Wolodymyr Selenskyj wird derzeit wohl von keinem seiner Politikerkollegen beneidet. Von westlichen Partnern im Stich gelassen, zu Hause zunehmend mit Kritik konfrontiert, wirkte der Präsident der Ukraine in Gesprächen mit Journalisten zuletzt zunehmend grantig, zuweilen auch reizbar. 

Selenskyj kritisierte zuletzt wiederholt die Zögerlichkeit westlicher Partner und die eigenen Landsleute – insbesondere Männer im wehrfähigen Alter, die das Land unrechtmäßig verlassen hatten. In Caren Miosgas zweiter Sendung in der ARD am Sonntagabend versuchte er, dieses Bild von ihm geradezurücken. Miosga hatte Selenskyj bereits vor der Ausstrahlung interviewt und gab ihm zur Imagepflege nun viel Raum.

Die Sendung war in drei Interviewblöcke geteilt, die Miosga einspielen ließ. Anschließend diskutierten der SPD-Politiker Lars Klingbeil, die Russland-Expertin Sabine Fischer von der Stiftung Wissenschaft und Politik und der Leiter des ARD-Studios in Kiew, Vassili Golod. Letzterer – so viel sei vorweggenommen – war es kurioserweise dann auch, der die wirklich wichtigen Fragen über die Zukunft des Krieges beantworten musste. 

Dazu gehörte zum Beispiel die Frage, was denn passieren würde, wenn die amerikanische Unterstützung endgültig durch die Blockade der Republikaner zum Erliegen kommen sollte. Und ob in der Ukraine mögliche Kompromissvarianten und das Abrücken von Maximalzielen diskutiert würden. Selenskyj würde so etwas wohl nie im Interview zugeben, schob Miosga nach. Gefragt hatte sie ihn aber offenbar auch nicht. Die Diskussion, sagte Golod, gebe es nicht.

Auslandsukrainer sollen Heimatland mit Steuern unterstützen

Im ersten Fragenblock mit Selenskyj ging es um Kriegsmüdigkeit und insbesondere um die Rolle der Auslandsukrainer. Selenskyjs Verteidigungsminister Rustem Umjerow hatte im Dezember erklärt, er wolle die Männer im Ausland "einladen, sich bei den Rekrutierungsbüros zu melden". Auf die Frage, ob Selenskyj erwarte, dass die Männer nach Hause geschickt werden, äußerte der Präsident nun aber Verständnis für seine Landsleute in Europa.  

Viele hätten berechtigte Gründe, im Ausland zu leben, oder täten das schon seit langer Zeit. Von einer möglichen Mobilisierung in Europa sagte er kein Wort. Es sei aber eine Frage der Gerechtigkeit, dass Bürger der Ukraine zumindest Steuern zahlten, um die Armee zu unterstützen. Eine Möglichkeit sei etwa, dass Deutschland die Unterstützung für ukrainische Flüchtlinge an die Ukraine überweise. "Ich rufe Olaf bestimmt nicht zu, bring sie zurück", scherzte der Präsident.

Warme Worte über "Olaf"

Überhaupt war das Wort "Olaf" wohl aus deutscher Sicht die große Neuheit an Selenskyjs Auftritt. Dieses Wort markiert auch eine Zäsur in der Kommunikation zwischen den Regierungen in Kiew und Berlin. Noch vor einem Jahr, als es um die Lieferung von Leopard-2-Panzern ging, kritisierte der ukrainische Präsident den Bundeskanzler hart. "Wenn es in einer Frage keinen politischen Willen gibt, dann muss man nicht nach Vorwänden suchen", sagte Selenskyj im ARD-Interview im Januar 2023. Die Panzerfrage wurde schließlich kurz darauf gelöst.

In der Taurus-Debatte, die Sonntagabend den zweiten Fragenblock einleitete, nahm Selenskyj Scholz diesmal förmlich in Schutz und erklärte, es gehe nicht nur um die Position des Bundeskanzlers. "Es gibt vieles, was ich nicht sagen darf", sagte der ukrainische Präsident ausweichend. Scholz lobte er hingegen als Person, die in Europa Führung übernimmt.

"Olaf hat mich und die Ukraine besser verstanden", fuhr Selenskyj fort. Vergessen schien die indirekte Auseinandersetzung zwischen seinem Außenminister Dmytro Kuleba und dem deutschen Verteidigungsminister Boris Pistorius. Kuleba warf vergangene Woche den westlichen Partnern vor, der Ukraine weniger effizient Hilfe zu leisten, als Nordkorea dies für Russland tue. Pistorius konterte, Kuleba neige zur Polarisierung.

Dabei ist gerade das Verhältnis zu Deutschland für die Ukraine derzeit von enormer Wichtigkeit. Denn sollten die USA tatsächlich als Geld- und somit auch als Waffengeber ausfallen, wäre Deutschland in der Führungsrolle angekommen, um die sich die Bundesregierung seit Beginn des Krieges in der Ukraine häufig gedrückt hat. In dieser Situation wäre Streit das Letzte, was Selenskyj braucht.

Was passiert, wenn die USA ihre Unterstützung einstellen?

Gegen Ende der Sendung ging es um das Thema, was aus ukrainischer Sicht am wenigsten erfreulich ist. Der dritte Block behandelte die anstehende US-Wahl und die bröckelnde Unterstützung für die Ukraine. Selenskyj zeigte sich zwar zuversichtlich, dass die überparteiliche Unterstützung für die Ukraine erhalten bleibt, egal wer in den USA an der Macht ist. 

Gleichzeitig zeichnete er ein düsteres, wenn auch realistisches Bild von den Folgen eines Ausfalls der USA als Hauptverbündete. Europa werde die dann entstehende Lücke für die Ukraine nicht füllen können, sagte er. Die europäischen Staaten seien ohnehin uneins. Sollten die USA der Ukraine tatsächlich nicht mehr helfen, wäre dies ein Signal an einige europäische Staatschefs, ihre Unterstützung ebenfalls einzustellen.

Ob sich Selenskyj dann eine deutsche Führungsrolle wünsche, wollte Miosga wissen. Natürlich würde er das. Doch was der Präsident der Ukraine nicht sagte: Es ist völlig unklar, wie Deutschland in diese Rolle hineinwachsen soll, mit einem Kanzler, der sein Land, wie neulich im ZEIT-Interview, als Mittelmacht bezeichnet.