecherprozess von Nürnberg. © Vack/​dpa

Auf der Suche nach dem richtigen Abzweig legt sich Renate Müller quasi in den Weg. Sie war ein Star des Films der Dreißigerjahre. Stets nett, stets keck, stets brav, und so blond, dass Propagandaminister Joseph Goebbels sie am liebsten mit Hitler verkuppelt hätte. Doch Müller wollte nicht, sie liebte einen Juden, der 1934 nach England emigriert war. Deshalb machten Goebbels und die Gestapo der Schauspielerin das Leben zur Hölle. Müller wurde überwacht, durfte nicht mehr spielen, von einer Rolle im antisemitischen Hetzfilm Togger abgesehen. 

Müller kämpfte einen anderen Kampf als die Soldaten, die kurz darauf Europa verheerten. Sie wurde Alkoholikerin, nahm Drogen und starb 1937 an "Gehirnkrämpfen", nachdem sie aus dem ersten Stock ihrer Villa in Berlin-Dahlem gestürzt war. Ihre früheren Schauspielerkollegen und -kolleginnen durften nicht zu ihrem Begräbnis. Müllers Besitz wurde enteignet, versteigert, ihr Name durch den Schmutz gezogen. So erbarmungslos ging das System mit einem seiner größten weiblichen Stars um. Noch heute kann man Renate Müller im Internet ihren größten Hit singen hören –  Ich bin ja heut' so glücklich von 1931: "Alle Sorgen bin ich einmal los / Als ob es so sein müsst' / Und mir ist, als ob mit einem Nu / Mein Herz im Himmel ist."  

Dass der Reichsmarschall einige Meter weiter seine erhoffte letzte Bleibe nicht bekam, hat auch mit Robert Kempner zu tun, dessen Grab nun endlich in der Abteilung 4a des Parkfriedhofs auftaucht. 

In der Weimarer Republik arbeitete der Jurist im preußischen Innenministerium und schrieb Bücher, in denen er eindringlich vor den Nazis warnte. Denkschrift gegen die NSDAP heißt das eine, Auftakt zum Dritten Reich das andere. 1935 floh Kempner nach Italien, später siedelte er in die USA über. Doch 1945 kam Kempner zurück, als stellvertretender US-Hauptankläger beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg. Ihm gegenüber auf der Anklagebank: Reichsmarschall Hermann Göring und andere Größen aus NS-Staat und Wehrmacht.

Robert Kempners letzte Bleibe ist ein Ehrengrab des Landes Berlin.
Robert Kempners letzte Bleibe ist ein Ehrengrab des Landes Berlin. © Jan Kräutle/​ZEIT ONLINE

Kempner und die Anklage betraten damals juristisches Neuland, indem sie Göring unter anderem wegen der Planung und Durchführung eines Angriffskriegs vor Gericht stellten. Auch während des zweiten internationalen Kriegsverbrecherprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg, dem in Tokio von 1946 bis 1948, waren die Richter heillos zerstritten, ob sie die Kriegsverbrecher des japanischen Kaiserreichs überhaupt aburteilen können wegen Pearl Harbor oder der Invasion Chinas von 1937. Doch letztlich haben Kempner und seine Kollegen das Verbrechen der Aggression etablieren können, das heute ein fester Bestandteil des Völkerrechts ist.

Die Richter in Nürnberg folgten ihrer Argumentation. Und genau durch diese Argumentation, durch die Urteile von Nürnberg, sind Soldaten heute keine Gehorsamsmaschinen mehr, sondern haben vor der Welt das Recht und die Pflicht, den Dienst zu verweigern, wenn Krieg zu Mord und Verbrechen wird. Der Staatsbürger in Uniform, er ist auch und maßgeblich ein Verdienst von Robert Kempner.

Nur was den Reichsmarschall anbelangt, hat die Gerechtigkeit, für die Kempner stritt, nicht ganz gesiegt. Zwar wurde Göring schuldig gesprochen, doch er beging kurz vor der Hinrichtung im Oktober 1946 Suizid per Zyankalikapsel. Göring wurde danach verbrannt und seine Asche in aller Stille in die Isar gestreut. Nichts sollte bleiben von ihm, was zur Heldenverehrung taugt. So blieb die Talwiese auf dem Parkfriedhof Lichterfelde leer.  

Das Buch "Die Bundeswehr" von Sönke Neitzel ist beim Verlag C.H Beck erschienen; München 2025, 128 Seiten; 12 Euro

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es, "Doch was heißt Landesverteidigung in einem Land, das zwei Weltkriege erst verursacht und dann verloren hat?" Tatsächlich ist es so, dass die Deutschen den Ersten Weltkrieg ausgelöst, aber nicht alleine verursacht haben. Wir haben den Satz ensprechend verändert und um die Formulierung "maßgeblich mitverursacht" ergänzt.